1 A B C D E F G H I L M N O P Q R S T V W Z
Sc Se

Schärfe

Wann wirkt ein Bild wirklich scharf?

Schärfe gehört zu den Begriffen der Fotografie, die zunächst völlig eindeutig erscheinen. Ein Foto ist entweder scharf oder unscharf – könnte man meinen. Tatsächlich ist es deutlich komplizierter.

Ob wir ein Bild als scharf empfinden, hängt nicht allein davon ab, ob die Kamera korrekt fokussiert hat. Auflösung, Kontrast, Objektivleistung, Bewegung, Blende, Sensor, Nachbearbeitung und sogar Betrachtungsgröße und Betrachtungsabstand spielen eine Rolle.

Und dann gibt es noch eine wichtige Frage: Muss ein gutes Foto überhaupt überall scharf sein?

Was bedeutet Schärfe in der Fotografie?

Als Schärfe bezeichnet man vereinfacht die Fähigkeit eines fotografischen Bildes, feine Strukturen, Details und Kanten klar und deutlich wiederzugeben.

Dabei ist Schärfe keine einzelne, eindeutig messbare Eigenschaft. Für den wahrgenommenen Schärfeeindruck sind insbesondere zwei Faktoren wichtig:

Auflösung beschreibt, wie fein voneinander getrennte Details noch unterschieden werden können.

Kantenschärfe bzw. Akutanz beschreibt dagegen, wie deutlich der Helligkeits- oder Farbwechsel an einer Kante erscheint. Je abrupter dieser Übergang erfolgt, desto schärfer wirkt die Kante.

Ein Bild kann deshalb viele Details enthalten und trotzdem etwas weich wirken. Umgekehrt kann eine starke Betonung der Kanten ein Bild sehr scharf erscheinen lassen, obwohl dadurch keine zusätzlichen echten Details entstanden sind.

Schärfe und Fokus sind nicht dasselbe

Besonders häufig werden Schärfe und Fokus miteinander verwechselt.

Der Fokus bestimmt zunächst, auf welche Entfernung das Objektiv eingestellt ist. Ein Motivdetail, das exakt in dieser Fokusebene liegt, besitzt grundsätzlich die besten Voraussetzungen für eine scharfe Abbildung.

Trotz korrekt gesetztem Fokus kann das Bild aber unscharf oder weich erscheinen – beispielsweise durch:

  • Verwacklung der Kamera,
  • Bewegung des Motivs,
  • Beugung,
  • begrenzte Objektivleistung,
  • sehr geringe Auflösung,
  • starke Rauschreduzierung
  • oder eine ungeeignete Nachbearbeitung.

Umgekehrt gibt es Bereiche vor und hinter der eigentlichen Fokusebene, die ebenfalls noch ausreichend scharf erscheinen können. Damit kommen wir zur Schärfentiefe.

Schärfe und Schärfentiefe

Die Schärfentiefe beschreibt den Bereich vor und hinter der eingestellten Entfernung, der im fertigen Bild noch akzeptabel scharf erscheint.

Wichtig ist dabei das Wort „akzeptabel“.

Optisch existiert nicht einfach ein großer räumlicher Bereich, in dem sämtliche Punkte exakt gleich scharf abgebildet werden. Vielmehr werden kleine Unschärfen unter bestimmten Betrachtungsbedingungen nicht mehr als solche wahrgenommen.

Wie groß dieser Bereich erscheint, hängt unter anderem von Blende, Brennweite, Aufnahmeabstand, Ausgabegröße und Betrachtungsabstand ab.

Eine große Schärfentiefe bedeutet deshalb auch nicht automatisch eine hohe technische Bildschärfe.

Wovon hängt die Bildschärfe ab?

Die endgültige Schärfe eines Fotos entsteht aus einer ganzen Kette von Faktoren.

Objektiv

Ein Objektiv muss feine Strukturen mit ausreichend hohem Kontrast auf den Sensor übertragen. Seine Leistungsfähigkeit lässt sich unter anderem mithilfe der Modulationsübertragungsfunktion (MTF) beschreiben.

Dabei geht es nicht nur darum, ob sehr feine Strukturen überhaupt noch getrennt dargestellt werden können, sondern auch darum, mit welchem Kontrast sie übertragen werden.

Sensor und Auflösung

Auch der Sensor begrenzt die Detailwiedergabe. Mehr Megapixel können feinere Strukturen erfassen – vorausgesetzt, Objektiv, Fokus, Aufnahmetechnik und Motiv liefern diese Details überhaupt.

Mehr Megapixel bedeuten daher nicht automatisch mehr wahrgenommene Schärfe.

Fokussierung

Liegt der Fokus nicht dort, wo er für die Bildaussage benötigt wird, kann selbst die technisch beste Kamera kein wirklich scharfes Ergebnis liefern.

Gerade bei geringer Schärfentiefe können bereits kleine Fokusabweichungen deutlich sichtbar werden.

Verschlusszeit und Bewegung

Während der Belichtung können sich sowohl die Kamera als auch das Motiv bewegen.

Eine zu lange Verschlusszeit kann deshalb Verwacklungsunschärfe oder Bewegungsunschärfe verursachen. Diese sollte nicht mit einem falsch gesetzten Fokus verwechselt werden. Nikon weist beispielsweise darauf hin, dass Fokusfehler, Motivbewegung und Kamerabewegung unterschiedliche Ursachen für einen unscharfen Bildeindruck darstellen.

Blende

Abblenden kann zunächst die Abbildungsleistung verbessern und gleichzeitig die Schärfentiefe vergrößern. Doch immer weiter abzublenden führt nicht unbegrenzt zu mehr Schärfe.

Bei kleinen Blendenöffnungen gewinnt die Beugung zunehmend an Bedeutung. Das Licht wird an der Blendenöffnung gebeugt und ein idealer Bildpunkt wird nicht mehr beliebig klein abgebildet.

Deshalb kann beispielsweise eine Aufnahme bei f/16 eine größere Schärfentiefe besitzen, gleichzeitig aber weniger feine Details zeigen als eine Aufnahme bei f/8.

Objektivschärfe und der „Sweet Spot“

Bei Objektiven wird häufig vom Sweet Spot gesprochen – also von einem Blendenbereich, in dem das Objektiv besonders hohe Abbildungsleistungen erreicht.

Bei Offenblende können Abbildungsfehler die Leistung begrenzen. Durch moderates Abblenden werden viele dieser Fehler reduziert. Wird dagegen sehr stark abgeblendet, nimmt der Einfluss der Beugung zu.

Der optimale Bereich ist allerdings keine universelle Blendenzahl. Er hängt vom jeweiligen Objektiv, Sensor und davon ab, welcher Bildbereich betrachtet wird.

Die verbreitete Vorstellung „Bei Blende 8 ist jedes Objektiv am schärfsten“ ist daher allenfalls eine grobe Faustregel.

Was passiert beim Nachschärfen?

Digitale Bildbearbeitung kann die tatsächlich aufgezeichnete Detailinformation nicht beliebig vermehren.

Beim klassischen Schärfen werden vor allem lokale Kontraste an Kanten verstärkt. Dadurch erscheinen Übergänge deutlicher und das Bild wirkt schärfer. Die eigentliche Auflösung wird dadurch jedoch nicht automatisch erhöht.

Wird zu stark geschärft, entstehen sichtbare Artefakte wie helle oder dunkle Säume an Kanten – sogenannte Halos. Das Bild sieht dann zwar auf den ersten Blick sehr knackig aus, wirkt bei genauer Betrachtung aber künstlich.

Bei RAW-Aufnahmen gehört eine angemessene Schärfung deshalb zum normalen Entwicklungsprozess. Wie stark anschließend geschärft werden sollte, hängt auch davon ab, wofür das Bild bestimmt ist.

Ein großformatiger Druck benötigt eine andere Schärfung als ein kleines Bild für eine Website.

Schärfe hängt auch von der Betrachtung ab

Ein Punkt, der häufig unterschätzt wird: Schärfe ist auch eine Frage der Wahrnehmung.

Dasselbe Foto kann bei 100-Prozent-Ansicht am Monitor leicht weich erscheinen und als normal großer Ausdruck vollkommen scharf wirken.

Entscheidend sind unter anderem:

Ausgabegröße – Betrachtungsabstand – Bildschirm- oder Druckauflösung – Kontrast – Sehvermögen des Betrachters.

Ein großformatiges Plakat muss aus unmittelbarer Nähe nicht dieselbe Detailauflösung besitzen wie ein kleiner Fine-Art-Print. Aus seinem vorgesehenen Betrachtungsabstand kann es trotzdem vollkommen scharf erscheinen.

Die 100-Prozent-Ansicht am Monitor ist daher ein hilfreiches Werkzeug zur technischen Kontrolle – aber nicht automatisch der Maßstab dafür, wie scharf das fertige Foto wahrgenommen wird.

Muss ein gutes Foto scharf sein?

Nein.

Schärfe ist kein Qualitätsmerkmal für sich allein, sondern ein fotografisches Gestaltungsmittel.

Bei vielen Aufnahmen ist entscheidend, wo die Schärfe liegt. Ein scharfes Hauptmotiv vor einem unscharfen Hintergrund kann den Blick unmittelbar lenken. Bewegungsunschärfe kann Geschwindigkeit vermitteln. Bewusste Unschärfe kann sogar zum eigentlichen Gestaltungselement eines Bildes werden.

Technische Schärfe und fotografische Qualität sollten deshalb nicht miteinander verwechselt werden.

Ein technisch perfekt scharfes Bild kann langweilig sein – und ein technisch nicht vollkommen scharfes Bild kann hervorragend funktionieren.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

Schärfe: Wahrgenommene Klarheit von Details und Kanten im Bild.

Fokus: Entfernung beziehungsweise Ebene, auf die das optische System eingestellt wurde.

Schärfentiefe: Räumlicher Bereich, der unter bestimmten Betrachtungsbedingungen ausreichend scharf erscheint.

Auflösung: Fähigkeit eines Systems, feine Details getrennt wiederzugeben.

Akutanz: Wahrgenommene Deutlichkeit von Kanten durch den Kontrastübergang.

Nachschärfen: Digitale Verstärkung lokaler Kontraste, insbesondere an Kanten.

Bewegungsunschärfe: Unschärfe durch Bewegung von Motiv oder Kamera während der Belichtung.

Beugungsunschärfe: Verlust feiner Detailzeichnung durch Beugung des Lichts an kleinen Blendenöffnungen.

Schärfe entsteht nicht an einer einzigen Stelle in der Kamera. Sie ist das Ergebnis des gesamten fotografischen Prozesses – vom Objektiv über Fokus, Blende, Verschlusszeit und Sensor bis zur RAW-Entwicklung und späteren Ausgabe.

Gleichzeitig ist Schärfe keine absolute Größe. Ein Bild kann technisch hoch aufgelöst sein und trotzdem weich wirken. Ein anderes besitzt weniger tatsächliche Detailinformation, erscheint durch klare Kanten und hohen lokalen Kontrast jedoch ausgesprochen scharf.

Für die fotografische Praxis ist deshalb eine andere Frage oft wichtiger als die Suche nach maximaler Schärfe:

Ist das scharf, was für meine Bildaussage scharf sein soll?

Wenn das der Fall ist, hat die Schärfe ihren Zweck erfüllt.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Mit dem Absenden deines Kommentars werden die von dir angegebenen Daten zur Bearbeitung und Veröffentlichung des Kommentars verarbeitet. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzinformation.

Zeige mir, dass du ein Mensch bist: