Bertillonage

Die Bertillonage ist ein von Alphonse Bertillon (1853–1914) entwickeltes Identifizierungsverfahren, das ab den 1880er-Jahren bei Polizeibehörden weltweit eingesetzt wurde. Es kombinierte standardisierte Fotografien, anthropometrische Körpermessungen und eine detaillierte Beschreibung äußerer Merkmale. Die Bertillonage gilt als einer der wichtigsten Meilensteine in der Geschichte der Kriminalfotografie und der biometrischen Identifizierung.

Entstehung

Als Mitarbeiter der Pariser Polizeipräfektur suchte Alphonse Bertillon nach einer zuverlässigen Methode, Wiederholungstäter eindeutig zu identifizieren. Namen konnten leicht geändert werden, doch Körpermaße und charakteristische Merkmale schienen dauerhaft und individuell zu sein.

Zwischen 1879 und 1882 entwickelte Bertillon deshalb ein System, das verschiedene Messwerte des Körpers – etwa Kopflänge, Armlänge oder Fußgröße – mit einer standardisierten fotografischen Dokumentation verband. 1883 gelang ihm erstmals die Identifizierung eines rückfälligen Straftäters mithilfe dieses Verfahrens.

Die Rolle der Fotografie

Für die Fotografie war die Bertillonage von besonderer Bedeutung, da sie erstmals verbindliche Standards für Personenaufnahmen definierte.

Typische Merkmale waren:

  • Frontalaufnahme und rechtes Profil
  • einheitlicher Bildausschnitt
  • konstante Beleuchtung
  • identischer Kamerastandpunkt
  • neutrale Körperhaltung und Mimik

Diese standardisierten Aufnahmen bilden den Ursprung des heutigen Polizeifotos („Mugshot„), das bis heute nach ähnlichen Grundprinzipien erstellt wird.

Bestandteile der Bertillonage

Das vollständige System setzte sich aus vier Elementen zusammen:

  • standardisierte Porträtfotografie
  • anthropometrische Vermessung des Körpers
  • detaillierte Beschreibung äußerer Merkmale („Portrait parlé“)
  • systematische Kartei zur Wiederauffindung der Daten

Erst die Kombination aller Bestandteile sollte eine möglichst eindeutige Identifizierung ermöglichen.

Warum wurde die Bertillonage ersetzt?

Obwohl das Verfahren für seine Zeit äußerst fortschrittlich war, hatte es einige Nachteile:

  • hoher Zeitaufwand
  • aufwendige und präzise Vermessung
  • geschultes Personal erforderlich
  • Messfehler konnten zu falschen Ergebnissen führen

Mit der Einführung der Daktyloskopie (Fingerabdruckverfahren) um die Jahrhundertwende setzte sich eine deutlich einfachere und zuverlässigere Identifizierungsmethode durch. Bis etwa 1920 war die Bertillonage in den meisten Ländern weitgehend ersetzt.

Bedeutung für die Fotografie

Auch wenn das eigentliche Identifizierungssystem heute keine praktische Rolle mehr spielt, hat die Bertillonage die Fotografie nachhaltig beeinflusst. Sie etablierte die Idee, Bilder nach festen technischen Standards aufzunehmen, um sie objektiv vergleichen zu können. Dieses Prinzip findet sich heute unter anderem in der Polizeifotografie, der forensischen Dokumentation und der biometrischen Gesichtserkennung wieder.

Die Bertillonage markiert damit den Übergang von der Fotografie als bloßem Abbild zu einem wissenschaftlich eingesetzten Dokumentationswerkzeug.

Die Bertillonage war das erste international verbreitete System, das Fotografie, Körpermessungen und Personenbeschreibung zu einer standardisierten Identifizierungsmethode verband. Zwar wurde sie später vom Fingerabdruckverfahren verdrängt, ihre fotografischen Standards wirken jedoch bis heute in der Kriminalistik und forensischen Fotografie nach.

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