Belichtung

Belichtung gehört zu den Begriffen, an denen in der Fotografie kein Weg vorbeiführt. Denn unabhängig davon, ob Du mit einer modernen Systemkamera, einer analogen Spiegelreflexkamera oder dem Smartphone fotografierst: Am Anfang eines Fotos steht immer Licht.

Dabei geht es bei der Belichtung um mehr als die Frage, ob ein Bild zu hell oder zu dunkel wird. Blende und Belichtungszeit beeinflussen gleichzeitig die Gestaltung eines Fotos, und auch die gewählte ISO-Einstellung spielt für das Ergebnis eine wichtige Rolle. Wer Belichtung versteht, kann deshalb nicht nur technische Fehler vermeiden, sondern Bilder bewusster gestalten.

Was bedeutet Belichtung?

Unter Belichtung versteht man vereinfacht gesagt die Lichtmenge, die während einer Aufnahme auf das lichtempfindliche Medium trifft – bei einer Digitalkamera also auf den Sensor, bei einer analogen Kamera auf den Film.

Wie viel Licht tatsächlich auf Sensor oder Film gelangt, wird unmittelbar durch zwei Größen bestimmt:

Blende: Sie bestimmt, wie groß die Öffnung im Objektiv ist, durch die das Licht gelangt.

Belichtungszeit: Sie bestimmt, wie lange das Licht einwirken kann.

Beide Größen arbeiten zusammen. Eine größere Blendenöffnung lässt beispielsweise mehr Licht hindurch. Eine kürzere Belichtungszeit lässt dagegen weniger Licht auf den Sensor gelangen. Deshalb können unterschiedliche Kombinationen aus Blende und Belichtungszeit zur gleichen Belichtung führen. Genau dieses Prinzip steckt auch hinter dem sogenannten Lichtwert beziehungsweise Exposure Value (EV).

Und welche Rolle spielt ISO?

Spätestens hier begegnet Dir wahrscheinlich das bekannte Belichtungsdreieck aus Blende, Belichtungszeit und ISO. Es ist als Lernmodell ausgesprochen praktisch, weil alle drei Einstellungen miteinander zusammenhängen.

Technisch lohnt sich allerdings eine kleine Differenzierung.

Blende und Belichtungszeit bestimmen unmittelbar, wie viel Licht auf den Sensor gelangt. Eine Änderung des ISO-Wertes lässt dagegen nicht plötzlich mehr Licht durch das Objektiv. Bei Digitalkameras beeinflusst die ISO-Einstellung vielmehr, wie das vom Sensor erzeugte Signal verarbeitet beziehungsweise verstärkt wird.

Für die fotografische Praxis bleibt der Zusammenhang trotzdem wichtig: Mit einer höheren ISO-Einstellung kannst Du beispielsweise bei wenig Licht eine kürzere Belichtungszeit oder eine kleinere Blendenöffnung verwenden, ohne dass das resultierende Bild entsprechend dunkler wiedergegeben wird. Höhere ISO-Werte können allerdings mit stärker sichtbarem Bildrauschen und geringerer nutzbarer Dynamik verbunden sein.

Das Belichtungsdreieck ist deshalb eine gute Merkhilfe – solange man es nicht mit der physikalischen Lichtmenge gleichsetzt.

Belichtung ist immer ein Zusammenspiel

Stell Dir vor, Du fotografierst bei gleichbleibendem Licht mit:

1/125 Sekunde bei Blende f/8.

Öffnest Du die Blende anschließend um eine ganze Stufe auf f/5,6, gelangt doppelt so viel Licht durch das Objektiv. Um dieselbe Belichtung beizubehalten, kannst Du die Belichtungszeit entsprechend halbieren und 1/250 Sekunde verwenden.

Damit erhältst Du hinsichtlich der Belichtung zwei gleichwertige Kombinationen:

f/8 – 1/125 s

und

f/5,6 – 1/250 s

Dieses Prinzip wird als Reziprozität bezeichnet. Nikon beschreibt entsprechend, dass verschiedene Kombinationen aus Blende und Verschlusszeit denselben Belichtungswert ergeben können.

Für die Bildgestaltung sind beide Kombinationen trotzdem keineswegs identisch.

Warum Belichtung auch Gestaltung bedeutet

Eine Änderung der Blende beeinflusst nicht nur die Lichtmenge, sondern auch die Schärfentiefe. Eine weit geöffnete Blende kann beispielsweise dabei helfen, ein Motiv stärker vom unscharfen Hintergrund abzuheben.

Die Belichtungszeit entscheidet dagegen darüber, wie Bewegung im Bild dargestellt wird. Eine kurze Belichtungszeit kann Bewegung einfrieren, während eine lange Belichtungszeit Bewegung bewusst verwischen lässt.

Genau deshalb ist Belichtung weit mehr als das Erreichen einer bestimmten Helligkeit.

Du entscheidest beim Fotografieren gleichzeitig darüber, wie Dein Bild aussehen soll.

Was ist eine „richtige“ Belichtung?

Kameras besitzen Belichtungsmesser, mit denen sie die Helligkeit einer Szene beurteilen und daraus passende Kameraeinstellungen ableiten können. Je nach Belichtungsprogramm übernimmt die Kamera dabei unterschiedliche Aufgaben.

In der Zeitautomatik beziehungsweise Blendenvorwahl bestimmst Du beispielsweise die Blende und die Kamera ermittelt eine passende Belichtungszeit. In der Blendenautomatik beziehungsweise Zeitvorwahl funktioniert es umgekehrt. Im manuellen Modus kannst Du beide Werte selbst bestimmen.

Doch eine technisch gemessene Belichtung muss nicht automatisch die gestalterisch richtige sein.

Eine dunkle Abendstimmung darf dunkel aussehen. Eine helle Schneelandschaft darf hell wirken. Und eine Silhouette lebt gerade davon, dass große Bildbereiche sehr dunkel wiedergegeben werden.

Der Belichtungsmesser liefert Dir deshalb zunächst einen Ausgangspunkt. Wie hell oder dunkel das fertige Bild aussehen soll, bleibt eine fotografische Entscheidung.

Überbelichtung und Unterbelichtung

Von Überbelichtung spricht man, wenn für das gewünschte Ergebnis zu viel Licht aufgenommen beziehungsweise das Bild zu hell wiedergegeben wird. Bei starker Überbelichtung können sehr helle Bereiche keine verwertbare Zeichnung mehr enthalten.

Unterbelichtung beschreibt entsprechend ein für die gewünschte Wiedergabe zu dunkles Ergebnis. Besonders bei digitalen Aufnahmen kann eine starke nachträgliche Aufhellung dunkler Bereiche Bildrauschen deutlicher sichtbar machen.

Wichtig ist jedoch: Hell oder dunkel bedeutet nicht automatisch falsch.

Eine bewusste Über- oder Unterbelichtung kann Teil der Bildgestaltung sein. Entscheidend ist, ob die Tonwerte und wichtigen Bildinformationen dort liegen, wo Du sie für Dein Foto haben möchtest.

Ein Beispiel aus der Praxis

Du stehst an einem kleinen Bach und möchtest das fließende Wasser fotografieren.

Mit einer kurzen Belichtungszeit von beispielsweise 1/1000 Sekunde kannst Du einzelne Tropfen und Strukturen im Wasser weitgehend einfrieren. Mit einer Belichtungszeit von vielleicht 1/4 Sekunde wird die Bewegung dagegen sichtbar verwischt. Das Wasser erhält eine weichere, fließende Struktur.

Beide Fotos können ähnlich hell belichtet sein.

Trotzdem sehen sie vollkommen unterschiedlich aus.

Genau darin liegt der praktische Nutzen des Verständnisses von Belichtung: Du suchst nicht einfach nach einer Kombination von Einstellungen, bei der die Anzeige des Belichtungsmessers auf null steht. Du entscheidest zunächst, wie Bewegung, Schärfentiefe und Helligkeit in Deinem Foto wirken sollen, und wählst danach Deine Einstellungen.

Belichtung und Belichtungsmessung sind nicht dasselbe

Die Begriffe werden leicht miteinander vermischt.

Belichtung beschreibt den eigentlichen fotografischen Vorgang beziehungsweise dessen Ergebnis: Licht wirkt über eine bestimmte Zeit auf Sensor oder Film.

Die Belichtungsmessung ist dagegen das Verfahren, mit dem die Kamera das vorhandene Licht bewertet und daraus eine Empfehlung für die Kameraeinstellungen ableitet.

Und die Belichtungskorrektur erlaubt Dir bei automatischen beziehungsweise halbautomatischen Belichtungsprogrammen, von dieser Empfehlung gezielt abzuweichen. Nikon beschreibt sie entsprechend als Möglichkeit, die vom Belichtungsmesser empfohlenen Einstellungen zu verändern.

Diese Unterscheidung ist wichtig, denn der Belichtungsmesser entscheidet nicht, wie Dein Foto aussehen muss. Er hilft Dir lediglich dabei, die gewünschte Belichtung zu erreichen.

Belichtung bedeutet zunächst, zu kontrollieren, wie viel Licht bei einer Aufnahme auf Film oder Sensor gelangt. Blende und Belichtungszeit bestimmen diese Lichtmenge unmittelbar, während die ISO-Einstellung bei Digitalkameras beeinflusst, wie das aufgenommene Signal für das Bild genutzt wird.

Für die Fotografie ist aber vor allem das Zusammenspiel entscheidend.

Denn Blende, Belichtungszeit und ISO beeinflussen nicht nur die Helligkeit des fertigen Fotos. Sie bestimmen auch Schärfentiefe, Bewegungsdarstellung und Bildqualität.

Wenn Du Belichtung verstanden hast, musst Du deshalb nicht mehr nur überlegen:

„Welche Einstellung ergibt die richtige Helligkeit?“

Die interessantere Frage lautet:

„Welche Einstellungen ergeben das Bild, das ich machen möchte?“