Fotografie-Zitate – Gedanken hinter den Worten

Sehen lernen – auch wenn die Kamera zu Hause bleibt

“The camera is an instrument that teaches people how to see without a camera.”
Dorothea Lange

Sinngemäß auf Deutsch:
„Die Kamera ist ein Instrument, das Menschen das Sehen ohne Kamera beibringt.“

Es gibt einen interessanten Moment, der wahrscheinlich vielen Fotografen irgendwann begegnet: Du gehst durch eine Straße, sitzt in einem Café oder wartest auf einen Zug – und plötzlich siehst Du ein Bild.

Nicht auf einem Display und nicht im Sucher. Die Kamera ist vielleicht nicht einmal dabei. Trotzdem fällt Dir auf, wie das Licht auf eine Hauswand trifft. Du bemerkst die Haltung eines Menschen, eine Spiegelung in einer Scheibe oder zwei Farben, die überraschend gut miteinander funktionieren.

Fotografie verändert offenbar nicht nur die Bilder, die wir machen. Sie kann auch verändern, wie wir unsere Umgebung wahrnehmen.

Genau darum geht es in einem bekannten Gedanken von Dorothea Lange.

Ein Zitat mit mehreren Fassungen

Bevor wir über den Gedanken hinter dem Satz sprechen, lohnt sich ein kurzer Blick auf seine Herkunft.

Die Formulierung „The camera is an instrument that teaches people how to see without a camera“ wird Dorothea Lange seit Jahrzehnten zugeschrieben und findet sich unter anderem bei PBS American Masters. Auch Google Arts & Culture führt sie in dieser Form.

Allerdings begegnet uns der Gedanke in unterschiedlichen Fassungen. In Linda Gordons Lange-Biografie Dorothea Lange: A Life Beyond Limits wird beispielsweise die Variante „A camera is a tool for learning how to see without a camera“ wiedergegeben.

Besonders interessant ist das Dorothea-Lange-Archiv des Oakland Museum of California. Dort findet sich ein verwandter, etwas ausführlicherer Satz Langes: Die Kamera sei eine großartige Lehrerin; je häufiger Menschen sie benutzten, desto stärker würden sie sich der Möglichkeiten der visuellen Welt bewusst.

Der genaue Wortlaut ist also offenbar in mehreren Varianten überliefert. Der zugrunde liegende Gedanke lässt sich dagegen recht gut mit Langes fotografischer Haltung verbinden.

Dorothea Lange: Fotografie als Hinsehen

Dorothea Lange wurde 1895 geboren und gehört zu den prägenden amerikanischen Dokumentarfotografinnen des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Aufnahmen während der Großen Depression in den 1930er-Jahren.

Dabei begann ihre fotografische Laufbahn ganz anders. Lange arbeitete zunächst erfolgreich als Porträtfotografin in San Francisco. Während der Wirtschaftskrise verließ sie zunehmend ihr Studio und richtete ihre Kamera auf das Leben außerhalb dieser kontrollierten Umgebung.

Sie fotografierte Arbeitslose, Wanderarbeiter und Familien, deren Lebensgrundlage zusammengebrochen war. Später dokumentierte sie unter anderem auch die Internierung japanischstämmiger Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs. Ihr umfangreicher Nachlass befindet sich heute im Oakland Museum of California.

Dorothea Lange fotografiert von ihrem Assistenten Rondal Partridge, 1936, Ausschnitt aus dem Foto, Gemeinfrei

Ihr wohl bekanntestes Bild entstand 1936: Migrant Mother. Es zeigt Florence Owens Thompson mit ihren Kindern in einem Lager für Feldarbeiter in Nipomo, Kalifornien. Lange arbeitete damals für ein staatliches Dokumentationsprogramm, das die Lebensbedingungen verarmter Landarbeiter sichtbar machen sollte.

Gerade vor diesem Hintergrund bekommt ihr Gedanke über das Sehen eine besondere Bedeutung.

Was steckt hinter den Worten?

Das Zitat lässt sich zunächst ganz einfach verstehen: Fotografieren trainiert Aufmerksamkeit.

Wenn Du regelmäßig fotografierst, beginnst Du möglicherweise anders auf Deine Umgebung zu reagieren. Licht ist nicht mehr nur hell oder dunkel. Du bemerkst seine Richtung, seine Härte, seine Farbe und die Schatten, die dadurch entstehen.

Auch Räume verändern sich. Linien führen plötzlich irgendwohin. Abstände zwischen Menschen bekommen eine Bedeutung. Eine kleine Bewegung kann interessanter werden als das vermeintlich große Motiv daneben.

Die Kamera zwingt uns dabei zu einer Entscheidung.

Sobald Du sie ans Auge nimmst, kannst Du nicht mehr alles gleichzeitig zeigen. Du musst einen Ausschnitt wählen. Du entscheidest, was innerhalb des Bildes wichtig ist – und was draußen bleibt.

Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Schule des Sehens.

Denn mit zunehmender Erfahrung beginnt diese Auswahl schon lange vor dem Druck auf den Auslöser.

Du schaust nicht erst durch die Kamera und suchst anschließend nach einem Bild. Du erkennst möglicherweise bereits vorher, dass dort eines entstehen könnte.

Das passt bemerkenswert gut zu der vom Oakland Museum überlieferten Aussage Langes, nach der Menschen durch den Gebrauch einer Kamera stärker auf die Möglichkeiten der visuellen Welt aufmerksam werden.

Die Kamera zeigt nicht automatisch das Wesentliche

Man kann den Satz allerdings auch missverstehen.

Eine Kamera macht uns nicht automatisch zu aufmerksamen Beobachtern.

Wir können problemlos hunderte Bilder aufnehmen, ohne uns besonders intensiv mit unserer Umgebung auseinanderzusetzen. Moderne Kameras und Smartphones machen das sogar einfacher denn je. Belichtung, Fokus, Motiverkennung und Serienbild funktionieren weitgehend automatisch.

Technisch gesehen war es vermutlich noch nie so leicht, ein brauchbares Foto zu bekommen.

Aber sehen und aufnehmen sind nicht dasselbe.

Die Kamera kann ein Werkzeug sein, mit dem wir unsere Wahrnehmung trainieren. Sie kann aber genauso gut dazu führen, dass wir eine Situation nur noch danach beurteilen, ob sie ein interessantes Foto ergibt.

Gerade deshalb finde ich Langes Gedanken heute interessant. Er beschreibt weniger eine Eigenschaft der Kamera als eine Möglichkeit, wie wir mit ihr umgehen können.

Was bedeutet das für die heutige Fotografie?

Heute tragen viele Menschen praktisch ständig eine Kamera bei sich.

Das Smartphone hat Fotografie zu einem alltäglichen Vorgang gemacht. Milliarden Bilder entstehen, ohne dass wir noch bewusst darüber nachdenken müssen, dass wir gerade fotografieren.

Damit bekommt Langes Gedanke eine überraschend moderne Seite.

Die entscheidende Frage lautet vielleicht nicht mehr: Hast Du eine Kamera dabei?

Sondern: Was bemerkst Du überhaupt?

Ein technisch perfektes Bild kann vollkommen uninteressant sein. Umgekehrt kann eine unscheinbare Situation fotografisch spannend werden, wenn jemand darin etwas erkennt, an dem andere vorbeigehen.

Und dieses Erkennen lässt sich trainieren.

Nicht unbedingt durch mehr Technik. Auch nicht zwangsläufig durch ein neues Objektiv.

Sondern durch Aufmerksamkeit.

Ein Spaziergang ohne Foto

Stell Dir vor, Du gehst am späten Nachmittag durch eine Straße, die Du schon hundertmal gesehen hast.

Eigentlich gibt es dort nichts Besonderes.

Doch dieses Mal steht die Sonne tief. Zwischen zwei Häusern fällt ein schmaler Lichtstreifen auf die gegenüberliegende Wand. Menschen laufen durch diesen hellen Bereich und verschwinden Sekunden später wieder im Schatten.

Wenn Du häufig fotografierst, bemerkst Du vielleicht plötzlich etwas.

Du bleibst stehen.

Nicht weil dort ein berühmtes Gebäude steht. Nicht weil eine spektakuläre Szene passiert. Sondern weil Du erkennst, wie Licht, Raum und Menschen für einen kurzen Moment zusammenspielen.

Vielleicht greifst Du zur Kamera.

Vielleicht aber auch nicht.

Und genau der zweite Fall ist interessant.

Denn wenn Du diese Situation trotzdem bewusst wahrgenommen hast, hat die Fotografie bereits etwas bewirkt – obwohl kein einziges Foto entstanden ist.

Die Kamera hat ihren Dienst in diesem Moment gewissermaßen getan, ohne überhaupt benutzt zu werden.

Mein Blick auf das Zitat

Ich mag diesen Gedanken von Dorothea Lange, weil er die Bedeutung der Kamera auf eine angenehme Weise relativiert.

Wir beschäftigen uns in der Fotografie zwangsläufig viel mit Technik. Kameras, Objektive, Sensoren, Autofokus, Auflösung und Bildbearbeitung gehören dazu und können faszinierend sein.

Aber irgendwann sollte all diese Technik idealerweise etwas in den Hintergrund treten.

Für mich liegt eine der schönsten Veränderungen durch Fotografie darin, dass man Dinge bemerkt, die vorher einfach da waren.

Wie unterschiedlich Licht im Laufe eines Tages wirkt. Wie Menschen zueinander stehen. Wie Formen sich wiederholen. Wie sich ein vertrauter Ort verändert, wenn man ihn aus einer anderen Richtung betrachtet.

Dabei würde ich Langes Satz nicht als Versprechen verstehen. Eine Kamera bringt niemandem automatisch das Sehen bei.

Sie kann aber ein ziemlich guter Lehrer sein.

Vorausgesetzt, wir beschäftigen uns nicht ausschließlich mit ihr.

Vielleicht beginnt Fotografie vor der Kamera

Am Ende führt Dorothea Langes Gedanke zu einer interessanten Umkehrung.

Wir nehmen eine Kamera zunächst in die Hand, weil wir Bilder machen möchten. Mit der Zeit kann das Fotografieren aber dazu führen, dass wir unsere Umgebung auch dann bewusster wahrnehmen, wenn wir gerade gar kein Bild machen.

Vielleicht ist das eine der Fähigkeiten, die sich nicht in Megapixeln, Schärfe oder Dynamikumfang messen lässt.

Die Kamera bleibt zu Hause.

Der fotografische Blick kommt trotzdem mit.


Quellen und weiterführende Informationen

Oakland Museum of California – Dorothea Lange Digital Archive
Das Museum verwahrt Langes umfangreichen Nachlass mit mehr als 40.000 Originalnegativen, Tausenden Vintage-Abzügen sowie Notizen, Korrespondenz und weiterem Archivmaterial. Dort findet sich auch die verwandte Aussage Langes über die Kamera als „great teacher“.

PBS – American Masters: Dorothea Lange
PBS führt den bekannten Wortlaut „The camera is an instrument that teaches people how to see without a camera“ als Lange-Zitat.

Museum of Modern Art – Dorothea Lange
Informationen zu Langes dokumentarischer Arbeit, ihrer fotografischen Haltung und zu Migrant Mother.

Linda Gordon: Dorothea Lange: A Life Beyond Limits
Die Biografie gibt eine Variante des Zitats als „A camera is a tool for learning how to see without a camera“ wieder.

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