Fotowerke Dr. C. Schleussner GmbH
Die Fotowerke Dr. C. Schleussner GmbH waren ein traditionsreiches Frankfurter Unternehmen für fotografische Platten, Filme, Fotopapiere und Kameras. Aus dem 1860 gegründeten chemischen Labor entwickelte sich einer der frühen industriellen Hersteller fotografischer Materialien. Bekannt wurden die Fotowerke später vor allem unter dem Markennamen ADOX.
Von der Chemie zur Fotografie
Gegründet wurde das Unternehmen von dem Chemiker und Pharmazeuten Carl Schleussner (1830–1899). Nach seinem Studium bei Robert Wilhelm Bunsen in Heidelberg und Hermann Kopp in Gießen eröffnete er 1860 in Frankfurt am Main ein chemisch-pharmazeutisches Laboratorium. Dort stellte er zunächst Silbernitrat und weitere Chemikalien her, die für das damals verbreitete nasse Kollodiumverfahren benötigt wurden.
Beim Kollodiumverfahren mussten Fotografen ihre Glasplatten unmittelbar vor der Aufnahme selbst beschichten, sensibilisieren und noch im feuchten Zustand belichten. Die Herstellung geeigneter Chemikalien war deshalb ein wichtiger Teil der frühen fotografischen Infrastruktur. Schleussners Betrieb wird häufig als eine der ersten spezialisierten fotochemischen Fabriken bezeichnet.
Der Erfolg der Trockenplatte
Einen entscheidenden Entwicklungsschritt vollzog das Unternehmen mit der industriellen Herstellung fotografischer Trockenplatten. Seit 1879 experimentierte Carl Schleussner mit Bromsilber-Gelatine-Emulsionen. Im Jahr 1881 brachte er seine weiterentwickelten „Dr. Schleussner’s Gelatine-Emulsionsplatten“ auf den Markt.
Diese Platten waren bereits gebrauchsfertig und konnten über einen längeren Zeitraum gelagert werden. Fotografen mussten sie nicht mehr unmittelbar vor der Aufnahme präparieren. Dadurch wurde die Fotografie einfacher, schneller und unabhängiger von einem nahe gelegenen Labor. Seit 1885 wurden die Trockenplatten bei Schleussner maschinell gefertigt.
Die neue Technik unterstützte den Übergang von der handwerklich geprägten Nassplattenfotografie zur industriell hergestellten Aufnahmeschicht. Sie erleichterte nicht nur die Arbeit professioneller Fotografen, sondern trug auch dazu bei, die Fotografie für einen größeren Anwenderkreis zugänglich zu machen.
Röntgenplatten und wissenschaftliche Fotografie
Nach der Entdeckung der Röntgenstrahlen durch Wilhelm Conrad Röntgen begann das Unternehmen 1896 mit der Herstellung spezieller fotografischer Platten für medizinische und wissenschaftliche Röntgenaufnahmen. Diese mussten besonders empfindlich sein, damit die damals noch langen und belastenden Belichtungszeiten verkürzt werden konnten.
Die Röntgenplatten entwickelten sich zu einem bedeutenden Geschäftsfeld. Damit gehörten die Schleussner-Werke zu jenen Unternehmen, die fotografische Emulsionen nicht allein für bildnerische Aufnahmen, sondern auch als wissenschaftliches Aufzeichnungsmedium weiterentwickelten.
Im Jahr 1897 wurde der Familienbetrieb in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Leitung ging zunehmend auf Carl Schleussners Söhne über. Das Unternehmen blieb jedoch über mehrere Generationen mit der Familie verbunden.
Die Fotowerke Dr. C. Schleussner und ADOX
Der Name ADOX leitete sich vermutlich aus der Bezeichnung „Aktiengesellschaft Dr. C. Schleussner“ ab. Zunächst wurde er als Markenname verwendet; 1947 wurde ADOX zum offiziellen Firmen- und Markenzeichen. Das Unternehmen trat fortan als ADOX-Fotowerke Dr. C. Schleussner auf.
Besonders bekannt wurden die Schwarzweißfilme ADOX KB 14, KB 17 und KB 21. Die Zahl bezeichnete die Filmempfindlichkeit nach der damals gebräuchlichen DIN-Skala. Die Filme besaßen vergleichsweise dünne Emulsionsschichten und waren für ihre feine Körnung und gute Detailwiedergabe bekannt. Neben Kleinbildfilm stellte das Unternehmen auch Rollfilm, Planfilm, Fotopapiere und fotografische Chemikalien her.
In den 1950er-Jahren kamen Farbnegativ- und Farbumkehrfilme hinzu. Damit versuchten die Fotowerke, Anschluss an die zunehmende Verbreitung der Farbfotografie zu halten. Die Herstellung von Farbfilm war allerdings wesentlich komplexer als die Produktion klassischer Schwarzweißmaterialien und verlangte einen hohen Entwicklungsaufwand.
Kameras von ADOX
Die Fotowerke beschränkten sich nicht auf lichtempfindliche Materialien. Unter dem Namen ADOX wurden auch Kameras angeboten, darunter die Mittelformatmodelle der Golf-Reihe und die Kleinbildkameras der Polo-Serie. Die Produktion erfolgte zeitweise in Wiesbaden; Objektive und weitere Bauteile stammten teilweise von spezialisierten Zulieferern wie Schneider-Kreuznach.
Zu den technisch ungewöhnlichen Konstruktionen gehörte die ADOX 300. Diese Kleinbildkamera besaß auswechselbare Filmmagazine, sodass sich ein bereits eingelegter Film entnehmen und später weiterverwenden ließ. Das Prinzip bot eine Flexibilität, wie sie ansonsten vor allem von professionellen Mittelformatkameras bekannt war.
Die Kameras machten ADOX auch bei Amateurfotografen sichtbar. Das wirtschaftliche Zentrum des Unternehmens blieb jedoch die Herstellung fotografischer und röntgentechnischer Materialien.
Verkauf an DuPont
Im Jahr 1962 verkaufte die Familie Schleussner die fotografischen Unternehmensbereiche an den US-amerikanischen Chemiekonzern DuPont. Das Interesse des neuen Eigentümers galt vor allem dem medizinischen Röntgenfilm. Die Produktion klassischer Fotoartikel und Kameras wurde in den folgenden Jahren aufgegeben oder an andere Hersteller übertragen.
Maschinen und Rezepturen für verschiedene Schwarzweißfilme gelangten zum jugoslawischen Unternehmen Fotokemika. Dort wurden verwandte Filme später unter der Marke Efke weiterproduziert. Auf diese Weise blieb ein Teil der ursprünglichen Schleussner-Emulsionen noch lange nach dem Ende der Frankfurter Fotoproduktion erhalten.
Bedeutung für die Fotografiegeschichte
Die Fotowerke Dr. C. Schleussner stehen beispielhaft für den Wandel der Fotografie vom chemischen Handwerk zur industriellen Produktion. Das Unternehmen begleitete mehrere wichtige Entwicklungsstufen: vom nassen Kollodiumverfahren über die gebrauchsfertige Trockenplatte bis zu Roll- und Kleinbildfilmen, Farbmaterialien und Röntgenplatten.
Der historische Betrieb ist nicht mit der heutigen ADOX Fotowerke GmbH gleichzusetzen. Der inzwischen neu vergebene Markenname knüpft jedoch bewusst an die Tradition der Frankfurter Fotowerke an. Dadurch ist ADOX auch heute noch mit analogen Filmen, Fotopapieren und Dunkelkammerchemikalien verbunden.


