Das Lieblingsfoto liegt noch vor uns – ein Gedanke von Imogen Cunningham
“Which of my photographs is my favorite? The one I’m going to take tomorrow.”
Imogen Cunningham
Sinngemäße deutsche Übersetzung:
„Welches meiner Bilder ist mein Lieblingsfoto? Das, welches ich morgen machen werde.“
Warum ausgerechnet das Foto von morgen?
Wer länger fotografiert, kennt vermutlich beide Seiten: Da gibt es Bilder, an denen man hängt. Vielleicht wegen des Motivs, vielleicht wegen der Erinnerung, vielleicht auch einfach deshalb, weil bei diesem einen Foto Licht, Moment und Gestaltung erstaunlich gut zusammengefunden haben.
Und trotzdem wäre es merkwürdig, wenn irgendwann endgültig feststünde: Das war es. Mein bestes Bild. Besser wird es nicht mehr.
Genau deshalb gefällt mir der Cunningham zugeschriebene Satz. Er richtet den Blick nicht zurück auf das Archiv, sondern nach vorn. Das interessanteste Bild ist noch nicht entstanden.
Für einen Menschen, der über Jahrzehnte fotografiert und dabei ganz unterschiedliche fotografische Ausdrucksformen erkundet hat, ist das zumindest ein bemerkenswert passender Gedanke.
Eine Fotografin, die sich nicht auf einen Stil reduzieren ließ
Imogen Cunningham wurde 1883 in Portland, Oregon, geboren und begann bereits um die Jahrhundertwende zu fotografieren. Sie studierte Chemie an der University of Washington und beschäftigte sich intensiv mit fotografischen Verfahren. Von 1907 bis 1909 arbeitete sie im Studio von Edward S. Curtis, bevor sie ihre Kenntnisse der fotografischen Chemie in Dresden vertiefte.
Interessant für unser Zitat ist vor allem die Entwicklung ihres fotografischen Werks.
Cunninghams frühe Arbeiten standen noch unter dem Einfluss des Piktorialismus mit seinen weichen, teilweise fast malerisch wirkenden Bildern. Später wandte sie sich einer wesentlich klareren, präziseren Bildsprache zu. Ihre Pflanzenstudien aus den 1920er-Jahren machten sie international bekannt. 1932 gehörte sie zur Group f/64, deren Mitglieder für scharfe, detailreiche und unmittelbar fotografische Bilder standen. Gleichzeitig arbeitete Cunningham als Porträtfotografin und beschäftigte sich ebenso mit Akt-, Pflanzen- und später auch Straßenfotografie.

Gerade diese Vielseitigkeit ist bemerkenswert. Ihre Karriere erstreckte sich über rund sieben Jahrzehnte, ohne dass sie sich dauerhaft auf ein einziges Motivgebiet oder eine einzige fotografische Ausdrucksweise festlegen ließ.
Selbst im hohen Alter blieb sie fotografisch aktiv. Mit über 90 Jahren begann sie noch das Projekt After Ninety, für das sie andere hochbetagte Menschen porträtierte. Cunningham starb 1976, bevor das Projekt abgeschlossen war; das daraus entstandene Buch erschien ein Jahr später.
Vor diesem Hintergrund bekommt der Gedanke vom Lieblingsfoto, das erst morgen entstehen wird, eine besondere Glaubwürdigkeit.
Vielleicht geht es gar nicht um das Lieblingsfoto
Man könnte den Satz zunächst ganz wörtlich lesen: Cunningham habe ihre bisherigen Fotografien nicht besonders wichtig gefunden und grundsätzlich erwartet, dass die nächste besser würde.
Das wäre mir allerdings zu einfach.
Wir wissen ohne den ursprünglichen Gesprächskontext nicht sicher, welche genaue Absicht hinter der Formulierung stand. Das Zitat lässt sich aber sehr gut als Ausdruck einer fotografischen Haltung verstehen.
Dann geht es weniger darum, das bisherige Werk abzuwerten. Es geht um Neugier.
Wer sein vermeintlich bestes Foto bereits gemacht hat, könnte sich bequem zurücklehnen. Wer dagegen glaubt, dass morgen etwas Interessantes entstehen könnte, muss weiter beobachten, ausprobieren und fotografieren.
Das Entscheidende wäre dann nicht das einzelne Meisterwerk.
Es wäre die Bereitschaft, weiterzusehen.
Gerade Cunninghams eigenes Werk macht diese Interpretation interessant. Eine Fotografin, die sich vom Piktorialismus zur modernen, scharf gezeichneten Fotografie entwickelte, Pflanzen ebenso untersuchte wie Menschen und noch im hohen Alter neue Projekte begann, scheint fotografischen Stillstand jedenfalls nicht besonders attraktiv gefunden zu haben.
Heute besitzen wir mehr Bilder – aber nicht unbedingt mehr Neugier
Der Gedanke wirkt in der digitalen Fotografie fast noch aktueller.
Technisch gesehen war es nie einfacher, Bilder zu produzieren. Eine Speicherkarte fasst Tausende Aufnahmen. Das Smartphone steckt ständig in der Tasche. Autofokus, Belichtungsautomatik und Bildstabilisierung nehmen uns viele technische Hürden ab. Danach helfen RAW-Entwicklung und Bildbearbeitung, aus den Dateien noch mehr herauszuholen.
Das alles ist großartig.
Nur beantwortet moderne Technik eine entscheidende Frage nicht:
Was möchtest Du morgen anders sehen als heute?
Genau an dieser Stelle bekommt Cunninghams Satz für mich seine heutige Bedeutung.
Fotografische Entwicklung entsteht nicht automatisch dadurch, dass die nächste Kamera einen besseren Sensor besitzt oder ein neues Objektiv schärfer abbildet. Sie entsteht auch dadurch, dass wir neugierig bleiben.
Vielleicht probierst Du eine andere Perspektive aus. Vielleicht fotografierst Du ein Motiv, das Du bisher ignoriert hast. Vielleicht kehrst Du zum selben Ort zurück und bemerkst plötzlich etwas, das Dir beim ersten Besuch entgangen ist.
Das Foto von morgen muss technisch überhaupt nicht besser sein als das von heute.
Es könnte aber anders sein.
Und genau darin kann Entwicklung liegen.
Ein Morgen mit derselben Kamera
Stell Dir vor, Du gehst regelmäßig an einem kleinen See fotografieren. Du kennst inzwischen die guten Standorte. Du weißt, wo morgens die Sonne auftaucht und welcher Baum sich besonders schön im Wasser spiegelt.
Eines Deiner Bilder ist richtig gut geworden. Ruhiges Wasser, leichter Nebel, schönes Licht. Vielleicht hängt es sogar bei Dir an der Wand.
Natürlich könntest Du versuchen, dieses Foto beim nächsten Besuch noch einmal zu machen.
Doch morgen ist der Nebel verschwunden. Das Wasser bewegt sich. Das Licht fällt anders. Am Ufer sitzt plötzlich ein Angler, wo beim letzten Mal niemand war.
Jetzt hast Du zwei Möglichkeiten.
Du kannst darauf warten, dass die Bedingungen endlich wieder so werden wie bei Deinem Lieblingsbild.
Oder Du schaust Dir an, was heute da ist.
Vielleicht wird daraus kein besseres Bild.
Aber möglicherweise entdeckst Du etwas, das Du beim Versuch, Deinen bisherigen Erfolg zu wiederholen, niemals gesehen hättest.
Das ist für mich der praktische Kern dieses Zitats: Das eigene Archiv darf Inspiration sein. Es sollte aber nicht zur Schablone werden.
Mein Blick auf das Zitat
Ich mag den Satz vor allem deshalb, weil er Erfolg in der Fotografie nicht als Endpunkt betrachtet.
Dabei würde ich ihn nicht als Aufforderung verstehen, mit den eigenen Bildern grundsätzlich unzufrieden zu sein. Genau das wäre sogar eine ziemlich ungesunde Konsequenz.
Man darf sich über ein gelungenes Foto freuen. Man darf Lieblingsbilder haben. Und manche Fotografien gewinnen mit den Jahren sogar an persönlicher Bedeutung, statt von neueren Aufnahmen verdrängt zu werden.
Deshalb ist das Foto von morgen für mich nicht automatisch das bessere Foto.
Es ist das noch mögliche Foto.
Darin liegt ein kleiner, aber wichtiger Unterschied.
Die Vorstellung, dass das interessanteste Bild vielleicht noch vor mir liegt, hält die Fotografie offen. Sie macht neugierig auf den nächsten Spaziergang, das nächste Licht, den nächsten Menschen vor der Kamera oder einfach auf eine alltägliche Szene, an der ich bisher hundertmal vorbeigelaufen bin.
Und vielleicht ist genau diese Neugier wertvoller als die Frage, welches Bild im eigenen Archiv nun tatsächlich auf Platz eins steht.
Das nächste Bild wartet nicht im Archiv
Ein fotografisches Werk entsteht aus Bildern, die bereits gemacht wurden. Fotografie selbst lebt aber vom nächsten Blick.
Imogen Cunningham blieb bis ins hohe Alter aktiv und begann selbst jenseits der 90 noch ein neues fotografisches Projekt. Vielleicht passt der ihr zugeschriebene Satz gerade deshalb so gut zu ihrer Arbeit.
Nicht weil morgen zwangsläufig das beste Foto unseres Lebens entsteht.
Sondern weil es überhaupt noch entstehen kann.
Und das ist eigentlich ein ziemlich guter Grund, die Kamera wieder mitzunehmen.
Quellen und weiterführende Informationen
Imogen Cunningham Trust – Das von Cunningham selbst angestoßene Archiv bewahrt Negative und Abzüge ihres fotografischen Werks und dokumentiert ihre fotografische Entwicklung und ihren Nachlass.
J. Paul Getty Museum – Imogen Cunningham: A Retrospective – Umfangreiche Darstellung ihrer Entwicklung vom Piktorialismus über die Pflanzenstudien und Porträts bis zu ihrem Spätwerk After Ninety.
Smithsonian Institution, Archives of American Art – Biografische Angaben und Archivbestand zu Imogen Cunningham, darunter ihre Ausbildung, ihre Arbeit bei Edward S. Curtis und ihre Beteiligung an der Group f/64.
National Gallery of Art – Biografische Übersicht zu Cunninghams fotografischer Ausbildung, ihrem frühen Piktorialismus, ihren Pflanzenstudien und der Group f/64.
Zum Zitat: Der englische Wortlaut „Which of my photographs is my favorite? The one I’m going to take tomorrow.“ wird Cunningham vielfach zugeschrieben. Als bibliografische Quelle wird James Danzigers Interviews With Master Photographers genannt. Eine frei zugängliche Primärquelle, mit der sich der ursprüngliche Gesprächskontext vollständig verifizieren lässt, konnte für diesen Beitrag nicht ermittelt werden.


