Fotografie-Blog

Filmtipp: „Blow-Up“ – Wenn ein Foto mehr Fragen stellt als beantwortet

Ein Fotograf macht ein paar Aufnahmen in einem Londoner Park. Eigentlich nichts Besonderes. Doch später, beim Entwickeln und Vergrößern der Negative, entdeckt er etwas, das er während der Aufnahme offenbar nicht gesehen hat.

Vielleicht eine Waffe.

Vielleicht einen Toten.

Vielleicht sogar einen Mord.

Oder sieht er in seinen Bildern irgendwann nur noch das, was er darin sehen möchte?

Michelangelo Antonionis „Blow-Up“ aus dem Jahr 1966 ist deshalb für mich weit mehr als ein Klassiker der Filmgeschichte. Für Fotografen ist der Film besonders spannend, weil er eine Frage stellt, die auch im digitalen Zeitalter nichts von ihrer Bedeutung verloren hat:

Wie viel Wahrheit steckt eigentlich in einem Foto?

Ein Fotograf im London der 1960er-Jahre

Im Mittelpunkt steht Thomas, gespielt von David Hemmings. Er ist ein erfolgreicher Modefotograf im London der Swinging Sixties. Sein Alltag besteht aus Models, Studios, Mode, Musik und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein.

Antonioni zeigt dabei eine Welt, die modern, schnell und aufregend erscheint – gleichzeitig aber merkwürdig distanziert wirkt.

Thomas bewegt sich scheinbar souverän darin. Doch hinter der Oberfläche scheint er nach etwas anderem zu suchen. Neben seiner Modefotografie arbeitet er an Bildern eines weniger glamourösen Londons.

Dann landet er mit seiner Kamera in einem Park.

Dort beobachtet er ein Paar und beginnt, die beiden aus einiger Entfernung zu fotografieren. Die Frau bemerkt ihn und verlangt anschließend vehement die Herausgabe des Films.

Thomas weigert sich.

Spätestens jetzt wird seine Neugier geweckt.

Was hat die Kamera gesehen?

Zurück in seinem Studio entwickelt Thomas die Aufnahmen aus dem Park.

Und nun beginnt der für Fotografen wahrscheinlich faszinierendste Teil des Films.

Thomas betrachtet seine Bilder nicht einfach. Er untersucht sie.

Er fertigt Vergrößerungen an, wählt Ausschnitte und vergrößert diese erneut. Aus einem zunächst unscheinbaren Bereich des Fotos scheint plötzlich eine Gestalt im Gebüsch hervorzutreten. In einem anderen Ausschnitt könnte etwas auf dem Boden liegen.

Je genauer Thomas hinsieht, desto mehr glaubt er zu erkennen.

Doch gleichzeitig passiert etwas Merkwürdiges: Mit jeder stärkeren Vergrößerung wird das Bild grobkörniger und undeutlicher.

Die Suche nach mehr Information führt irgendwann zu weniger Gewissheit.

Genau darin liegt für mich eine der großen Stärken von „Blow-Up“.

Ein Foto ist keine neutrale Wahrheit

Wir neigen leicht dazu, einer Fotografie eine besondere Beweiskraft zuzuschreiben.

Die Kamera war schließlich dabei.

Also muss das Foto zeigen, was tatsächlich passiert ist.

Doch so einfach ist es nicht.

Eine Fotografie zeigt zunächst nur das, was sich innerhalb eines bestimmten Bildausschnitts zu einem bestimmten Zeitpunkt vor der Kamera befand. Sie zeigt nicht automatisch, was unmittelbar davor oder danach geschehen ist. Sie erklärt keine Zusammenhänge und kennt auch nicht die Absichten der abgebildeten Menschen.

Diese Bedeutung geben erst wir dem Bild.

Thomas versucht genau das. Er ordnet einzelne Fotografien an, betrachtet Details und versucht daraus eine Geschichte zu rekonstruieren.

Aus einzelnen Momenten soll eine zusammenhängende Wirklichkeit entstehen.

Aber lässt sie sich wirklich aus den Bildern herauslesen?

Oder beginnt Thomas irgendwann, die Lücken zwischen den Bildern mit seiner eigenen Vorstellung zu füllen?

Je größer das Bild, desto kleiner die Gewissheit

Der Titel des Films spielt direkt auf die fotografische Vergrößerung an.

In der analogen Fotografie lässt sich ein Negativ im Vergrößerungsgerät auf Fotopapier projizieren. Dabei kann der Fotograf auch nur einen Ausschnitt des Negativs verwenden und diesen stark vergrößern.

Das funktioniert allerdings nicht unbegrenzt.

Das Negativ enthält nur eine bestimmte Menge an Bildinformation. Je stärker ein kleiner Ausschnitt vergrößert wird, desto deutlicher treten Filmkorn, Unschärfen und andere Begrenzungen hervor.

Eine Vergrößerung erzeugt also nicht automatisch neue Details.

Und genau damit spielt Antonioni.

Thomas vergrößert seine Fotografien, weil er der Wahrheit näherkommen möchte. Doch irgendwann lösen sich die vermeintlichen Beweise beinahe in Strukturen und Korn auf.

Das Foto wird größer.

Die Gewissheit nicht.

Was „Blow-Up“ mit unserer digitalen Fotografie zu tun hat

Heute stehen wir nicht mehr mit Entwickler, Fixierer und Vergrößerungsgerät in der Dunkelkammer.

Wir sitzen vor einem hochauflösenden Monitor.

Aber das Prinzip ist erstaunlich ähnlich geblieben.

Du kennst das vielleicht: Du öffnest ein Foto in Lightroom, Capture One oder einem anderen Bildbearbeitungsprogramm und zoomst auf 100 Prozent. Dann auf 200 Prozent. Vielleicht noch weiter.

Plötzlich entdeckst du Dinge, die dir beim Fotografieren überhaupt nicht aufgefallen sind.

Manchmal sind es tatsächlich zusätzliche Details. Manchmal sehen wir aber auch Strukturen, Muster oder vermeintliche Zusammenhänge, denen wir mehr Bedeutung geben, als sie eigentlich besitzen.

Moderne Sensoren liefern natürlich wesentlich mehr nutzbare Bildinformationen als viele damalige Kleinbildnegative. Hinzu kommen leistungsfähige Methoden zur Rauschreduzierung, Schärfung und inzwischen auch KI-gestützte Verfahren.

Doch auch heute gilt:

Vergrößern ist nicht dasselbe wie zusätzliche Wirklichkeit entdecken.

Software kann vorhandene Informationen sichtbar machen oder interpretieren. Sie kann aber keine sichere Kenntnis darüber liefern, was außerhalb der tatsächlich aufgezeichneten Bildinformation geschehen ist.

Gerade dadurch wirkt „Blow-Up“ erstaunlich modern.

Die Kamera sieht anders als der Fotograf

Noch ein anderer Gedanke gefällt mir an dem Film.

Thomas entdeckt auf seinen Fotografien etwas, das er während der Aufnahme selbst nicht bewusst wahrgenommen hat.

Auch das kennen wir aus der Fotografie.

Während wir fotografieren, konzentrieren wir uns vielleicht auf einen Menschen, einen Gesichtsausdruck oder eine bestimmte Bewegung. Erst später entdecken wir am Bildrand eine zweite Situation, eine interessante Spiegelung oder ein Detail im Hintergrund.

Die Kamera besitzt zwar kein Bewusstsein. Aber sie zeichnet innerhalb ihrer technischen Grenzen vieles auf, dem wir im Moment der Aufnahme keine Aufmerksamkeit schenken.

Deshalb kann es ausgesprochen interessant sein, ältere eigene Fotografien nach Jahren noch einmal anzusehen.

Nicht unbedingt, weil sich die Fotos verändert hätten.

Sondern weil wir uns verändert haben.

Wir sehen plötzlich Dinge, die wir damals übersehen haben.

Antonionis London ist mehr als eine Kulisse

Auch visuell ist „Blow-Up“ bemerkenswert.

Antonioni drehte seinen Film im London der 1960er-Jahre und machte die Atmosphäre der Swinging Sixties zu einem wichtigen Bestandteil der Geschichte. Mode, Architektur, Musik und die damalige Jugendkultur bilden eine Welt, die gleichzeitig faszinierend und oberflächlich erscheint.

Dabei überließ Antonioni selbst die Wirklichkeit vor seiner Kamera keineswegs einfach sich selbst.

Für die gewünschte Farbwirkung ließ er Schauplätze verändern; bekannt ist beispielsweise, dass für den Film sogar Gras farblich angepasst wurde. Die Gestaltung der Farben war gemeinsam mit Kameramann Carlo Di Palma ein wichtiger Teil der visuellen Konzeption.

Das ist im Zusammenhang mit der Handlung eine schöne Ironie:

Ein Film, der über fotografische Wirklichkeit nachdenkt, gestaltet seine eigene Wirklichkeit ganz bewusst.

Michelangelo Antonioni und David Hemmings

Michelangelo Antonioni gehörte bereits vor „Blow-Up“ zu den bedeutenden europäischen Regisseuren seiner Zeit. Filme wie „L’Avventura“ und „La Notte“ hatten seinen Ruf als Filmemacher geprägt, der weniger an konventionellen Handlungen als an Wahrnehmung, Entfremdung und der inneren Welt seiner Figuren interessiert war.

„Blow-Up“ war sein erster englischsprachiger Spielfilm.

David Hemmings passt hervorragend in diese Welt. Sein Thomas ist keineswegs der sympathische Fotograf, mit dem man sich sofort identifizieren möchte. Er kann arrogant, rastlos und rücksichtslos sein.

Gerade deshalb funktioniert die Figur.

Wir beobachten keinen fotografischen Helden bei der Aufklärung eines Verbrechens, sondern einen Menschen, der gewohnt ist, durch seine Kamera Kontrolle über seine Umgebung auszuüben – und plötzlich feststellen muss, dass Bilder nicht zwangsläufig eindeutige Antworten liefern.

Vanessa Redgrave spielt die geheimnisvolle Frau aus dem Park. Außerdem sind unter anderem Sarah Miles und Veruschka zu sehen.

Und auch musikalisch gibt es etwas zu entdecken: Die Filmmusik stammt von Herbie Hancock, während The Yardbirds in einer inzwischen berühmten Szene im Film auftreten.

Kein klassischer Krimi

Wer „Blow-Up“ zum ersten Mal sieht und einen klassischen Kriminalfilm erwartet, könnte sich wundern.

Antonioni interessiert sich weniger dafür, einen möglichen Mord sauber aufzuklären. Er benutzt das Rätsel vielmehr, um über Wahrnehmung und Wirklichkeit nachzudenken.

Was hat Thomas tatsächlich gesehen?

Was zeigen seine Fotografien?

Und was davon entsteht erst durch seine Interpretation?

Der Film verweigert uns die angenehme Gewissheit einer eindeutigen Antwort.

Das ist kein erzählerisches Versäumnis, sondern ein wesentlicher Teil seiner Wirkung.

Besonders deutlich wird das gegen Ende des Films in der berühmten Tennisszene. Ohne hier zu viel vorwegzunehmen: Antonioni führt die Frage nach Wahrnehmung und Wirklichkeit dort noch einmal auf eine ebenso einfache wie bemerkenswerte Weise weiter.

Ein bedeutender Film – auch für die Fotografie

„Blow-Up“ wurde 1967 beim Filmfestival von Cannes mit dem damaligen Grand Prix International du Festival, der höchsten Auszeichnung des Festivals, geehrt.

Seine Bedeutung liegt für mich aber nicht in erster Linie in Preisen oder seinem Status als Filmklassiker.

Spannender ist, wie aktuell seine zentrale Frage geblieben ist.

Wir leben heute in einer Welt, in der täglich unvorstellbar viele Bilder entstehen. Wir vergrößern sie, bearbeiten sie, analysieren sie und teilen sie innerhalb weniger Sekunden. Gleichzeitig werden die Grenzen zwischen Aufnahme, Bearbeitung und computergeneriertem Bild zunehmend fließender.

Damit wird die Frage, die „Blow-Up“ vor rund 60 Jahren gestellt hat, eher wichtiger als unwichtiger:

Was sehe ich wirklich – und was glaube ich nur zu sehen?

„Blow-Up“ ist kein Film, den ich ausschließlich wegen seiner Handlung empfehlen würde. Wer nur wissen möchte, ob tatsächlich ein Mord geschehen ist und wer dafür verantwortlich war, wird möglicherweise unbefriedigt zurückbleiben.

Als Fotograf finde ich gerade das interessant.

Antonioni benutzt die Fotografie nicht bloß als hübsche Kulisse für einen Thriller. Er macht sie zum eigentlichen Thema. Das Vergrößern eines Negativs wird zur Suche nach Gewissheit – und gleichzeitig zum Beweis dafür, dass ein Bild nicht zwangsläufig alle Antworten enthält.

Vielleicht ist das sogar eine ganz gute Erinnerung für die eigene Fotografie.

Ein Foto zeigt uns sehr viel.

Aber eben nie alles.

Überarbeiteter Beitrag, Erstveröffentlichung 11.05.2023

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zeige mir, dass du ein Mensch bist: