1 A B C D E G H I L M P Q W
Ge Go

Gegenlicht

Wenn das Licht von vorne kommt

Gegenlicht gehört zu den Lichtsituationen, die beim Fotografieren zunächst ein wenig widersprüchlich wirken. Normalerweise achten wir darauf, dass unser Motiv gut beleuchtet wird. Beim Gegenlicht befindet sich die wichtigste Lichtquelle dagegen hinter dem Motiv und scheint mehr oder weniger in Richtung Kamera.

Das macht die Belichtung anspruchsvoller. Gleichzeitig eröffnet genau diese Lichtsituation besondere gestalterische Möglichkeiten: leuchtende Blätter, feine Lichtkanten in Haaren, markante Silhouetten oder eine Landschaft, die im tief stehenden Sonnenlicht beinahe transparent wirkt.

Gegenlicht ist deshalb weniger ein Problem, das Du vermeiden musst, als vielmehr eine Lichtsituation, die Du verstehen solltest.

Definition: Was ist Gegenlicht?

Von Gegenlicht spricht man in der Fotografie, wenn sich die Hauptlichtquelle hinter dem Motiv befindet und in Richtung Kamera leuchtet. Die Kamera blickt damit zumindest annähernd der Lichtquelle entgegen.

Die Lichtquelle muss dabei nicht zwangsläufig die Sonne sein. Gegenlicht kann ebenso durch eine Lampe, ein Fenster, einen Blitz oder eine andere künstliche Lichtquelle entstehen.

Entscheidend ist die Richtung des Lichts: Das Motiv wird überwiegend von hinten beleuchtet, während die der Kamera zugewandte Seite vergleichsweise wenig direktes Licht erhält.

Was passiert bei Gegenlicht?

Fotografisch interessant wird Gegenlicht vor allem durch den großen Helligkeitsunterschied innerhalb des Motivs.

Stell Dir ein Porträt bei tief stehender Sonne vor. Die Sonne befindet sich hinter der fotografierten Person. Himmel und Sonnenlicht können sehr hell sein, während das Gesicht im Schatten liegt.

Die Kamera muss nun eine Szene erfassen, in der gleichzeitig sehr helle und deutlich dunklere Bereiche vorkommen. Gerade solche kontrastreichen Situationen stellen die Belichtung vor eine Herausforderung.

Dabei gibt es nicht die eine „richtige“ Belichtung. Entscheidend ist vielmehr, wie das fertige Bild aussehen soll.

Belichtest Du so, dass der helle Hintergrund möglichst viel Zeichnung behält, kann das Motiv sehr dunkel werden. Das lässt sich bewusst nutzen, um eine Silhouette zu erzeugen.

Soll dagegen beispielsweise bei einem Porträt das Gesicht deutlich erkennbar bleiben, muss die Belichtung stärker auf das Motiv abgestimmt werden. Je nach Helligkeitsunterschied können dabei sehr helle Bereiche im Hintergrund ihre Zeichnung verlieren. Alternativ lässt sich die Schattenseite des Motivs beispielsweise mit einem Reflektor oder zusätzlichem Licht aufhellen. Ein Reflektor kann dafür bereits ausreichen, ohne dass gleich ein kräftiger Blitz eingesetzt werden muss.

Moderne Kameras bieten zwar einen großen Dynamikumfang und RAW-Dateien geben bei der späteren Bearbeitung zusätzlichen Spielraum. Den Helligkeitsumfang einer Szene können sie jedoch nicht beliebig erweitern. Deshalb bleibt die Entscheidung wichtig, welche Bildbereiche für Deine Aufnahme entscheidend sind.

Warum Gegenlicht gestalterisch so interessant ist

Die eigentliche Stärke des Gegenlichts liegt weniger in der Technik als in seiner Bildwirkung.

Durchscheinende Motive profitieren besonders davon. Blätter, Blüten, Gräser oder feine Haare können regelrecht aufleuchten, weil das Licht sie von hinten durchdringt oder an ihren Konturen sichtbar wird. Auch Nikon nennt durchscheinende Motive und Silhouetten als typische Einsatzmöglichkeiten für Gegenlicht.

Bei Porträts kann sich eine helle Lichtkante um Haare oder Kleidung bilden. In der Landschaftsfotografie erzeugt tief stehendes Gegenlicht häufig eine räumliche und atmosphärische Wirkung. Staub, Nebel oder feuchte Luft werden plötzlich sichtbar, weil die darin schwebenden Partikel das Licht streuen.

Und manchmal ist gerade die Reduktion interessant: Wird das Motiv zur dunklen Silhouette, verschwinden Oberflächen und Details. Übrig bleiben Form und Kontur.

Gegenlicht verändert deshalb nicht nur die Belichtung. Es verändert, welche Eigenschaften eines Motivs überhaupt sichtbar werden.

Gegenlicht, Streulicht und Lens Flares

Im Zusammenhang mit Gegenlicht tauchen häufig Begriffe wie Streulicht, Flare oder Blendenreflexe auf. Sie beschreiben jedoch nicht dasselbe wie Gegenlicht.

Gegenlicht bezeichnet zunächst lediglich die Richtung beziehungsweise Anordnung des Lichts.

Streulicht und Reflexionen können dagegen entstehen, wenn starkes Licht direkt oder seitlich in das Objektiv gelangt und innerhalb des optischen Systems reflektiert oder gestreut wird. Dadurch können Teile des Bildes aufgehellt und kontrastärmer erscheinen. Ebenso können sichtbare Reflexe entstehen. Nikon weist darauf hin, dass zusätzliche Filter vor dem Objektiv solche Reflexionen begünstigen können, weil weitere Glasflächen hinzukommen. Moderne Objektivkonstruktionen und Vergütungen sollen diese Effekte reduzieren.

Eine Streulichtblende kann helfen, seitlich einfallendes störendes Licht vom Objektiv fernzuhalten. Befindet sich die Lichtquelle allerdings direkt im Bild, kann sie dieses Licht naturgemäß nicht abschirmen.

Interessant ist dabei: Lens Flares müssen nicht automatisch Bildfehler sein. Bewusst eingesetzt können sie Teil der Bildgestaltung werden. Ob ein Reflex stört oder die Lichtstimmung unterstützt, entscheidet letztlich das Bild.

Gegenlicht in der Praxis

Stell Dir vor, Du fotografierst an einem Spätsommerabend auf einer Wiese. Die Sonne steht bereits tief und befindet sich hinter einigen Gräsern.

Fotografierst Du mit der Sonne im Rücken, werden die Gräser von vorne beleuchtet. Farben und Oberflächen sind deutlich sichtbar.

Nun gehst Du auf die andere Seite.

Plötzlich verändert sich die Szene. Die dünnen Halme und Samenstände beginnen an ihren Rändern zu leuchten. Kleine Spinnweben, die vorher kaum aufgefallen sind, werden sichtbar. Gleichzeitig wird der Hintergrund sehr hell und die Vorderseite der Gräser deutlich dunkler.

Jetzt lohnt es sich, nicht sofort nach einer vermeintlich perfekten Belichtung zu suchen. Überlege zuerst, was Dich an dieser Lichtsituation interessiert.

Soll die feine Struktur der Gräser sichtbar bleiben? Dann darf das Motiv nicht zu dunkel werden. Soll dagegen hauptsächlich die Form wirken, kannst Du knapper belichten und daraus eine Silhouette machen.

Auch Deine Position spielt eine erstaunlich große Rolle. Schon eine kleine Bewegung kann dazu führen, dass die Sonne vollständig sichtbar wird, teilweise hinter einem Motiv verschwindet oder gerade außerhalb des Bildausschnitts liegt. Dadurch können sich Kontrast, Reflexe und die gesamte Bildwirkung deutlich verändern. Nikon empfiehlt bei Gegenlicht deshalb ausdrücklich, mit Aufnahmewinkel und Position der Lichtquelle zu experimentieren.

Gegenlicht ist damit ein schönes Beispiel dafür, dass Fotografieren nicht nur aus Kameraeinstellungen besteht. Manchmal verändert ein kleiner Schritt mit der Kamera mehr als eine ganze Reihe von Menüeinstellungen.

Muss Gegenlicht immer vermieden werden?

Nein.

Die Vorstellung, Gegenlicht grundsätzlich vermeiden zu müssen, stammt vor allem aus der berechtigten Sorge vor sehr hohen Kontrasten, Streulicht und unerwünschten Reflexionen. Technisch kann Gegenlicht tatsächlich anspruchsvoll sein.

Gestalterisch wäre es jedoch schade, deshalb darauf zu verzichten.

Silhouetten, leuchtende Konturen, transparente Blätter, sichtbare Lichtstrahlen oder bewusst eingesetzte Reflexe leben gerade von dieser Beleuchtungsrichtung. Gegenlicht kann sogar bei hartem Sonnenlicht bewusst als Gestaltungsmittel eingesetzt werden.

Die sinnvollere Frage lautet deshalb nicht:

Wie vermeide ich Gegenlicht?

Sondern:

Welche Wirkung möchte ich mit diesem Licht erzielen?

Abgrenzung: Gegenlicht und Streiflicht

Gegenlicht wird gelegentlich mit anderen Lichtarten verwechselt.

Beim Gegenlicht kommt die Hauptlichtquelle aus Richtung hinter dem Motiv und leuchtet zur Kamera.

Beim Streiflicht fällt das Licht dagegen sehr flach beziehungsweise seitlich über eine Oberfläche. Dadurch werden Strukturen, Unebenheiten und Texturen besonders deutlich sichtbar.

Beide Lichtarten können dramatisch wirken, tun dies aber aus unterschiedlichen Gründen: Gegenlicht betont häufig Konturen, Transparenz und Silhouetten, während Streiflicht vor allem Oberflächenstrukturen hervorheben kann.

Gegenlicht ist eine Lichtsituation, bei der sich die Hauptlichtquelle hinter dem Motiv befindet und in Richtung Kamera leuchtet. Dadurch entstehen häufig große Helligkeitsunterschiede, die bei der Belichtung etwas mehr Aufmerksamkeit verlangen.

Genau darin liegt aber auch das gestalterische Potenzial.

Gegenlicht kann Formen reduzieren, Konturen hervorheben, transparente Motive zum Leuchten bringen und einer Aufnahme eine ganz eigene Atmosphäre verleihen. Streulicht und Reflexionen können dabei störend sein – müssen es aber nicht.

Wenn Du Gegenlicht nicht grundsätzlich als technischen Fehler betrachtest, sondern als Gestaltungsmöglichkeit, wird aus einer schwierigen Lichtsituation schnell ein sehr interessantes fotografisches Werkzeug.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Zeige mir, dass du ein Mensch bist: