Fotografie-Blog

Eine Fotografie ist wie eine Einladung

Es gibt Bücher, die lese ich wegen ihrer Texte. Und es gibt Bildbände, in denen ich mich stundenlang verlieren kann, ohne ein einziges Wort zu lesen.

Wenn ich ein Foto betrachte, beginnt in meinem Kopf oft eine eigene Geschichte. Ich frage mich, was vor diesem Moment passiert ist. Welche Gedanken die fotografierte Person hatte. Ob der Fotograf lange auf diesen Augenblick gewartet hat oder ob er ihm zufällig begegnet ist.

Die Antworten darauf kenne ich meist nicht – und genau das macht für mich den Reiz aus.

Ein gutes Foto muss nicht alles erklären. Es darf Fragen offenlassen. Es darf Raum für Interpretationen schaffen und unterschiedliche Erinnerungen oder Gefühle beim Betrachter wecken. Jeder bringt seine eigenen Erfahrungen mit und sieht deshalb etwas anderes im selben Bild.

Nur selten interessiert mich zunächst der Begleittext. Erst wenn mich die Geschichte hinter dem Bild oder die fotografische Umsetzung besonders fasziniert, möchte ich mehr erfahren. Ansonsten lasse ich das Foto lieber für sich sprechen.

Vor Jahren bin ich auf ein Zitat gestoßen, dessen Verfasser leider unbekannt ist. Es beschreibt genau das, was ich an der Fotografie so schätze:

„Für mich ist eine Fotografie wie eine Einladung, wie ein Zimmer mit einer offenen Tür. Du trittst ein, wirst vielleicht überrascht von neuen Dingen sein, oder auch vertrautes finden. Berührt an deinen eigenen Geschichten. Du kannst verweilen, herumlaufen, schauen oder auch einfach nur von außen die Tür wieder zuschlagen. Aber niemals sollte da der Hausherr kommen und dich zuschnüren und dir den Raum nehmen mit seinen Erklärungen: Warum der Sessel dort in der Ecke und nicht am Fenster steht, seinen Empfindungen, die er mit dem leeren Rahmen an der Wand verbindet usw. Deshalb mag ich auch keine Bildtitel, die ein Bild über das Bild stülpen wollen.“

Unbekannt

Dieser Gedanke gefällt mir bis heute. Ein Foto ist eine Einladung zum Entdecken. Der Betrachter entscheidet selbst, wie weit er dieser Einladung folgen möchte.

Deshalb bin ich auch kein großer Freund von Bildtiteln oder ausführlichen Erklärungen, die einem vorgeben wollen, was man in einem Bild zu sehen hat. Oft entsteht die eigentliche Magie erst dann, wenn ein Foto offen bleibt und jeder seine eigene Geschichte darin finden kann.

Denn manchmal erzählt ein Bild mehr, wenn der Fotograf schweigt.

Überarbeiteter Beitrag, Erstveröffentlichung 09.04.2014

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