Fotografie-Zitate – Gedanken hinter den Worten

Die Kunst des Weglassens – was K. C. Cole über Blende, Pupille und Fotografie verrät

„Die Blende einer Kamera und die Pupille sind nicht dazu da, Informationen hereinzulassen, sondern dazu, welche auszublenden.“
K. C. Cole zugeschrieben

Manchmal entsteht ein Bild durch das, was fehlt

Wenn wir über eine Blende sprechen, geht es meistens um Licht. Große Blende, kleine Blendenzahl, viel Licht. Kleine Blende, große Blendenzahl, wenig Licht. Dazu kommen Schärfentiefe und Beugung, und schon befinden wir uns mitten in der Fototechnik.

Das Zitat von K. C. Cole lenkt den Blick jedoch in eine andere Richtung. Plötzlich ist die Blende nicht mehr nur ein Bauteil zur Belichtungssteuerung, sondern wird zum Sinnbild für Auswahl.

Und Auswahl ist vielleicht eine der wichtigsten Eigenschaften der Fotografie überhaupt. Denn während die Welt vor der Kamera praktisch grenzenlos erscheint, kann ein Foto immer nur einen winzigen Ausschnitt davon zeigen.

Wer ist K. C. Cole?

K. C. Cole ist keine Fotografin, sondern eine amerikanische Wissenschaftsjournalistin und Autorin. Sie schrieb unter anderem für die Los Angeles Times, The New York Times, The New Yorker und Discover und beschäftigte sich besonders mit Physik, Mathematik und menschlicher Wahrnehmung. Später lehrte sie auch Wissenschaftsjournalismus an der University of Southern California.

Für das Zitat ist besonders interessant, dass Cole sich schon früh mit Wahrnehmung beschäftigte. 1978 erschien ihr Buch Vision: In the Eye of the Beholder im Umfeld des Exploratorium in San Francisco. Ihre Verbindung zu diesem Wissenschaftsmuseum und dessen Gründer, dem Physiker Frank Oppenheimer, prägte ihren weiteren Weg als Wissenschaftsautorin wesentlich.

Damit kommt der Satz ursprünglich nicht aus der klassischen Fotolehre. Er passt vielmehr zu Coles Art, wissenschaftliche Zusammenhänge mithilfe anschaulicher Vergleiche verständlich zu machen.

Sehen bedeutet auch auswählen

Technisch betrachtet müssen wir das Zitat zunächst etwas relativieren.

Natürlich lassen Pupille und Kamerablende Licht herein. Genau das gehört zu ihrer Funktion. Die Iris verändert die Größe der Pupille und reguliert damit einen Teil der Lichtmenge, die das Auge erreicht. Bei einer Kamera begrenzt die Blende entsprechend das Lichtbündel, das durch das Objektiv gelangt. Eine kleinere Öffnung lässt weniger Licht passieren.

Wörtlich genommen wäre die Aussage also zumindest missverständlich. Interessanter wird sie, wenn wir „Information“ nicht rein physikalisch verstehen.

Unser Sehen besteht schließlich nicht darin, möglichst viele optische Informationen ungefiltert aufzunehmen. Schon das Auge besitzt Grenzen, und unser Gehirn verarbeitet und gewichtet das Wahrgenommene zusätzlich. Wahrnehmung bedeutet deshalb immer auch Auswahl.

Bei der Fotografie wird dieser Gedanke noch deutlicher. Du stehst vielleicht vor einer belebten Straße. Vor Dir befinden sich Menschen, Autos, Häuser, Schilder, Schatten, Spiegelungen, Wolken und unzählige kleine Details.

Auf Deinem fertigen Foto müssen aber nicht alle diese Dinge dieselbe Bedeutung besitzen. Du entscheidest, worauf der Betrachter schaut.

Die eigentliche Blende sitzt hinter der Kamera

Genau hier wird das Zitat für mich fotografisch interessant. Denn die wichtigste Form des Weglassens findet streng genommen gar nicht an der mechanischen Blende statt.

Sie beginnt bereits beim Standort.

Wenn Du einen Schritt nach links gehst, verschwindet vielleicht ein störendes Straßenschild hinter einer Person. Gehst Du näher heran, fällt ein Teil der Umgebung aus dem Bild. Änderst Du die Brennweite oder den Bildausschnitt, entscheidest Du erneut, was innerhalb und was außerhalb des Rahmens liegt.

Auch die Blende kann dabei gestalterisch helfen. Eine geringe Schärfentiefe kann den Hintergrund so weit in Unschärfe auflösen, dass er zwar noch vorhanden ist, aber weniger Aufmerksamkeit verlangt. Eine weit geschlossene Blende kann dagegen bewusst mehr räumliche Information lesbar machen.

Die fotografische Auswahl entsteht deshalb aus mehreren Entscheidungen gleichzeitig: Standort, Perspektive, Ausschnitt, Brennweite, Fokus, Schärfentiefe, Licht und schließlich auch der Moment der Aufnahme.

Fotografieren heißt eben nicht, alles zu zeigen, was vor der Kamera vorhanden ist. Es heißt, sich zu entscheiden, was für dieses eine Bild wichtig ist.

Heute können wir beinahe alles aufnehmen – und müssen trotzdem auswählen

Digitalkameras und Smartphones haben unsere technischen Möglichkeiten enorm erweitert. Speicherplatz kostet kaum noch etwas, moderne Sensoren bewältigen große Helligkeitsunterschiede, RAW-Dateien lassen umfangreiche Korrekturen zu und wir können innerhalb weniger Minuten Hunderte Bilder aufnehmen.

Das könnte den Eindruck vermitteln, wir müssten uns beim Fotografieren weniger entscheiden. Eigentlich ist das Gegenteil der Fall. Je leichter es wird, Informationen aufzunehmen, desto wichtiger wird die Frage, welche davon überhaupt etwas zum Bild beitragen.

Das gilt sogar für die spätere Bearbeitung. Ein Sensor kann in einem Schatten noch erstaunlich viele Details gespeichert haben. Aber nur weil wir sie sichtbar machen können, müssen wir sie nicht sichtbar machen. Manchmal gewinnt ein Bild gerade dadurch, dass ein Schatten dunkel bleiben darf.

Technische Information und fotografische Bedeutung sind eben nicht dasselbe.

Eine kleine Szene am Bahnhof

Stell Dir vor, Du wartest mit der Kamera auf einem Bahnsteig. Gegenüber sitzt eine einzelne Person auf einer Bank. Dahinter befinden sich Fahrpläne, Werbeplakate, ein Fahrkartenautomat und weitere Reisende. Technisch gesehen kann Deine Kamera das alles problemlos aufnehmen.

Du hebst die Kamera. Im ersten Bild ist alles enthalten. Die Person. Die Bank. Die Werbung. Der Automat. Die anderen Reisenden. Das Foto zeigt viel – erzählt aber möglicherweise wenig.

Dann veränderst Du Deinen Standort ein Stück. Ein Pfeiler verdeckt den Fahrkartenautomaten. Du gehst etwas näher heran. Die Werbung verschwindet aus dem Ausschnitt. Schließlich wartest Du, bis die anderen Reisenden den Hintergrund verlassen haben.

Jetzt bleibt die Person auf der Bank. Vielleicht noch eine Uhr darüber. Und plötzlich entsteht eine Geschichte über Warten, Zeit oder Einsamkeit. Du hast dem Bild nichts hinzugefügt.

Du hast etwas entfernt.

Mein Blick auf das Zitat

Ich mag den Gedanken hinter diesem Satz sehr, obwohl ich ihn technisch nicht wörtlich nehmen würde. Eine Blende entscheidet zunächst über Licht, nicht darüber, welche Motive in einem Foto vorkommen. Und auch die Pupille ist kein kleiner Redakteur, der unwichtige Bildinformationen aussortiert.

Als Metapher funktioniert der Satz für mich trotzdem erstaunlich gut. Vielleicht sogar deshalb, weil er den Blick von der üblichen Frage wegführt: „Was kann meine Kamera alles erfassen?“ Mich interessiert beim Fotografieren viel mehr die umgekehrte Frage:

Was braucht dieses Bild wirklich?

Gerade moderne Kameras verführen uns manchmal dazu, möglichst viel erhalten zu wollen. Zeichnung in den Lichtern, Zeichnung in den Schatten, maximale Schärfe, möglichst viele Details. Aber ein gutes Foto muss nicht möglichst viele Informationen transportieren.

Es braucht die richtigen. Und manchmal muss dafür etwas verschwinden.

Fotografie beginnt mit Licht. Ein Bild entsteht aber nicht allein dadurch, dass wir möglichst viel davon einfangen.

Wir wählen einen Ausschnitt aus einer viel größeren Wirklichkeit. Wir entscheiden, was sichtbar bleibt, was unscharf wird und was außerhalb des Rahmens verschwindet.

Vielleicht liegt deshalb in K. C. Coles Gedanken eine Frage, die man sich vor dem Auslösen öfter stellen könnte:

Nicht: Was kann ich noch ins Bild bekommen? Sondern: Was kann ich weglassen?


Quellen und weiterführende Informationen

Hinweis zur Quelle: Der Satz wird K. C. Cole zugeschrieben. Einen belastbaren Primärnachweis für genau diesen deutschen Wortlaut konnte ich bei der Recherche jedoch nicht finden. Auch eine eindeutig belegte englische Originalfassung ließ sich nicht verifizieren. Deshalb sollte die Formulierung nicht als gesicherte wörtliche Übersetzung eines englischen Originals verstanden werden.

K. C. Cole / Quanta Magazine: Autorenprofil mit Angaben zu ihrer Tätigkeit als Wissenschaftsautorin und ihren Veröffentlichungen.

USC Annenberg School for Communication and Journalism: Biografische Angaben zu Cole, ihrer journalistischen Tätigkeit, ihren Büchern und ihrer Arbeit im Wissenschaftsjournalismus.

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