John Mayer – Sob Rock: Begleitmusik auf hohem Niveau
Ein Album, das nicht um Aufmerksamkeit bittet
John Mayer war für mich immer da – musikalisch gesehen. So eine Art verlässlicher Mitfahrer auf langen Strecken. Nie laut, nie aufdringlich, aber stets präsent. Und trotzdem hatte er für mich nie den Stellenwert jener Gitarristen, deren Namen man ehrfürchtig ausspricht und deren Platten man fast schon zeremoniell auflegt. Vielleicht liegt genau darin der Grund: John Mayer hat sich nie wirklich vorgedrängelt. Kein Dauergrinsen mit Gitarre, kein „Schaut her, was ich kann“, sondern meist einfach Songs, die funktionieren. Verdächtig gut sogar.
Ein Album mit Haltung – und Föhnfrisur
Mit Sob Rock hat Mayer 2021 ein Album veröffentlicht, das sich anhört, als hätte es sehr lange darüber nachgedacht, wie es nicht modern klingen will. Schon das Artwork signalisiert: Hier wird nichts dem Zeitgeist hinterhergetragen. Stattdessen gibt es Soft Rock, dezente Synths, Chorus-Gitarren und eine Ästhetik, die irgendwo zwischen 80er-Jahre-Adult-Contemporary und ironischer Selbstreflexion pendelt.
Das ist so konsequent durchgezogen, dass man sich unweigerlich fragt, ob Mayer das alles todernst meint – oder ob er sich dabei selbst ein klein wenig amüsiert. Wahrscheinlich beides.
Weniger zeigen, mehr andeuten
Musikalisch ist Sob Rock auffällig unauffällig. Die Songs drängen sich nicht auf, sie setzen sich eher neben einen. „Last Train Home“, „Shot in the Dark“ oder „Wild Blue“ kommen ohne große Gesten aus, wirken aber erstaunlich langlebig. Die Gitarren sind da, klar – aber sie wollen nichts beweisen. Kein Gitarrenzirkus, keine Machtdemonstration. Stattdessen geschmackvolle Linien, saubere Sounds und genau das richtige Maß an Zurückhaltung.
Gerade diese kontrollierte Unaufgeregtheit macht das Album interessant. Mayer könnte jederzeit mehr zeigen – er tut es nur bewusst nicht.
Vinyl: Das natürliche Habitat von Sob Rock
Auf Vinyl fühlt sich Sob Rock erstaunlich richtig an. Der warme, offene Sound passt perfekt zur entspannten Grundhaltung des Albums. Keine überzogene Loudness, keine aggressive Brillanz – sondern ein Klangbild, das sich gut in den Raum legt und dort auch bleiben darf.
Die Schallplatte lädt dazu ein, sie komplett durchzuhören. Nicht, weil jeder Song ein Highlight sein will, sondern weil alles zusammen eine stimmige Einheit ergibt. Eine Platte, die man auflegt, ohne ständig zum Plattenregal zu schielen.
Kein Held, kein Drama – und genau deshalb gut
Wer John Mayer als Blues-Gitarrenheld oder Continuum-Referenz hört, wird mit Sob Rock möglicherweise fremdeln. Dieses Album will nichts davon sein. Es ist kein Statement, kein Wendepunkt, kein Befreiungsschlag. Es ist eher ein musikalisches Schulterzucken auf sehr hohem Niveau.
Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Sob Rock für mich funktioniert: John Mayer bleibt Begleiter – aber einer, dem man plötzlich aufmerksamer zuhört.
Sob Rock auf Vinyl ist ein Album für Menschen, die keine musikalischen Erklärungen brauchen. Für Hörer, die Ironie erkennen, ohne sie laut ausgesprochen zu bekommen. Und für Abende, an denen Musik einfach laufen darf, ohne ständig Bedeutung einfordern zu müssen.
John Mayer hat sich auch hier nicht in den Vordergrund gedrängt. Und genau deshalb bleibt er – ganz unaufgeregt – stehen.



