Der eigene Stil in der Fotografie – oder: „Mach dein Ding, aber mit Charme!“
„Ich sehe schon am Vorschaubild, dass das Foto von dir ist. Du hast deinen eigenen Stil.“ Als ich diesen Satz zum ersten Mal hörte, war ich unsicher, ob ich ihn ernst nehmen sollte. Ein eigener Stil – das klang für mich nach etwas, das man bewusst entwickelt, vielleicht sogar strategisch plant. Nach etwas, das andere definieren. Ich selbst hatte nie das Gefühl, so etwas aktiv geschaffen zu haben. Ich fotografierte einfach. Mal Tiere in ihrer Gesamtheit, mal Details, mal mit mehr Abstand, mal ganz nah dran.
Einige Zeit später fiel bei einem Treffen mit Fotofreunden ein weiterer Satz, der mich nachdenklich machte: „Das ist doch der pubanze Schnitt.“ Ich musste schmunzeln. Gleichzeitig begann ich mich zu fragen, ob sich in meinen Bildern tatsächlich so etwas wie eine wieder erkennbare Handschrift eingeschlichen hatte. Neugierig begann ich, mein eigenes Archiv systematisch zu durchforsten.
Vom Dokumentieren zum Interpretieren
Dabei fiel mir auf, dass meine frühen Tieraufnahmen oft einem sehr dokumentarischen Ansatz folgten. Das gesamte Tier sollte abgebildet sein, möglichst vollständig, möglichst korrekt. Nichts sollte fehlen. Es ging mir um eine saubere Abbildung dessen, was vor mir stand.
Mit der Zeit veränderte sich mein Blick. Die Bilder wurden enger. Ich konzentrierte mich stärker auf Kopfpartien, auf Augen, auf Ausdruck. Irgendwann merkte ich, dass mich weniger das ganze Tier interessierte als vielmehr das, was Charakter sichtbar machte. Der Fokus verschob sich von der reinen Darstellung hin zur Interpretation.
Später wurde der Ausschnitt noch reduzierter. Ich begann, Strukturen zu suchen – die Oberfläche eines Schnabels, die Textur eines Gefieders, das Licht in einzelnen Haaren. Das Motiv wurde fragmentarischer. Es ging nicht mehr darum, alles zu zeigen, sondern das Wesentliche herauszuarbeiten. Nicht die Vollständigkeit war entscheidend, sondern die Konzentration.
Das Bemerkenswerte daran: Diese Entwicklung war keine bewusste Entscheidung. Ich habe mich nie hingesetzt mit dem Vorsatz, nun einen eigenen Stil zu definieren. Vielmehr entstand diese Veränderung aus dem Wunsch, genauer hinzusehen. Aus dem Bedürfnis, nicht nur zu dokumentieren, sondern zu verstehen, was mich an einem Motiv wirklich interessiert.

Stil als Nebenprodukt der eigenen Wahrnehmung
Vielleicht liegt genau darin der Kern eines fotografischen Stils. Er entsteht nicht durch Planung, sondern durch Wiederholung. Durch Entscheidungen, die man immer wieder trifft, ohne sie als strategisch zu begreifen. Man wählt bestimmte Ausschnitte. Man bevorzugt bestimmtes Licht. Man arbeitet näher am Motiv oder bewusst mit Distanz. Man reduziert, weil man Klarheit sucht.
Interessant ist, dass andere diese Muster oft früher erkennen als man selbst. Während man fotografiert, ist man mit Technik, Licht, Schärfeebene und Timing beschäftigt. Außenstehende sehen dagegen die Summe der Bilder. Sie erkennen Konstanten, wiederkehrende Gestaltungsprinzipien, Vorlieben. Was für einen selbst selbstverständlich ist, wirkt von außen charakteristisch.
Doch ist ein eigener Stil überhaupt notwendig? Ich glaube nicht. Er ist kein Qualitätsnachweis und kein Gütesiegel. Er ist vielmehr ein Nebenprodukt der eigenen Entwicklung. Wer über Jahre fotografiert, hinterlässt zwangsläufig Spuren im eigenen Werk. Manche bleiben konstant, andere verändern sich. Beides gehört dazu.
Wichtig ist nur, dass man sich nicht von der Idee eines „Stils“ einschränken lässt. Wer für Detailaufnahmen bekannt ist, darf weiterhin ganze Tiere fotografieren. Wer reduzierend arbeitet, darf auch einmal bewusst anders komponieren. Stil sollte kein festes Konzept sein, sondern eine Momentaufnahme der eigenen Sichtweise.
Rückblickend betrachte ich den „pubanze Schnitt“ daher mit Gelassenheit. Wenn es ihn gibt, dann ist er Ausdruck meiner Art zu sehen – nicht mehr und nicht weniger. Und wenn er sich in einigen Jahren wieder verändert, dann zeigt das lediglich, dass auch meine Wahrnehmung in Bewegung bleibt.
Am Ende ist der eigene Stil nichts anderes als die sichtbare Spur der eigenen Neugier. Wer fotografiert, weil ihn Details faszinieren, weil er Strukturen entdecken oder Stimmungen festhalten möchte, entwickelt automatisch eine Handschrift. Nicht geplant, nicht konstruiert – sondern gewachsen.
Und vielleicht ist genau das das Entscheidende: Man sollte sein Ding machen. Mit Sorgfalt. Mit Aufmerksamkeit. Und mit einer guten Portion Charme.
Überarbeiteter Beitrag, Erstveröffentlichung 04. Februar 2012



Kommentare
Günni
Ein eigener Stil in der Fotografie ist nicht nur Ausdruck deiner Kreativität, sondern auch ein Markenzeichen, das dich von anderen abhebt. Genau das habe ich in diesem Beitrag gefunden – inspirierende Gedanken darüber, wie sich der eigene Stil entwickelt und warum er so viel mehr ist als nur Technik.