Warum klingen manche Neuauflagen schlechter als das Original?
Wer Schallplatten sammelt, kennt die Situation: Man freut sich auf die frisch veröffentlichte Neuauflage eines Lieblingsalbums, legt sie voller Erwartung auf den Plattenspieler – und stellt fest, dass sie nicht so lebendig, dynamisch oder räumlich klingt wie eine ältere Pressung. Dabei ist die Platte neu, sauber gefertigt und oft sogar deutlich teurer als das Original.
Doch woran liegt das? Sind alte Pressungen grundsätzlich besser oder steckt mehr dahinter?
Nicht jede Neuauflage entsteht vom Original-Masterband
Der wichtigste Faktor ist das verwendete Ausgangsmaterial. Idealerweise wird eine Schallplatte direkt vom originalen analogen Masterband geschnitten. Genau das ist jedoch längst nicht immer möglich.
Manche Masterbänder sind beschädigt, verloren gegangen oder befinden sich in Archiven, auf die Labels keinen Zugriff mehr haben. Stattdessen werden digitale Kopien oder bereits bearbeitete Produktionsmaster verwendet. Je nach Qualität dieser Quelle kann sich das deutlich auf den Klang auswirken.
Besonders hochwertige Labels wie Analogue Productions, Mobile Fidelity, Speakers Corner oder Intervention Records werben deshalb ausdrücklich damit, von den Originalbändern oder hochwertigen Kopien zu arbeiten.
Das Loudness-War-Problem macht auch vor Vinyl nicht halt
Viele Alben werden heute zunächst für Streaming und CD gemastert. Dort spielt eine hohe Lautheit häufig eine größere Rolle als maximale Dynamik.
Wird genau dieses digitale Master ohne Anpassung für Vinyl verwendet, entstehen Probleme. Eine Schallplatte benötigt andere technische Voraussetzungen als eine digitale Datei. Übermäßig komprimierte Aufnahmen wirken auf Vinyl oft flach, angestrengt und verlieren ihre natürliche Räumlichkeit.
Eine speziell für Vinyl erstellte Masterfassung kann dagegen deutlich offener und musikalischer klingen.
Moderne Technik ist nicht automatisch schlechter
Oft hört man die Aussage, dass digitale Zwischenschritte grundsätzlich den Klang verschlechtern. So einfach ist es allerdings nicht.
Ein hochwertiger Transfer in 24 Bit und hoher Abtastrate kann praktisch verlustfrei erfolgen. Entscheidend ist vielmehr, wie sorgfältig gemastert und geschnitten wurde. Eine hervorragend produzierte digitale Neuauflage kann besser klingen als eine schlecht hergestellte Originalpressung.
Es kommt also weniger auf „analog oder digital“ an als auf die Qualität der gesamten Produktionskette.
Auch das Presswerk spielt eine große Rolle
Selbst ein perfektes Master nützt wenig, wenn die Pressung mangelhaft ist.
Zu den häufigsten Problemen gehören:
- Nebengeräusche und Knistergeräusche
- Verzogene Schallplatten
- Exzentrische Pressungen
- Unsaubere Zentrierung
- Oberflächenfehler
In den vergangenen Jahren haben viele Presswerke massiv ihre Kapazitäten erweitert. Gleichzeitig fehlt es teilweise an erfahrenem Personal. Zwar entstehen heute viele hervorragende Pressungen, doch die Qualitätsunterschiede zwischen einzelnen Werken sind teilweise erheblich.
Das Original profitiert oft vom Zeitgeist
Viele legendäre Alben wurden unmittelbar nach ihrer Produktion geschnitten. Die Toningenieure arbeiteten mit den Künstlern zusammen und wussten genau, wie das Album klingen sollte.
Eine Neuauflage entsteht dagegen häufig Jahrzehnte später – von anderen Ingenieuren, mit anderer Technik und teilweise einer anderen klanglichen Philosophie. Das Ergebnis muss deshalb nicht zwangsläufig schlechter sein, klingt aber oft anders als die ursprüngliche Veröffentlichung.
Nicht jede Erstpressung ist automatisch die beste
Unter Sammlern gelten Erstpressungen häufig als das Maß aller Dinge. Tatsächlich trifft das aber nicht immer zu.
Gerade in den letzten Jahren sind zahlreiche exzellente Neuauflagen erschienen, die sorgfältig remastert und auf höchstem Niveau produziert wurden. Manche übertreffen klanglich sogar ältere Pressungen, insbesondere wenn diese damals unter Zeitdruck oder mit verschlissenen Bändern entstanden sind.
Deshalb lohnt sich ein Blick auf:
- das verwendete Masterband
- den Mastering-Ingenieur
- das Presswerk
- Erfahrungsberichte anderer Käufer
Ob eine Neuauflage besser oder schlechter klingt als das Original, lässt sich nicht pauschal beantworten. Entscheidend sind die verwendete Quelle, das Mastering, der Vinylschnitt und die Qualität der Pressung.
Eine günstige Neuauflage, die lediglich von einem digitalen Standard-Master produziert wurde, kann tatsächlich hinter einer guten Originalpressung zurückbleiben. Gleichzeitig gibt es heute audiophile Neuauflagen, die mit enormem Aufwand entstehen und klanglich zu den besten Versionen eines Albums gehören.
Deshalb lohnt es sich, vor dem Kauf etwas genauer hinzusehen. Wer sich über Mastering, Presswerk und Herkunft der Aufnahme informiert, wird deutlich häufiger mit einer Schallplatte belohnt, die nicht nur neu aussieht, sondern auch hervorragend klingt.


