Fotografie-Merksätze auf dem Prüfstand

Ab durch die Mitte? Warum ein zentrales Motiv besser ist als sein Ruf

„Ist es strittig, mach es mittig.“

Manchmal beginnt Bildgestaltung mit einer erstaunlich einfachen Frage: Wohin mit dem Motiv?

Nach links? Nach rechts? Auf einen Schnittpunkt der Drittelregel? Vielleicht doch lieber nach dem Goldenen Schnitt? Und während Du noch überlegst, liefert ein alter Fotografenspruch eine angenehm unkomplizierte Antwort: Wenn Du Dich nicht entscheiden kannst, setz das Motiv einfach in die Mitte.

Das klingt zunächst nach fotografischer Bequemlichkeit. Tatsächlich steckt dahinter aber ein interessanter Gedanke. Denn die Bildmitte ist keineswegs automatisch langweilig – sie ist nur gestalterisch ziemlich eindeutig.

Woher kommt der Gedanke?

Der Merksatz taucht seit Jahren in Sammlungen fotografischer Eselsbrücken und „Bauernregeln“ auf. Eine belastbare ursprüngliche Quelle oder ein eindeutig zuzuordnender Urheber lässt sich jedoch nicht feststellen. Deshalb wäre es Spekulation, ihm eine bestimmte historische Entstehungsgeschichte zuzuschreiben.

Interessant ist vielmehr, was der Satz vermitteln möchte: Bei Unsicherheit über die Position des Hauptmotivs ist die Bildmitte eine einfache und klar erkennbare Lösung.

Genau darin liegt die typische Stärke solcher Merksätze. Sie reduzieren eine gestalterische Entscheidung auf etwas, das sich leicht merken lässt.

Nur ist Bildgestaltung eben selten so einfach.

Was ist daran richtig?

Ein Motiv in der Bildmitte bekommt automatisch eine starke Position. Unser Blick muss es nicht erst irgendwo im Bild suchen. Die Komposition kann dadurch ruhig, direkt und eindeutig wirken.

Besonders gut funktioniert das bei Symmetrie.

Eine schnurgerade Allee, ein Tunnel, eine Fassade, ein langer Flur oder eine Spiegelung auf einer vollkommen ruhigen Wasserfläche können gerade durch einen exakt mittigen Bildaufbau ihre Wirkung entfalten. Linien laufen auf die Mitte zu, beide Bildhälften stehen miteinander in Beziehung und das Motiv erhält eine starke formale Ordnung.

Auch Porträts können von dieser Gestaltung profitieren. Ein Mensch, der frontal in die Kamera schaut und genau in der Mitte des Bildes steht, kann sehr unmittelbar wirken. Der Betrachter kann diesem Blick kaum ausweichen.

Die Mitte ist also keineswegs der Ort, an dem Motive landen, wenn dem Fotografen nichts Besseres eingefallen ist.

Sie kann eine bewusste gestalterische Entscheidung sein.

Wo wird es zu einfach?

Problematisch wird der Merksatz durch das kleine Wort „strittig“.

Denn wenn Du nicht weißt, wohin mit Deinem Motiv, ist die eigentliche Frage nicht unbedingt: Wo soll ich es platzieren?

Vielleicht solltest Du Dich zunächst fragen: Warum bin ich mir überhaupt unsicher?

Die Position eines Motivs beeinflusst nämlich die Wirkung des gesamten Bildes. Ein Motiv außerhalb der Mitte kann Spannung erzeugen, Raum schaffen oder den Blick in eine bestimmte Richtung lenken.

Stell Dir einen Menschen vor, der nach rechts schaut. Positionierst Du ihn etwas weiter links im Bild, entsteht vor seinem Blick Raum. Das Foto bekommt eine Richtung. Setzt Du dieselbe Person genau in die Mitte, verändert sich diese Beziehung zwischen Motiv und Umgebung.

Keine Variante ist grundsätzlich richtig oder falsch.

Aber sie erzählt etwas anderes.

Deshalb löst die Bildmitte ein gestalterisches Problem nicht automatisch. Sie trifft lediglich eine sehr eindeutige Entscheidung.

Drittelregel gegen Bildmitte?

An dieser Stelle lauert gleich der nächste Merksatz.

Wer das Motiv nicht mittig setzen soll, landet schnell bei der Drittelregel oder beim Goldenen Schnitt. Solche Gestaltungsprinzipien können hilfreich sein, weil sie Dir Möglichkeiten zeigen, ein Hauptmotiv aus der statischen Mitte herauszunehmen.

Sie sind aber ebenso wenig Naturgesetze.

Ein symmetrischer Tunnel verliert möglicherweise gerade dann seine Wirkung, wenn Du seinen Fluchtpunkt pflichtbewusst auf einen Schnittpunkt der Drittelregel verschiebst. Umgekehrt kann eine Person in einer Landschaft spannender wirken, wenn sie eben nicht genau in der Mitte steht.

Entscheidend ist deshalb nicht, welche Regel Du korrekt angewendet hast.

Entscheidend ist, welche Bildwirkung Du erreichen möchtest.

Was bedeutet das heute?

Digitalkameras haben an diesem Merksatz erstaunlich wenig verändert. Schließlich geht es nicht um ISO, Autofokus oder Belichtungszeiten, sondern um Bildgestaltung.

Eine technische Entwicklung hat unsere Freiheit allerdings vergrößert: die hohe Auflösung moderner Kameras.

Du kannst einen Bildausschnitt heute häufig nachträglich recht großzügig verändern. Aus einer zunächst mittigen Aufnahme lässt sich beim Beschnitt durchaus eine außermittige Komposition entwickeln. Umgekehrt funktioniert das allerdings nur, wenn rund um das Motiv genügend Bild vorhanden ist.

Das kann praktisch sein, sollte aber nicht dazu führen, die Bildgestaltung grundsätzlich auf später zu verschieben.

Denn wenn Du bereits beim Fotografieren über die Position des Motivs nachdenkst, beschäftigst Du Dich automatisch intensiver mit dem gesamten Bild: mit Linien, Flächen, Blickrichtungen, Abständen und dem Verhältnis zwischen Motiv und Umgebung.

Und genau dort beginnt bewusste Bildgestaltung.

In der Praxis: Ein Torbogen und zwei Möglichkeiten

Stell Dir vor, Du stehst vor einem alten Torbogen. Dahinter führt ein Weg geradeaus weiter. Die Architektur ist nahezu symmetrisch.

Du setzt die Kamera mittig vor den Bogen und richtest sie sorgfältig aus. Der Torbogen umschließt den Weg, die Linien führen nach innen und der Fluchtpunkt liegt ziemlich genau in der Bildmitte.

Hier funktioniert der Merksatz hervorragend.

Nun gehst Du ein paar Schritte weiter. Auf dem Weg läuft eine Person durch die Szene.

Wenn Du sie ebenfalls genau in die Mitte setzt, entsteht ein sehr geordnetes, vielleicht sogar etwas statisches Bild. Wartest Du dagegen einen Moment, bis die Person seitlich durch den Torbogen läuft, verändert sich die Aufnahme. Die Architektur bleibt als Rahmen erhalten, während die Person ein Gegengewicht innerhalb der Komposition bildet.

Dasselbe Motiv bietet plötzlich zwei völlig unterschiedliche Möglichkeiten.

Nicht weil sich die Kamera geändert hat.

Sondern weil Du entschieden hast, welche Rolle die Mitte spielen soll.

Urteil: Kommt darauf an

„Ist es strittig, mach es mittig“ ist als Merkhilfe nützlich, als allgemeine Gestaltungsregel aber zu pauschal.

Die Bildmitte ist weder grundsätzlich langweilig noch automatisch die sicherste Lösung. Sie besitzt eine eigene Wirkung: zentral, ruhig, direkt und häufig sehr geordnet.

Besonders bei Symmetrie, starken Fluchtpunkten und bewusst frontalen Kompositionen kann sie genau die richtige Entscheidung sein.

Wenn Du allerdings nur deshalb mittig fotografierst, weil Dir nichts anderes einfällt, verschenkst Du möglicherweise gestalterisches Potenzial.

Der eigentliche Wert dieses Merksatzes liegt vielleicht weniger in seiner Antwort als in der Frage, die er provoziert.

Wo gehört mein Motiv hin?

Die Mitte ist darauf eine vollkommen legitime Antwort. Aber eben nur eine von mehreren. Und wenn es wirklich strittig bleibt? Mach ruhig ein Bild mittig. Und danach noch eins anders.

Speicherplatz ist schließlich deutlich billiger als fotografische Reue.

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