Sag bitte nicht „knipsen“! Oder vielleicht doch?
Im Mai 2023 habe ich hier einen Beitrag mit einer ziemlich eindeutigen Überschrift veröffentlicht: „Sag bitte nicht knipsen!“
Meine Argumentation damals war ebenfalls ziemlich eindeutig. Knipsen, so schrieb ich sinngemäß, stehe für eine eher beiläufige Art des Fotografierens. Fotografieren dagegen bedeute, sich Gedanken über Licht, Belichtung, Bildgestaltung und den richtigen Moment zu machen. Ganz falsch finde ich diesen Gedanken auch heute nicht.
Und trotzdem würde ich den Beitrag heute so nicht mehr schreiben.
Der Anstoß dazu kam durch einen Artikel von Karsten Kettermann über ein anderes Wort, an dem sich Fotografen ebenfalls gerne reiben: Hobbyfotograf. Dabei geht es eigentlich gar nicht darum, welches Wort das bessere ist.
Karsten Kettermann: Hobbyfotograf – eine Bezeichnung, auf die du stolz sein kannst
Viel interessanter finde ich inzwischen eine andere Frage:
Was machen solche Begriffe mit unserem Denken über Fotografie – und über die Menschen, die fotografieren?
Knipsen und Fotografieren – gibt es da überhaupt einen Unterschied?
Ich glaube schon.
Wenn ich beim Spaziergang mein Smartphone aus der Tasche ziehe, weil vor mir gerade etwas Lustiges passiert, dann halte ich einen Moment fest. Vielleicht denke ich noch über den Ausschnitt nach, vielleicht auch nicht. Das Bild soll vor allem eines: mich später an diesen Augenblick erinnern.
Wenn ich dagegen mit der Kamera losziehe, auf bestimmtes Licht warte, meinen Standort verändere, verschiedene Bildausschnitte ausprobiere und irgendwann entscheide: Jetzt stimmt es, dann beschäftige ich mich ganz anders mit dem entstehenden Bild.
Für die erste Situation könnte man durchaus das Wort „knipsen“ verwenden. Nur folgt daraus etwas Entscheidendes nicht:
Dass der eine ein Knipser und der andere ein „richtiger Fotograf“ sein muss. Denn morgen können die Rollen schon vertauscht sein.
Auch jemand, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit Fotografie beschäftigt, macht zwischendurch einen schnellen Schnappschuss. Und jemand, der gerade erst mit einer Kamera beginnt, kann sich zehn Minuten mit einem einzigen Motiv beschäftigen.
Vielleicht beschreibt „knipsen“ also manchmal ganz treffend, wie ein Foto entstanden ist. Schwierig wird es erst, wenn wir damit beschreiben wollen, wer hinter der Kamera steht.
Vom Hobbyfotografen zum Knipser
Genau an dieser Stelle hat mich der Beitrag von Karsten Kettermann nachdenklich gemacht.
Er beschäftigt sich darin mit dem Begriff „Hobbyfotograf“ und der Frage, warum dieser manchmal beinahe wie eine fotografische Rangstufe verwendet wird. Die gedankliche Reihenfolge kennen wir vermutlich alle:
Anfänger → Hobbyfotograf → Profi
Nur funktioniert Fotografie so nicht. Ein Berufsfotograf verdient mit Fotografie seinen Lebensunterhalt. Ein Hobbyfotograf fotografiert zunächst einmal, ohne dass die Fotografie sein Beruf sein muss. Das sind unterschiedliche Voraussetzungen – aber noch keine Aussage über die Qualität der Bilder.
Karsten formuliert dazu einen Gedanken, den ich bemerkenswert finde: Profi beschreibt die Erwerbsform, Professionalität eine Haltung.
Und damit sind wir plötzlich wieder beim Knipsen. Denn auch hier machen wir aus einer Beschreibung schnell eine Bewertung. Aus „jemand knipst gerade“ wird „der ist ein Knipser“.
Aus „Fotografie ist sein Hobby“ wird „der ist nur Hobbyfotograf“.
Dieses kleine Wort „nur“ ist dabei vielleicht viel interessanter als alle fotografischen Berufsbezeichnungen zusammen.
Das kleine Wort „nur“
„Das ist nur ein Schnappschuss.“ „Ich bin nur Hobbyfotograf.“ „Der knipst doch nur.“
Eigentlich erstaunlich, was drei Buchstaben anrichten können. Denn das „nur“ verändert die Aussage. Plötzlich beschreiben wir nicht mehr einfach eine Form des Fotografierens. Wir ordnen ihr einen geringeren Wert zu.
Dabei kann ein Schnappschuss ein wunderbares Foto sein. Vielleicht ist er technisch nicht perfekt. Vielleicht ist der Horizont ein wenig schief, der Hintergrund unruhig und die Belichtung hätte man mit etwas mehr Zeit besser hinbekommen.
Aber vielleicht zeigt dieses Foto genau den Gesichtsausdruck eines Menschen, den es eine halbe Sekunde später nicht mehr gegeben hätte. Dann wäre es ziemlich schade, wenn wir seinen Wert ausschließlich daran messen würden, wie sorgfältig es fotografisch vorbereitet wurde.
Umgekehrt funktioniert die Gleichung genauso wenig.
Ein Foto wird nicht automatisch bedeutender, weil ich eine halbe Stunde mein Stativ ausgerichtet, die optimale Blende bestimmt und anschließend noch zwei Stunden an der RAW-Datei gearbeitet habe.
Technische und gestalterische Sorgfalt kann einem Bild helfen. Sie garantiert aber noch kein gutes Bild.
Nicht jedes Foto muss große Fotografie sein
Vielleicht liegt ein Teil unseres Problems darin, dass wir Fotos gerne nach denselben Maßstäben beurteilen. Dabei erfüllen sie völlig unterschiedliche Aufgaben.
Ein Foto kann eine Landschaft interpretieren. Es kann gesellschaftliche Zustände dokumentieren. Es kann eine abstrakte Form untersuchen oder eine Geschichte erzählen. Es kann aber auch einfach zeigen, wie herrlich schief die Kerzen auf einem Geburtstagskuchen standen.
Auch dieses Foto hat einen Wert. Vielleicht sogar einen sehr großen. Nur eben einen anderen.
Ich glaube deshalb nicht mehr, dass wir die Fotografie aufwerten, indem wir das Knipsen abwerten. Im Gegenteil: Wir machen die Fotografie damit unnötig eng. Es muss nicht hinter jedem Druck auf den Auslöser eine fotografische Absicht stehen. Manchmal wollen wir etwas gestalten. Manchmal dokumentieren. Manchmal experimentieren.
Und manchmal wollen wir einfach einen Augenblick behalten.
Die Kamera kann all das.
Entscheidend ist, was wir aus einem Bild machen
Natürlich möchte ich damit die bewusste Beschäftigung mit Fotografie nicht kleinreden. Ganz im Gegenteil. Wer anfängt, Licht wahrzunehmen, Perspektiven bewusst zu wählen und sich mit Bildgestaltung auseinanderzusetzen, wird anders fotografieren. Mit der Zeit erkennt man vielleicht schon vor dem Auslösen, warum ein Bild funktionieren könnte – oder warum eben nicht.
Genau das fasziniert mich an Fotografie.
Die Kamera wird dabei zunehmend vom eigentlichen Thema zum Werkzeug. Blende, Belichtungszeit, ISO, Brennweite und Autofokus sind wichtig, aber letztlich helfen sie uns nur dabei, eine Vorstellung in ein Bild zu übersetzen.
Nur gibt uns dieses Wissen keinen höheren fotografischen Rang. Es gibt uns mehr Möglichkeiten. Was wir daraus machen, ist eine andere Frage.
Und dann gibt es noch den Zufall
Fotografie hat nämlich eine wunderbare Eigenschaft: Sie hält sich nicht immer an unsere Pläne. Du kannst Licht, Standort, Brennweite und Bildaufbau sorgfältig vorbereiten – und trotzdem bleibt das Ergebnis belanglos.
Und manchmal hebst du die Kamera hoch, drückst fast im Reflex auf den Auslöser und stellst später fest:
Da ist etwas passiert. Eine Geste. Ein Blick. Eine Bewegung. Zwei Dinge, die für einen winzigen Moment zueinandergepasst haben.
War das geknipst?
Vielleicht.
Ist es deshalb ein schlechteres Foto?
Nein.
Natürlich sollte daraus nicht die nächste fotografische Regel entstehen: „Denk nicht nach, dann werden die Bilder besser.“ So einfach macht es uns die Fotografie zum Glück nicht. Aber der Zufall gehört zu ihr. Entscheidend ist häufig auch, ob wir erkennen, was uns da zufällig vor die Kamera geraten ist.
Was sagt eigentlich das Bild?
Vielleicht sollten wir deshalb häufiger über Bilder sprechen und etwas weniger darüber, welchen Status der Mensch hinter der Kamera hat. Mich interessiert an einem Foto schließlich nicht zuerst, ob es von einem Profi oder einem Hobbyfotografen stammt.
Mich interessiert:
Warum schaue ich es länger an?
Warum funktioniert die Bildaufteilung?
Warum stört mich etwas?
Warum löst das Bild eine Erinnerung oder eine Stimmung aus?
Warum hätte ich vielleicht selbst an dieser Stelle gar kein Foto gesehen?
Das sind für mich die interessanteren Fragen.
Natürlich kann es wichtig sein zu wissen, unter welchen Umständen ein Bild entstanden ist. Gerade bei dokumentarischer Fotografie gehört der Kontext unbedingt dazu. Aber die Berufsbezeichnung des Fotografen ist kein Qualitätsmerkmal.
Und „Knipser“ ist entsprechend auch kein Gegenbegriff zu „guter Fotograf“.
Meinen alten Beitrag würde ich heute anders schreiben
Damit komme ich wieder zu meinem Artikel von 2023.
Damals schrieb ich sinngemäß, Fotografen wollten sich vom Knipsen abgrenzen, weil Fotografie technisches Wissen, kreative Fähigkeiten und ein Verständnis visueller Gestaltung erfordere. Ich verstehe noch immer, was ich damit sagen wollte.
Fotografie kann all das erfordern.
Wer sich intensiv mit ihr beschäftigt, merkt ziemlich schnell, dass zwischen dem bloßen Drücken des Auslösers und dem bewussten Gestalten eines Bildes eine ganze Welt liegen kann.
Heute stört mich aber die Schlussfolgerung daraus. Denn warum muss ich das eine abwerten, um das andere wertzuschätzen?
Meine eigene Freude an bewusster Fotografie wird doch nicht kleiner, nur weil neben mir jemand mit dem Smartphone einen schnellen Schnappschuss macht. Und dessen Bild wird nicht bedeutender, nur weil ich es großzügig „Fotografie“ statt „Knipserei“ nenne.
Vielleicht war mein damaliger Wunsch nach Abgrenzung deshalb gar nicht nötig.
Sag bitte nicht „nur“ knipsen
Und so würde ich die Überschrift meines alten Beitrags heute um ein einziges Wort ergänzen:
Sag bitte nicht „nur“ knipsen.
Knips ruhig. Mach Schnappschüsse. Fotografiere stundenlang dasselbe Motiv. Plane deine Bilder akribisch.Oder zieh das Smartphone aus der Tasche, weil gerade etwas passiert, das du nicht vergessen möchtest. All das kann seinen Platz haben.
Problematisch wird es für mich erst, wenn wir aus diesen unterschiedlichen Arten des Fotografierens eine Rangordnung der Menschen dahinter machen.
Der Profi steht nicht automatisch über dem Hobbyfotografen.
Der Fotograf nicht automatisch über dem Knipser.
Und die große Kamera nicht über dem Smartphone.
Das Bild weiß ohnehin nicht, welche Berufsbezeichnung auf der Visitenkarte seines Urhebers steht.
Sprache hilft uns dabei, Dinge zu unterscheiden. Deshalb müssen wir Begriffe wie Fotograf, Hobbyfotograf, Profi, Schnappschuss oder Knipsen nicht aus unserem Wortschatz verbannen.
Wir sollten nur darauf achten, was wir mit ihnen verbinden. Ein Begriff kann eine Tätigkeit beschreiben. Oder er kann jemanden in eine Schublade stecken.
Diesen Unterschied sehe ich heute deutlicher als noch 2023. Deshalb darfst du mich übrigens gerne fragen, ob ich am Wochenende ein bisschen knipsen war. Vielleicht antworte ich sogar mit Ja.
Aber das „nur“ kannst du dir sparen.


