Teleobjektiv
Entfernte Motive nah ins Bild holen
Ein Vogel sitzt weit oben im Baum, auf dem Fußballplatz findet die entscheidende Szene am anderen Ende des Spielfelds statt oder bei einem Porträt möchtest Du etwas Abstand zu Deinem Gegenüber halten. In solchen Situationen kommt das Teleobjektiv ins Spiel.
Seine besondere Stärke besteht aber nicht einfach darin, weit entfernte Dinge „heranzuholen“. Die längere Brennweite beeinflusst den Bildausschnitt, Deinen Aufnahmeabstand und damit auch die Bildwirkung. Genau deshalb ist das Teleobjektiv nicht nur für Sport- und Tierfotografen interessant.
Was ist ein Teleobjektiv?
Als Teleobjektiv bezeichnet man in der fotografischen Praxis ein Objektiv mit einer vergleichsweise langen Brennweite und entsprechend engem Bildwinkel. Dadurch kannst Du einen kleinen Ausschnitt einer Szene formatfüllend abbilden.
Wo der Telebereich genau beginnt, lässt sich nicht mit einer einzigen Brennweitenzahl für alle Kamerasysteme festlegen. Entscheidend ist schließlich auch die Sensorgröße. Als Orientierung für das Kleinbild- beziehungsweise Vollformat werden häufig Brennweiten ab ungefähr 70 bis 85 mm dem Telebereich zugerechnet. Nikon nennt beispielsweise etwa 70–200 mm am FX-Format als typischen Telebereich.
Dabei gibt es sowohl Tele-Festbrennweiten, beispielsweise 85, 135 oder 300 mm, als auch Telezooms wie 70–200 oder 100–400 mm.
Streng genommen hat der Begriff „Teleobjektiv“ noch eine engere optische Bedeutung: Er bezeichnet eine Objektivkonstruktion, deren Tele-Bauweise eine lange Brennweite bei vergleichsweise kompakter Baulänge ermöglicht. Im fotografischen Alltag wird der Begriff jedoch meist allgemeiner für Objektive mit längerer Brennweite verwendet. Nikon unterscheidet diese optische Definition ebenfalls entsprechend.
Was macht die lange Brennweite?
Die Brennweite beeinflusst wesentlich, welchen Ausschnitt der Szene die Kamera erfasst. Vereinfacht gesagt gilt: Je länger die Brennweite, desto kleiner beziehungsweise enger wird der Bildwinkel. Canon zeigt diesen Zusammenhang beispielsweise von 14 bis 800 mm: Mit zunehmender Brennweite wird ein immer kleinerer Ausschnitt des Motivs erfasst.
Genau daraus entsteht die typische Wirkung eines Teleobjektivs. Ein weit entferntes Motiv kann einen großen Teil des Bildes einnehmen, ohne dass Du Dich ihm stark nähern musst.
Das ist bei einem scheuen Tier offensichtlich praktisch. Aber auch bei Porträts kann der größere Aufnahmeabstand angenehm sein. Du musst Deinem Gegenüber nicht mit der Kamera sehr nahe kommen und kannst trotzdem einen engen Bildausschnitt gestalten. Nikon nennt deshalb neben Natur- und Tierfotografie auch Porträt- und Produktfotografie als typische Einsatzbereiche mittlerer Telebrennweiten.
Teleobjektive und die Sache mit der Perspektive
Teleobjektiven wird häufig nachgesagt, sie würden die Perspektive „stauchen“. Vorder- und Hintergrund scheinen näher zusammenzurücken. Canon beschreibt diese typische Bildwirkung längerer Brennweiten als Kompressionseffekt.
Dabei steckt ein wichtiger Zusammenhang dahinter: Die Perspektive wird nicht allein durch die Brennweite bestimmt, sondern vor allem durch den Standort der Kamera.
Fotografierst Du ein Motiv zunächst mit einer kurzen und anschließend mit einer langen Brennweite vom exakt gleichen Standort, bekommst Du vor allem einen anderen Bildausschnitt. Die räumlichen Größenverhältnisse verändern sich dadurch nicht grundsätzlich.
In der Praxis gehst Du mit einem Teleobjektiv jedoch häufig weiter vom Motiv weg, um den gewünschten Ausschnitt zu erhalten. Dieser veränderte Aufnahmeabstand sorgt dafür, dass sich die Größenverhältnisse von Vorder- und Hintergrund weniger stark unterscheiden. Der Hintergrund erscheint dadurch im Verhältnis zum Hauptmotiv größer und scheinbar näher.
Das ist die eigentliche Ursache der oft als „Telekompression“ bezeichneten Bildwirkung.

Warum Teleobjektive Motive gut isolieren können
Eine weitere typische Eigenschaft vieler Teleaufnahmen ist die deutliche Trennung zwischen Hauptmotiv und Hintergrund.
Das liegt allerdings nicht einfach daran, dass ein Teleobjektiv automatisch „weniger Schärfentiefe“ erzeugt. Die Schärfentiefe hängt von mehreren Faktoren ab: Brennweite, Blende, Aufnahmeabstand und gewünschtem Abbildungsmaßstab spielen zusammen. Canon nennt entsprechend Brennweite, Blende und Aufnahmeentfernung als Einflussgrößen.
Hinzu kommt die Bildwirkung des engen Bildwinkels. Das Teleobjektiv nimmt nur einen relativ kleinen Ausschnitt des Hintergrunds auf. Ist dieser weit entfernt und unscharf, kann daraus eine sehr ruhige Bildfläche entstehen.
Gerade bei Porträts, Tieraufnahmen oder Details lässt sich ein Motiv deshalb mit einem Teleobjektiv sehr wirkungsvoll aus seiner Umgebung lösen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Stell Dir vor, Du möchtest einen Vogel auf einem Ast fotografieren.
Mit einem 35-mm-Objektiv am Vollformat ist der Vogel aus einigen Metern Entfernung nur ein kleiner Bestandteil des Bildes. Du könntest näher herangehen – allerdings möglicherweise nur so lange, bis der Vogel beschließt, dass Eure Fotosession beendet ist.
Mit beispielsweise 300 oder 400 mm kannst Du deutlich mehr Abstand halten und den Vogel trotzdem groß abbilden.
Gleichzeitig verändert sich Deine Bildgestaltung. Der enge Bildwinkel hilft Dir dabei, störende Bereiche außerhalb des Motivs auszublenden. Ein weiter entfernter Hintergrund kann zudem angenehm ruhig erscheinen.
Die lange Brennweite löst damit nicht nur das Problem der Entfernung. Sie gibt Dir auch andere Möglichkeiten, das Bild zu gestalten.
Wo liegen die Nachteile?
Die große fotografische Reichweite hat ihren Preis – und damit ist nicht nur der Kaufpreis gemeint.
Mit zunehmender Brennweite werden Verwacklungen stärker sichtbar. Deshalb brauchst Du häufig kürzere Belichtungszeiten. Eine optische oder kamerainterne Bildstabilisierung kann dabei helfen, Bewegungen der Kamera auszugleichen. Sie kann allerdings keine Bewegung des Motivs einfrieren.
Hinzu kommen praktische Aspekte. Besonders lichtstarke Superteleobjektive können groß und schwer sein. Bei längeren Fototouren macht es einen deutlichen Unterschied, ob ein kleines Standardobjektiv oder mehrere Kilogramm Kameraausrüstung getragen werden.
Auch das Finden und Verfolgen eines Motivs kann durch den engen Bildwinkel schwieriger werden. Wer zum ersten Mal versucht, einen schnell fliegenden Vogel mit 600 mm im Sucher zu behalten, merkt ziemlich schnell: Mehr Brennweite bedeutet nicht automatisch einfachere Fotografie.
Teleobjektiv, Telezoom und Telekonverter – was ist der Unterschied?
Ein Teleobjektiv besitzt selbst eine längere Brennweite. Das kann eine Festbrennweite oder ein Zoomobjektiv sein.
Ein Telezoom deckt mehrere Brennweiten innerhalb beziehungsweise bis hinein in den Telebereich ab, beispielsweise 70–200 mm oder 100–400 mm.
Ein Telekonverter dagegen ist ein zusätzliches optisches Element, das zwischen Kamera und kompatiblem Objektiv eingesetzt wird. Er verlängert die wirksame Brennweite des vorhandenen Objektivs. Dafür sinkt üblicherweise die verfügbare Lichtstärke. Nikon beschreibt Telekonverter entsprechend als optisches System zwischen Kameragehäuse und Objektiv zur Verlängerung der Brennweite.
Und ein digitaler Zoom ist noch einmal etwas anderes: Er verlängert die optische Brennweite überhaupt nicht, sondern verwendet lediglich einen kleineren Ausschnitt der vorhandenen Bildinformation.
Ein Teleobjektiv ist weit mehr als ein Werkzeug für Motive, an die Du nicht nah genug herankommst. Die lange Brennweite sorgt für einen engen Bildwinkel und ermöglicht dadurch eine sehr gezielte Auswahl des Bildausschnitts. Gleichzeitig führt der in der Praxis meist größere Aufnahmeabstand zu der charakteristischen räumlichen Wirkung, die wir mit Teleaufnahmen verbinden.
Ob Tierfotografie, Sport, Porträt, Landschaft oder Details: Ein Teleobjektiv kann Dir helfen, störende Umgebung auszublenden und den Blick stärker auf das eigentliche Motiv zu konzentrieren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie weit kann ich damit fotografieren?
Sondern eher: Welchen Ausschnitt und welche räumliche Wirkung möchte ich für mein Bild?


