Vinyl-Lexikon

Mikrorille

Wer heute eine Schallplatte auflegt, denkt bei der feinen spiralförmigen Rille wahrscheinlich kaum darüber nach, wie entscheidend ihre Größe für die Geschichte der Vinylplatte war. Genau hier kommt die Mikrorille ins Spiel.

Sie machte es möglich, deutlich mehr Musik auf einer Schallplattenseite unterzubringen als bei den älteren Schellackplatten. Ohne sie wären die klassische LP und damit das Musikalbum in seiner vertrauten Form kaum denkbar.

Definition: Was ist eine Mikrorille?

Als Mikrorille bezeichnet man die besonders fein geschnittene Schallplattenrille, die sich ab Ende der 1940er-Jahre mit der Langspielplatte etablierte.

Das Prinzip unterscheidet sich dabei nicht grundsätzlich von älteren Schallplatten: Die Schallinformation wird mechanisch in einer spiralförmigen Rille gespeichert. Beim Abspielen folgt die Abtastnadel dieser Rille. Ihre Bewegungen werden vom Tonabnehmer in ein elektrisches Signal umgewandelt und anschließend verstärkt.

Der entscheidende Unterschied liegt in den wesentlich kleineren Abmessungen der Rille.

Dadurch können die einzelnen Rillenumläufe enger nebeneinanderliegen – und auf derselben Plattenfläche lässt sich erheblich mehr Musik speichern.

Wie funktioniert die Mikrorille?

Eine Schallplatte besitzt keine einzelnen kreisförmigen Rillen für jedes Musikstück. Tatsächlich handelt es sich um eine lange Spirale, die von außen nach innen verläuft.

Bei einer Mikrorillenplatte liegen die einzelnen Windungen dieser Spirale vergleichsweise dicht nebeneinander.

Das allein reicht allerdings noch nicht aus.

Ein zweiter wichtiger Faktor ist die Drehzahl. Die klassische Langspielplatte läuft mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Gegenüber einer mit 78 Umdrehungen pro Minute abgespielten Schellackplatte bewegt sich die Rille damit langsamer unter der Nadel hindurch.

Feinere Rillen, geringere Drehzahl und eine entsprechend angepasste Aufzeichnung ermöglichten zusammen deutlich längere Spielzeiten.

Genau deshalb konnte aus einer Schallplatte ein echtes Langspielformat werden.

Von der Normalrille zur Mikrorille

Vor der Verbreitung der Vinyl-LP dominierten Schellackplatten, die üblicherweise mit 78 Umdrehungen pro Minute abgespielt wurden.

Ihre Rillen waren deutlich breiter. Entsprechend benötigte auch die Abtastnadel eine größere Verrundung. Zusammen mit der hohen Drehzahl führte das dazu, dass auf einer Plattenseite nur vergleichsweise wenige Minuten Musik Platz fanden.

Mit der 1948 von Columbia Records vorgestellten Langspielplatte änderte sich das grundlegend.

Die Mikrorille erlaubte eine wesentlich dichtere Speicherung der Musikinformation. In Verbindung mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute waren nun Spielzeiten möglich, die sich für längere klassische Werke und schließlich für komplette Musikalben eigneten.

Auch die später verbreitete 45-U/min-Single nutzt Mikrorillen.

Mono und Stereo

Die Mikrorille ist nicht automatisch eine Stereorille.

Frühe LPs waren zunächst Mono-Schallplatten. Vereinfacht gesagt wird die Musikinformation dabei durch seitliche Auslenkungen der Rille gespeichert.

Mit der Stereo-Schallplatte kam Ende der 1950er-Jahre das sogenannte 45/45-Verfahren hinzu. Dabei werden die beiden Stereokanäle über Bewegungen in den beiden Rillenflanken aufgezeichnet.

Die grundsätzliche Mikrorillen-Technik blieb erhalten, die gespeicherte Information wurde jedoch komplexer.

Das ist auch der Grund, weshalb die Wahl der richtigen Abtastnadel bei historischen Schallplatten eine Rolle spielen kann.

Praxis: Warum ist die Mikrorille heute noch wichtig?

Bei einer modernen LP musst Du Dir über den Begriff Mikrorille normalerweise keine Gedanken machen. Dein Plattenspieler und ein üblicher Tonabnehmer für Vinylplatten sind dafür ausgelegt.

Interessant wird das Thema vor allem, wenn Du ältere Schallplatten abspielen möchtest.

Eine alte 78-U/min-Schellackplatte besitzt normalerweise eine wesentlich breitere Rille als eine Vinyl-LP. Eine moderne Mikrorillen-Nadel ist deshalb nicht automatisch die richtige Wahl für solche Platten.

Umgekehrt sollte eine grobe Abtastnadel für alte Normalrillen nicht einfach auf einer modernen Vinylplatte verwendet werden.

Die Rillenform und die dafür vorgesehene Nadel müssen zueinander passen.

Vorteile und Nachteile der Mikrorille

Vorteile

Die feinere Rille ermöglicht deutlich längere Spielzeiten auf einer Schallplattenseite. Dadurch wurde die LP als Träger kompletter Musikprogramme überhaupt erst praktikabel. Gleichzeitig arbeitet die Mikrorille mit wesentlich feineren mechanischen Strukturen, die eine hochwertige Musikwiedergabe ermöglichen.

Nachteile

Gerade diese feinen Strukturen machen die Schallplatte empfindlich gegenüber Verschmutzungen, Beschädigungen und ungeeigneten Abtastnadeln. Staub und Ablagerungen können die Abtastung beeinträchtigen, während falsche oder beschädigte Nadeln sowohl den Klang als auch die Rille negativ beeinflussen können.

Eine Mikrorille verlangt deshalb nach einer präziseren Abtastung als die deutlich gröberen Rillen historischer Schellackplatten.

Die Mikrorille klingt zunächst nach einem unscheinbaren technischen Detail. Tatsächlich gehört sie zu den entscheidenden Entwicklungen der Schallplattengeschichte.

Durch die feinere Rillenstruktur ließ sich erheblich mehr Musik auf einer Platte speichern. Zusammen mit der niedrigeren Drehzahl der LP entstanden Spielzeiten, die aus der Schallplatte mehr machten als einen Tonträger für wenige Minuten Musik.

Und genau darin liegt ihre eigentliche Bedeutung: Die Mikrorille schuf die technische Grundlage dafür, dass aus einzelnen aufgenommenen Musikstücken ganze Alben auf einer Schallplatte werden konnten.

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