Der eigene Blick entsteht nicht nach Rezept
„Hört niemals damit auf zu Experimentieren und auszuprobieren!“
Laura Helena
Wenn aus Ausprobieren ein eigener Stil entsteht
Irgendwann kennt man seine Kamera. Man weiß, welche Einstellungen funktionieren, hat vielleicht ein Lieblingsobjektiv gefunden und entwickelt seine Bilder nach einem vertrauten Schema. Das ist angenehm. Schließlich bedeutet Erfahrung auch, nicht jedes Mal bei null anfangen zu müssen.
Doch genau darin kann eine kleine Falle liegen: Was zuverlässig funktioniert, wird schnell zur Gewohnheit. Und aus Gewohnheiten können Grenzen entstehen, die wir irgendwann gar nicht mehr bemerken.
Das Zitat von Laura Helena setzt genau dort einen interessanten Gegenpunkt. Experimentieren bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, fotografisches Wissen über Bord zu werfen. Es bedeutet vielmehr, sich immer wieder die Freiheit zu nehmen, etwas zu versuchen, dessen Ergebnis noch nicht feststeht.
Und genau das kann für die eigene fotografische Entwicklung erstaunlich wichtig sein.
Laura Helena und die Suche nach einer eigenen Bildsprache
Laura Helena Rubahn machte sich vor allem mit fantasievoll inszenierter People-, Beauty- und Fashionfotografie einen Namen. Ihre Arbeiten waren stark gestaltet: Kostüme, Requisiten, Farben und aufwendige Bildbearbeitung gehörten ebenso zu ihrer Bildsprache wie die eigentliche Aufnahme. DOCMA beschrieb ihren Stil bereits 2015 als detailreich, verträumt und beinahe gemalt. Laura Helena selbst betonte dabei, dass sie ihre Kreativität sowohl in der Fotografie als auch in der Bildbearbeitung ausleben wollte.
Diese Haltung findet sich auch in ihrem Buch Fantasievolle Porträtfotografie. Dort geht es nicht nur um Kameratechnik, sondern unter anderem um Bildgestaltung, Licht, Farbe, Kostüme, Inszenierung, Storytelling und Bildbearbeitung. Interessant ist dabei ihre Haltung gegenüber fotografischen Regeln: Man sollte sie kennen – darf sie anschließend aber bewusst brechen.
Vor diesem Hintergrund bekommt ihr Satz über das Experimentieren eine ziemlich konkrete Bedeutung.
Was steckt hinter den Worten?
Das Zitat stammt aus einer Antwort Laura Helenas auf die Frage, was sie gerne früher gewusst hätte, wenn sie noch einmal beginnen würde.
Der einzelne Satz wird häufig allein wiedergegeben. Im Zusammenhang ist er jedoch wesentlich interessanter.
Laura Helena spricht dort über die Gefahr, als Künstler die Kreativität zu verlieren und in ein „Kreativloch“ zu geraten. Anschließend erklärt sie, dass ihr das Experimentieren nicht nur geholfen habe, einen eigenen Workflow zu entwickeln, sondern auch ihren außergewöhnlichen Bildstil zu finden. Dabei bezieht sie das Ausprobieren ausdrücklich nicht allein auf Bildbearbeitung und Fotografie, sondern beispielsweise auch auf den Kostümbau.
Damit ist die Aussage weniger ein allgemeiner Motivationsspruch, als sie zunächst erscheinen könnte.
Das Zitat lässt sich vielmehr als Plädoyer dafür verstehen, fotografische Entwicklung nicht ausschließlich als Ansammlung von Wissen zu betrachten. Natürlich hilft es zu wissen, wie Blende, Belichtungszeit, Licht oder Bildgestaltung funktionieren. Doch eine eigene Bildsprache entsteht nicht automatisch dadurch, dass man diese Dinge beherrscht.
Irgendwann muss man anfangen, damit zu spielen.
Was passiert, wenn ich das Licht anders setze als gewohnt? Wenn ich eine Brennweite verwende, die ich für dieses Motiv normalerweise nicht nehmen würde? Wenn ich Farben anders kombiniere? Wenn ich eine Aufnahme stärker bearbeite – oder plötzlich viel weniger?
Nicht jedes Experiment wird zu einem guten Foto führen.
Aber vielleicht liegt genau darin sein Wert.
Experimentieren in Zeiten technisch perfekter Kameras
Heute ist Ausprobieren technisch einfacher als zu analogen Zeiten. Eine zusätzliche Aufnahme kostet praktisch nichts, das Ergebnis erscheint sofort auf dem Display und in der RAW-Entwicklung lassen sich unterschiedliche Interpretationen eines Bildes ausprobieren, ohne das Original zu verändern.
Gleichzeitig kann moderne Technik aber auch dazu verführen, fotografische Entscheidungen zu vereinheitlichen.
Autofokus erkennt Augen, Belichtungsautomatiken funktionieren erstaunlich zuverlässig und Bildbearbeitungsprogramme bieten fertige Presets und zunehmend automatisierte Lösungen. Vieles davon ist ausgesprochen praktisch. Es nimmt uns Arbeit ab und schafft Raum für die eigentliche Fotografie.
Nur beantwortet die Technik eine entscheidende Frage nicht:
Wie soll mein Bild eigentlich aussehen?
Gerade hier bleibt Laura Helenas Gedanke aktuell. Experimentieren bedeutet nicht, möglichst viele Effekte einzusetzen. Es kann genauso gut bedeuten, etwas wegzulassen. Schwarzweiß statt Farbe. Eine längere Belichtungszeit statt eingefrorener Bewegung. Gegenlicht statt sauber ausgeleuchtetem Gesicht. Ein ungewöhnlicher Ausschnitt statt der bewährten Komposition.
Entscheidend ist nicht, dass es ungewöhnlich ist.
Entscheidend ist, dass Du herausfindest, was passiert.
Ein Nachmittag ohne Erwartungsdruck
Stell Dir vor, Du gehst mit Deiner Kamera an einen Ort, den Du schon häufig fotografiert hast. Vielleicht einen Park, eine Straße in Deiner Stadt oder einfach Deinen eigenen Garten.
Normalerweise weißt Du inzwischen ziemlich genau, welche Motive dort funktionieren. Und wahrscheinlich würdest Du wieder ähnliche Bilder mitbringen.
Diesmal nimmst Du Dir jedoch etwas anderes vor: Du willst kein einziges „gutes“ Foto machen.
Du probierst stattdessen Dinge aus.
Vielleicht fotografierst Du bewusst durch Blätter hindurch. Du bewegst die Kamera während der Belichtung. Du setzt die Schärfe an eine Stelle, die normalerweise nicht das Hauptmotiv wäre. Du fotografierst gegen die Sonne oder beschränkst Dich eine Stunde lang auf Details, die Du sonst übersehen würdest.
Viele Aufnahmen werden wahrscheinlich nicht funktionieren.
Eine davon vielleicht schon.
Noch interessanter ist aber möglicherweise eine andere Erkenntnis: Du bemerkst plötzlich eine Bildidee, auf die Du mit Deiner üblichen Arbeitsweise gar nicht gekommen wärst.
Aus einem Experiment ist noch kein eigener Stil entstanden. Wenn Dir bestimmte Ergebnisse jedoch gefallen und Du sie weiterentwickelst, kann aus zufälligem Ausprobieren allmählich eine bewusste gestalterische Entscheidung werden.
Genau dort wird Experimentieren fotografisch spannend.
Mein Blick auf das Zitat
Mir gefällt an Laura Helenas Aussage besonders, dass Experimentieren hier nicht als Gegenstück zu fotografischem Können erscheint.
Für mich gehört beides zusammen.
Je mehr ich über Fotografie weiß, desto gezielter kann ich experimentieren. Wenn ich beispielsweise weiß, wie Verschlusszeit Bewegung abbildet, kann ich bewusst ausprobieren, wie weit ich gehen möchte. Wenn ich verstehe, wie Licht ein Gesicht modelliert, kann ich entscheiden, wann ich von einer klassischen Lichtsetzung abweichen möchte.
Ich würde das Zitat deshalb auch nicht als Aufforderung verstehen, ständig etwas Neues machen zu müssen.
Denn darin steckt wiederum eine andere Falle. Wer permanent nach dem nächsten Effekt sucht, entwickelt möglicherweise ebenso wenig eine eigene Bildsprache wie jemand, der immer dasselbe fotografiert.
Manchmal muss man ein Experiment auch lange genug verfolgen.
Vielleicht entsteht der persönliche Stil deshalb gar nicht durch möglichst viele unterschiedliche Ideen. Vielleicht entsteht er dort, wo wir bei einigen Experimenten feststellen: Das hier interessiert mich. Damit möchte ich weitermachen.
Dann wird aus Ausprobieren langsam Erfahrung.
Und aus Erfahrung möglicherweise eine Handschrift.
Was bleibt?
Experimentieren garantiert keine besseren Fotos. Es garantiert noch nicht einmal interessante Fotos.
Aber es schafft die Möglichkeit, etwas zu entdecken, das vorher nicht Teil der eigenen fotografischen Routine war.
Vielleicht ist genau das der bleibende Gedanke hinter Laura Helenas Satz: Fotografische Entwicklung beginnt nicht immer mit einer neuen Kamera, einem neuen Objektiv oder einer neuen Technik.
Manchmal beginnt sie einfach mit der Frage:
Was passiert eigentlich, wenn ich es heute einmal anders mache?


