Belichtungsmesser

Wie die Kamera das Licht misst

Du richtest die Kamera auf eine verschneite Landschaft, überlässt ihr die Belichtung – und der eigentlich weiße Schnee wirkt auf dem Foto plötzlich grau. Bei einem schwarzen Motiv kann genau das Gegenteil passieren: Die Kamera belichtet stärker, als Du es erwartet hast.

In beiden Fällen hat der Belichtungsmesser nicht unbedingt einen Fehler gemacht. Er hat schlicht etwas anderes getan, als wir Menschen beim Betrachten einer Szene tun: Er hat Licht gemessen.

Genau darin liegt der Schlüssel zum Verständnis des Belichtungsmessers. Wer weiß, was er misst und wie die Kamera daraus eine Belichtung ableitet, kann viele scheinbar rätselhafte Belichtungsfehler sehr einfach erklären.

Was ist ein Belichtungsmesser?

Ein Belichtungsmesser ist ein Messgerät, das die vorhandene Lichtmenge erfasst und daraus Werte für eine fotografische Belichtung ableitet. In modernen Kameras ist ein solcher Belichtungsmesser praktisch selbstverständlich integriert. Es gibt aber auch eigenständige Handbelichtungsmesser.

Das Ziel ist in beiden Fällen dasselbe: Für eine vorgegebene Empfindlichkeit – also den eingestellten ISO-Wert – soll eine passende Kombination aus Blende und Belichtungszeit gefunden werden.

Der Belichtungsmesser entscheidet dabei zunächst nicht, ob ein Bild gestalterisch „richtig“ belichtet ist. Er liefert eine messtechnische Grundlage. Was Du daraus machst, bleibt eine fotografische Entscheidung.

Was misst ein Belichtungsmesser eigentlich?

Hier wird es interessant, denn Belichtungsmesser können auf zwei grundsätzlich unterschiedliche Arten arbeiten: Sie können das vom Motiv reflektierte Licht oder das auf das Motiv fallende Licht messen.

Der in einer Kamera eingebaute Belichtungsmesser arbeitet normalerweise mit der ersten Variante. Er beurteilt das Licht, das vom Motiv in Richtung Kamera zurückgeworfen wird. Deshalb spricht man von einer Objektmessung oder Messung des reflektierten Lichts. Nikon beschreibt einen kamerainternen Belichtungsmesser entsprechend als System, das das Licht einer Szene misst, um daraus die Belichtung zu bestimmen.

Und genau hier entsteht eine wichtige Einschränkung: Unterschiedliche Motive reflektieren unterschiedlich viel Licht.

Ein weißes Hemd wirft mehr Licht zur Kamera zurück als ein schwarzes Hemd. Der Belichtungsmesser kennt jedoch nicht die Bedeutung des Motivs. Er weiß nicht, dass er Schnee, eine schwarze Katze oder eine graue Hauswand vor sich hat.

Er sieht nur Helligkeitswerte.

Warum helle und dunkle Motive den Belichtungsmesser täuschen können

Die klassische reflektierende Belichtungsmessung orientiert sich an einem mittleren Tonwert. Deshalb kann eine Messung problematisch werden, wenn das Motiv deutlich heller oder dunkler als ein durchschnittliches Motiv ist.

Ein einfaches Gedankenexperiment macht das verständlich.

Fotografierst Du eine große helle Schneefläche, gelangt sehr viel reflektiertes Licht zum Belichtungsmesser. Die Kamera kann daraus ableiten, dass die Szene sehr hell beleuchtet ist, und die Belichtung reduzieren. Der Schnee erscheint anschließend eher grau als weiß.

Bei einem überwiegend schwarzen Motiv passiert das Umgekehrte. Es reflektiert wenig Licht. Die Kamera kann deshalb eine stärkere Belichtung vorschlagen – und aus tiefem Schwarz wird im Foto ein deutlich hellerer Ton.

Sekonic beschreibt diesen Zusammenhang sehr anschaulich: Ein Belichtungsmesser für reflektiertes Licht reagiert nicht nur auf die Beleuchtung, sondern auch auf das Reflexionsvermögen der Oberflächen im Motiv. Genau deshalb können sehr helle oder sehr dunkle Motive die Messung beeinflussen.

Das bedeutet nicht, dass die Belichtungsmessung unzuverlässig wäre. Man muss lediglich verstehen, dass die Kamera das Motiv nicht so interpretiert wie wir.

Die Sache mit den 18 Prozent Grau

Im Zusammenhang mit Belichtungsmessern begegnet Dir häufig die berühmte 18-Prozent-Graukarte. Sie reflektiert einen definierten Anteil des auftreffenden Lichts und kann deshalb als Referenz für eine Belichtungsmessung verwendet werden. Solche Graukarten werden auch heute noch für Belichtungsmessung und Kalibrierung angeboten.

In der Praxis ist allerdings Vorsicht mit der beliebten Kurzform geboten, jeder kamerainterne Belichtungsmesser sei schlicht „auf exakt 18 Prozent Grau geeicht“. Die tatsächliche Kalibrierung von Belichtungsmesssystemen ist komplexer und hängt unter anderem vom jeweiligen Messverfahren ab.

Für das fotografische Verständnis reicht deshalb eine weniger dogmatische Vorstellung:

Die reflektierende Belichtungsmessung versucht, aus der gemessenen Motivhelligkeit eine sinnvolle mittlere Belichtung abzuleiten.

Das erklärt bereits, warum Motive, die stark von diesem Mittel abweichen, eine Korrektur benötigen können.

Matrix, mittenbetont oder Spot – wohin schaut die Kamera?

Moderne Kameras messen nicht zwangsläufig das gesamte Bild auf dieselbe Weise. Je nach Kamera stehen verschiedene Messmethoden zur Verfügung.

Bei einer Mehrfeld- oder Matrixmessung wird das Bild in verschiedene Bereiche aufgeteilt und ausgewertet. Moderne Systeme können dabei deutlich komplexer arbeiten als ein einfacher Durchschnitt über die gesamte Bildfläche.

Die mittenbetonte Messung berücksichtigt ebenfalls einen größeren Bereich des Bildes, gewichtet die Bildmitte jedoch stärker.

Bei der Spotmessung wird dagegen nur ein kleiner Ausschnitt des Motivs für die Messung herangezogen. Damit kannst Du sehr gezielt bestimmen, welcher Motivbereich die Grundlage Deiner Belichtung bilden soll.

Canon beschreibt beispielsweise Mehrfeld-, mittenbetonte und Spotmessung als unterschiedliche Methoden, mit denen verschieden große beziehungsweise unterschiedlich gewichtete Bereiche des Bildes für die Belichtungsmessung verwendet werden.

Manche Kameras bieten darüber hinaus eine lichterbetonte Messung. Sie kann beispielsweise bei Bühnenaufnahmen oder hell angeleuchteten Motiven vor dunklem Hintergrund helfen, wichtige helle Bildbereiche vor Überbelichtung zu schützen.

Keine dieser Methoden ist grundsätzlich die beste. Sie beantworten lediglich unterschiedliche Fragen.

Objektmessung und Lichtmessung – ein wichtiger Unterschied

Mit einem externen Handbelichtungsmesser kommt eine weitere Möglichkeit ins Spiel: die Lichtmessung.

Dabei wird nicht von der Kamera aus gemessen, wie viel Licht das Motiv reflektiert. Stattdessen misst Du am Motiv, wie viel Licht tatsächlich darauf fällt. Ein entsprechender Belichtungsmesser besitzt dafür meist eine weiße, halbkugelförmige Kalotte.

Der große Vorteil: Die Messung wird weitgehend unabhängig davon, ob das Motiv selbst weiß, schwarz, rot oder grün ist. Die Reflexionseigenschaften des Motivs beeinflussen die Messung nicht auf dieselbe Weise wie bei der Objektmessung.

Stell Dir ein Porträt im Studio vor. Das Model trägt zunächst ein weißes und anschließend ein schwarzes Oberteil. Solange sich die Beleuchtung nicht verändert, bleibt die auf das Model fallende Lichtmenge gleich.

Eine Lichtmessung kann deshalb in beiden Fällen dieselbe Belichtung ergeben.

Das ist einer der Gründe, warum externe Belichtungsmesser besonders bei kontrollierter Beleuchtung und in der Blitzfotografie weiterhin nützlich sein können.

Belichtungsmesser und Blitzlicht

Ein kamerainterner Belichtungsmesser beurteilt in erster Linie das vorhandene Licht beziehungsweise arbeitet bei Blitzsystemen mit den jeweiligen kamerainternen Blitzmessverfahren zusammen.

Ein geeigneter Handbelichtungsmesser kann dagegen einen ausgelösten Blitz direkt messen. Moderne Geräte können sowohl Dauerlicht als auch Blitzlicht erfassen und daraus beispielsweise die benötigte Blende bestimmen.

Das ist im Studio praktisch.

Du kannst die Blitzleistung einstellen, am Standort des Models messen und anschließend die ermittelte Blende an der Kamera übernehmen. Bei mehreren Blitzgeräten lassen sich außerdem die Lichtanteile gezielt aufeinander abstimmen.

Der Belichtungsmesser wird damit weniger zu einem Gerät, das Dir die Entscheidung abnimmt, sondern vielmehr zu einem Werkzeug, mit dem Du Beleuchtung reproduzierbar gestalten kannst.

Ein Beispiel aus der Praxis

Nehmen wir an, Du möchtest im Winter eine Person im Schnee fotografieren.

Die Kamera steht auf Zeitautomatik, Du hast Blende und ISO gewählt und überlässt der Kamera die passende Belichtungszeit. Im Bild nimmt der helle Schnee einen großen Bereich ein.

Die Mehrfeldmessung sieht nun sehr viel Helligkeit. Je nach Kamerasystem und Motiv kann die vorgeschlagene Belichtung dazu führen, dass das gesamte Bild dunkler aufgenommen wird, als Du es möchtest. Das Gesicht wirkt etwas zu dunkel und der Schnee eher grau als strahlend weiß.

Jetzt hilft Dir das Verständnis des Belichtungsmessers mehr als irgendeine auswendig gelernte Regel.

Du weißt: Die Kamera kann nicht wissen, dass dieser große helle Bereich auch im fertigen Foto hell bleiben soll.

Eine positive Belichtungskorrektur kann deshalb sinnvoll sein. Wie stark Du korrigierst, hängt vom Motiv, der Messmethode und vor allem von Deiner gewünschten Bildwirkung ab.

Genau deshalb ist eine pauschale Regel wie „Schnee immer um eine Blende heller belichten“ zwar leicht zu merken, aber fotografisch zu starr.

Braucht man heute überhaupt noch einen Handbelichtungsmesser?

Für viele Fotografen lautet die Antwort: nicht unbedingt.

Digitalkameras zeigen das aufgenommene Bild unmittelbar an. Zusätzlich stehen Histogramm und häufig auch Warnanzeigen für überbelichtete Bereiche zur Verfügung. Das Histogramm zeigt die Tonwertverteilung des bereits aufgenommenen Bildes und kann damit helfen, die tatsächliche Aufnahme nach der Belichtung zu beurteilen.

Das ist ein wichtiger Unterschied:

Der Belichtungsmesser beurteilt das Licht vor der Aufnahme. Das Histogramm beurteilt die Tonwerte der entstandenen Aufnahme.

Gerade bei Landschafts-, Reise- oder Alltagsfotografie reicht die kamerainterne Messung zusammen mit Histogramm und Belichtungskorrektur deshalb meistens völlig aus.

Ein Handbelichtungsmesser wird besonders interessant, wenn Du Licht bewusst aufbauen und reproduzierbar messen möchtest – beispielsweise im Studio, bei Porträts mit mehreren Lichtquellen oder bei der Arbeit mit manuellen Blitzgeräten.

Und natürlich besitzt er bei älteren analogen Kameras ohne funktionierenden eingebauten Belichtungsmesser noch eine ganz andere praktische Bedeutung.

Vor- und Nachteile eines Belichtungsmessers

Der große Vorteil liegt zunächst auf der Hand: Du musst eine Belichtung nicht schätzen. Die Messung liefert Dir einen reproduzierbaren Ausgangspunkt und hilft besonders bei schwierigen oder kontrollierten Lichtsituationen.

Ein externer Belichtungsmesser bietet mit der Lichtmessung zusätzlich eine Möglichkeit, die tatsächliche Beleuchtung des Motivs unabhängig von dessen Helligkeit zu beurteilen. Modelle mit Blitzmessung sind außerdem bei der Einrichtung von Studiolicht ausgesprochen praktisch.

Der Nachteil ist ebenso offensichtlich: Ein zusätzliches Messgerät bedeutet einen weiteren Arbeitsschritt und zusätzliche Ausrüstung. Bei vielen Motiven bietet eine moderne Digitalkamera bereits sehr leistungsfähige Messsysteme. Und auch ein perfekter Messwert beantwortet noch nicht die wichtigste gestalterische Frage:

Wie hell möchtest Du Dein Motiv eigentlich darstellen?

Denn eine technisch gemessene Belichtung ist nicht automatisch die fotografisch richtige Belichtung.

Der Belichtungsmesser misst – Du entscheidest

Ein Belichtungsmesser nimmt Dir eine wichtige Arbeit ab: Er beurteilt die Lichtmenge und liefert daraus eine Grundlage für Blende, Belichtungszeit und ISO.

Was er nicht kann, ist Deine Vorstellung vom fertigen Foto kennen.

Genau deshalb lohnt es sich, die Funktionsweise der Belichtungsmessung zu verstehen. Wenn eine Kamera hellen Schnee zu dunkel oder ein schwarzes Motiv zu hell wiedergibt, wirkt das plötzlich nicht mehr wie ein unerklärlicher Fehler. Du kannst nachvollziehen, warum die Messung zu diesem Ergebnis gekommen ist – und gezielt eingreifen.

Der Belichtungsmesser soll schließlich nicht bestimmen, wie Dein Foto aussehen muss.

Er soll Dir helfen, das Licht zu verstehen.

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