Rodinal
Der Klassiker unter den Schwarzweiß-Entwicklern
Manche Produkte begleiten die Fotografie ein paar Jahre, andere ein paar Jahrzehnte. Und dann gibt es Rodinal. Der Schwarzweiß-Filmentwickler geht auf das Jahr 1891 zurück und wird in weiterentwickelter Form bis heute verwendet. Damit gehört er zu den großen Konstanten der analogen Fotografie.
Seine lange Geschichte allein wäre allerdings noch kein Grund, heute einen Film damit zu entwickeln. Interessant ist Rodinal vor allem wegen seiner besonderen Arbeitsweise: Der Entwickler ist hoch konzentriert, wird für den Gebrauch stark verdünnt und ist vor allem für eine hohe Kantenschärfe bekannt. Das sichtbare Filmkorn kann dabei durchaus deutlicher hervortreten.
Genau diese Kombination macht Rodinal bis heute interessant – aber nicht automatisch für jeden Film und jedes gewünschte Ergebnis.
Was ist Rodinal?
Rodinal ist ein flüssiger Entwickler für Schwarzweiß-Negativfilm. Das Konzentrat wird unmittelbar vor der Filmentwicklung mit Wasser verdünnt und die angesetzte Arbeitslösung anschließend normalerweise nur einmal verwendet.
Typische Verdünnungen sind 1+25 und 1+50. Bei 1+25 bedeutet das beispielsweise: ein Teil Rodinal-Konzentrat wird mit 25 Teilen Wasser gemischt.
Rodinal gehört zu den sogenannten schärfesteigernden beziehungsweise akutanzbetonten Entwicklern. Gemeint ist damit nicht, dass der Entwickler plötzlich zusätzliche Bilddetails erzeugen könnte. Vielmehr kann er Übergänge zwischen hellen und dunklen Bereichen so wiedergeben, dass Kanten deutlich erscheinen und das Negativ einen ausgeprägten Schärfeeindruck vermittelt.
Gerade dieser Charakter unterscheidet Rodinal von Entwicklern, deren Schwerpunkt stärker auf möglichst feinem Korn liegt.
Wie funktioniert Rodinal?
Bei der Entwicklung eines Schwarzweißfilms werden die bei der Belichtung entstandenen latenten Bildinformationen chemisch sichtbar gemacht. Vereinfacht gesagt reduziert der Entwickler die belichteten Silberhalogenide der Emulsion zu metallischem Silber. Daraus entsteht das negative Schwarzweißbild.
Rodinal verwendet p-Aminophenol beziehungsweise dessen Verbindungen als wesentliche Entwicklersubstanz. Seine fotografische Besonderheit liegt aber weniger im Namen eines einzelnen chemischen Bestandteils als im Zusammenspiel von Rezeptur, Verdünnung, Film und Entwicklungsmethode.
Rodinal wird stark verdünnt eingesetzt. An stärker belichteten Stellen des Films wird Entwickler entsprechend intensiv verbraucht. In unmittelbarer Umgebung kann dadurch die lokale Entwicklungsaktivität sinken. Solche Effekte können den Eindruck einer ausgeprägten Kantenschärfe unterstützen.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen Auflösung und Schärfeeindruck. Rodinal kann keine Strukturen auf den Film zaubern, die Objektiv und Film nicht aufgezeichnet haben. Ein Negativ kann durch die ausgeprägte Wiedergabe feiner Kanten jedoch subjektiv sehr scharf wirken.
Schärfe gegen feines Korn?
Hier zeigt Rodinal seinen charakteristischen Kompromiss.
Ein Feinkornentwickler versucht unter anderem, die sichtbare Kornstruktur möglichst unauffällig erscheinen zu lassen. Rodinal verfolgt diesen Schwerpunkt nicht in gleichem Maße. Seine Stärke liegt eher bei hoher Kantenschärfe und einem klaren, detailreichen Bildeindruck.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Rodinal grundsätzlich „grobkörnige Bilder“ produziert. Wie deutlich Korn sichtbar wird, hängt ebenso vom verwendeten Film, seinem Aufnahmeformat, der Belichtung, der Entwicklung und natürlich von der späteren Vergrößerung oder Digitalisierung ab.
Bei einem niedrig- oder mittelempfindlichen Film kann die Kombination ausgesprochen fein wirken. Bei einem hochempfindlichen Kleinbildfilm kann das Korn dagegen wesentlich deutlicher hervortreten.
Das muss kein Nachteil sein. Gerade in der Schwarzweißfotografie kann sichtbares Korn Teil der Bildwirkung sein.

Warum ist Rodinal für Fotografen interessant?
Ein praktischer Vorteil liegt in seiner einfachen Verwendung. Du musst keine größere Menge Stammlösung ansetzen und anschließend deren Alter oder bereits erfolgte Filmentwicklungen berücksichtigen. Du entnimmst die benötigte Menge Konzentrat, verdünnst sie mit Wasser und verwendest diese Arbeitslösung für eine Entwicklung.
Hinzu kommt die hohe Ergiebigkeit. Da Rodinal stark verdünnt eingesetzt wird, reicht bereits eine vergleichsweise kleine Menge Konzentrat für zahlreiche Filme.
Interessanter ist aus fotografischer Sicht jedoch der Bildcharakter. Rodinal eignet sich besonders dann, wenn Du Wert auf einen ausgeprägten Schärfeeindruck legst und eine sichtbarere Kornstruktur nicht grundsätzlich vermeiden möchtest.
Gerade bei größeren Filmformaten verliert die Diskussion über sichtbares Korn zudem an Bedeutung. Beim Mittelformat oder Großformat muss das Negativ für dieselbe Ausgabegröße wesentlich weniger stark vergrößert werden als ein Kleinbildnegativ. Die Stärken eines schärfesteigernden Entwicklers lassen sich dadurch nutzen, ohne dass das Korn zwangsläufig zum dominierenden Bildelement wird.
1+25 oder 1+50?
Zu Rodinal gehören seine Verdünnungen beinahe so selbstverständlich wie die Entwicklungsdose.
1+25 bedeutet einen Teil Konzentrat auf 25 Teile Wasser, 1+50 entsprechend einen Teil Konzentrat auf 50 Teile Wasser.
Die höhere Verdünnung bedeutet dabei nicht einfach nur „weniger Entwickler“. Sie verändert auch die Entwicklungszeit und kann die Charakteristik der Entwicklung beeinflussen. ADOX beschreibt für höhere Verdünnungen eine zunehmende Ausgleichswirkung.
Welche Variante besser passt, hängt deshalb vom verwendeten Film und vom gewünschten Negativ ab. Eine universelle Empfehlung nach dem Motto „Rodinal funktioniert am besten mit 1+50“ wäre zu einfach.
Entscheidend sind immer Film, Verdünnung, Temperatur, Entwicklungszeit und Bewegung gemeinsam. Wenn Du reproduzierbare Ergebnisse möchtest, solltest Du deshalb mit dokumentierten Entwicklungszeiten für Deine konkrete Film-Entwickler-Kombination beginnen.
Ein Beispiel aus der Praxis
Stell Dir vor, Du fotografierst mit einem klassischen Schwarzweißfilm bei ISO 100. Deine Motive sind alte Werkhallen, Mauerwerk, Metallkonstruktionen und verwitterte Oberflächen.
Hier kann Rodinal gut zu Deiner Bildidee passen. Feine Strukturen, Kanten und Oberflächen dürfen deutlich sichtbar sein. Ein etwas präsenteres Korn würde nicht unbedingt stören und könnte den Charakter der Aufnahmen sogar unterstützen.
Fotografierst Du dagegen auf Kleinbild einen empfindlichen Film und möchtest anschließend sehr große, möglichst glatt wirkende Vergrößerungen herstellen, könnte ein stärker auf Feinkörnigkeit ausgelegter Entwickler die passendere Wahl sein.
Damit wird ein wichtiger Punkt deutlich: Der Entwickler ist Teil der Bildgestaltung.
Die Entscheidung für Rodinal sollte deshalb nicht nur lauten: „Welcher Entwickler macht meinen Film scharf?“, sondern eher: „Welche Art von Negativ möchte ich erhalten?“
Rodinal, R09 und Adonal – ist das alles dasselbe?
Hier kann es verwirrend werden.
Nach Angaben von ADOX sind das heutige ADOX Rodinal und ADONAL identisch; unterschiedliche Bezeichnungen wurden beziehungsweise werden aus markenrechtlichen Gründen verwendet. ADOX gibt außerdem an, seine heutige Rodinal-Rezeptur entspreche der letzten von Agfa verwendeten Rezeptur aus dem Jahr 2004.
Davon zu unterscheiden ist R09 beziehungsweise APH09. Diese Entwickler gehen zwar ebenfalls auf die Rodinal-Tradition zurück, sind aber nicht einfach nur ein anderer Name für die aktuelle Rodinal-Rezeptur. ADOX beschreibt APH09 als auf der früheren ORWO-R09-Rezeptur basierend und nennt Unterschiede unter anderem bei Korn und Schärfewirkung.
Bei Entwicklungszeiten aus Tabellen oder Foren lohnt sich deshalb ein genauer Blick darauf, welches konkrete Produkt gemeint ist.
Ein Entwickler mit erstaunlich langer Geschichte
Rodinal wurde 1891 von dem Chemiker Momme Andresen in Berlin formuliert. ADOX bezeichnet Rodinal als das älteste fotochemische Patent und führt die Entstehung der fotografischen Abteilung von Agfa auf diese Entwicklung zurück.
Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelten sich unterschiedliche Linien. In Westdeutschland wurde Rodinal bei Agfa weiterentwickelt, während in Wolfen die Tradition unter der Bezeichnung ORWO R09 fortgeführt wurde. Dadurch erklären sich auch einige der unterschiedlichen Rodinal- und R09-Rezepturen beziehungsweise Produktnamen, denen man in der analogen Fotografie begegnet.
Heute wird Rodinal von ADOX angeboten. Nach Herstellerangaben basiert das Produkt auf der letzten Agfa-Leverkusen-Rezeptur von 2004.
Damit ist Rodinal mehr als nur ein historischer Name. Die Grundidee eines hochkonzentrierten Flüssigentwicklers hat mehr als 130 Jahre Fotografie überstanden – und wird noch immer praktisch eingesetzt.
Vor- und Nachteile
Zu den Stärken von Rodinal gehören die einfache Dosierung des Flüssigkonzentrats, die hohe Ergiebigkeit und vor allem sein ausgeprägter Schärfeeindruck. Die Möglichkeit verschiedener Verdünnungen macht ihn zudem recht flexibel.
Dem steht gegenüber, dass Rodinal nicht in erster Linie auf möglichst unauffälliges Korn ausgelegt ist. Besonders bei höher empfindlichen Kleinbildfilmen kann die Kornstruktur deutlich sichtbar werden. Wer ein ausgesprochen feinkörniges Negativ anstrebt, findet deshalb andere Entwickler, die stärker auf dieses Ziel abgestimmt sind.
Ob das ein Nachteil ist, hängt letztlich vom Bild ab. Ein Entwickler besitzt keinen universell „besten“ Charakter. Er muss zu Film, Aufnahmeformat und gewünschter Bildwirkung passen.
Rodinal ist ein schönes Beispiel dafür, dass alte Fototechnik nicht automatisch veraltet sein muss. Sein Prinzip stammt aus dem 19. Jahrhundert, seine Eigenschaften können aber auch für heutige analoge Fotografen interessant sein.
Seine Stärke liegt vor allem in einem ausgeprägten Schärfeeindruck, der einfachen Verwendung als hochverdünnter Einmalentwickler und seiner Ergiebigkeit. Dafür gehört maximale Feinkörnigkeit nicht zu seinen wichtigsten Eigenschaften.
Wenn Du Rodinal ausprobierst, lohnt es sich deshalb, nicht nur auf Entwicklungszeiten und Verdünnungen zu schauen. Vergleiche die Negative und späteren Bilder. Wie wirken feine Strukturen? Wie präsent ist das Korn? Wie gefallen Dir Tonwerte und Gesamteindruck?
Denn letztlich ist auch der Filmentwickler kein Selbstzweck. Er ist ein weiteres Werkzeug auf dem Weg zu dem Bild, das Du haben möchtest.


