Allgemein

ORWO

ORWO ist eine deutsche Marke für fotografische Filme, Kinofilme und weitere lichtempfindliche Materialien. Der Name steht für „Original Wolfen“ und verweist auf die Filmfabrik im heutigen Bitterfeld-Wolfen. Besonders eng ist ORWO mit der Geschichte der Fotografie und Filmproduktion in der DDR verbunden.

Die heutige Marke knüpft an diese Tradition an. Sie darf jedoch nicht mit dem früheren volkseigenen Großunternehmen gleichgesetzt werden, das nach der deutschen Wiedervereinigung aufgelöst wurde.

Die Anfänge der Filmfabrik Wolfen

Die Geschichte von ORWO beginnt lange vor der Einführung des Markennamens. 1909 wurde in Wolfen mit dem Aufbau einer Filmfabrik begonnen, die zum Agfa-Unternehmen gehörte. 1910 nahm das Werk die Produktion auf. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich Wolfen zu einem bedeutenden Zentrum der europäischen Film- und Fotochemie.

Nach der Bildung des I.G.-Farben-Konzerns im Jahr 1925 wurde die Arbeit zwischen den Standorten Wolfen und Leverkusen aufgeteilt. Wolfen konzentrierte sich zunehmend auf fotografische Filme und deren Trägermaterialien, während in Leverkusen vor allem Fotopapiere hergestellt wurden.

Eine bedeutende Entwicklung aus Wolfen war der 1936 eingeführte Farbfilm Agfacolor Neu. Bei diesem waren die für die Farbbildung benötigten Farbkuppler bereits in den einzelnen Emulsionsschichten enthalten. Dadurch ließ sich der Film vergleichsweise einfach entwickeln. Das Grundprinzip prägte die weitere Entwicklung moderner Farbfilme.

Die Filmfabrik nach dem Zweiten Weltkrieg

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lag Wolfen in der sowjetischen Besatzungszone. Teile der technischen Einrichtungen wurden demontiert und als Reparationsleistung in die Sowjetunion gebracht. Das Werk selbst wurde zunächst als sowjetische Aktiengesellschaft weitergeführt.

Ende 1953 ging die Filmfabrik in das Eigentum der DDR über und firmierte als VEB Film- und Chemiefaserwerk Agfa Wolfen. Gleichzeitig bestand in Westdeutschland die Agfa AG mit Sitz in Leverkusen. Damit existierten zwei Unternehmen, die den Namen Agfa verwendeten, aber unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen angehörten.

Eine Vereinbarung regelte die Verwendung der Marke zunächst nach Absatzgebieten. Agfa Wolfen durfte den Namen vor allem in den sozialistischen Ländern verwenden, während Agfa Leverkusen die Rechte in vielen westlichen Märkten besaß. Für den internationalen Vertrieb der Wolfener Produkte erwies sich diese Aufteilung zunehmend als hinderlich.

Aus Agfa Wolfen wird ORWO

1964 führte das Werk in Wolfen den neuen Markennamen ORWO ein. Die Bezeichnung ist eine Abkürzung für „Original Wolfen“ und sollte die Herkunft der Filme eindeutig kennzeichnen. Gleichzeitig wurde der Betrieb in VEB Filmfabrik Wolfen umbenannt.

Der Markenwechsel fiel in eine Phase, in der sich die westdeutsche Agfa mit dem belgischen Fotounternehmen Gevaert zusammenschloss. Durch den eigenen Namen konnte sich die Filmfabrik Wolfen nun unabhängig von Agfa-Gevaert auf internationalen Märkten präsentieren.

ORWO bezeichnete zunächst vor allem die Produkte aus Wolfen. Im allgemeinen Sprachgebrauch wurde der Name jedoch bald auch auf das Unternehmen und später auf das gesamte Fotochemische Kombinat übertragen.

ORWO im Fotochemischen Kombinat Wolfen

1970 entstand das VEB Fotochemische Kombinat Wolfen. Die Filmfabrik Wolfen wurde zum Stammbetrieb dieses Zusammenschlusses. Weitere Betriebe produzierten unter anderem Fotopapier, Fotochemikalien, Gelatine und magnetische Aufzeichnungsmaterialien.

Das Sortiment umfasste eine große Bandbreite lichtempfindlicher und magnetischer Materialien:

  • Schwarzweiß-Negativfilme
  • Farbnegativ- und Farbumkehrfilme
  • Kinofilme
  • Röntgenfilme
  • Fotopapiere
  • technische und grafische Filme
  • Magnetbänder für Ton-, Video- und Datenspeicherung

ORWO-Produkte wurden nicht nur in der DDR verkauft, sondern in zahlreiche Länder exportiert. Die Marke war besonders in Osteuropa und anderen sozialistischen Staaten verbreitet, erreichte aber auch westliche Märkte.

Gegen Ende der DDR beschäftigte der Standort Wolfen mehrere Tausend Menschen und stellte zahlreiche Filmtypen und Spezialmaterialien her. Die Filmfabrik gehörte damit zu den bedeutenden Betrieben der internationalen Fotochemie.

ORWO-Schwarzweißfilme

Für Amateurfotografen waren insbesondere die Schwarzweißfilme der NP-Reihe von Bedeutung. Bezeichnungen wie NP 15, NP 20, NP 22 und NP 27 standen für unterschiedliche Filmempfindlichkeiten. Die Zahl entsprach dabei nicht unmittelbar dem heute üblichen ISO-Wert, sondern orientierte sich an der Empfindlichkeitsangabe nach DIN.

Zu den bekannten Sorten gehörte der ORWO NP 20 mit einer Empfindlichkeit von 20 DIN, entsprechend etwa ISO 80. Der NP 22 erreichte 22 DIN beziehungsweise ungefähr ISO 125. Für Aufnahmen bei wenig Licht standen höher empfindliche Filme zur Verfügung.

Die Schwarzweißmaterialien wurden als Kleinbild-, Roll- und Planfilm angeboten. Darüber hinaus stellte ORWO Filme für Kinoaufnahmen, Kopien, Reproduktionen, wissenschaftliche Anwendungen und die Archivierung her.

Ihre Bildwirkung hing stark von Filmsorte, Belichtung und Entwickler ab. Viele ORWO-Filme besaßen eine klassische Emulsionscharakteristik mit gut sichtbarem Korn und einer differenzierten Grauwertwiedergabe. Ein einheitlicher „ORWO-Look“ lässt sich dennoch nicht definieren, da sich die verschiedenen Materialien deutlich voneinander unterschieden.

ORWOCOLOR und ORWOCHROM

Neben Schwarzweißfilmen produzierte ORWO auch Farbmaterialien. Farbnegativfilme wurden unter Bezeichnungen wie ORWOCOLOR angeboten. Für Farbdias gab es Umkehrfilme unter dem Namen ORWOCHROM.

Die Farbfilme beruhten lange auf einem vom früheren Agfacolor-Verfahren abgeleiteten System. Ihre Entwicklung unterschied sich von den später international vorherrschenden Verfahren C-41 für Farbnegative und E-6 für Farbumkehrfilme.

Dadurch ließen sich ORWO-Farbfilme nicht ohne Weiteres in den zunehmend verbreiteten standardisierten Laborprozessen verarbeiten. Das erschwerte den Export und trug dazu bei, dass die Farbmaterialien aus Wolfen auf westlichen Märkten an Bedeutung verloren.

Eine Umstellung auf international übliche Entwicklungsprozesse wurde vorbereitet, konnte jedoch bis zum Ende der DDR nicht mehr vollständig umgesetzt werden.

Die Bildwirkung historischer ORWO-Farbfilme

Historische Aufnahmen auf ORWO-Farbfilm werden häufig mit warmen, gedämpften oder leicht verschobenen Farben verbunden. Dieses heutige Erscheinungsbild darf jedoch nicht ohne Weiteres als ursprüngliche Charakteristik des Films verstanden werden.

Farbwiedergabe und Kontrast werden auch durch die verwendete Filmsorte, die korrekte Entwicklung, die Lagerung sowie die Alterung der Farbstoffe beeinflusst. Hinzu kommen mögliche Veränderungen bei der Digitalisierung. Viele erhaltene Dias und Negative zeigen deshalb heute andere Farben als unmittelbar nach ihrer Verarbeitung.

Die gelegentlich als „typischer ORWO-Look“ bezeichnete Wirkung ist somit häufig das Ergebnis mehrerer technischer und zeitlicher Einflüsse.

Keine Verbindung zu Schleussner und ADOX

Zwischen ORWO und den Fotowerken Dr. C. Schleussner bestand keine direkte unternehmerische Verbindung. Die Schleussner-Werke befanden sich in Frankfurt am Main und damit nach 1945 in Westdeutschland. Sie wurden weder verstaatlicht noch in die Filmfabrik Wolfen eingegliedert.

Die Marke ADOX gehörte zu den Fotowerken Dr. C. Schleussner. Das Unternehmen wurde 1962 an den US-amerikanischen Chemiekonzern DuPont verkauft. Maschinen, Herstellungsverfahren und Rezepturen der klassischen ADOX-Schwarzweißfilme gelangten später zu Fotokemika im damaligen Jugoslawien. Dort wurden entsprechende Filme unter dem Namen Efke weiterproduziert.

ORWO entstand dagegen aus der früheren Agfa-Filmfabrik in Wolfen. ADOX und ORWO waren somit eigenständige Marken mit unterschiedlichen Unternehmensgeschichten und zeitweise Wettbewerber auf dem Markt für fotografische Filme und Fotochemikalien.

Eine spätere Berührung entstand erst durch die heutige ADOX Fotowerke GmbH. Sie bot mit ADOX APH 09 einen Schwarzweißentwickler an, der an die Rezeptur des früheren ORWO-Entwicklers R 09 anknüpfte. Diese Verbindung betrifft jedoch nicht die historischen Fotowerke Dr. C. Schleussner.

ORWO nach der deutschen Wiedervereinigung

Nach der Wiedervereinigung wurde das frühere Kombinat in die ORWO AG umgewandelt. Das Unternehmen musste sich nun unter völlig veränderten wirtschaftlichen Bedingungen behaupten. Neben veralteten Produktionsanlagen erschwerten sinkende Absatzmärkte und die internationale Konkurrenz den Fortbestand.

1994 wurde die ORWO AG liquidiert. Damit endete die großindustrielle Filmproduktion des früheren Kombinats in ihrer bisherigen Form. Teile des Werks wurden geschlossen, andere Geschäftsbereiche ausgegliedert oder von neu gegründeten Unternehmen übernommen.

Aus dem früheren Unternehmensverbund entstanden mehrere Nachfolgegesellschaften. Einige von ihnen setzten Tätigkeiten aus den Bereichen Folienherstellung, Spezialchemie, Fotodienstleistungen und Filmmaterial fort. Es handelte sich jedoch nicht mehr um ein einheitliches Unternehmen.

Der Markenname ORWO heute

Der Name ORWO verschwand nach der Auflösung der ORWO AG nicht vollständig. Ende der 1990er-Jahre nahm die in Wolfen gegründete FilmoTec GmbH die Herstellung beziehungsweise Konfektionierung von Schwarzweißmaterialien für Kino, Archivierung und technische Anwendungen wieder auf.

Zum Sortiment gehörten Kamera-Negativfilme, Kopierfilme, Tonaufzeichnungsfilme, Archivmaterialien und weitere Spezialfilme. Schwarzweiß-Kinofilme wie UN 54 und N 75 wurden teilweise auch als fotografische Kleinbildfilme konfektioniert oder von anderen Anbietern unter eigenen Namen vertrieben.

Inzwischen werden unter der historischen Markenwelt wieder Schwarzweiß- und Farbfilme für Fotografie und Filmproduktion angeboten. Die gegenwärtige Struktur aus Markenrechten, Produktionsunternehmen und Vertriebsgesellschaften ist allerdings komplex. Die heute angebotenen ORWO- beziehungsweise Original-Wolfen-Produkte sind deshalb keine lückenlose Fortführung des früheren DDR-Kombinats.

Sie knüpfen jedoch an den Namen Wolfen, an technisches Wissen und an Teile der filmtechnischen Tradition an. Informationen zu aktuellen Materialien bietet der heutige ORWO-Filmvertrieb.

Das Industrie- und Filmmuseum Wolfen

Ein Teil der historischen Filmfabrik wird heute vom Industrie- und Filmmuseum Wolfen genutzt. Das Museum dokumentiert die Entwicklung der Filmherstellung von den Anfängen der Agfa-Produktion bis zur Geschichte von ORWO.

Erhalten geblieben sind Produktionsräume, Maschinen, Laborgeräte, Kameras, Filme und zahlreiche Dokumente. Zu den wichtigsten Exponaten gehört eine historische Begießmaschine, mit der fotografische Emulsionen auf das Trägermaterial aufgetragen wurden.

Das Museum macht sichtbar, wie aufwendig die industrielle Filmherstellung war. Sie erforderte chemisches Fachwissen, präzise Maschinen und eine weitgehend lichtgeschützte Produktion.

Bedeutung von ORWO für die Fotografie

ORWO war weit mehr als eine Filmbezeichnung. Die Marke gehörte zum fotografischen Alltag in der DDR und war zugleich ein wichtiges Exportprodukt. Millionen privater Aufnahmen, Pressebilder, wissenschaftlicher Dokumentationen und Kinofilme entstanden auf Materialien aus Wolfen.

Heute besitzen historische ORWO-Filme, Verpackungen und Fotografien einen hohen dokumentarischen Wert. Sie erinnern an eine eigenständige fotografische Industrie, deren Geschichte von technischen Innovationen, deutscher Teilung, staatlicher Produktion und dem wirtschaftlichen Umbruch nach 1990 geprägt wurde.

Dass der Name ORWO weiterhin für fotografische und filmtechnische Materialien verwendet wird, zeigt zugleich das anhaltende Interesse an der analogen Fotografie und an der mehr als hundertjährigen Tradition des Standorts Wolfen.Ländern prägte.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Dieses Formular ist durch einen Spamfilter geschützt, um unerwünschte Inhalte zu vermeiden.