Fotografie-Blog

Was ist eigentlich echte Fotografie?

Zwischen „Out of Cam“, Bildbearbeitung, Analog-Look und der Frage, wer das überhaupt entscheiden darf

Es gibt Diskussionen in der Fotografie, die vermutlich niemals endgültig entschieden werden. RAW oder JPEG gehört dazu. Analog oder digital natürlich auch. Und irgendwann landet man fast zwangsläufig bei der ganz großen Frage:

Was ist eigentlich noch echte Fotografie?

Für manche ist die Sache ziemlich klar. Eine Fotografie entsteht in dem Moment, in dem der Auslöser gedrückt wird. Was danach kommt, ist Bearbeitung – und je mehr davon geschieht, desto weiter entfernt sich das Ergebnis von der eigentlichen Fotografie.

Andere sehen die Aufnahme eher als Ausgangspunkt. Das Bild entsteht zwar in der Kamera, bekommt aber erst bei der Entwicklung seine endgültige Form. Ob diese Entwicklung in einer Dunkelkammer oder an einem Computer stattfindet, macht dabei zunächst keinen grundsätzlichen Unterschied.

Und dann gibt es noch diejenigen, die einem digitalen Foto ganz bewusst einen analogen Look verpassen, kräftig an Farben und Kontrasten drehen oder mehrere Aufnahmen miteinander kombinieren.

Wer von ihnen macht nun „echte“ Fotografie?

Vielleicht liegt das Problem schon in der Frage.

Die Sehnsucht nach dem unverfälschten Bild

Ich kann durchaus verstehen, was hinter der Vorstellung steckt, ein Bild möglichst fertig aus der Kamera bekommen zu wollen.

Du beschäftigst Dich vor der Aufnahme mit Licht, Perspektive und Bildgestaltung. Du achtest auf die Belichtung und wartest vielleicht auf den richtigen Moment. Das Bild soll nicht deshalb funktionieren, weil später am Computer noch irgendetwas daraus gemacht wird.

Dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Sich bereits beim Fotografieren Gedanken über das spätere Bild zu machen, halte ich für ausgesprochen sinnvoll.

Historisch findet man eine verwandte Haltung beispielsweise in der sogenannten Straight Photography. Fotografen wie Paul Strand wandten sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen den Piktorialismus, bei dem Fotografien durch verschiedene Verfahren teilweise bewusst einer malerischen Ästhetik angenähert wurden. Strands Arbeiten wurden dagegen gerade wegen ihrer Direktheit, Klarheit und des Verzichts auf sichtbare Handarbeit und technische Manipulation gelobt. Das Metropolitan Museum of Art zählt diese Eigenschaften zu dem, was später als Straight Photography bezeichnet wurde.

Das ist also keineswegs eine Erfindung moderner Fotoforen.

Nur folgt daraus noch lange nicht, dass ein unbearbeitetes Kamerabild automatisch die einzig legitime Form der Fotografie wäre.

„Out of the Cam“ – aber was kommt da eigentlich heraus?

Mit dem Begriff „Out of the Cam“ habe ich mich schon einmal ausführlicher beschäftigt. Und meine Skepsis ist seitdem nicht kleiner geworden.

Ein JPEG, das direkt auf der Speicherkarte landet, ist nämlich keineswegs ein völlig neutrales Abbild der Sensordaten. Die Kamera hat bereits Entscheidungen getroffen. Sie interpretiert Farben und Tonwerte, schärft das Bild und wendet je nach Einstellungen weitere Korrekturen an.

Das Bild wurde also bearbeitet.

Nur eben nicht von Dir am Computer, sondern von der Software in Deiner Kamera.

Genau deshalb halte ich die Grenze zwischen „in der Kamera“ und „nach der Kamera“ für wenig geeignet, um daraus eine Definition von echter oder unechter Fotografie abzuleiten.

Wer sich ausführlicher mit diesem Gedanken beschäftigen möchte, findet ihn in meinem Beitrag Out of the Cam – Was soll das bitte sein?. Dort geht es genau um die Frage, warum selbst ein scheinbar unbearbeitetes JPEG bereits das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses ist.

Interessant ist übrigens ein Einwand, den ein Leser dort inzwischen eingebracht hat. Für ihn kommt das Farbdia der Idee von „Out of Cam“ besonders nahe. Und tatsächlich ist das ein gutes Gegenargument: Beim Dia gibt es keinen anschließenden Positivprozess wie beim Negativ, bei dem der Fotograf beim Vergrößern noch umfangreich eingreifen kann. Das entwickelte Dia ist bereits das Bild.

Ganz ohne Interpretation ist allerdings auch das Dia nicht. Schon mit der Wahl des Films entscheidet sich der Fotograf für dessen charakteristische Farbwiedergabe, Kontrastverhalten und weitere Eigenschaften. Dazu kommen Belichtung, Objektiv und chemische Entwicklung.

Vielleicht ist das Dia deshalb tatsächlich eine der konsequentesten Formen von „Out of Cam“. Eine völlig neutrale fotografische Wahrheit liefert aber auch der Diafilm nicht.

Die Dunkelkammer war kein heiliger Ort der Unverfälschtheit

Manchmal entsteht bei solchen Diskussionen der Eindruck, Bildbearbeitung sei erst mit Photoshop und Lightroom in die Fotografie gekommen.

Das hält einer historischen Betrachtung nicht stand.

Negative wurden anders vergrößert, Ausschnitte verändert, Bereiche abgewedelt oder nachbelichtet. Mit Papierwahl, Entwicklungsprozess und vielen weiteren Entscheidungen ließ sich beeinflussen, wie das endgültige Bild aussah.

Und Fotografen gingen teilweise erheblich weiter.

Ein schönes historisches Beispiel liefert Arnold Genthe. Die Library of Congress besitzt einen umfangreichen Bestand seiner Negative. Auf ihnen finden sich Ausschnittmarkierungen, Retuschen und Anweisungen für den späteren Abzug. Genthe zeichnete teilweise direkt auf Negative, ätzte sie oder trug Farbe auf. Bei einer Aufnahme entfernte er auf diese Weise sogar eine Person aus dem endgültigen Bild. Die Library of Congress zeigt den Unterschied zwischen ursprünglichem Negativ und fertigem Bild sehr anschaulich.

Das Metropolitan Museum of Art hat sich mit der Ausstellung und dem Buch Faking It: Manipulated Photography Before Photoshop ausführlich mit diesem Thema beschäftigt. Die dort dokumentierten Verfahren reichen bis in die frühen Jahrzehnte der Fotografie zurück. Menschen wurden hinzugefügt oder entfernt, Negative kombiniert, Haut und Körper retuschiert und sogar Ereignisse konstruiert, die so niemals stattgefunden hatten.

Bildmanipulation ist also keineswegs die dunkle Begleiterscheinung der Digitalfotografie.

Sie gehört fast so lange zur Geschichte der Fotografie wie die Fotografie selbst.

Entwicklung und Manipulation sind nicht dasselbe

Damit sollten wir allerdings nicht in die andere Richtung übertreiben.

Nur weil Fotografien schon immer bearbeitet wurden, bedeutet das nicht, dass jede Bearbeitung dasselbe ist.

Für mich ist es hilfreich, zwischen Interpretation und Veränderung des Bildinhalts zu unterscheiden.

Wenn ich bei einer RAW-Datei Weißabgleich, Helligkeit, Kontrast oder Farbwiedergabe bestimme, interpretiere ich die aufgenommenen Daten. Auch eine Schwarzweißumwandlung oder eine lokale Anpassung von Tonwerten gehört für mich zunächst in diesen Bereich.

Wenn ich dagegen einen Strommast verschwinden lasse, einen langweiligen Himmel gegen einen dramatischen Sonnenuntergang austausche oder eine Person in das Bild setze, die bei der Aufnahme gar nicht dort war, greife ich in den Inhalt ein.

Auch das kann vollkommen legitim sein.

Aber es ist etwas anderes.

Wie wichtig diese Unterscheidung ist, sieht man besonders deutlich in der Pressefotografie.

Wenn ein Foto ein Versprechen abgibt

Bei einer künstlerischen Landschaftsaufnahme kann ich einen Himmel austauschen. Ob ich das schön finde, steht auf einem anderen Blatt.

Bei einer Presseaufnahme gelten andere Maßstäbe.

World Press Photo erlaubt beispielsweise Anpassungen von Farbe oder eine Umwandlung in Schwarzweiß, solange dadurch der Inhalt nicht wesentlich verändert wird. Personen oder Gegenstände dürfen dagegen nicht hinzugefügt, entfernt, verschoben oder verzerrt werden.

Warum diese strengen Regeln?

Weil ein dokumentarisches Bild dem Betrachter ein Versprechen gibt:

Das, was Du hier siehst, hat vor meiner Kamera stattgefunden.

World Press Photo begründet seine Regeln entsprechend mit Vertrauen, Genauigkeit und einer fairen Darstellung des Geschehens.

Und damit kommen wir meines Erachtens einem entscheidenden Punkt näher.

Nicht jede Fotografie behauptet dasselbe.

Ein journalistisches Foto dokumentiert. Eine abstrakte Architekturfotografie interpretiert. Ein Fine-Art-Bild darf eine völlig eigene Wirklichkeit erschaffen.

Warum sollten für alle drei dieselben Regeln gelten?

Darf ein digitales Bild analog aussehen?

Hier wird die Diskussion für mich besonders kurios.

Es gibt Fotografen, die nichts dagegen haben, wenn jemand mit analogem Film fotografiert. Korn, besondere Farbwiedergabe und die charakteristische Tonalität des Materials gehören dann eben zum Bild.

Wird ein ähnlicher Look anschließend auf eine digitale Aufnahme angewendet, gilt das plötzlich als künstlich.

Aber warum eigentlich?

Wenn mir die Ästhetik gefällt, kann ich sie doch als gestalterisches Mittel verwenden.

Noch interessanter wird die Sache bei modernen Digitalkameras mit Filmsimulationen. Fujifilm bietet beispielsweise verschiedene Simulationen an, die auf der langjährigen Erfahrung des Unternehmens mit fotografischen Filmen beruhen und nicht nur Farben, sondern auch Tonalität und Kontrast beeinflussen. ACROS soll beispielsweise eine bestimmte monochrome Tonalität und Textur erzeugen.

Stelle ich diese Simulation vor der Aufnahme in der Kamera ein, bekomme ich ein JPEG „Out of Cam“.

Wende ich eine ähnliche Charakteristik später auf eine RAW-Datei an, habe ich mein Foto „bearbeitet“.

Das Ergebnis kann sich sehr ähnlich sehen.

Soll wirklich der Zeitpunkt, an dem ein Algorithmus auf das Bild angewendet wird, darüber entscheiden, welches davon die „echtere“ Fotografie ist?

Für mich ergibt das wenig Sinn.

Auch analog war nie neutral

Außerdem sollten wir den analogen Film nicht im Nachhinein zu einem neutralen Medium verklären.

Wer einen bestimmten Film einlegte, entschied sich damit auch für dessen Charakteristik. Unterschiedliche Filme lieferten unterschiedliche Farben, Kontraste, Körnung und Empfindlichkeiten.

Der Film war also nicht einfach ein durchsichtiges Fenster zur Wirklichkeit.

Und genau deshalb habe ich überhaupt kein Problem damit, wenn heute jemand sagt: Ich mag die Ästhetik analoger Fotografie und möchte etwas davon auf meine digitalen Bilder übertragen.

Ob das Ergebnis überzeugend aussieht, ist eine ganz andere Frage.

Ein Preset macht schließlich noch kein gutes Foto.

Aber das gilt für einen Diafilm genauso.

Und wo kommt jetzt die KI ins Spiel?

Mit generativer KI bekommt die Diskussion noch einmal eine neue Dimension.

Denn hier geht es nicht mehr nur darum, vorhandene Bildinformationen zu interpretieren oder klassische Retuschen vorzunehmen. Software kann Bildinformationen erzeugen, die von der Kamera niemals aufgenommen wurden.

World Press Photo zieht deshalb für seinen Wettbewerb eine klare Grenze: Die eingereichten Fotografien müssen mit einer Kamera entstanden sein. Synthetisch erzeugte Bilder und generatives Füllen sind nicht erlaubt. Bestimmte KI-gestützte Werkzeuge können dagegen zulässig sein, solange sie keine neuen Bildinformationen hinzufügen oder aufgenommene Informationen entfernen.

Für die dokumentarische Fotografie halte ich diese Grenze für nachvollziehbar.

Für Kunst muss sie deshalb noch lange nicht gelten.

Wenn jemand aus Fotografien, Montagen und generierten Elementen ein Bild erschaffen möchte, kann daraus schließlich ein interessantes Werk entstehen.

Ich würde nur irgendwann nicht mehr selbstverständlich von einer Fotografie sprechen.

Nicht weil das Ergebnis dadurch schlechter wäre.

Sondern weil etwas anderes daraus geworden ist.

Vielleicht suchen wir die falsche Grenze

Je länger man sich mit der Frage beschäftigt, desto weniger sinnvoll erscheint mir die Trennung zwischen „bearbeitet“ und „unbearbeitet“.

Schon die Wahl des Ausschnitts ist eine Entscheidung darüber, was der Betrachter sehen soll und was nicht.

Die Belichtung verändert die Wirkung einer Szene. Eine lange Brennweite lässt räumliche Abstände anders erscheinen als ein Weitwinkel. Schwarzweiß entfernt sämtliche Farben aus einer farbigen Welt. Ein Film bringt seine eigene Charakteristik mit. Eine Digitalkamera interpretiert Sensordaten. Und bei der RAW-Entwicklung entscheidet der Fotograf, wie daraus sein endgültiges Bild werden soll.

Eine vollkommen neutrale Fotografie wäre deshalb ohnehin schwer zu finden.

Vielleicht sollten wir uns weniger fragen:

Wie viel Bearbeitung ist erlaubt?

Und stattdessen:

Was möchte dieses Bild sein?

Dokumentiert es ein Ereignis?

Interpretiert es eine Landschaft?

Will es eine Stimmung vermitteln?

Oder möchte der Fotograf eine eigene visuelle Welt erschaffen?

Je nachdem fällt meine Antwort auf die Frage nach zulässiger Bearbeitung unterschiedlich aus.

Erlaubt ist, was gefällt

Und damit komme ich zu meiner persönlichen Haltung.

Ich habe wenig Interesse daran, anderen Fotografen vorzuschreiben, wie sie ihre Bilder zu machen haben.

Du möchtest ausschließlich JPEG fotografieren und Deine Bilder genauso verwenden, wie sie aus der Kamera kommen?

Mach das.

Du möchtest Deine RAW-Dateien stundenlang entwickeln?

Warum nicht?

Du liebst Filmkorn, entsättigte Farben und einen Look, der an einen Film aus den 1970er-Jahren erinnert?

Nur zu.

Du findest genau diesen Look schrecklich?

Auch gut.

Erlaubt ist, was gefällt. Man muss sich ja nicht alles ansehen.

Fotografie braucht für meinen Geschmack keine Geschmackspolizei.

Sie braucht allerdings etwas anderes: Ehrlichkeit.

Wenn ich ein Bild als Dokument eines realen Ereignisses präsentiere, sollte der Betrachter darauf vertrauen können, dass ich dieses Ereignis nicht nachträglich erfunden habe.

Wenn ich dagegen ein Bild als meine persönliche Interpretation einer Landschaft zeige, darf diese Interpretation für meinen Geschmack ziemlich weit gehen.

Und wenn ich ein digitales Foto aussehen lasse, als wäre es vor vierzig Jahren auf Film aufgenommen worden, dann darfst Du das kitschig finden.

Ich darf es trotzdem mögen.

Vielleicht ist genau das Fotografie

Fotografie war nie einfach nur das mechanische Festhalten einer objektiven Wirklichkeit.

Zwischen Motiv und fertigem Bild steht immer ein Fotograf, der Entscheidungen trifft.

Wo stelle ich mich hin? Was nehme ich ins Bild? Wann drücke ich auf den Auslöser? Wie belichte ich? Welche Brennweite verwende ich? Farbe oder Schwarzweiß? Welcher Film? Welches Kameraprofil? Wie entwickle ich das RAW?

Die Werkzeuge haben sich verändert.

Die Entscheidung, wie wir etwas zeigen wollen, ist geblieben.

Vielleicht ist deshalb gar nicht entscheidend, ob ein Foto „Out of Cam“, aus Lightroom, aus der Dunkelkammer oder mit einem analogen Film entstanden ist.

Entscheidend ist, was wir daraus machen – und was wir dem Betrachter darüber erzählen.

Den Rest darf jeder selbst entscheiden.

Und wenn es einem nicht gefällt?

Nun ja.

Man muss sich ja nicht alles ansehen.

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