Öl und Wasser fotografieren – so entstehen farbenfrohe abstrakte Bilder
Manchmal braucht es für ungewöhnliche Fotomotive weder eine weite Reise noch aufwendige Studiotechnik. Eine Glasschale, etwas Wasser, ein wenig Pflanzenöl und ein farbiger Hintergrund reichen bereits aus, um abstrakte Bilder zu gestalten, die fast wie kleine Kunstwerke wirken.
Das Spannende daran: Du kannst diese Aufnahmen mit sehr einfachen Mitteln zu Hause ausprobieren. Ein Tablet oder Monitor dient als leuchtender Hintergrund, während die Öltröpfchen auf dem Wasser Farben und Formen auf ganz eigene Weise aufnehmen.
Und weil sich kaum vorhersagen lässt, wie sich das Öl beim nächsten Versuch verteilt, gleicht kein Bild exakt dem anderen.
Was du für Öl-und-Wasser-Fotografie brauchst

Die Ausrüstung ist überschaubar. Du benötigst:
- verschiedene farbige Bilder oder Muster
- eine Kamera oder ein Smartphone
- möglichst ein Stativ
- eine flache Glasschale
- Wasser
- Pflanzenöl
- einen Löffel oder ein ähnliches Hilfsmittel zum Umrühren
- ein Tablet, einen Laptop oder einen Monitor für den Hintergrund
Eine Systemkamera oder DSLR bietet dir natürlich mehr Möglichkeiten bei der Einstellung und RAW-Bearbeitung. Für erste Versuche ist sie aber keineswegs Voraussetzung. Auch mit einem Smartphone kannst du interessante Ergebnisse erzielen.
Bei der Glasschale ist eine möglichst flache Form mit ebenem Boden praktisch. Rechteckige Schalen eignen sich häufig besser als stark gewölbte Gefäße, weil sie weniger störende Verzerrungen am Rand verursachen.
Der Hintergrund bringt die Farbe ins Bild
Die Farben entstehen bei dieser Technik nicht durch das Öl selbst. Das Öl ist weitgehend transparent. Die eigentliche Farbwirkung liefert der Hintergrund unter der Glasschale.
Besonders praktisch ist dafür ein Tablet. Zeige darauf ein farbiges Bild, einen Farbverlauf oder ein abstraktes Muster im Vollbildmodus an. Statt eines Tablets kannst du auch einen Laptop oder Monitor verwenden.
Für passende Hintergründe musst du nicht unbedingt fremde Bilder aus dem Internet herunterladen. Du kannst selbst Farbflächen oder Verläufe erstellen, eigene Fotos verwenden oder auf Bilder zurückgreifen, deren Nutzungsrechte eine Verwendung erlauben.
Je kräftiger die Farben und je interessanter ihre Verteilung, desto abwechslungsreicher können später auch die Aufnahmen wirken.
Wichtig: Stell eine mit Wasser gefüllte Schale niemals ungeschützt direkt auf ein Tablet, einen Laptop oder einen Monitor. Wasser und Elektronik sind bekanntlich keine besonders gute Kombination. Sicherer ist eine kleine Konstruktion, bei der die Glasschale mit etwas Abstand über dem Display steht. Zwei stabile Auflagen links und rechts können dafür bereits ausreichen.
Dieser Abstand hat noch einen zweiten Vorteil: Du kannst beeinflussen, wie deutlich oder weich der farbige Hintergrund im fertigen Bild erscheint.

Der Aufbau
Fülle zunächst etwas Wasser in die Glasschale. Eine große Wassermenge ist nicht notwendig – wenige Zentimeter reichen normalerweise vollkommen aus.
Anschließend gibst du etwas Pflanzenöl hinzu. Schon nach kurzer Zeit bilden sich die typischen Tropfen und Flächen auf der Wasseroberfläche.
Positioniere die Kamera möglichst senkrecht über der Schale. Ein Stativ macht die Arbeit wesentlich angenehmer. Vor allem hast du dadurch beide Hände frei, um das Öl zu bewegen, Hintergründe zu wechseln oder kleine Veränderungen am Aufbau vorzunehmen.
Achte darauf, dass die Kamera sicher steht. Sie sollte keinesfalls über der Wasserschale ins Rutschen geraten können.

Welche Kameraeinstellungen eignen sich?
Eine einzige „richtige“ Einstellung gibt es für diese Art der Fotografie nicht. Sie hängt unter anderem von deinem Objektiv, dem Abstand zur Wasseroberfläche und der Helligkeit des Displays ab.
Als Ausgangspunkt kannst du mit einer mittleren Blende beginnen, beispielsweise f/5,6 bis f/8. Damit erhältst du normalerweise genügend Schärfentiefe, ohne unnötig stark abzublenden.
Interessant ist allerdings auch eine offenere Blende. Da Öl und Wasser eine relativ flache Motivebene bilden, kannst du mit geringer Schärfentiefe experimentieren. Gleichzeitig wird der weiter entfernte Hintergrund stärker aufgelöst und seine Farben erscheinen weicher.
Wichtig ist deshalb weniger ein bestimmter Blendenwert als die Frage: Wie sollen die Strukturen und Farben in deinem Bild wirken?
Fotografierst du mit Zeitautomatik beziehungsweise Blendenvorwahl (A oder Av), wählst du die Blende und die Kamera bestimmt dazu eine passende Belichtungszeit. Bei Verwendung eines Stativs darf diese ruhig etwas länger ausfallen.
Den ISO-Wert kannst du möglichst niedrig halten, solange die Belichtungszeit keine Rolle spielt. Kontrolliere außerdem das Histogramm beziehungsweise die hellsten Bereiche des Bildes. Ein sehr hell eingestelltes Display kann schneller zu ausgefressenen Stellen führen, als man zunächst vermutet.
Wenn deine Kamera RAW unterstützt, würde ich dieses Format bevorzugen. Gerade die kräftigen Farben lassen sich später bei Weißabgleich, Kontrast und Sättigung wesentlich flexibler abstimmen.
Jetzt kommt Bewegung ins Öl
Ist alles aufgebaut, beginnt der kreative Teil.
Bewege das Wasser vorsichtig mit einem Löffel. Dadurch verändern sich die Öltropfen, verbinden sich miteinander oder teilen sich wieder. Warte anschließend einen kurzen Moment, bis die Bewegung etwas nachlässt, und fotografiere.
Danach kannst du das Wasser erneut bewegen und die nächste Aufnahme machen.
Du wirst schnell feststellen, dass sich das Motiv mit jeder kleinen Veränderung wandelt. Genau das macht den Reiz dieser Technik aus. Statt ein Motiv möglichst exakt zu reproduzieren, arbeitest du mit einem gewissen Anteil an Zufall.
Probiere dabei auch verschiedene Hintergründe aus. Schon der Wechsel von einem warmen Rot-Orange-Verlauf zu Blau-, Grün- oder Violetttönen kann die Bildwirkung vollständig verändern.

Große oder kleine Öltropfen?
Auch die Größe der Öltropfen beeinflusst den Charakter des Bildes.
Sind dir die Flächen zu groß, kannst du mit einer sehr kleinen Menge Spülmittel experimentieren. Tenside verändern die Grenzflächenspannung zwischen Öl und Wasser und damit auch das Verhalten der Tropfen.
Hier gilt allerdings: lieber vorsichtig dosieren.
Bereits eine geringe Menge kann deutlich sichtbare Veränderungen bewirken. Gibst du zu viel hinzu, kann sich die gesamte Struktur verändern. Das ist nicht unbedingt schlecht – vielleicht entsteht gerade dadurch ein interessantes Bild –, aber der ursprüngliche Effekt lässt sich anschließend nicht ohne Weiteres zurückholen.
Experimentieren lohnt sich
Nach den ersten Aufnahmen kannst du anfangen, gezielt mit dem Aufbau zu spielen.
Verändere den Abstand zwischen Display und Glasschale. Probiere unterschiedliche Blenden aus. Drehe einen Farbverlauf auf dem Tablet. Verwende geometrische Muster oder ein eigenes unscharfes Foto als Hintergrund. Auch ein leichter Wechsel des Kamerawinkels kann zu einer völlig anderen Bildwirkung führen.
Gerade bei solchen Motiven gibt es keinen Grund, sich zu sehr an vermeintlich perfekte Einstellungen zu klammern.
Technisch sauber darf das Bild natürlich sein. Interessant wird es aber vor allem durch Formen, Farben und deren Zusammenspiel.
Nachbearbeitung: lieber gezielt als übertrieben
Eine aufwendige Bildbearbeitung ist normalerweise nicht notwendig.
Oft reichen bereits kleine Anpassungen bei Belichtung, Kontrast und Weißabgleich. Je nach Aufnahme kannst du außerdem die Farbsättigung vorsichtig anpassen und den Bildausschnitt optimieren.
Auch eine leichte Schärfung kann sinnvoll sein, besonders wenn die Konturen der Öltropfen deutlich hervortreten sollen.
Bei den Farben würde ich allerdings nicht automatisch versuchen, möglichst viel Sättigung herauszuholen. Ein gutes Öl-und-Wasser-Bild lebt nicht allein davon, möglichst bunt zu sein. Manchmal wirken zwei oder drei harmonierende Farbtöne stärker als ein komplettes Feuerwerk.
Öl-und-Wasser-Fotografie ist ein schönes Beispiel dafür, dass kreative Fotografie keine komplizierte Ausrüstung voraussetzt.
Mit wenigen Dingen, die wahrscheinlich ohnehin im Haushalt vorhanden sind, kannst du Farben, Formen und Strukturen entdecken, die mit bloßem Auge schnell übersehen werden. Gleichzeitig lernst du ganz nebenbei einiges darüber, wie Abstand, Schärfentiefe, Licht und Hintergrund die Wirkung eines Bildes verändern.
Vor allem aber lädt diese Technik zum Experimentieren ein. Und genau darin liegt für mich ihr besonderer Reiz: Du baust das Motiv zwar selbst auf – was daraus entsteht, hast du trotzdem nie vollständig unter Kontrolle.
Überarbeiteter Beitrag, Erstveröffentlichung 10.11.2018


