Filmtipp: Finding Vivian Maier – die unglaubliche Geschichte eines fotografischen Fundes
Manchmal beginnt eine fotografische Entdeckung mit einer Kamera, manchmal mit einem alten Fotoalbum. Im Fall von Vivian Maier begann sie mit einer Kiste voller Negative, die 2007 bei einer Auktion in Chicago verkauft wurde.
Der Dokumentarfilm Finding Vivian Maier erzählt die außergewöhnliche Geschichte dieses Fundes – und davon, wie John Maloof nach und nach herausfand, wer die unbekannte Fotografin hinter den Bildern gewesen war.
Eine Kiste voller unbekannter Fotografien
Eigentlich suchte John Maloof historisches Bildmaterial für ein Buchprojekt über einen Stadtteil von Chicago. Bei einer Auktion ersteigerte er für rund 400 Dollar eine Kiste mit Negativen.
Für sein Buch waren die Aufnahmen kaum zu gebrauchen. Doch als Maloof später begann, die Negative zu scannen, wurde ihm bewusst, dass er auf ein außergewöhnliches fotografisches Archiv gestoßen war.
Er versuchte daraufhin, weitere Teile des bei der Auktion verstreuten Materials aufzuspüren. Schließlich kamen Zehntausende Negative, Abzüge, unentwickelte Filme, Schmalfilme, Tonaufnahmen und persönliche Gegenstände zusammen.
Auf vielen Kartons stand ein Name:
Vivian Maier.
Doch wer war diese Frau?
Die Suche nach der Frau hinter den Negativen
Genau hier setzt Finding Vivian Maier an.
Gemeinsam mit Charlie Siskel macht sich Maloof auf die Suche nach Maiers Geschichte. Die beiden sprechen mit früheren Arbeitgebern, Menschen aus ihrem Umfeld und den inzwischen erwachsenen Kindern, die Maier einst als Kindermädchen betreut hatte.
Aus diesen Erinnerungen entsteht nach und nach das Bild einer ungewöhnlichen und sehr privaten Frau. Allerdings ergibt sich kein vollkommen eindeutiges Porträt. Manche Erinnerungen widersprechen sich, andere zeigen Seiten Maiers, die nicht recht zum romantischen Bild des stillen, unentdeckten fotografischen Genies passen wollen.
Gerade dadurch wird der Film interessant.
Er versucht nicht nur herauszufinden, was Vivian Maier fotografiert hat, sondern vor allem, wer die Frau hinter diesem riesigen Bilderarchiv gewesen sein könnte.
Ein fotografischer Nachlass wird entdeckt
Für mich liegt der besondere Reiz des Films vor allem in der Entdeckungsgeschichte.
Wir erleben heute Vivian Maiers Fotografien als bekanntes Werk der Street Photography. Im Film bekommt man dagegen ein Gefühl dafür, wie ungewöhnlich der Ausgangspunkt tatsächlich war: Da tauchen Kisten mit Negativen einer praktisch unbekannten Fotografin auf – und erst Stück für Stück wird sichtbar, welches fotografische Werk darin verborgen liegt.
Gleichzeitig wirft die Geschichte Fragen auf, die der Film nicht vollständig beantworten kann.
Warum blieb ein so großer Teil der Fotografien zu Maiers Lebzeiten ungesehen? Wollte sie ihre Bilder irgendwann veröffentlichen? Welche Bedeutung hatte das Fotografieren für sie selbst?
Darauf gibt es keine einfachen Antworten.
Und vielleicht sollte man sie auch nicht nachträglich erfinden.
Ein Film, der neugierig auf die Fotografien macht
Finding Vivian Maier ist deshalb weniger eine klassische Dokumentation über Fotografie als eine Spurensuche.
Der Film erzählt von gefundenen Negativen, einem beinahe verlorenen fotografischen Nachlass und dem Versuch, aus Bildern, Gegenständen und Erinnerungen die Geschichte eines Menschen zu rekonstruieren.
Wer anschließend tiefer in Vivian Maiers Leben, ihre fotografische Arbeitsweise und vor allem ihre Bilder eintauchen möchte, findet dazu mehr in meinem ausführlichen Beitrag über Vivian Maier und ihre Fotografie.
Die Geschichte hinter Finding Vivian Maier klingt beinahe wie der Anfang eines Romans: Jemand kauft für wenige hundert Dollar eine Kiste alter Negative und entdeckt darin das Werk einer Fotografin, deren Name zu diesem Zeitpunkt kaum jemand kennt.
Allein diese Geschichte macht den Film sehenswert.
Noch interessanter wird er jedoch durch die Frage, die nach dem Abspann bleibt: Wie viele Geschichten können Fotografien erzählen – und wie wenig verraten sie uns manchmal über den Menschen, der hinter der Kamera stand?
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