Allein mit der Kamera – warum Raymond Depardon die Einsamkeit zur Fotografie zählt
„Il faut aimer la solitude pour être photographe.„
Raymond Depardon
Sinngemäße deutsche Übersetzung: „Man muss die Einsamkeit lieben, um Fotograf zu werden.“
Ein Satz, der zunächst ziemlich absolut klingt
Muss ein Fotograf wirklich die Einsamkeit lieben?
Auf den ersten Blick klingt Raymond Depardons Satz fast wie eine Zugangsvoraussetzung für die Fotografie. Wer gerne allein ist, darf hinein. Wer lieber mit anderen Menschen unterwegs ist, hat offenbar den falschen Beruf oder das falsche Hobby gewählt. So wörtlich würde ich den Satz allerdings nicht verstehen.
Denn Einsamkeit bedeutet beim Fotografieren nicht zwangsläufig, dass niemand sonst da sein darf. Du kannst mitten auf einer belebten Straße stehen, auf einer Hochzeit fotografieren oder durch einen Bahnhof voller Menschen laufen – und trotzdem in diesem Moment auf eine eigentümliche Weise allein sein.
Du entscheidest, wohin Du schaust. Du entscheidest, wann Du auslöst. Und letztlich bist auch nur Du dafür verantwortlich, was innerhalb des Bildrahmens landet und was draußen bleibt.
Vielleicht beginnt genau dort die Einsamkeit, von der Depardon spricht.
Raymond Depardon und die Erfahrung des Alleinseins
Raymond Depardon, 1942 auf einem Bauernhof bei Villefranche-sur-Saône geboren, gehört zu den bedeutenden französischen Fotografen und Dokumentarfilmern. Schon als Kind entdeckte er die Fotografie; seine ersten Motive fand er auf dem elterlichen Hof und in dessen ländlicher Umgebung. Später arbeitete er als Fotojournalist, gründete 1966 gemeinsam mit anderen Fotografen die Agentur Gamma und begann 1978 für Magnum Photos zu arbeiten.
Seine Biografie ist deshalb interessant, weil sein Satz über die Einsamkeit nicht isoliert dasteht.
Um das Jahr 2000 beschäftigte sich Depardon intensiv mit dem Gedanken der Errance – einem französischen Begriff, der sich nur unvollständig mit „Umherstreifen“ oder „Wandern“ übersetzen lässt. Daraus entstand auch sein Buch Errance.

Dort spricht Depardon ausdrücklich darüber, dass die Einsamkeit im Leben eines Fotografen sehr präsent sei. Er beschreibt sich selbst als jemanden, der schon früh vieles allein gemacht habe, und verbindet diese Erfahrung später mit der Einsamkeit des jungen Fotografen in Paris und des reisenden Fotoreporters. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung über Depardons Werk zitiert genau diese Passage aus Errance.
Der bekannte kurze Satz selbst wird außerdem mit seinem Auftritt in der französischen Fernsehsendung Bouillon de culture vom 24. November 2000 in Verbindung gebracht. Eine vollständige Primäraufzeichnung dieser Sendung konnte ich bei der Recherche allerdings nicht verifizieren. Der Wortlaut und die Zuschreibung sind dennoch gut nachvollziehbar, weil derselbe Gedanke ausführlicher auch in Errance dokumentiert ist.
Das macht einen wichtigen Unterschied: Wir haben es nicht einfach mit einem hübschen Satz zu tun, der irgendwann im Internet Raymond Depardon zugeschrieben wurde. Die Einsamkeit gehört tatsächlich zu den Gedanken, mit denen er sich in dieser Phase seiner Arbeit beschäftigt hat.
Was steckt hinter den Worten?
Interessant wird das Zitat, wenn wir „Einsamkeit“ nicht automatisch mit sozialer Isolation gleichsetzen.
Vor dem Hintergrund von Depardons Arbeit lässt sich der Satz vielmehr als Beschreibung eines fotografischen Zustands verstehen.
Fotografieren verlangt eine Form von Eigenständigkeit.
Niemand kann Dir sagen, was Du in einer bestimmten Sekunde interessant finden sollst. Natürlich kannst Du Regeln lernen. Du kannst Dir Bilder anderer Fotografen ansehen, Workshops besuchen und Dich über Bildgestaltung unterhalten. Doch in dem Augenblick, in dem Du durch den Sucher blickst, stehst Du mit Deiner Entscheidung allein da.
Ist das hier ein Bild?
Oder drei Schritte weiter?
Warte ich?
Gehe ich weiter?
Drücke ich jetzt auf den Auslöser – oder gerade nicht?
Bei Depardon kommt noch etwas hinzu: das ziellose oder zumindest nicht vollständig vorausgeplante Unterwegssein. Er beschreibt Errance nicht einfach als Reise oder Spaziergang, sondern als eine Erfahrung des Sichbewegens und des gegenwärtigen Wahrnehmens. Die fotografische Situation entsteht dabei nicht zwangsläufig aus einem Auftrag oder einer vorher festgelegten Geschichte.
Gerade diese Haltung findet sich auch später in seinem Werk. Für ein Projekt der Fondation Cartier beschrieb Depardon 2004 beispielsweise den Wunsch, seine professionelle Erfahrung gewissermaßen abzuschütteln und mit der Kamera wieder möglichst frei zu reagieren – nicht aus einem vorgegebenen Grund heraus, sondern aus Motivation, Lust und dem Wunsch zu filmen.
Die Einsamkeit bekommt dadurch eine andere Bedeutung. Sie schafft Raum für den eigenen Blick.
Und was bedeutet das heute?
Auf den ersten Blick könnte man meinen, dieser Gedanke passe sogar noch besser zur heutigen Fotografie. Schließlich kann praktisch jeder allein mit einer kleinen Digitalkamera oder einem Smartphone losziehen.
Gleichzeitig hat sich etwas Entscheidendes verändert. Fotografie ist heute häufig von permanenter Kommunikation begleitet.
Wir fotografieren ein Bild, schauen auf das Display, schicken es vielleicht weiter oder veröffentlichen es. Kurz darauf können Reaktionen eintreffen. Likes, Kommentare und Reichweitenstatistiken machen aus einer ursprünglich persönlichen Entscheidung sehr schnell eine soziale Erfahrung.
Das ist nicht grundsätzlich schlecht. Austausch kann inspirieren, Kritik kann weiterhelfen und gemeinsames Fotografieren kann großen Spaß machen. Aber Depardons Satz bekommt dadurch eine interessante Aktualität.
Kannst Du ein Bild machen, ohne bereits während der Aufnahme darüber nachzudenken, wie andere darauf reagieren werden?
Kannst Du einem Motiv zehn Minuten Aufmerksamkeit schenken, obwohl vermutlich niemand außer Dir versteht, warum es Dich interessiert?
Und kannst Du weitergehen, ohne überhaupt ein Foto gemacht zu haben?
Moderne Kameras nehmen uns viele technische Entscheidungen ab. Autofokus, Belichtungsautomatik, Motiverkennung und Bildstabilisierung sorgen dafür, dass wir uns stärker auf das Motiv konzentrieren können. Aber keine dieser Funktionen beantwortet die entscheidende Frage:
Was interessiert Dich eigentlich?
Damit bist Du auch 2026 noch ziemlich allein.
Ein Spaziergang ohne fotografischen Auftrag
Stell Dir vor, Du gehst an einem Sonntagmorgen mit Deiner Kamera durch eine Stadt.
Kein Fotowalk. Keine Gruppe. Keine Liste mit Motiven, die Du unbedingt mitbringen möchtest. Und auch kein selbst auferlegtes Ziel, am Ende zehn gute Bilder auf der Speicherkarte haben zu müssen.
Du gehst einfach. Nach einer Weile fällt Dir eine Bushaltestelle auf. Das Licht fällt schräg durch das Glas. Eine Person sitzt dort und wartet. Vielleicht passiert nichts. Du bleibst trotzdem. Nach zwei Minuten steht die Person auf. Ein Bus fährt vorbei, ohne anzuhalten. Für einen Augenblick spiegelt sich die gegenüberliegende Häuserzeile in der Scheibe, während dahinter die wartende Person zu erkennen ist.
Jetzt machst Du ein Bild.
Ob es ein gutes Bild geworden ist, weißt Du noch nicht. Vielleicht stellst Du später fest, dass es überhaupt nicht funktioniert. Aber während dieser Minuten warst Du fotografisch vollkommen bei Dir. Niemand hat Dir gesagt, dass diese Bushaltestelle interessant ist. Kein Algorithmus hat Dir das Motiv vorgeschlagen. Du hast nicht fotografiert, weil dort etwas Spektakuläres passiert ist.
Du hast hingesehen.
Genau darin liegt für mich eine mögliche heutige Bedeutung von Depardons Einsamkeit.
Mein Blick auf das Zitat
Mit dem Wort „muss“ habe ich bei diesem Zitat trotzdem meine Schwierigkeiten. Man muss die Einsamkeit nicht lieben, um Fotograf zu werden.
Es gibt wunderbare Fotografen, deren Arbeit gerade aus Begegnung, Zusammenarbeit und Kommunikation entsteht. Porträtfotografie kann von einem intensiven Austausch zwischen zwei Menschen leben. Reportagefotografie braucht Nähe und Vertrauen. Selbst Streetfotografie muss nicht zwingend eine einsame Beschäftigung sein.
Deshalb würde ich Depardons Satz nicht als Regel über Fotografen verstehen.
Mich überzeugt vielmehr ein anderer Gedanke darin: Du solltest aushalten können, mit Deinem eigenen Blick allein zu sein.
Das ist etwas anderes.
Fotografie braucht nicht zwangsläufig Einsamkeit. Sie braucht aber Momente, in denen Du nicht ständig nach Bestätigung suchst. Momente, in denen ein Motiv interessant sein darf, obwohl niemand neben Dir begeistert ruft: „Das musst Du fotografieren!“
Vielleicht liegt darin sogar eine kleine fotografische Freiheit: Du darfst Bilder machen, die zunächst nur für Dich eine Bedeutung besitzen.
Vielleicht müssen wir die Einsamkeit gar nicht lieben
Raymond Depardons Satz klingt zunächst größer und endgültiger, als ich ihn heute lesen würde.
Fotografie kann ein ausgesprochen gemeinschaftliches Medium sein. Sie kann Menschen zusammenbringen, Gespräche eröffnen und von Begegnungen leben. Deshalb glaube ich nicht, dass Einsamkeit eine Voraussetzung dafür ist, ein guter Fotograf zu sein.
Und trotzdem steckt für mich etwas Wichtiges in Depardons Gedanken.
Denn irgendwann gibt es beim Fotografieren diesen Moment, in dem nur noch zählt, was Du selbst siehst. Niemand kann Dir sagen, warum gerade dieses Licht, diese unscheinbare Straßenecke oder diese flüchtige Geste Deine Aufmerksamkeit verdient. Du musst auch niemanden davon überzeugen.
Vielleicht ist es genau diese Form des Alleinseins, die Depardon meint: die Bereitschaft, dem eigenen Blick zu vertrauen und ihm Zeit zu geben.
Man muss die Einsamkeit also vielleicht nicht lieben, um Fotograf zu werden.
Aber man sollte sich in der eigenen Gesellschaft nicht langweilen, wenn man mit einer Kamera unterwegs ist.
Quellen und weiterführende Informationen
Zur Herkunft des Zitats: Der Satz „Il faut aimer la solitude pour être photographe“ ist Raymond Depardon gut belegt zuzuordnen. Besonders wichtig ist, dass er nicht nur als isoliertes Zitat überliefert ist: In Errance findet sich die ausführlichere Passage über die große Bedeutung der Einsamkeit im Leben des Fotografen. Diese Passage wird auch in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung der Presses universitaires Blaise-Pascal mit genauer Quellenangabe zu Errance zitiert.
Daneben wird der kurze Wortlaut häufig mit Depardons Auftritt in der französischen Fernsehsendung Bouillon de culture im Jahr 2000 in Verbindung gebracht. Sekundärquellen nennen dafür konkret die Sendung vom 24. November 2000. Eine verlässliche Primärquelle beziehungsweise eine zugängliche Originalaufzeichnung dieser Sendung konnte ich jedoch nicht verifizieren. Deshalb würde ich Errance als belastbarere Grundlage für die Einordnung des Zitats verwenden.
Raymond Depardon: Errance. Éditions du Seuil, Paris 2000.
Die wichtigste Quelle für den Zusammenhang zwischen Depardons fotografischer Arbeit, dem Umherstreifen (Errance) und der Einsamkeit des Fotografen. Der im Beitrag behandelte Gedanke findet sich dort ausführlicher im Kontext seiner eigenen Erfahrungen mit dem Alleinsein.
Presses universitaires Blaise-Pascal – Pascal Desmichel: „Raymond Depardon, ou le terrain vague comme (autre) manière d’être au monde“
Die wissenschaftliche Veröffentlichung beschäftigt sich mit Depardons Errance und zitiert die entsprechende Passage aus dem Buch: „La solitude est très présente dans la vie du photographe. Il faut aimer la solitude pour être photographe.“ Damit lässt sich der Satz unmittelbar in den größeren Zusammenhang von Depardons Gedanken zur Einsamkeit und seiner fotografischen Haltung einordnen.
Fondation Cartier pour l’art contemporain – Raymond Depardon
Biografische und werkbezogene Informationen zu Depardons Herkunft, seinen Anfängen als Fotograf, seiner Arbeit als Fotojournalist sowie zu Gamma, Magnum und späteren fotografischen Projekten. Die Fondation Cartier hat mehrfach mit Depardon zusammengearbeitet und gehört deshalb zu den besonders relevanten institutionellen Quellen zu seinem Werk.
Raymond Depardon & Claudine Nougaret – offizielle Website
Die ausführliche Biografie dokumentiert Depardons fotografischen und filmischen Werdegang von seinen ersten Aufnahmen auf dem elterlichen Bauernhof über seine Arbeit als Fotojournalist bis zu seinen späteren Film- und Fotoprojekten.


