Fotografie-Merksätze auf dem Prüfstand

Wenn der Himmel nicht mitspielt – oder vielleicht doch?

„Schlechtes Wetter gibt es nicht, nur schlechte Fotografen.“

Regen. Nebel. Ein grauer Himmel, der aussieht, als hätte jemand die Farbsättigung auf null gedreht. Vielleicht noch ein kräftiger Wind dazu, damit auch wirklich keine Lust aufkommt, die Kamera aus der Tasche zu holen.

Und dann fällt dieser Satz: „Schlechtes Wetter gibt es nicht, nur schlechte Fotografen.“

Das klingt wunderbar entschlossen. Fast so, als müsse ein guter Fotograf aus jeder Wetterlage zwangsläufig ein großartiges Bild mit nach Hause bringen.

Aber stimmt das wirklich? Oder wird hier aus einem durchaus vernünftigen fotografischen Gedanken eine ziemlich überhebliche Regel?

Woher kommt der Gedanke?

Eine belastbare ursprüngliche Quelle für genau diesen Wortlaut lässt sich nicht eindeutig feststellen. Der Satz wirkt vielmehr wie eine fotografische Abwandlung der bekannten Redewendung „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“. Varianten dieser Redewendung sind besonders im Zusammenhang mit Outdoor-Aktivitäten verbreitet.

Auch in der Fotografie begegnet uns der dahinterstehende Gedanke immer wieder: Regen, Nebel, Schnee oder Sturm müssen keine Hindernisse sein. Sie können Bedingungen schaffen, unter denen Bilder überhaupt erst interessant werden.

Naturfotograf Conny Lundström bringt beispielsweise einen sehr ähnlichen Gedanken auf den Punkt: Fotografie bedeute, das Beste aus den vorhandenen Bedingungen zu machen; gerade vermeintlich schlechtes Wetter könne spektakuläre Bilder ermöglichen. Auch Landschaftsfotograf Fortunato Gatto beschreibt Wetter nicht einfach als gut oder schlecht, sondern verbindet unterschiedliche Wetterlagen mit unterschiedlichen Bildstimmungen.

Der genaue Ursprung unseres Merksatzes bleibt damit offen. Der fotografische Gedanke dahinter ist jedoch durchaus nachvollziehbar.

Was ist daran richtig?

Fotografisch betrachtet gibt es tatsächlich erstaunlich wenige Wetterlagen, die grundsätzlich ungeeignet sind.

Ein wolkenloser Sommertag liefert anderes Licht als ein nebliger Novembermorgen. Regen verändert Farben und Oberflächen. Nasse Straßen beginnen zu spiegeln. Nebel reduziert die Landschaft auf wenige Ebenen und Formen. Schnee verändert Kontraste und Farben. Dunkle Wolken können einer Landschaft eine Dramatik geben, die bei blauem Himmel schlicht nicht vorhanden wäre.

Selbst gleichmäßiges graues Licht kann ausgesprochen nützlich sein.

Bei bedecktem Himmel entstehen meist weichere Schatten und geringere Helligkeitsunterschiede als bei direkter Sonne. Genau deshalb können Farben und Details unter solchen Bedingungen besonders gut zur Geltung kommen. Diane Cook und Len Jenshel nutzten beispielsweise einen Regentag bei der Fotografie eines Ginkgobaums in Tokio bewusst zu ihrem Vorteil: Das gedämpfte Licht ließ die kräftigen Farben der Blätter hervortreten, während direktes Sonnenlicht deutlich stärkere Kontraste erzeugt hätte.

Der sinnvolle Kern des Merksatzes lautet deshalb für mich:

Beurteile Wetter nicht danach, ob es angenehm ist, sondern danach, welche Bilder damit möglich werden.

Das ist ein erheblicher Unterschied.

Wo wird es zu einfach?

Problematisch wird der Satz bei den „schlechten Fotografen“.

Denn natürlich passt nicht jedes Wetter zu jedem Bild.

Wer eine bestimmte Landschaft im warmen Licht eines Sonnenuntergangs fotografieren möchte, bekommt dieses Bild bei dichtem Hochnebel schlicht nicht. Ein Architekturfotograf kann für eine geplante Aufnahme bestimmte Lichtbedingungen benötigen. Bei einem kommerziellen Shooting können sogar sehr konkrete Anforderungen an Licht und Wetter bestehen.

Das macht niemanden zu einem schlechten Fotografen.

Im Gegenteil: Zu guter Fotografie gehört auch zu erkennen, ob die vorhandenen Bedingungen zur eigenen Bildidee passen.

Und dann gibt es noch eine wesentlich wichtigere Grenze: Sicherheit.

Gewitter, Sturm, extreme Hitze, starke Kälte, Hochwasser oder Glatteis werden nicht dadurch ungefährlich, dass eine Kamera dabei ist. Auch die Ausrüstung besitzt Grenzen. Wetterfestigkeit bedeutet schließlich nicht, dass Kamera und Objektiv unter allen Umständen unverwundbar sind.

Manchmal besteht die fotografisch vernünftigste Entscheidung deshalb tatsächlich darin, die Kamera einzupacken.

Was bedeutet das heute?

Moderne Kameratechnik erweitert unsere Möglichkeiten erheblich.

Hohe ISO-Werte sind wesentlich besser nutzbar als bei vielen älteren Digitalkameras. Bildstabilisatoren ermöglichen längere Belichtungszeiten aus der Hand. Moderne Autofokussysteme arbeiten auch bei wenig Licht erstaunlich zuverlässig. Und eine RAW-Datei bietet bei der späteren Entwicklung beträchtlichen Spielraum bei Weißabgleich, Helligkeit und Kontrast.

Aber keine dieser Möglichkeiten macht schlechtes Wetter automatisch zu gutem Wetter.

Das Entscheidende passiert schon vorher.

Du musst erkennen, was die Situation anbietet.

Bei Nebel könnte das die Reduktion sein. Bei Regen vielleicht eine Spiegelung auf dem Asphalt. Bei stark bewölktem Himmel das weiche Licht. Kurz vor oder nach einem Schauer können plötzlich einzelne Sonnenstrahlen durch die Wolken brechen. Und manchmal ist gerade ein bedrohlicher Himmel das Element, das einer ansonsten gewöhnlichen Landschaft ihre Stimmung gibt.

Landschaftsfotograf Felix Inden beschreibt schwieriges Wetter entsprechend als Quelle von Stimmung und Tiefe, die ein klarer Himmel häufig nicht bietet.

Technik hilft uns dabei, solche Bedingungen zu bewältigen. Sehen müssen wir sie trotzdem selbst.

In der Praxis: Der verregnete Waldspaziergang

Stell Dir vor, Du möchtest an einem Herbstmorgen im Wald fotografieren.

Du hattest auf Sonnenstrahlen zwischen bunten Blättern gehofft. Stattdessen ist der Himmel grau, leichter Regen fällt und über dem Boden hängt etwas Nebel.

Du könntest enttäuscht nach Hause fahren.

Oder Du änderst Deine Bildidee.

Plötzlich sind die Kontraste geringer. Die nassen Blätter leuchten kräftiger. Baumstämme werden dunkler und bekommen mehr Struktur. Im Hintergrund verschwinden die Bäume langsam im Nebel.

Das ursprünglich geplante Foto bekommst Du nicht.

Dafür bietet sich Dir ein anderes an.

Genau hier funktioniert der Merksatz hervorragend: Nicht gegen die vorhandenen Bedingungen fotografieren, sondern überlegen, welches Bild wegen dieser Bedingungen entstehen kann.

Das funktioniert allerdings auch in die andere Richtung.

Wenn Du für ein bestimmtes Motiv unbedingt Seitenlicht brauchst und der Himmel den ganzen Tag geschlossen bleibt, darfst Du genauso gut sagen: Heute wird das nichts. Dann kommst Du eben wieder.

Auch das gehört zur Fotografie.

Mein Urteil

Kommt darauf an

Der Gedanke hinter dem Merksatz gefällt mir sehr gut. Seine Formulierung dagegen weniger.

„Schlechtes Wetter gibt es nicht“ kann ein wunderbarer Anstoß sein, die Kamera gerade dann mitzunehmen, wenn andere sie zu Hause lassen. Wer ausschließlich auf Sonne und blauen Himmel wartet, verzichtet freiwillig auf viele interessante Licht- und Wetterstimmungen.

„Nur schlechte Fotografen“ macht daraus allerdings einen unnötigen Vorwurf.

Gute Fotografie bedeutet für mich nicht, unter allen Bedingungen ein gutes Bild produzieren zu müssen. Viel wichtiger ist es, Wetter als Teil der Bildgestaltung zu verstehen. Manchmal nutzt Du die vorhandenen Bedingungen. Manchmal änderst Du Deine ursprüngliche Idee. Und manchmal stellst Du fest, dass heute einfach nicht das Licht da ist, das Dein Bild braucht.

Wetter ist keine Qualitätsstufe von „gut“ bis „schlecht“. Es verändert Licht, Farben, Kontraste und Atmosphäre – und damit die fotografischen Möglichkeiten. Entscheidend ist, ob diese Möglichkeiten zu Deiner Bildidee passen.

Vielleicht sollten wir den alten Spruch deshalb etwas umformulieren:

Schlechtes Wetter gibt es durchaus. Aber fotografisch uninteressantes Wetter erstaunlich selten.

Und wenn draußen wirklich waagerecht der Regen am Fenster vorbeifliegt, darfst Du trotzdem zu Hause bleiben.

Schließlich musst Du nicht jedes Mal Deine fotografische Ehre verteidigen, nur weil es regnet.

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