Fotografie-Blog

William Klein – Wenn das perfekte Foto einfach zu langweilig ist

Manchmal ist ein Foto unscharf. Es ist körnig, der Kontrast ziemlich heftig, die Perspektive wirkt beinahe verzerrt und am Bildrand passiert etwas, das bei einer sorgfältigen Komposition vermutlich nicht dort gelandet wäre.

Normalerweise suchen wir dann nach dem Fehler.

Bei William Klein lohnt sich eine andere Frage: Was, wenn genau das die Stärke des Bildes ist?

Klein gehörte zu den Fotografen, die Vorstellungen davon, was ein „gutes“ Foto zu sein hatte, ziemlich gründlich durcheinanderbrachten. Seine Aufnahmen aus den Straßen von New York wirken laut, eng, hektisch und manchmal geradezu aggressiv. Menschen schauen nicht nur in seine Kamera – sie reagieren auf sie. Bewegungsunschärfe, grobes Korn und starke Kontraste verschwinden nicht aus seinen Bildern, sondern werden Teil ihrer Sprache.

Das Interessante daran ist allerdings nicht, dass Klein fotografische Regeln missachtete.

Interessant ist, warum seine Bilder trotzdem – oder gerade deshalb – funktionieren.

Von New York nach Paris

William Klein wurde 1926 in New York geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er nach Europa und ließ sich schließlich in Paris nieder. Dort studierte er unter anderem bei Fernand Léger und beschäftigte sich zunächst vor allem mit Malerei und abstrakter Kunst.

Das ist für seine spätere Fotografie wichtiger, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

Klein kam nämlich nicht aus einer klassischen fotografischen Ausbildung. Seine visuelle Welt wurde von Malerei, Grafik, Formen und Bewegung geprägt. Anfang der 1950er-Jahre experimentierte er mit abstrakter Fotografie und Fotogrammen. Fotografie war für ihn damit von Beginn an weniger ein Verfahren zur möglichst sauberen Wiedergabe der Wirklichkeit als ein Material, mit dem sich gestalten ließ.

William Klein, Cinémathèque française, Paris, 2008. Foto: Roman Bonnefoy / Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0.

Diese Haltung sollte später auch seine Straßen- und Modefotografie prägen.

1954 kehrte Klein nach New York zurück. Alexander Liberman, Art Director der amerikanischen Vogue, hatte ihn für das Magazin engagiert. Neben seiner Arbeit für Vogue begann Klein, seine Heimatstadt zu fotografieren.

Und dieses New York sah anders aus als vieles, was man damals von anspruchsvoller Fotografie gewohnt war.

Eine Stadt, die nicht stillhalten will

Kleins New York ist kein sauber geordnetes Porträt einer Metropole.

Die Stadt drängt sich geradezu in seine Bilder hinein.

Menschen stehen dicht vor der Kamera. Gesichter tauchen am Bildrand auf. Reklametafeln konkurrieren mit Passanten, Häusern, Autos und Straßenschildern. Manchmal scheint der gesamte Bildraum bis zum Rand gefüllt zu sein.

Klein arbeitete unter anderem mit Kleinbildkameras und Weitwinkelobjektiven. Er ging nah an die Menschen heran und machte aus dieser Nähe keinen Hehl. Körnung, Unschärfe und harte Kontraste, die leicht als technische Mängel verstanden werden konnten, wurden bei ihm zu Gestaltungsmitteln.

Entscheidend ist dabei die Nähe.

Street Photography wird gerne mit dem unsichtbaren Beobachter verbunden: Der Fotograf wartet auf den richtigen Augenblick, ohne die Szene merklich zu beeinflussen.

Klein arbeitete anders.

Er war häufig mitten im Geschehen und interagierte mit den Menschen vor seiner Kamera. Er versuchte nicht unbedingt, als Fotograf unsichtbar zu werden. Seine Anwesenheit konnte Teil der Situation und damit auch Teil des entstehenden Fotos werden.

Das verändert den Charakter seiner Bilder erheblich.

Wir betrachten die Straße nicht aus sicherer Entfernung.

Wir stehen mittendrin.

„Gun 1“ – wenn die Kamera Teil der Szene wird

Ein besonders bekanntes Beispiel dafür entstand 1955 in New York.

Auf dem Foto, das als „Gun 1, New York“ beziehungsweise auch als „Boy + Gun + Girl, New York“ bekannt ist, richtet ein Junge eine Spielzeugpistole direkt auf Klein und damit auf die Kamera. Sein Gesicht ist angespannt, die Waffe befindet sich erschreckend nah am Objektiv. Ein zweites Kind steht dahinter.

Das Bild besitzt eine enorme Unmittelbarkeit.

Gerade daran lässt sich ein wichtiger Unterschied zu einer rein beobachtenden Straßenfotografie erkennen: Die Kamera zeichnet hier nicht einfach eine unabhängig von ihr stattfindende Situation auf.

Sie gehört zur Situation.

Der Junge reagiert auf den Fotografen. Die Nähe des Fotografen beeinflusst das Bild. Und genau diese Reaktion wird zum eigentlichen Motiv.

Das macht Kleins Fotografie auch heute noch interessant. Sie erinnert daran, dass die Anwesenheit eines Fotografen eine Situation verändern kann – und dass diese Veränderung nicht zwangsläufig ein fotografischer Fehler sein muss.

Ein Fotobuch wie eine Großstadt

Aus seinen New Yorker Aufnahmen entstand eines der wichtigsten Projekte seiner Karriere: „Life is Good & Good for You in New York: Trance Witness Revels“, veröffentlicht 1956.

Amerikanische Verlage wollten das Buch zunächst nicht veröffentlichen. Es erschien schließlich zuerst in Europa. Klein entwickelte nicht nur die Fotografien, sondern prägte auch Auswahl, Gestaltung und Layout des Buches. 1957 wurde es mit dem französischen Prix Nadar ausgezeichnet.

Das Buch ist wichtig, weil bei Klein nicht nur das einzelne Foto zählt.

Auch die Abfolge der Bilder und ihre grafische Präsentation gehören zum Werk.

Hier merkt man wieder, dass Klein ebenso sehr Gestalter wie Fotograf war. Das Fotobuch ist nicht lediglich ein Behälter, in den fertige Fotografien einsortiert werden. Es wird selbst zum visuellen Ausdrucksmittel.

Nach New York widmete Klein weitere Bücher großen Städten, darunter Rom, Moskau und Tokio. Das Prinzip blieb dabei ähnlich: Er wollte eine Stadt nicht in eine Sammlung hübscher Sehenswürdigkeiten verwandeln, sondern sich auf ihre Menschen, ihre Zeichen, ihre Bewegung und ihre Widersprüche einlassen.

William Klein in Bildern

Kleins Fotografie lässt sich nur schwer allein mit Worten beschreiben. Gerade seine dichten Bildkompositionen, die Nähe zu den Menschen und das Zusammenspiel von Bewegung, Korn und Kontrast muss man eigentlich sehen.

Das folgende Video aus der Reihe „Great Photographers“ zeigt zahlreiche Arbeiten aus unterschiedlichen Phasen seines Schaffens. In der Abfolge der Fotografien wird besonders deutlich, wie konsequent Klein mit Nähe, Bewegung und scheinbarer Unordnung gearbeitet hat.

Das kontrollierte Chaos

Bei Kleins Bildern könnte leicht der Eindruck entstehen, man müsse nur möglichst nah herangehen, die Kamera etwas schief halten und ein wenig Unschärfe zulassen – schon habe man den typischen William-Klein-Look.

So einfach ist es natürlich nicht.

Denn Chaos allein ergibt noch kein interessantes Foto.

Klein kam aus der Malerei und der grafischen Gestaltung. Hinter der scheinbaren Unordnung seiner Bilder steckt ein ausgeprägtes Bewusstsein für Flächen, Kontraste, Bewegung und Bildrhythmus.

Dabei spielte auch der Zufall eine Rolle. Aber Klein überließ ihm nicht einfach die gesamte Fotografie.

Das ist ein spannender Gedanke.

Fotografie muss nicht bedeuten, sämtliche Bedingungen zu kontrollieren. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen etwas Unvorhergesehenes passieren darf – und anschließend schnell genug reagieren.

Vielleicht lässt sich Kleins Arbeitsweise deshalb besser als organisiertes Chaos verstehen.

Nicht alles im Bild ist geplant.

Aber der Fotograf ist bereit für das, was passiert.

Von der Straße zur Mode – und wieder zurück

Klein ausschließlich als Street Photographer zu betrachten, würde seinem Werk allerdings nicht gerecht.

Parallel arbeitete er viele Jahre als Modefotograf für Vogue. Auch dort brachte er Bewegung in ein Genre, das stark von kontrollierten Studiosituationen geprägt war. Models tauchten bei ihm mitten im Straßenleben auf oder wurden Teil ungewöhnlicher grafischer und fotografischer Inszenierungen.

Ein bekanntes Beispiel ist „Simone + Nina, Piazza di Spagna, Rome“ von 1960. Mode und städtischer Alltag befinden sich darin im selben Bildraum.

Klein behandelte die unterschiedlichen Bereiche seines Schaffens ohnehin nicht als streng voneinander getrennte Welten. Malerei, Grafik, Fotografie, Buchgestaltung und später Film beeinflussten sich gegenseitig.

Gerade diese Vielseitigkeit macht eine eindeutige Einordnung schwierig – und interessant.

Das International Center of Photography widmete ihm 2022 mit „William Klein: YES; Photographs, Paintings, Films, 1948–2013“ eine große Retrospektive mit Arbeiten aus rund sechs Jahrzehnten. Schon der Titel macht deutlich, wie wenig Klein auf die Rolle des Straßenfotografen reduziert werden kann.

Fotografie muss nicht perfekt aussehen, um präzise zu sein

Hier liegt für mich eine der interessantesten Seiten von William Klein.

Heute können unsere Kameras technische Probleme lösen, von denen Fotografen der 1950er-Jahre nur träumen konnten. Der Autofokus verfolgt Augen, hohe ISO-Werte liefern erstaunlich brauchbare Ergebnisse und eine moderne Bildstabilisierung kann Verwacklungen verhindern, bei denen früher kaum noch an eine scharfe Aufnahme zu denken gewesen wäre.

Das alles ist großartig.

Aber keine dieser Funktionen beantwortet die entscheidende Frage:

Wie soll sich mein Bild anfühlen?

Kleins Fotografien zeigen sehr deutlich, dass technische Perfektion und fotografische Wirkung zwei unterschiedliche Dinge sind.

Ein unscharfes Foto ist deshalb natürlich nicht automatisch ein gutes Foto. Körnung macht ein belangloses Motiv nicht interessant. Und ein schiefer Horizont verwandelt eine beliebige Straßenszene noch lange nicht in Street Photography.

Das wäre die falsche Lehre aus seinem Werk.

Die interessantere lautet:

Ein sogenannter technischer Fehler kann funktionieren, wenn er die Bildwirkung unterstützt.

Bewegungsunschärfe kann Bewegung spürbar machen. Grobes Korn kann eine Bildfläche zusammenhalten. Ein extremes Weitwinkel kann räumliche Nähe verstärken. Ein angeschnittener Mensch kann das Gefühl erzeugen, dass die Welt außerhalb des Bildrandes einfach weitergeht.

Dann ist die Abweichung von technischer Perfektion kein Selbstzweck.

Sie hat eine Aufgabe.

Was Du von William Klein ausprobieren kannst

Du musst Kleins Stil nicht imitieren, um etwas aus seiner Fotografie mitzunehmen.

Stell Dir beispielsweise vor, Du fotografierst auf einem belebten Straßenfest.

Du könntest am Rand stehen, ein Teleobjektiv verwenden und einzelne Situationen aus sicherer Entfernung herauslösen. Das kann sehr gute Bilder ergeben.

Du könntest aber auch bewusst eine andere Entscheidung treffen.

Nimm eine kurze Brennweite und bewege Dich näher an das Geschehen. Lass Menschen im Vordergrund auftauchen. Warte nicht darauf, dass der Hintergrund endlich ordentlich aussieht. Nutze Schilder, Gesichter, Bewegungen und Überschneidungen als Teil der Komposition.

Und wenn jemand auf Deine Kamera reagiert, muss damit das Foto nicht zwangsläufig verloren sein.

Plötzlich dokumentierst Du nicht nur, was dort passiert.

Das Bild kann vermitteln, wie es sich angefühlt hat, dort zu sein.

Natürlich gehört gerade bei der Street Photography ein respektvoller Umgang mit den fotografierten Menschen dazu. Nähe ist kein Freibrief. Auch darin unterscheidet sich unsere heutige Auseinandersetzung mit historischen Vorbildern vom bloßen Nachahmen ihrer Arbeitsweise.

Nicht den Fehler kopieren, sondern die Freiheit verstehen

An William Kleins Fotografien gefallen mir weniger die offensichtlichen Stilmerkmale als die Haltung dahinter.

Denn man könnte seine Bilder leicht auf ein Rezept reduzieren:

Weitwinkel, Schwarzweiß, Korn, hoher Kontrast, Nähe, etwas Bewegungsunschärfe – fertig ist William Klein.

Nur würde dabei gerade das verloren gehen, was seine Arbeit spannend macht.

Klein entwickelte seine Bildsprache aus einer bestimmten Situation, seiner künstlerischen Herkunft und seiner eigenen Art, auf die moderne Großstadt zu reagieren. Er kopierte keinen „Street-Look“. Er suchte nach einer visuellen Sprache für das, was ihn umgab.

Genau darin liegt für mich der zeitgemäße Gedanke.

Wir verfügen heute über Kameras, Objektive, Filmsimulationen, Presets und Bearbeitungsprogramme, mit denen sich beinahe jeder historische Look überzeugend nachbauen lässt.

Die spannendere Frage ist aber nicht:

Wie bekomme ich meine Bilder dazu, wie William Klein auszusehen?

Sondern:

Wie finde ich eine Bildsprache, die zu dem passt, was ich selbst zeigen möchte?

William Klein starb 2022 in Paris. Sein Werk lässt sich kaum auf Street Photography reduzieren: Er war Maler, Fotograf, Grafiker, Buchgestalter und Filmemacher und bewegte sich immer wieder zwischen diesen Bereichen.

Für die Fotografie bleibt vor allem seine Bereitschaft wichtig, Vorstellungen von technischer und gestalterischer Korrektheit infrage zu stellen.

Nicht, weil Regeln grundsätzlich schlecht wären.

Und auch nicht, weil Unschärfe interessanter wäre als Schärfe.

Sondern weil ein Foto am Ende nicht dafür da ist, zu beweisen, dass die Kamera korrekt bedient wurde.

Es soll etwas zeigen, erzählen oder spürbar machen.

Und manchmal darf es dafür sogar ein bisschen unordentlich werden.


Quellen und weiterführende Informationen

Beitragsbild mit KI erstellt – Das eigens für diesen Beitrag erstellte Schwarzweißmotiv greift nicht eines von Kleins historischen Fotos auf, sondern übersetzt einige der Themen des Artikels visuell: Nähe, Großstadt, Weitwinkel, Kontrast und die unmittelbare Präsenz des Fotografen.

International Center of Photography (ICP)
Biografische Informationen zu William Klein, seinem fotografischen Werk sowie zur Retrospektive William Klein: YES; Photographs, Paintings, Films, 1948–2013.

Centre Pompidou, Paris
Informationen zu Kleins Fotografie, Film, Malerei und seiner multidisziplinären Arbeitsweise.

National Gallery of Art, Washington
Sammlung mit Arbeiten William Kleins, darunter Boy + Gun + Girl, New York sowie weitere Fotografien aus seinem Werk.

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