Fotografie-Blog

Fotos aussortieren – warum du mit dem Löschen besser noch etwas wartest

Nach einer Fototour kenne ich meistens zwei ziemlich unterschiedliche Zustände. Entweder komme ich nach Hause und bin überzeugt, dass auf der Speicherkarte mindestens ein halbes Dutzend großartige Fotos stecken muss. Oder ich habe das Gefühl, dass diesmal überhaupt nichts funktioniert hat.

Beides ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt, um endgültige Entscheidungen zu treffen.

Denn wenn wir unsere Bilder zum ersten Mal betrachten, sehen wir nicht nur das Foto. Wir erinnern uns an den Ort, an das Licht, an die Situation und vielleicht auch daran, wie lange wir auf genau diesen Moment gewartet haben. All das gehört zum Erlebnis des Fotografierens – ist auf dem fertigen Bild aber nicht unbedingt zu sehen.

Deshalb trenne ich heute zwei Dinge voneinander: Fotos auswählen und Fotos löschen.

Das klingt nach einem kleinen Unterschied. In der Praxis ist es ein ziemlich wichtiger.

Die erste Runde: Was ist technisch wirklich misslungen?

Nach dem Import geht es zunächst gar nicht darum, die besten Bilder zu finden. Ich möchte erst einmal die eindeutigen Fehlschüsse erkennen.

Ein Foto kann beispielsweise deutlich verwackelt sein. Der Fokus kann komplett danebenliegen. Vielleicht ist bei einer Serie versehentlich der Auslöser gedrückt worden oder zwei Aufnahmen sind praktisch identisch.

Solche Fälle lassen sich meistens recht schnell erkennen.

Dabei würde ich allerdings nicht mehr jeden vermeintlichen technischen Fehler automatisch zum Löschgrund machen. Eine leichte Unschärfe kann zu einem Bild passen. Bewegungsunschärfe kann Gestaltungsmittel sein. Und eine ungewöhnliche Belichtung ist nicht automatisch eine falsche Belichtung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb weniger:

Ist das Foto technisch perfekt?

Sondern:

Stört der technische Fehler das Bild so sehr, dass ich es wahrscheinlich niemals verwenden werde?

Das ist ein wesentlicher Unterschied.

Die 100-Prozent-Ansicht kann dabei hilfreich sein, etwa um den Fokus zu kontrollieren. Sie sollte aber nicht zum alleinigen Richter über ein Foto werden. Schließlich betrachten wir die meisten Bilder später nicht als Ansammlung einzelner Pixel.

Bewerten statt sofort löschen

Bei der nächsten Runde beginnt die eigentliche Auswahl.

Fast jedes Bildverwaltungsprogramm bietet dafür Sterne, Farbmarkierungen, Fähnchen oder andere Bewertungen. Welches System du benutzt, ist nebensächlich. Wichtig ist nur, dass du es verstehst und konsequent verwendest.

Du könntest beispielsweise unterscheiden zwischen klaren Favoriten, Bildern mit Potenzial und Aufnahmen, die du wahrscheinlich nicht behalten möchtest.

Damit passiert etwas Entscheidendes: Du musst noch keine endgültige Entscheidung treffen.

Ein Bild als „wahrscheinlich löschen“ zu markieren ist psychologisch und praktisch etwas anderes, als es tatsächlich von der Festplatte zu entfernen.

Gerade bei größeren Serien macht das die Auswahl deutlich entspannter.

Bei Serien zählt nicht nur das beste Bild

Besonders schwierig wird die Auswahl, wenn mehrere sehr ähnliche Aufnahmen entstanden sind.

Bei einem Porträt können sich Gesichtsausdruck oder Blickrichtung nur minimal unterscheiden. Bei Tierfotografie entscheidet vielleicht die Stellung des Kopfes. Bei Landschaften verändert eine Wolke innerhalb weniger Sekunden die gesamte Bildwirkung.

Natürlich brauchst du nicht zwanzig nahezu identische Aufnahmen.

Ich würde trotzdem nicht zwanghaft versuchen, sofort genau ein Siegerbild zu bestimmen.

Manchmal ist das Hochformat später interessanter als das zunächst bevorzugte Querformat. Ein Bild mit etwas mehr Raum eignet sich vielleicht besser für einen Artikel. Und gelegentlich verändert sich mit der Zeit schlicht der eigene Geschmack.

Deshalb behalte ich aus wichtigen Serien durchaus Alternativen – sofern sie tatsächlich eine andere Bildwirkung oder spätere Verwendung ermöglichen.

Dann passiert etwas sehr Unfotografisches: nichts

Nach der ersten Auswahl lasse ich die Bilder liegen.

Nicht unbedingt wochenlang. Oft reichen ein paar Tage.

Dieser Abstand ist erstaunlich hilfreich.

Direkt nach dem Fotografieren hängt an einem Bild noch das Erlebnis seiner Entstehung. Vielleicht bist du morgens um vier aufgestanden, eine Stunde durch den Regen gelaufen und hast anschließend zwanzig Minuten auf das richtige Licht gewartet.

Das Foto weiß davon allerdings nichts.

Ein paar Tage später siehst du stärker das Bild selbst und etwas weniger die Geschichte dahinter. Dadurch können sich Bewertungen verändern.

Das funktioniert übrigens in beide Richtungen. Manche Aufnahme, die unmittelbar nach der Fototour großartig erschien, verliert plötzlich ihren Reiz. Andere Bilder, die beim ersten Durchsehen kaum aufgefallen sind, werden auf einmal interessant.

Genau deshalb lohnt sich diese Pause.

Ein technisch schwaches Bild kann trotzdem wichtig sein

Es gibt noch einen weiteren Grund, beim Löschen vorsichtig zu sein.

Nicht jedes Foto muss ein Kandidat für die Galerie sein.

Ein Bild kann eine Erinnerung dokumentieren. Es kann einen Ort zeigen, der sich später verändert. Vielleicht befindet sich am Bildrand etwas, das Jahre später interessant wird. Oder das Foto gehört zu einer Serie und bekommt seine Bedeutung erst zusammen mit anderen Aufnahmen.

Fotografischer Wert und technische Qualität sind eben nicht dasselbe.

Das bedeutet natürlich nicht, dass du jedes Foto für alle Zeiten aufbewahren solltest. Speicherplatz ist heute zwar vergleichsweise günstig, aber ein Archiv mit zehntausenden bedeutungslosen Bildern wird dadurch nicht wertvoller.

Aussortieren bleibt sinnvoll.

Nur sollte die Frage nicht ausschließlich lauten: Ist dieses Bild gut genug?

Manchmal ist die bessere Frage: Gibt es einen Grund, warum ich dieses Bild später noch einmal brauchen oder sehen möchte?

Vor dem Löschen kommt die letzte Runde

Erst mit etwas zeitlichem Abstand schaue ich mir die zum Löschen markierten Aufnahmen noch einmal an.

Dabei suche ich nicht krampfhaft nach Gründen, jedes Foto zu retten. Bei offensichtlichen Fehlschüssen darf die Entscheidung durchaus schnell fallen.

Interessanter sind die Grenzfälle.

Ist das Bild wirklich nur eine schlechtere Variante eines anderen? Gibt es einen Ausdruck, eine Perspektive oder einen Moment, den keine andere Aufnahme zeigt? Habe ich das Foto aussortiert, weil es tatsächlich schwach ist – oder lediglich, weil daneben ein stärkeres Bild liegt?

Erst danach wird gelöscht.

Und selbst dann sollte man noch einen praktischen Punkt bedenken: Ein gelöschtes Foto ist nicht unbedingt sofort unwiederbringlich verloren. Je nach Programm landet es zunächst im Papierkorb oder in einem programmeigenen Bereich für gelöschte Dateien. Darauf würde ich mich allerdings nicht verlassen.

Ein Backup ist kein Ersatz für sorgfältiges Aussortieren – aber sorgfältiges Aussortieren ist auch kein Ersatz für ein Backup.

Bevor größere Mengen endgültig gelöscht werden, sollte deshalb klar sein, ob die Bilder noch an anderer Stelle gesichert sind.

Aussortieren trainiert auch das Fotografieren

Für mich hat das Sortieren noch einen zweiten Nutzen, über den erstaunlich selten gesprochen wird.

Beim Aussortieren sehe ich meine eigenen Gewohnheiten.

Warum habe ich von diesem Motiv zwölf fast identische Bilder gemacht? Weshalb liegt der Fokus bei mehreren Aufnahmen an derselben falschen Stelle? Warum gefällt mir bei einer Serie immer die Aufnahme am besten, bei der ich einen Schritt weiter nach links gegangen bin?

Wer seine Bilder bewusst auswählt, beschäftigt sich automatisch mit der eigenen Fotografie.

Damit wird aus einer vermeintlichen Aufräumarbeit eine kleine Bildkritik.

Und genau darin steckt vielleicht der größte Nutzen: Du schaffst nicht nur Platz auf der Festplatte. Du lernst etwas darüber, welche Bilder dir wichtig sind – und warum.

Löschen darf der letzte Schritt sein

Ein gutes Fotoarchiv entsteht nicht dadurch, dass möglichst viele Bilder darin liegen. Aber auch nicht dadurch, dass nach jeder Fototour möglichst radikal gelöscht wird.

Ich halte einen Mittelweg für sinnvoller.

Offensichtliche Fehlschüsse werden markiert, interessante Aufnahmen bewertet und gute Alternativen aus Serien dürfen bleiben. Danach bekommen die Bilder ein wenig Zeit. Erst mit etwas Abstand fällt die endgültige Entscheidung.

Manche Fotos werden dadurch trotzdem verschwinden. Und das ist auch gut so.

Aber vielleicht bleibt dabei genau jene unscheinbare Aufnahme erhalten, die du heute beinahe gelöscht hättest – und bei der du dich in ein paar Jahren fragst, warum sie dir damals eigentlich nicht aufgefallen ist.

Überarbeiteter Beitrag, Erstveröffentlichung 14.12.2019

Kommentare

  • Martin

    Ach vielleicht sollte ich wirklich etwas entspannter beim Aussortieren sein. Ich folge nämlich immer meinen ersten Impulsen: gefällt und gefällt nicht. Da bin ich recht fix mit dem Löschen. Ich habe mir diese Schnellschüsse deshalb angewöhnt, weil ich mich sonst überhaupt nicht richtig entscheiden kann. Liegt vermutlich auch daran, dass ich keine große Lust auf Bildbearbeitung habe. Das muss immer recht fix gehen. Ich bewundere die Fotografen, die die Muße haben, ihre Bilder so strukturiert auszuwählen, wie du es beschreibst.

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