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Weitwinkelobjektiv

Viel Bildwinkel, aber vor allem viel Gestaltungsspielraum

Ein Weitwinkelobjektiv wird häufig mit einem einfachen Gedanken verbunden: Damit bekommst Du mehr aufs Bild. Das stimmt zwar, beschreibt aber nur einen Teil seiner fotografischen Möglichkeiten.

Denn ein Weitwinkel zeigt nicht einfach nur einen größeren Ausschnitt. Es beeinflusst auch, wie Du eine Szene gestaltest. Vordergründe können sehr präsent werden, Entfernungen wirken größer und Linien entwickeln eine starke räumliche Wirkung. Gerade deshalb gehört das Weitwinkel zu den interessantesten Werkzeugen in der Landschafts-, Architektur-, Reise- und Reportagefotografie.

Definition: Was ist ein Weitwinkelobjektiv?

Als Weitwinkelobjektiv bezeichnet man ein Objektiv, dessen Bildwinkel deutlich größer ist als der eines Normalobjektivs. Entscheidend dafür sind Brennweite und Aufnahmeformat beziehungsweise Sensorgröße.

Beim klassischen Kleinbild- beziehungsweise Vollformat werden Brennweiten bis ungefähr 35 mm üblicherweise dem Weitwinkelbereich zugerechnet. Nikon nennt für das FX-Format beispielsweise etwa 14 bis 35 mm als Weitwinkelbereich.

Eine absolut feste Grenze gibt es allerdings nicht. Begriffe wie Weitwinkel und Ultraweitwinkel sind praktische Einteilungen und keine optischen Naturgesetze.

Wichtig ist außerdem: Die auf dem Objektiv angegebene Brennweite verändert sich durch einen kleineren Sensor nicht. Was sich verändert, ist der erfasste Bildwinkel. Deshalb wirkt beispielsweise ein 24-mm-Objektiv an einer APS-C-Kamera weniger weitwinklig als an einer Vollformatkamera. Nikon bezeichnet den daraus abgeleiteten Vergleichswert als Brennweitenmultiplikator beziehungsweise Crop-Faktor.

Wie funktioniert ein Weitwinkelobjektiv?

Die Brennweite beeinflusst wesentlich den Bildwinkel eines Objektivs. Vereinfacht gilt: Je kürzer die Brennweite, desto größer der Bildwinkel und desto mehr von der Umgebung kann auf dem Sensor abgebildet werden. Nikon und Canon beschreiben diesen grundlegenden Zusammenhang entsprechend.

Das erklärt aber noch nicht die typische räumliche Wirkung vieler Weitwinkelaufnahmen.

Hier spielt der Aufnahmeabstand eine entscheidende Rolle.

Mit einem Weitwinkel kannst Du sehr nah an ein Motiv herangehen und trotzdem viel von dessen Umgebung zeigen. Dadurch entstehen starke Größenunterschiede zwischen nahen und weit entfernten Objekten: Ein Stein unmittelbar vor der Kamera kann riesig erscheinen, während ein Berg am Horizont vergleichsweise klein wirkt.

Genau genommen erzeugt dabei nicht die Brennweite selbst eine andere Perspektive. Die Perspektive wird durch den Kamerastandpunkt beziehungsweise die Abstände zwischen Kamera und Motiv bestimmt. Weitwinkelobjektive begünstigen jedoch nahe Kamerapositionen, weil ihr großer Bildwinkel trotzdem noch viel Umgebung erfasst. Deshalb wird die typische Wirkung oft verkürzt als „Weitwinkelperspektive“ bezeichnet. Nikon beschreibt die Perspektive ebenfalls als vom Abstand zwischen Kamera und Motiv bestimmt.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Wechselst Du lediglich die Brennweite, ohne den Kamerastandpunkt zu verändern, änderst Du in erster Linie den Bildausschnitt. Änderst Du anschließend Deinen Standort, um das Hauptmotiv wieder gleich groß abzubilden, verändert sich auch die Perspektive.

Was bedeutet das für Deine Fotografie?

Die eigentliche Stärke des Weitwinkels liegt deshalb weniger darin, möglichst viel in ein Foto hineinzupacken. Interessanter ist die Möglichkeit, Vordergrund, Hauptmotiv und Hintergrund miteinander zu verbinden.

In der Landschaftsfotografie kannst Du beispielsweise einen markanten Stein, eine Pflanze oder eine Struktur im Boden als Vordergrund verwenden und gleichzeitig die Landschaft dahinter zeigen. Das Bild erhält dadurch verschiedene räumliche Ebenen.

Auch in Innenräumen ist der große Bildwinkel praktisch. Du kannst einen Raum zeigen, obwohl zwischen Dir und der gegenüberliegenden Wand nur wenig Abstand vorhanden ist. Landschaft, Architektur und Innenräume gehören entsprechend zu den klassischen Einsatzgebieten von Weitwinkelobjektiven.

In der Reportage- und Streetfotografie kann ein moderates Weitwinkel wiederum helfen, ein Motiv nicht isoliert, sondern zusammen mit seiner Umgebung zu erzählen.

Das Weitwinkel ist damit häufig weniger ein Objektiv für „mehr drauf“ als eines für mehr Beziehung zwischen Motiv und Umgebung.

Ein Beispiel aus der Praxis

Stell Dir vor, Du stehst an einem See. Im Hintergrund erhebt sich ein Berg, direkt vor Dir liegen einige große Steine am Ufer.

Mit einem Teleobjektiv könntest Du Dich auf den Berg konzentrieren und einen engen Ausschnitt wählen. Mit einem Weitwinkel kannst Du dagegen sehr nah an einen der Steine herangehen. Der Stein wird zu einem starken Vordergrund, während See, Ufer und Berg weiterhin im Bild bleiben.

Plötzlich erzählt das Foto nicht mehr ausschließlich vom Berg. Der Blick beginnt vorne am Ufer und wandert über den See bis in den Hintergrund.

Genau darin steckt eine der großen gestalterischen Möglichkeiten des Weitwinkels: Tiefe entsteht nicht dadurch, dass möglichst viel zu sehen ist, sondern dadurch, wie Du die verschiedenen Bildebenen zueinander anordnest.

Umgekehrt liegt hier auch eine typische Schwierigkeit. Ein großer Bildwinkel nimmt vieles auf – und damit möglicherweise auch vieles, das Dein Foto gar nicht braucht. Ein Weitwinkel verlangt deshalb häufig besonders sorgfältige Bildgestaltung.

Weitwinkel, Ultraweitwinkel und Fisheye

Die Übergänge sind fließend, trotzdem hilft eine grobe Einordnung.

Beim Vollformat kann man ungefähr den Bereich von 24 bis 35 mm als moderates Weitwinkel betrachten. Kürzere Brennweiten liefern zunehmend größere Bildwinkel; deutlich unterhalb von 24 mm wird häufig vom Ultraweitwinkel gesprochen. Die genaue Grenzziehung unterscheidet sich je nach Quelle und Hersteller. Adobe unterteilt beispielsweise 24–35 mm als Standard-Weitwinkel und 16–24 mm als Weitwinkel, während Nikon für FX insgesamt ungefähr 14–35 mm als Weitwinkelbereich angibt.

Ein Fisheye ist dagegen nicht einfach nur ein besonders starkes Weitwinkel. Sein wesentliches Merkmal ist die bewusst nicht geradlinige Abbildung: Gerade Linien außerhalb der Bildmitte können stark gekrümmt erscheinen. Ein rectilineares Ultraweitwinkel versucht dagegen, gerade Linien grundsätzlich gerade abzubilden.

Verzeichnung und stürzende Linien – nicht dasselbe

Beim Weitwinkel werden verschiedene Effekte gerne unter dem Begriff „Verzerrung“ zusammengefasst, obwohl sie unterschiedliche Ursachen haben.

Eine optische Verzeichnung ist eine Eigenschaft der Objektivabbildung. Bei tonnenförmiger Verzeichnung können beispielsweise gerade Linien zum Bildrand hin nach außen gebogen erscheinen.

Stürzende Linien bei einem Gebäude sind dagegen zunächst ein perspektivischer Effekt. Richtest Du die Kamera nach oben, verlaufen parallele vertikale Linien im Bild scheinbar aufeinander zu. Das passiert nicht nur mit einem Weitwinkel. Durch den großen Bildwinkel wird der Effekt bei Architekturaufnahmen aber häufig besonders auffällig. Spezielle Shift- beziehungsweise Perspective-Control-Objektive ermöglichen es, den Bildausschnitt zu verschieben, ohne dafür die Kamera entsprechend stark neigen zu müssen.

Auch die auffällige Dehnung von Personen oder Gegenständen nahe den Bildecken sollte nicht pauschal mit optischer Verzeichnung gleichgesetzt werden. Bei sehr großen Bildwinkeln muss eine dreidimensionale Szene auf eine ebene Bildfläche projiziert werden. Gerade am Bildrand kann das zu ungewohnt wirkenden Proportionen führen.

Deshalb lohnt sich bei Gruppen- oder Personenaufnahmen mit sehr kurzen Brennweiten besondere Aufmerksamkeit auf die Bildränder.

Vorteile und Nachteile

Die Vorteile eines Weitwinkelobjektivs liegen vor allem im großen Bildwinkel und seinen gestalterischen Möglichkeiten. Du kannst auch auf engem Raum viel erfassen, Vordergründe wirkungsvoll einbeziehen und Motive zusammen mit ihrer Umgebung zeigen. Gerade Landschaften, Architektur, Innenräume und Reportagen profitieren davon.

Der große Bildwinkel macht die Gestaltung allerdings nicht automatisch einfacher. Im Gegenteil: Je mehr im Bild erscheint, desto mehr musst Du darauf achten, was wirklich zur Bildaussage beiträgt. Unruhige Ränder, störende Gegenstände und schwache Vordergründe fallen schnell auf.

Bei sehr kurzen Brennweiten können außerdem starke räumliche Wirkungen entstehen, die nicht zu jedem Motiv passen. Besonders Menschen am Bildrand können unvorteilhaft wirken. Architektur stellt zusätzlich hohe Anforderungen an Kameraposition, Ausrichtung und den Umgang mit perspektivisch zusammenlaufenden Linien.

Das Weitwinkel zeigt Dir also viel – und zwingt Dich gerade deshalb dazu, genau hinzusehen.

Ein Weitwinkelobjektiv ist weit mehr als die Lösung für Situationen, in denen „nicht alles aufs Bild passt“.

Seine eigentliche Stärke liegt in der Gestaltung von Raum. Du kannst nahe Elemente betonen, verschiedene Bildebenen miteinander verbinden und das Verhältnis eines Motivs zu seiner Umgebung sichtbar machen.

Gerade dabei lohnt es sich, nicht nur am Zoomring zu drehen. Geh einen Schritt vor, einen Schritt zurück oder verändere die Höhe Deiner Kamera. Beim Weitwinkel entscheidet Dein Standpunkt besonders deutlich darüber, wie das fertige Bild wirkt.

Wer das verstanden hat, verwendet das Weitwinkel nicht mehr nur, um mehr zu zeigen, sondern um Raum bewusster zu gestalten.

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