Abbas Attar, der Magnum-Fotograf, der Revolutionen, Konflikte und Religionen
Abbas Attar – Chronist der Konflikte und Religionen
Abbas Attar, weltweit meist nur unter seinem Vornamen Abbas bekannt, zählt zu den bedeutendsten Dokumentarfotografen und Fotojournalisten des 20. Jahrhunderts. Der am 29. März 1944 in Khash (Iran) geborene und am 25. April 2018 in Paris verstorbene Fotograf dokumentierte über fünf Jahrzehnte hinweg Kriege, Revolutionen und gesellschaftliche Umbrüche. Als Mitglied der renommierten Agentur Magnum Photos schuf er Bildreportagen, die sich nicht nur mit politischen Konflikten, sondern später auch intensiv mit Religionen und deren Einfluss auf Gesellschaften beschäftigten.
Frühes Leben
Abbas wuchs im Iran auf, bevor seine Familie Anfang der 1950er Jahre nach Frankreich emigrierte. Er studierte Kommunikationswissenschaften und begann bereits in den 1960er Jahren als Fotograf für Zeitungen und Magazine zu arbeiten. Schon früh interessierte er sich weniger für spektakuläre Einzelbilder als für die Hintergründe politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen.
Der Weg zum internationalen Fotojournalisten
Seine Karriere führte Abbas zunächst zu Sipa Press (1971–1973), anschließend zur Fotoagentur Gamma (1974–1980). Seit 1981 arbeitete er für Magnum Photos, deren Vollmitglied er wenige Jahre später wurde.
In den 1970er Jahren berichtete er aus zahlreichen Krisengebieten, darunter:
- Biafra
- Bangladesch
- Vietnam
- Nordirland
- Naher Osten
- Chile
- Kuba
- Südafrika während der Apartheid
Seine Reportagen zeichneten sich durch eine außergewöhnliche Nähe zu den Menschen aus. Statt nur Kampfhandlungen zu zeigen, interessierten ihn deren Ursachen und Folgen.
Die iranische Revolution
International bekannt wurde Abbas insbesondere durch seine Fotografien der Iranischen Revolution (1978–1979). Seine Bilder dokumentieren den Sturz des Schahs, den Aufstieg Ayatollah Khomeinis und die tiefgreifenden Veränderungen der iranischen Gesellschaft.
Nach vielen Jahren im Exil kehrte er 1997 erstmals wieder in den Iran zurück. Das daraus entstandene Buch Iran Diary 1971–2002 verbindet Fotografien mit persönlichen Tagebuchnotizen und gilt als eines seiner wichtigsten Werke.
Religion als fotografisches Langzeitprojekt
Ab Ende der 1980er Jahre verlagerte Abbas seinen Schwerpunkt. Über Jahrzehnte bereiste er zahlreiche Länder, um die großen Weltreligionen zu dokumentieren. Dabei interessierte ihn nicht die Theologie, sondern die Frage, wie Religion das tägliche Leben, Politik und Gesellschaft beeinflusst.
Zu seinen wichtigsten Langzeitprojekten gehören:
- Islam
- Christentum
- Animistische Religionen
- Buddhismus
- Hinduismus
Aus diesen Arbeiten entstanden mehrere international beachtete Bildbände wie Allah O Akbar, Faces of Christianity, In Whose Name? und Gods I’ve Seen.
Fotografischer Stil
Abbas arbeitete überwiegend in Schwarzweiß. Seine Fotografien verbinden dokumentarische Genauigkeit mit einer ruhigen, fast erzählerischen Bildsprache.
Typisch für seine Arbeiten sind:
- starke Bildkompositionen
- sorgfältig beobachtete Alltagsszenen
- hohe emotionale Wirkung ohne Inszenierung
- Geduld beim Beobachten
- der Fokus auf den Menschen statt auf das spektakuläre Ereignis
Er verstand Fotografie als Mittel, Fragen zu stellen, nicht Antworten zu liefern. Seine Bilder regen bis heute dazu an, gesellschaftliche Zusammenhänge kritisch zu hinterfragen.
Bedeutung
Abbas gehört zu den wichtigsten Vertretern des modernen Dokumentarfotojournalismus. Seine Reportagen zeigen, dass Fotografie weit mehr sein kann als die reine Dokumentation eines Ereignisses. Sie verbindet historische Zeugenschaft mit persönlicher Beobachtung und ermöglicht einen tiefen Blick auf politische, soziale und religiöse Entwicklungen.
Seine Arbeiten werden weltweit in Museen ausgestellt und gelten als bedeutende Zeugnisse der Geschichte des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Bis heute beeinflusst Abbas zahlreiche Dokumentarfotografen durch seine ruhige, respektvolle und langfristige Arbeitsweise.


