Fotografie-Blog

Georg Christoph Lichtenberg – Analogfotografie in Göttingen

Am Samstag brachte der Paketbote eine neue Kamera. „Neu“ ist in diesem Fall allerdings ein dehnbarer Begriff, denn die Canon EOS 30 hat bereits einige Jahre hinter sich. Ihr Zustand ließ davon jedoch kaum etwas erkennen. Offenbar hatte sie ihr bisheriges Leben überwiegend in einer Fototasche verbracht und darauf gewartet, noch einmal einen Film zu sehen.

Als alter Canonier konnte ich natürlich nicht widerstehen. Schließlich gibt es Kameras, die man vernünftigerweise nicht braucht, die aber trotzdem erstaunlich schnell einen Platz in der eigenen Sammlung finden. Die Canon EOS 30 gehört eindeutig in diese Kategorie.

Eine analoge Kamera, die erstaunlich modern wirkt

Die Canon EOS 30 kam im Jahr 2000 auf den Markt und gehört damit zur späten Generation analoger Spiegelreflexkameras. Zu dieser Zeit stand die Digitalfotografie bereits vor der Tür, hatte aber noch nicht sämtliche Wohnzimmer, Fototaschen und Urlaubsalben erobert.

Entsprechend modern war die Kamera ausgestattet: sieben Autofokusfelder, automatische Belichtungsprogramme, Mehrfeldmessung, schneller Filmtransport und sogar eine augengesteuerte Wahl des Autofokusfeldes. Dabei versucht die Kamera zu erkennen, welches Messfeld der Fotograf im Sucher ansieht. Eine Technik, die ein wenig nach Science-Fiction klingt – besonders bei einer Kamera, die ihre Bilder auf einen Kunststoffstreifen mit lichtempfindlicher Emulsion schreibt.

Natürlich funktioniert die Augensteuerung nicht immer so, wie man es sich vorstellt. Manchmal weiß die Kamera offenbar besser als der Fotograf, wohin dieser gerade blickt. Aber auch das gehört zum Charme älterer Technik: Man arbeitet nicht nur mit ihr, sondern gelegentlich auch ein wenig gegen sie.

Die grundsätzliche Bedienung kommt mir dagegen sehr vertraut vor. Viele Elemente des damaligen EOS-Konzepts finden sich in ähnlicher Form auch bei späteren digitalen Canon-Kameras wieder. Räder, Tasten und Anzeigen sitzen dort, wo ein Canon-Nutzer sie erwartet. Nur die Löschtaste fehlt – aus Gründen.

Alte Kamera, vorhandene Objektive

Ein wesentlicher Vorteil der EOS 30 ist für mich das EF-Bajonett. Dadurch kann ich mehrere Objektive, die ursprünglich für meine digitale Canon angeschafft wurden, auch an der analogen Kamera verwenden.

Ganz uneingeschränkt gilt das allerdings nicht: Klassische EF-Objektive sind kompatibel, EF-S-Objektive dagegen nicht. Diese wurden für digitale Kameras mit APS-C-Sensor konstruiert und lassen sich nicht an der EOS 30 verwenden.

Mit einem EF-Objektiv zeigt die analoge Kamera dafür wieder den ursprünglichen Bildwinkel. Ein 50-mm-Objektiv verhält sich auf dem Kleinbildfilm tatsächlich wie ein 50-mm-Objektiv – ohne Crop-Faktor und ohne Umrechnung. Das kann durchaus erfrischend sein, wenn man lange mit kleineren Sensorformaten fotografiert hat.

Der Wechsel zwischen analog und digital wird damit recht unkompliziert. Nur das Speichermedium verlangt etwas mehr Aufmerksamkeit. Eine Speicherkarte kann man zur Not formatieren. Bei einem bereits belichteten Film sollte man davon Abstand nehmen.

Der erste Funktionstest

Nach dem Einlegen frischer Batterien erwachte die Kamera ohne Beschwerden zum Leben. Der Autofokus arbeitete, der Verschluss löste aus und der Filmtransport klang so, wie ein Filmtransport klingen sollte: ein kurzes mechanisches Surren, das heute beinahe schon nostalgische Gefühle auslöst.

Ein Test ohne Film sagt jedoch nur begrenzt etwas aus. Entscheidend war, ob die Belichtungsmessung zuverlässig arbeitet, der Verschluss korrekt abläuft und die Kamera den Film ordentlich transportiert. Also musste die EOS 30 hinaus ins wirkliche Leben.

Einfach ziellos durch Göttingen zu laufen und darauf zu hoffen, dass sich irgendwann ein Testmotiv erbarmt, wollte ich diesmal nicht. Deshalb entschied ich mich für einen kleinen fotografischen Besuch bei Georg Christoph Lichtenberg.

Ein geduldiges Modell im Lichtenberghof

Das Denkmal befindet sich im Akademiehof beim Historischen Gebäude der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Die sitzende Figur ist von Büchern umgeben und zeigt Lichtenberg ungefähr in Lebensgröße. Für einen Kameratest bringt sie mehrere Vorteile mit: Sie läuft nicht weg, verlangt kein Honorar und beschwert sich auch nicht, wenn man zum fünften Mal um sie herumgeht.

Vor allem ist die Skulptur aber ein dankbares fotografisches Motiv. Anders als viele Denkmäler steht sie nicht steif und unnahbar auf einem hohen Sockel. Lichtenberg sitzt zwischen seinen Büchern, leicht nach vorn gebeugt und fast so, als würde er über einen gerade gelesenen Gedanken nachdenken. Dadurch wirkt die Figur erstaunlich lebendig.

Je nach Standort verändert sich ihr Ausdruck. Von vorn scheint Lichtenberg den Betrachter aufmerksam zu mustern. Aus einer seitlichen Perspektive tritt seine Körperhaltung stärker hervor. Bezieht man die Bücher und die Architektur des Hofes ein, entsteht dagegen ein kleines Porträt des Gelehrten in seinem Umfeld.

Genau diese unterschiedlichen Blickwinkel machten das Denkmal für den ersten Film interessant. Gleichzeitig boten die dunkle Bronze, die helleren Flächen des Hofes und die feinen Strukturen der Skulptur genügend Herausforderungen für die Belichtungsmessung.

Physiker, Schriftsteller und genauer Beobachter

Georg Christoph Lichtenberg wurde 1742 in Ober-Ramstadt geboren und kam 1763 zum Studium nach Göttingen. Im Jahr 1770 wurde er an der Universität zum Professor für Mathematik und Experimentalphysik ernannt. Bis zu seinem Tod im Jahr 1799 hielt er Vorlesungen über Experimentalphysik, Astronomie und physische Geografie. Besonders bekannt waren seine anschaulichen Versuche zur Elektrizität. Die nach ihm benannten Lichtenberg-Figuren zeigen verzweigte elektrische Entladungsmuster auf oder in isolierenden Materialien. Universität Göttingen

Ebenso bedeutend wurde Lichtenberg als Schriftsteller und scharfer Beobachter seiner Mitmenschen. Seine berühmten „Sudelbücher“ waren private Notizhefte, in denen er Gedanken, Beobachtungen, Entwürfe und sprachliche Einfälle sammelte. Was heute häufig als Aphorismus gelesen wird, war ursprünglich also nicht unbedingt für eine Veröffentlichung bestimmt.

In gewisser Weise passt Lichtenberg deshalb gut zur Fotografie. Auch Fotografen sammeln Beobachtungen: Licht, Gesten, Strukturen und kleine Situationen, an denen andere vielleicht vorbeigehen. Seine Sudelbücher waren eine Art geistiges Skizzenbuch. Ein belichteter Film ist ebenfalls eine Sammlung ausgewählter Augenblicke – nur dass sich die Notizen darauf nicht durchstreichen lassen.

Die Skulptur im Akademiehof wurde 1992 von Volker Neuhoff geschaffen. Sie steht vor dem Historischen Gebäude der SUB, dem ältesten Universitätsbau Göttingens. Dort befinden sich heute historische Bestände und Spezialsammlungen der Bibliothek.

Fotografieren ohne sofortige Rückmeldung

Bei einer digitalen Kamera hätte ich nach jeder Aufnahme kurz auf das Display geschaut. Schärfe kontrollieren, Histogramm prüfen, vielleicht noch eine zweite Variante aufnehmen – sicher ist sicher.

Die EOS 30 bietet diesen Luxus nicht. Nach dem Auslösen bleibt nur das Vertrauen darauf, dass Belichtung, Schärfe und Bildgestaltung stimmen. Das kleine Display auf der Kamera zeigt zwar Einstellungen und Bildnummer an, aber leider keine Vorschau. Vermutlich ist das auch besser so. Eine Anzeige mit dem Hinweis „Geduld, Ergebnis nach Entwicklung“ wäre auf Dauer wenig hilfreich.

Gerade diese fehlende Kontrolle verändert das Fotografieren. Ich überprüfe den Bildausschnitt im Sucher genauer, denke bewusster über die Belichtung nach und drücke nicht automatisch ein zweites oder drittes Mal ab. Film ist schließlich kein besonders großzügig bemessener Speicher: Nach 36 Aufnahmen erscheint keine Meldung, dass noch einige Gigabyte frei sind.

Das bedeutet nicht, dass analoges Fotografieren grundsätzlich sorgfältiger oder besser wäre. Auch auf Film entstehen verwackelte, falsch belichtete und erstaunlich belanglose Bilder. Man muss nur länger warten, bis man sie sieht.

Ein gelungener erster Spaziergang

Von Lichtenberg konnte ich verschiedene Ansichten auf Film „speichern“. Die spätere Entwicklung zeigte, dass Belichtungsmesser, Verschluss und Filmtransport der Canon EOS 30 zuverlässig arbeiten. Damit hat die Kamera ihren ersten Test bestanden.

Noch wichtiger ist aber, dass sie sich nicht wie ein Ausstellungsstück anfühlt. Sie möchte benutzt werden. Trotz ihres Alters bietet sie genügend Komfort, um sich auf das Motiv zu konzentrieren, bewahrt aber den besonderen Arbeitsrhythmus der analogen Fotografie.

So wurde aus einem technischen Funktionstest ein kleiner fotografischer Rundgang um einen Göttinger Gelehrten. Lichtenberg hätte an der Kamera vermutlich einiges zu untersuchen gehabt – und möglicherweise einen passenden Satz über Fotografen notiert, die eine weitere Kamera kaufen, obwohl bereits mehrere vorhanden sind.

Ich bin jedenfalls froh über den Neuzugang. Die EOS 30 funktioniert, die Objektive passen und der nächste Film wartet bereits. Mehr kann man von einer neuen alten Kamera kaum verlangen.

Kein Kommentar

  • Natalie

    Hallo Jürgen,
    ich mag diese kleinen Berichte zu Fotoaktivitäten. Deine Fotos sind wunderbar nachvollziehbar, Nicht wie auf vielen anderen Seiten, wo überwiegend Motive zu sehen sind die schwer selbst zu machen, da sie nur mit größeren Reisen verbunden sind. Es wäre schön bei einigen Bildern deine Einstellungen sehen zu können. Ein kleiner Wunsch für die Zukunft. 😉

    Grüße
    Natalie

  • Jürgen

    Hallo Natalie.
    mir ist bekannt, das diese Angaben auf vielen Fotoseiten bei den Bildern mit angegeben werden. Persönlich finde ich diese Daten eher selten hilfreich und habe mich dagegen entschieden dieses zu tun.

    Jede Aufnahmesituation ist anders und Einstellungen können nicht 1:1 übernommen werden. Besonders das zur Verfügung stehende Licht weicht doch sehr stark ab. Die verwendete Blende beeinflusst die Schärfentiefe und somit das gesamte Bild. Die Schärfentiefe ist wiederum auch von der verwendeten Brennweite abhängig, auch von der verwendeten Sensorgröße (KB, APSC, MFT). Die Verschlusszeit ist abhängig vom vorhandenem Licht, der eingestellten ISO und vor allem dem Motiv. Wollen wir Bewegung darstellen, benötigen wir eine längere Verschlusszeit, als wenn wir eine Bewegung „einfrieren“ wollen. Auch diese ist wieder abhängig von der Sensorgröße.

    Sehe ich mir Fotos von anderen an, sind das genau meine Überlegungen. So kann ich mich auf ein Motiv einstellen und erhalte in der Praxis schnell das gewünschte Ergebnis.

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