Bildkomposition

Wie aus Motiven ein Bild wird

Du kannst technisch alles richtig machen: Die Belichtung stimmt, der Fokus sitzt und das Objektiv liefert eine hervorragende Schärfe. Trotzdem kann ein Foto merkwürdig belanglos wirken.

Der Grund liegt dann häufig nicht bei der Technik, sondern bei der Bildkomposition. Denn eine Kamera zeichnet zwar auf, was sich vor ihr befindet – welche Elemente davon im fertigen Foto wichtig werden und wie sie miteinander wirken, entscheidest Du als Fotograf.

Bildkomposition gehört deshalb zu den grundlegenden Werkzeugen der Fotografie. Und das Schöne daran: Du brauchst dafür weder eine neue Kamera noch ein besonderes Objektiv. Du musst vor allem lernen, bewusster hinzusehen.

Was bedeutet Bildkomposition?

Unter Bildkomposition versteht man die bewusste Anordnung und Gewichtung der sichtbaren Elemente innerhalb eines Bildes.

Dazu gehören beispielsweise das Hauptmotiv, Vorder- und Hintergrund, Linien, Flächen, Formen, Farben, Helligkeitsunterschiede und freie Bereiche. Auch die Position dieser Elemente innerhalb des Bildrahmens spielt eine Rolle.

Vereinfacht gesagt beantwortet die Bildkomposition die Frage:

Was zeige ich – und wie ordne ich das Gezeigte innerhalb meines Bildes an?

Dabei geht es nicht darum, möglichst viele Gestaltungsregeln einzuhalten. Komposition bedeutet vielmehr, Entscheidungen zu treffen. Was kommt ins Bild? Was bleibt draußen? Wo befindet sich das Hauptmotiv? Welche Elemente konkurrieren miteinander? Und wohin soll der Blick des Betrachters geführt werden?

Der Bildausschnitt verändert die Wirklichkeit

Die Welt vor Deiner Kamera besitzt zunächst keinen Bildrand. Erst in dem Moment, in dem Du durch den Sucher oder auf das Display schaust, begrenzt Du einen kleinen Ausschnitt dieser Wirklichkeit.

Damit beginnt bereits die Bildkomposition.

Du entscheidest beispielsweise, ob ein Baum vollständig zu sehen ist oder angeschnitten wird. Du bestimmst, wie viel Himmel über einer Landschaft bleibt. Bei einem Porträt legst Du fest, wie viel Umgebung zur Person gehört. Und manchmal reicht ein Schritt nach links oder rechts, damit ein störender Laternenmast plötzlich nicht mehr hinter dem Kopf Deines Motivs hervorwächst.

Komposition ist deshalb keineswegs nur die Frage, wo das Hauptmotiv im Bild steht. Ebenso wichtig ist, was um dieses Motiv herum geschieht.

Fotografische Gestaltungsmittel können dabei helfen, die Aufmerksamkeit innerhalb eines Fotos zu lenken. Linien können den Blick beispielsweise in Richtung eines Motivs führen, während eine geringe Schärfentiefe ein Motiv vom Hintergrund abheben kann.

Welche Elemente bestimmen eine Bildkomposition?

Eine Komposition entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Gestaltungsmöglichkeiten. Einige davon begegnen Dir besonders häufig.

Die Position des Hauptmotivs bestimmt wesentlich, wie ein Foto wahrgenommen wird. Ein Motiv in der Bildmitte kann ruhig, direkt oder symmetrisch wirken. Eine außermittige Platzierung kann dagegen Spannung erzeugen oder Raum für die Umgebung lassen.

Linien können den Blick durch das Bild führen. Straßen, Zäune, Mauern, Schatten oder natürliche Strukturen übernehmen dabei häufig eine ähnliche Funktion. Besonders deutlich wird das bei sogenannten führenden Linien, die den Blick auf einen bestimmten Bereich des Fotos lenken.

Auch Flächen und Formen besitzen visuelles Gewicht. Ein kleiner heller Bereich kann in einer dunklen Umgebung sehr dominant wirken. Ähnliches gilt für kräftige Farben oder starke Kontraste.

Und schließlich gehört auch der negative Raum zur Komposition. Damit sind Bereiche gemeint, in denen wenig oder gar nichts geschieht. Solcher Freiraum ist keineswegs verschenkte Bildfläche. Er kann einem Motiv Ruhe geben, Größenverhältnisse verdeutlichen oder ganz bewusst Teil der Bildaussage werden.

Drittel-Regel, Symmetrie und Co.: Hilfen statt Gesetze

Bei der Bildkomposition stößt Du schnell auf Begriffe wie Drittel-Regel, Goldener Schnitt, Symmetrie, führende Linien oder Rahmung.

Solche Gestaltungshilfen sind nützlich, weil sie Dir Möglichkeiten zeigen, einen Bildaufbau bewusst zu gestalten. Die bekannte Drittel-Regel teilt das Bild beispielsweise mit zwei horizontalen und zwei vertikalen Linien in neun Bereiche. Wichtige Motive können anschließend entlang dieser Linien oder in der Nähe ihrer Schnittpunkte positioniert werden.

Der entscheidende Punkt steckt allerdings im Wort Gestaltungshilfe.

Ein Foto wird nicht automatisch gut, weil das Hauptmotiv exakt auf einem Schnittpunkt des Drittelrasters liegt. Und ein mittig angeordnetes Motiv ist nicht automatisch schlecht. Gerade Symmetrien können von einer sehr zentralen Komposition profitieren.

Solche Regeln sind deshalb eher ein Werkzeug zum Sehenlernen als eine mathematische Anleitung für gute Bilder. Selbst bei der Drittel-Regel wird in der fotografischen Praxis ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie als Richtlinie und nicht als starres Gesetz verstanden werden sollte.

Warum Bildkomposition in der Praxis so wichtig ist

Stell Dir vor, Du stehst an einem See. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich ein einzelner Baum. Dahinter liegen Berge, über denen sich interessante Wolken gebildet haben.

Du könntest einfach die Kamera heben und fotografieren.

Du könntest aber auch zunächst beobachten.

Vielleicht wirkt das Foto stärker, wenn Du etwas weiter nach rechts gehst und dadurch eine Uferlinie diagonal ins Bild laufen lässt. Vielleicht bekommt der Baum mehr Bedeutung, wenn er nicht genau in der Mitte steht. Vielleicht ist der Himmel gerade das Interessanteste an der Szene und sollte deshalb mehr Raum bekommen. Oder Du stellst fest, dass ein Ast am linken Bildrand nur ablenkt – und veränderst Deinen Standort noch einmal.

An der Belichtung hat sich dabei möglicherweise überhaupt nichts geändert.

Am Foto dagegen sehr viel.

Genau darin liegt die praktische Bedeutung der Bildkomposition: Du ordnest das vorhandene Motiv so, dass im fertigen Foto sichtbar wird, was Dir daran wichtig war.

Komposition beginnt häufig mit Weglassen

Ein hilfreicher Gedanke beim Fotografieren lautet deshalb nicht nur:

Was möchte ich fotografieren?

Sondern auch:

Was brauche ich dafür nicht im Bild?

Gerade unruhige Hintergründe, angeschnittene Gegenstände am Bildrand oder helle Flächen können Aufmerksamkeit vom eigentlichen Motiv abziehen. Oft genügt eine kleine Veränderung des Kamerastandpunkts, um solche Störungen zu vermeiden.

Das ist einer der Gründe, warum eine bewusste Komposition nicht unbedingt bedeutet, lange über Gestaltungsregeln nachzudenken. Manchmal besteht die wichtigste gestalterische Entscheidung schlicht darin, einen Schritt zur Seite zu gehen oder etwas näher an das Motiv heranzurücken.

Auch ein engerer Bildausschnitt kann störende Elemente reduzieren und dadurch die Aufmerksamkeit stärker auf das Hauptmotiv konzentrieren.

Bildkomposition und Bildgestaltung – ist das dasselbe?

Die Begriffe werden häufig ähnlich verwendet, sind aber nicht vollkommen deckungsgleich.

Bildkomposition beschreibt vor allem, wie die sichtbaren Elemente innerhalb des Bildes angeordnet sind und miteinander in Beziehung stehen.

Bildgestaltung lässt sich weiter fassen. Dazu können neben der Komposition beispielsweise auch Licht, Farbe, Perspektive, Brennweite, Schärfe und Unschärfe oder Bewegungsdarstellung gehören.

In der fotografischen Praxis greifen beide Bereiche allerdings stark ineinander. Wenn Du beispielsweise eine längere Brennweite wählst oder Deinen Standort veränderst, verändert sich häufig nicht nur die Perspektive beziehungsweise der Bildausschnitt, sondern zugleich die Beziehung der Bildelemente zueinander.

Eine völlig scharfe Trennung ist beim Fotografieren deshalb selten notwendig.

Kann man Bildkomposition lernen?

Zum Glück ja – allerdings weniger durch das Auswendiglernen möglichst vieler Regeln als durch bewusstes Sehen.

Eine einfache Übung besteht darin, vor dem Auslösen kurz die Bildränder zu kontrollieren. Wandere mit den Augen einmal um den gesamten Sucher. Gibt es dort etwas, das stört? Anschließend schaust Du auf Dein Hauptmotiv und fragst Dich, welche anderen Elemente im Bild seine Wirkung unterstützen oder schwächen.

Sehr lehrreich ist außerdem die Beschäftigung mit vorhandenen Fotografien. Frage Dich bei einem Bild, das Dir gefällt, nicht nur ob es Dir gefällt, sondern warum. Wo landet Dein Blick zuerst? Was führt ihn dorthin? Welche Rolle spielen freie Flächen? Was würde passieren, wenn Du einen Teil des Bildes wegschneiden würdest?

Mit der Zeit entsteht daraus etwas, das wesentlich wertvoller ist als ein Katalog fotografischer Regeln: ein Gefühl dafür, wie unterschiedliche Bildelemente miteinander wirken.

Bildkomposition ist die bewusste Entscheidung darüber, welche Elemente Du in Deinem Foto zeigst und wie Du sie innerhalb des Bildrahmens zueinander anordnest.

Drittel-Regel, führende Linien, Symmetrie oder negativer Raum können Dir dabei helfen. Sie sind aber keine Rezepte, die automatisch gute Fotografien hervorbringen.

Viel wichtiger ist die Frage, warum Du ein Motiv auf eine bestimmte Weise zeigen möchtest.

Wenn Du Dich beim nächsten Foto also dabei ertappst, sofort nach der richtigen Gestaltungsregel zu suchen, probiere etwas anderes: Schau noch einmal auf Dein Motiv, bewege Dich ein wenig und achte darauf, was am Bildrand passiert.

Oft beginnt eine bessere Bildkomposition nicht mit einer Regel – sondern mit einem zweiten Blick.

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