Vinyl-Blog

75 Jahre Langspielplatte in Deutschland – als die Musik mehr Platz bekam

Es sind nur zwei Zahlen: 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Heute gehören sie so selbstverständlich zur Schallplatte wie die Rille selbst. Wer eine LP auf den Plattenteller legt, stellt darüber kaum noch Überlegungen an. Vor 75 Jahren war das anders.

Am 31. August 1951 begann in Düsseldorf die Deutsche Musikmesse. Dort präsentierte die Deutsche Grammophon Gesellschaft ihre neuen Langspielplatten mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute – und brachte damit ein Format nach Deutschland, das nicht nur die Schallplatte verändern sollte. Es veränderte auch die Art, wie Musik veröffentlicht und gehört werden konnte. Die Düsseldorfer Stadtchronik nennt die Präsentation ausdrücklich als Vorstellung der ersten Langspielplatte durch die Deutsche Grammophon Gesellschaft.

75 Jahre später legen wir noch immer Platten mit genau dieser Geschwindigkeit auf. Und vielleicht ist das Bemerkenswerteste daran nicht, dass die LP so alt geworden ist. Sondern dass sie sich bis heute erstaunlich jung anfühlt.

Vor der LP war Musikhören eine andere Angelegenheit

Um zu verstehen, warum die Langspielplatte so wichtig wurde, müssen wir kurz zurück zur Schellackplatte. Die damals üblichen Platten liefen meist mit 78 Umdrehungen pro Minute. Ihre vergleichsweise kurze Spielzeit war bei einzelnen Liedern noch kein grundsätzliches Problem. Bei klassischer Musik sah das anders aus. Längere Werke mussten auf mehrere Plattenseiten verteilt werden.

Ein Konzert, eine Sinfonie oder eine Oper zu Hause zu hören bedeutete deshalb auch: Platte wechseln. Und zwar regelmäßig.

Die Langspielplatte änderte das grundlegend. Eine zeitgenössische Ausgabe der Funkschau berichtete 1951 über die neuen deutschen Mikrorillenplatten der Deutschen Grammophon. Bei 30 Zentimetern Durchmesser konnten demnach bis zu 22 Minuten Musik auf einer Plattenseite untergebracht werden. Dafür lagen acht bis zehn Rillen auf einem Millimeter. Plötzlich bekam Musik auf einer Schallplatte deutlich mehr Platz.

Die LP wurde allerdings nicht in Düsseldorf erfunden

So bedeutend der 31. August 1951 für die deutsche Schallplattengeschichte ist: Die eigentliche Geschichte der modernen LP hatte einige Jahre zuvor in den USA begonnen. Columbia Records stellte 1948 eine Langspielplatte mit Mikrorille und 33⅓ Umdrehungen pro Minute vor. Die Library of Congress dokumentiert die Einführung im Juni 1948 und nennt eine Spielzeit von ungefähr 23 Minuten pro Seite. Als erste LP gilt dort die Katalognummer ML 4001 mit Mendelssohns Violinkonzert e-Moll, gespielt von Nathan Milstein mit dem New York Philharmonic unter Bruno Walter.

Deutschland folgte drei Jahre später.

Das ist eine wichtige Unterscheidung: Am 31. August 1951 wurde nicht die Langspielplatte erfunden. Die Deutsche Grammophon führte das neue Format auf der Deutschen Musikmesse in Düsseldorf in den deutschen Markt ein. Zeitgenössische Fachberichte sprechen ausdrücklich von den „neuen Langspielplatten“ der Deutschen Grammophon.

Warum ausgerechnet 33⅓?

Die langsamere Drehzahl allein machte aus einer Schallplatte noch keine LP. Entscheidend war das Zusammenspiel mehrerer Veränderungen. Gegenüber der Schellackplatte wurde die Rille wesentlich feiner. Diese Mikrorille benötigte weniger Platz, sodass deutlich mehr Rillen auf eine Plattenseite passten. Gleichzeitig bewegte sich die Platte mit 33⅓ statt 78 Umdrehungen pro Minute langsamer unter der Abtastnadel hindurch. Beides zusammen verlängerte die Spielzeit erheblich.

Die neue Technik stellte allerdings höhere Anforderungen an Wiedergabe und Herstellung. Der zeitgenössische Bericht der Funkschau beschreibt beispielsweise, dass die feineren Rillen einen geringeren aufgezeichneten Lautstärkepegel notwendig machten. Auch die Wiedergabetechnik musste auf die Mikrorille abgestimmt sein.

Die LP war deshalb mehr als eine langsam laufende Schallplatte. Sie war ein neues System aus Plattenmaterial, Mikrorille, Abtastung und Drehzahl. Und genau dieses Zusammenspiel machte ihren eigentlichen Vorteil möglich: mehr zusammenhängende Musik auf einer einzigen Platte.

Klassische Musik zeigte sofort, was das neue Format konnte

Dass die ersten LPs stark von klassischer Musik geprägt waren, war kein Zufall. Gerade hier waren die Einschränkungen der Schellackplatte besonders offensichtlich. Ein längeres Orchesterwerk richtet sich schließlich nicht danach, wann eine Plattenseite zu Ende ist.

Mit der LP konnten längere musikalische Abschnitte ohne Unterbrechung gehört werden. Das war nicht nur bequemer. Es kam auch der musikalischen Dramaturgie entgegen.

Zum deutschen Start wurden gleich mehrere Langspielplatten vorgestellt. Ein zeitgenössischer Rückblick nennt zwölf Titel. Besonders anschaulich zeigt sich der Vorteil bei Mozarts „Eine kleine Nachtmusik“: Das Werk ließ sich auf einer Seite unterbringen, während auf der Rückseite zusätzlich Brahms’ Variationen über ein Thema von Joseph Haydn Platz fanden.

Damit zeigte die LP sehr praktisch, worin ihre Stärke lag. Es ging nicht darum, eine Platte einfach länger drehen zu lassen. Es ging darum, Musik weniger häufig unterbrechen zu müssen.

Von der technischen Neuerung zum musikalischen Format

Im Rückblick ist noch etwas anderes interessant. Die LP schuf nicht nur mehr Speicherplatz für Musik. Sie gab Musikern und Produzenten langfristig auch einen neuen Rahmen. Eine Plattenseite wurde zu einer zeitlichen Einheit. Zwei Seiten bildeten ein Album. Und ein Album konnte mehr sein als eine Sammlung einzelner Stücke.

Natürlich entstand das Konzept eines Albums nicht erst mit der Vinyl-LP. Schon zuvor wurden mehrere Schellackplatten gemeinsam in buchartigen Mappen verkauft – daher stammt schließlich der Begriff „Album“. Doch mit der Langspielplatte wurde daraus ein besonders praktisches und später auch künstlerisch prägendes Format.

Gerade Jazz und populäre Musik profitierten davon. Längere Stücke, ausgedehnte Improvisationen und bewusst zusammengestellte Albumseiten wurden möglich. Die größere Spielzeit beeinflusste damit nicht nur das Hören, sondern zunehmend auch die Art, wie Musik gedacht, produziert und veröffentlicht wurde.

Aus einem Tonträger wurde nach und nach eine musikalische Form.

Und dann kam die CD

Wer die Geschichte nur von der technischen Seite betrachtet, könnte an dieser Stelle eigentlich einen klaren Schlussstrich ziehen.

1982 kam die Compact Disc auf den Markt. Sie bot keinen Verschleiß durch mechanische Abtastung, kaum Oberflächengeräusche, komfortable Titelauswahl und eine längere durchgehende Spielzeit. Später folgten MP3, Downloads und schließlich Streaming.

Technisch betrachtet hätte die Schallplatte längst verschwinden können. Zeitweise sah es tatsächlich danach aus. Doch die LP verschwand nicht.

Und heute steht sie wieder in Plattenläden, Elektronikmärkten und Wohnzimmern. Neue Alben erscheinen selbstverständlich auf Vinyl, alte Aufnahmen werden neu aufgelegt und selbst Menschen, die mit Spotify und Smartphone aufgewachsen sind, kaufen Plattenspieler.

Warum? Vielleicht gerade deshalb, weil die LP etwas nicht kann, was digitale Musik besonders gut kann: uns möglichst wenig aufhalten.

Eine Platte verlangt ein wenig Aufmerksamkeit

Streaming ist praktisch. Ich kann innerhalb weniger Sekunden fast jede Musik finden, Titel überspringen, Playlists zusammenstellen und Musik überallhin mitnehmen. Das möchte ich nicht missen.

Eine Schallplatte funktioniert anders. Ich suche sie aus dem Regal. Nehme sie aus der Hülle. Lege sie auf den Plattenteller. Reinige vielleicht kurz die Oberfläche. Starte den Plattenspieler und setze den Tonarm auf. Und irgendwann nach ungefähr zwanzig Minuten muss ich aufstehen und die Platte umdrehen. Technisch betrachtet ist das ausgesprochen umständlich. Vielleicht liegt aber genau darin ein Teil ihres heutigen Reizes.

Die LP macht aus Musik wieder einen Gegenstand. Sie besitzt ein Cover, eine Innenhülle, ein Label, eine A- und eine B-Seite. Sie nimmt Platz ein. Man kann sie sammeln, betrachten und in die Hand nehmen.

Vor allem aber trifft man eine Entscheidung: Diese Platte höre ich jetzt. Das ist etwas anderes, als einen einzelnen Titel anzuklicken und sich anschließend vom Algorithmus weiterführen zu lassen.

33⅓ Umdrehungen sind kein Qualitätsversprechen

Bei aller Begeisterung für Vinyl sollte man allerdings einen Punkt nicht romantisieren. Eine Schallplatte klingt nicht automatisch besser, nur weil sie analog ist. Wie gut eine LP klingt, hängt von vielen Faktoren ab: von der Aufnahme und dem Mastering, vom verwendeten Ausgangsmaterial, vom Schnitt, von der Pressung und natürlich von Plattenspieler, Tonabnehmer, Justage und Phonovorverstärker.

Auch eine hervorragend produzierte digitale Aufnahme kann technisch Eigenschaften bieten, bei denen die Schallplatte konstruktionsbedingt nicht mithalten kann. Darum finde ich die ewige Frage „Vinyl oder digital – was klingt besser?“ nur begrenzt interessant. Spannender ist eine andere Frage:

Wie möchte ich Musik hören?

Denn Streaming und Schallplatte müssen keine Gegner sein. Sie können zwei völlig unterschiedliche Arten sein, sich mit Musik zu beschäftigen.

Mein Blick auf 75 Jahre LP

Vielleicht fasziniert mich an diesem Jubiläum gerade die Beständigkeit des Formats. Wenn ich heute eine LP auf meinen Plattenspieler lege, dreht sie sich mit derselben Nenndrehzahl, mit der 1951 die neuen Langspielplatten der Deutschen Grammophon vorgeführt wurden.

Natürlich haben sich Presswerke, Schneidtechnik, Tonabnehmer, Plattenspieler und Verstärker weiterentwickelt. Unsere gesamte Musikwelt hat sich verändert. Die grundlegende Idee der LP ist jedoch erstaunlich gleich geblieben. Eine spiralförmige Rille speichert Musik mechanisch. Eine Nadel folgt dieser Rille. Der Tonabnehmer verwandelt ihre Bewegungen in ein elektrisches Signal. Und daraus entsteht wieder Musik.

Das wirkt im Zeitalter von Cloudspeichern und Streaming beinahe archaisch. Aber eben nur beinahe. Denn es funktioniert noch immer hervorragend.

75 Jahre später dreht sie sich weiter

Am 31. August 1951 präsentierte die Deutsche Grammophon Gesellschaft in Düsseldorf ihre ersten Langspielplatten mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Was damals eine technische Neuerung für längere Spielzeiten war, entwickelte sich zu einem der prägendsten Tonträger der Musikgeschichte.

Die LP hat Schellack überlebt, den Aufstieg der Musikkassette erlebt, wurde von der CD beinahe verdrängt und musste anschließend zusehen, wie Musik zunächst zur Datei und schließlich zum jederzeit verfügbaren Stream wurde. Und trotzdem liegt sie noch immer auf unseren Plattentellern. Vielleicht nicht mehr, weil sie die praktischste Möglichkeit ist, Musik zu hören. Sondern weil sie uns daran erinnert, dass Musik nicht immer möglichst schnell verfügbar sein muss.

Manchmal darf man eine Platte aus dem Regal nehmen, den Tonarm absenken und sich für die nächsten zwanzig Minuten einfach darauf einlassen.

Mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Wie vor 75 Jahren.

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