Nassplattenverfahren
Das Nassplattenverfahren (englisch: Wet Plate Collodion Process) ist ein fotografisches Aufnahmeverfahren, das 1851 vom englischen Bildhauer und Fotografen Frederick Scott Archer entwickelt wurde. Es zählt zu den bedeutendsten Verfahren der frühen Fotografie und löste innerhalb weniger Jahre die Daguerreotypie sowie die Kalotypie weitgehend ab.
Charakteristisch für das Nassplattenverfahren ist, dass die fotografische Platte während der gesamten Aufnahme und Entwicklung feucht bleiben muss. Daraus ergibt sich der Name des Verfahrens. Zwischen Beschichtung, Belichtung und Entwicklung dürfen meist nur wenige Minuten liegen.
Geschichte
Bis zur Einführung des Nassplattenverfahrens mussten Fotografen zwischen der detailreichen, aber nicht reproduzierbaren Daguerreotypie und der reproduzierbaren, jedoch vergleichsweise unscharfen Kalotypie wählen.
Frederick Scott Archer kombinierte die Vorteile beider Verfahren. Durch die Verwendung einer Glasplatte als Trägermaterial und einer lichtempfindlichen Kollodiumschicht entstanden Negative mit außergewöhnlicher Schärfe, die beliebig oft auf Albuminpapier vervielfältigt werden konnten.
Bereits wenige Jahre nach seiner Veröffentlichung wurde das Nassplattenverfahren weltweit zum fotografischen Standard. Es blieb bis in die 1880er-Jahre das dominierende Aufnahmeverfahren und wurde erst durch die wesentlich praktischeren Trockenplatten ersetzt.
Funktionsweise
Der gesamte Arbeitsablauf musste unmittelbar hintereinander erfolgen.
1. Reinigung der Glasplatte
Eine absolut saubere Glasplatte bildete die Grundlage. Schon kleinste Verunreinigungen führten zu Flecken oder schlechter Haftung der Emulsion.
2. Beschichten mit Kollodium
Die Glasplatte wurde mit einer Lösung aus Kollodium überzogen, die Jod- und Bromsalze enthielt.
3. Sensibilisierung
Anschließend wurde die noch feuchte Platte in ein Silbernitratbad gelegt. Dort entstanden lichtempfindliche Silberhalogenide.
4. Belichtung
Die nasse Platte wurde sofort in die Kamera eingesetzt und belichtet. Je nach Lichtverhältnissen lagen die Belichtungszeiten meist zwischen wenigen Sekunden und einer halben Minute.
5. Entwicklung
Noch bevor die Platte trocknete, musste sie entwickelt werden. Erst danach wurde sie fixiert, gewaschen und getrocknet.
Warum musste alles so schnell gehen?
Die Kollodiumschicht verliert beim Trocknen ihre Lichtempfindlichkeit. Trocknete die Platte vor der Entwicklung, war die Aufnahme praktisch unbrauchbar.
Deshalb transportierten viele Fotografen eine mobile Dunkelkammer mit sich. Bei Landschaftsaufnahmen oder Expeditionen gehörte ein Dunkelzelt häufig zur Ausrüstung.
Vorteile des Nassplattenverfahrens
- Sehr hohe Detailauflösung
- Hervorragende Schärfe
- Kurze Belichtungszeiten im Vergleich zur Kalotypie
- Beliebig reproduzierbare Glasnegative
- Vergleichsweise geringe Materialkosten
- Grundlage für hochwertige Albuminabzüge
Nachteile
- Aufwendiger chemischer Arbeitsablauf
- Entwicklung unmittelbar nach der Aufnahme erforderlich
- Transport einer Dunkelkammer notwendig
- Empfindliche Glasplatten
- Einsatz teilweise giftiger Chemikalien
- Hoher logistischer Aufwand im Außeneinsatz
Ambrotypie und Ferrotypie
Das Nassplattenverfahren bildete die Grundlage mehrerer bekannter fotografischer Techniken.
Ambrotypie
Bei der Ambrotypie wird das unterbelichtete Glasnegativ vor einem schwarzen Hintergrund betrachtet. Dadurch erscheint es als positives Bild.
Ferrotypie
Bei der Ferrotypie (Tintype) wird das Kollodium direkt auf eine dünne lackierte Eisenplatte aufgetragen. Diese Technik war kostengünstig, robust und besonders bei Wanderfotografen beliebt.
Bedeutung für die Fotografie
Das Nassplattenverfahren machte die Fotografie deutlich präziser und wirtschaftlicher. Die enorme Bildqualität ermöglichte wissenschaftliche Dokumentationen, Architekturaufnahmen, Landschaftsfotografie und hochwertige Porträts in bislang unerreichter Detailtreue.
Viele berühmte Fotografen des 19. Jahrhunderts arbeiteten mit diesem Verfahren, darunter Gustave Le Gray, Roger Fenton, Carleton Watkins und Mathew Brady.
Heute erlebt das Nassplattenverfahren eine kleine Renaissance. Künstler und Fotografen schätzen den einzigartigen Bildcharakter mit seiner außergewöhnlichen Detailzeichnung, den feinen Tonwerten und den individuellen Unregelmäßigkeiten, die jede Aufnahme zu einem Unikat machen.
Das Nassplattenverfahren markiert einen Meilenstein in der Geschichte der Fotografie. Es vereinte erstmals hohe Bildqualität, gute Reproduzierbarkeit und vergleichsweise kurze Belichtungszeiten. Obwohl das Verfahren technisch anspruchsvoll war und eine mobile Dunkelkammer erforderte, dominierte es über drei Jahrzehnte die fotografische Praxis. Bis heute fasziniert es Fotografen und Sammler durch seinen unverwechselbaren analogen Charakter.