Avi Kaplan – I’ll Get By: Wenn Musik wieder atmen darf
Es gibt Stimmen, die man nicht einfach hört – man spürt sie.
Die von Avi Kaplan gehört genau dazu. Tief, warm und mit einer Präsenz, die nicht laut sein muss, um den Raum zu füllen. Vielen wurde sie erstmals bei Pentatonix bewusst, wo sie das Fundament des Sounds bildete. Doch genau dort wurde auch klar: Diese Stimme braucht mehr als nur ein Arrangement. Sie braucht Raum, Tiefe, Erdung.
Mit „I’ll Get By“ geht Kaplan konsequent diesen Schritt. Weg vom perfekt produzierten A-cappella-Sound, hin zu einem erdigen, reduzierten Solo-Ansatz, der seiner Stimme genau den Platz gibt, den sie verdient. Kaplan bewegt sich hier musikalisch in einem Raum zwischen Folk, Americana und einer dezenten Gospel-Färbung. Es ist eine bewusste Reduktion, die seiner Stimme nicht nur Platz lässt, sondern sie trägt.
Es ist Musik, die nicht beeindrucken will – sondern berühren.
Ein Album wie ein ruhiger Spaziergang
„I’ll Get By“ ist kein Album für nebenbei. Es ist eines, das Zeit verlangt. Die Arrangements sind bewusst reduziert. Akustische Gitarren, zurückhaltende Percussion und viel Raum zwischen den Tönen prägen das Klangbild. Nichts wirkt überladen, nichts drängt sich in den Vordergrund.
Inhaltlich bewegt sich das Album in einem ruhigen, fast nach innen gerichteten Spektrum. Es geht um das Ankommen bei sich selbst, um das Loslassen und um eine leise Form von Zuversicht. Nicht pathetisch, sondern ehrlich. Gerade diese Zurückhaltung macht das Album so wirkungsvoll. Es entschleunigt, ohne sich aufzudrängen.
Vinyl: Die passende Form für diese Musik
Wer dieses Album auf Vinyl hört, merkt schnell, wie gut dieses Format zur Musik passt. Die Wärme des Klangs unterstützt Kaplans Stimme auf eine sehr natürliche Weise. Sie steht nicht isoliert im Vordergrund, sondern fügt sich in ein stimmiges Gesamtbild ein. Instrumente wirken greifbar, fast körperlich.
Im Vergleich zum Streaming entsteht ein anderer Eindruck. Weniger glatt, weniger direkt – dafür organischer und ruhiger. Es ist kein Unterschied, der sich in Zahlen messen lässt, sondern einer, den man eher spürt. Und genau dieser Unterschied macht hier den Reiz aus.
Lieblingsmomente
Der Titelsong „I’ll Get By“ trägt das Album in sich. Ruhig, getragen und mit einer Gelassenheit, die nicht inszeniert wirkt. Etwas mehr Dynamik bringt „Change on the Rise“. Der Song baut sich langsam auf, ohne seine ruhige Grundstimmung zu verlieren. Er wirkt eher wie ein inneres Aufrichten als wie ein Ausbruch.
Was besonders hängen bleibt, sind oft nicht nur die Songs selbst, sondern die Momente dazwischen. Dieses kurze Nachklingen, das auf Vinyl eine ganz eigene Präsenz bekommt.
Für wen ist dieses Album?
Dieses Album sucht sich seinen Moment. Es passt nicht in jede Stimmung, aber wenn es passt, dann sehr genau. Wer sich auf ruhige, reduzierte Musik einlassen kann und Künstler wie Ben Howard oder Gregory Alan Isakov schätzt, wird hier viel entdecken.
Dieses Album wirkt nicht durch Größe, sondern durch Zurückhaltung. „I’ll Get By“ ist kein Werk, das Aufmerksamkeit einfordert. Es entsteht eher im Zuhören. Und vielleicht ist genau das seine größte Stärke.



