Alphonse Bertillon, er revolutionierte die Kriminalfotografie mit der Bertillonage
Alphonse Bertillon (*22. April 1853 in Paris; † 13. Februar 1914) war ein französischer Kriminalist, Anthropologe und Pionier der kriminaltechnischen Personenidentifizierung. Er entwickelte mit der Bertillonage das erste systematische Verfahren zur Identifizierung von Straftätern anhand körperlicher Merkmale und prägte zugleich die moderne Polizeifotografie. Seine standardisierten Frontal- und Profilaufnahmen gelten als Vorläufer des bis heute verwendeten Mugshots.
Leben
Alphonse Bertillon wurde in eine wissenschaftlich geprägte Familie geboren. Sein Vater Louis-Adolphe Bertillon war Arzt, Statistiker und Anthropologe. Nach einer wenig erfolgreichen Schulzeit trat Bertillon 1879 als einfacher Schreiber in die Pariser Polizeipräfektur ein. Dort erkannte er schnell die Schwächen der damaligen Personenidentifizierung: Namen konnten gefälscht werden und Fotografien waren weder einheitlich noch systematisch archiviert.
Diese Probleme motivierten ihn, ein wissenschaftlich fundiertes Identifikationssystem zu entwickeln.
Die Bertillonage
Ab 1883 führte die Pariser Polizei Bertillons anthropometrisches Identifikationssystem ein, das später als Bertillonage bekannt wurde.
Das Verfahren kombinierte mehrere Merkmale:
- elf standardisierte Körpermaße (z. B. Körpergröße, Armlänge, Kopflänge)
- detaillierte Beschreibung von Augen, Nase, Ohren und weiteren Gesichtsmerkmalen
- Erfassung besonderer Kennzeichen wie Narben oder Tätowierungen
- standardisierte Frontal- und Profilfotografien
Durch diese Kombination sollte jede Person eindeutig identifiziert werden. Bereits im ersten Jahr konnten zahlreiche Rückfalltäter eindeutig erkannt werden, wodurch sich das Verfahren international verbreitete. Polizeibehörden in Europa und Nordamerika übernahmen das System innerhalb weniger Jahre.

Bedeutung für die Fotografie
Für die Geschichte der Fotografie ist Bertillon von besonderer Bedeutung.
Er erkannte, dass Vergleichsfotografien nur dann sinnvoll sind, wenn sie nach festen Regeln entstehen. Deshalb legte er genaue Vorgaben für:
- Kameraposition
- Beleuchtung
- Aufnahmeabstand
- Blickrichtung
- Bildausschnitt
fest. Daraus entwickelte sich die bis heute bekannte Kombination aus Frontal- und Profilaufnahme, die weltweit in der Polizeifotografie verwendet wird.
Ebenso führte Bertillon standardisierte Tatortfotografien ein. Er dokumentierte Tatorte möglichst unverändert und entwickelte die sogenannte metrische Fotografie, bei der Maßstäbe und Gittersysteme eine exakte Rekonstruktion der Situation ermöglichten. Damit legte er wesentliche Grundlagen der modernen kriminalistischen Fotodokumentation.
Konkurrenz durch den Fingerabdruck
Obwohl die Bertillonage viele Jahre erfolgreich war, zeigte sich mit zunehmender Praxis ihr größter Nachteil: Die Körpermessungen waren zeitaufwendig und erforderten gut geschultes Personal. Bereits kleine Messfehler konnten zu falschen Ergebnissen führen.
Parallel entwickelte sich die Daktyloskopie (Fingerabdruckverfahren), die einfacher, schneller und zuverlässiger war. Ironischerweise gelang Bertillon selbst 1902 eine der ersten Identifizierungen eines Straftäters anhand eines Fingerabdrucks in Europa, obwohl er der neuen Methode lange skeptisch gegenüberstand. Im frühen 20. Jahrhundert ersetzte die Daktyloskopie die Bertillonage nahezu vollständig.
Vermächtnis
Auch wenn sein anthropometrisches Messsystem heute keine praktische Bedeutung mehr besitzt, wirken viele seiner Ideen bis heute fort.
Zu seinen bleibenden Leistungen gehören:
- Einführung standardisierter Polizeifotografien
- Entwicklung des klassischen Frontal- und Profilporträts (Mugshot)
- Systematische Tatortfotografie
- Strukturierte kriminalistische Personenarchive
- Wichtige Impulse für die wissenschaftliche Kriminaltechnik
Alphonse Bertillon gilt deshalb als einer der Wegbereiter der modernen Forensik und der kriminalistischen Fotografie.
Bedeutung für Fotografen
Für Fotografen ist Bertillon vor allem deshalb interessant, weil er die Fotografie erstmals konsequent als wissenschaftliches Dokumentationsmittel einsetzte. Seine Forderung nach reproduzierbaren Aufnahmebedingungen beeinflusste nicht nur die Polizeiarbeit, sondern auch Bereiche wie Medizin, Archäologie und technische Dokumentation. Seine Arbeiten zeigen eindrucksvoll, dass Fotografien nicht nur künstlerische Werke, sondern auch objektive Beweismittel sein können.


