Fotografie-Merksätze auf dem Prüfstand

Unterm Knie, schneide nie – warum Füße über den Bildausschnitt entscheiden

„Unterm Knie, schneide nie.“

Manche fotografischen Merksätze beschäftigen sich mit Belichtungszeit, Blende oder Licht. Dieser hier kümmert sich um etwas viel Bodenständigeres: Beine.

Genauer gesagt um die Frage, wo eine Person im Bild enden darf. Denn während Du Dich beim Fotografieren auf Gesicht, Haltung und Licht konzentrierst, kann ein unglücklich gewählter Bildausschnitt die Wirkung eines Porträts erstaunlich stark verändern.

„Unterm Knie, schneide nie“ klingt dabei herrlich eindeutig. Ganz so einfach ist es natürlich nicht.

Woher kommt der Gedanke?

Der Merksatz gehört zu den traditionellen Gestaltungsregeln der Personenfotografie; ein eindeutiger Urheber oder Ursprung lässt sich allerdings nicht belastbar feststellen.

Was ist daran richtig?

Ein Bildrand ist keine neutrale Grenze. Sobald er durch eine Person verläuft, entscheidet seine Position mit darüber, ob der Ausschnitt bewusst gewählt oder eher zufällig wirkt.

Stell Dir eine stehende Person vor. Kopf, Oberkörper, Hände, Knie und der größte Teil der Beine befinden sich im Bild. Kurz oberhalb der Knöchel ist plötzlich Schluss.

Uns fehlt dadurch keine wichtige Information. Wir wissen schließlich, dass die Person vermutlich noch zwei Füße besitzt. Trotzdem kann der Ausschnitt merkwürdig wirken.

Ein Schnitt knapp vor dem natürlichen Ende der Figur kann aussehen, als hätte der Fotograf eigentlich eine Ganzkörperaufnahme machen wollen und schlicht nicht genügend Platz gelassen. Ein deutlicher Schnitt weiter oben wirkt dagegen häufig bewusster.

Darin steckt der nützliche Kern des Merksatzes:

Achte bei Personen bewusst darauf, wo der Bildrand durch den Körper läuft.

Wo wird es zu einfach?

Spätestens beim Wort „nie“.

Es gibt keine fotografische Regel, nach der ein Bild automatisch misslingt, sobald der Rahmen einen Unterschenkel trifft. Die Wirkung hängt vom gesamten Bild ab: von Körperhaltung und Bewegung, vom Format, von der Umgebung und vor allem davon, ob der Ausschnitt bewusst gestaltet erscheint.

Auch die oft gehörte Empfehlung, möglichst nicht durch Gelenke zu schneiden, ist deshalb eher eine Orientierung als ein Verbot.

Ein enger Ausschnitt kann ausgesprochen kraftvoll sein. Köpfe dürfen angeschnitten werden, Arme müssen nicht vollständig zu sehen sein und auch eine Person muss keineswegs immer komplett ins Bild passen.

Entscheidend ist, ob der Ausschnitt zur Bildidee gehört oder aussieht, als sei er versehentlich entstanden.

Was bedeutet das heute?

Digitalkameras haben an diesem gestalterischen Grundproblem wenig verändert.

Natürlich kannst Du heute mit hoher Auflösung fotografieren und den endgültigen Ausschnitt später in der Bildbearbeitung bestimmen. Das gibt Dir mehr Spielraum. Was bei der Aufnahme bereits außerhalb des Bildes liegt, bekommst Du dadurch allerdings nicht zurück.

Hinzu kommen unterschiedliche Ausgabeformate. Ein Foto für eine Website soll später vielleicht hochkant in sozialen Medien erscheinen. Etwas zusätzlicher Raum um die Person kann deshalb durchaus sinnvoll sein.

Die zeitgemäße Übersetzung des alten Merksatzes könnte daher lauten:

Beobachte den Bildrand genauso aufmerksam wie Dein Motiv.

In der Praxis

Du fotografierst eine Person draußen. Das Licht stimmt, der Hintergrund ist ruhig und die Haltung wirkt natürlich. Du gehst etwas näher heran, weil Dir noch zu viel Umgebung im Bild ist.

Im Sucher konzentrierst Du Dich auf das Gesicht. Noch einen kleinen Schritt vor – jetzt passt es.

Zu Hause bemerkst Du, dass der untere Bildrand mitten durch die Unterschenkel läuft.

Vielleicht funktioniert das Bild trotzdem. Vielleicht wirkt ein engerer Beschnitt oberhalb der Knie besser. Oder Du stellst fest, dass ein halber Schritt zurück bei der Aufnahme die bessere Lösung gewesen wäre.

Genau hier ist der alte Merksatz nützlich. Nicht als Vorschrift, sondern als kleine Warnlampe im Kopf.

Bevor Du auslöst, wandert Dein Blick noch einmal an den Bildrändern entlang:

Was wird angeschnitten – und sieht dieser Schnitt beabsichtigt aus?

Urteil: Nur teilweise richtig

„Unterm Knie, schneide nie“ erinnert an einen wichtigen Punkt der Bildgestaltung: Bei Personen sollte der Ausschnitt bewusst gewählt werden. Ein Schnitt irgendwo zwischen Knie und Fuß kann tatsächlich unbeholfen wirken – insbesondere dann, wenn das Bild eigentlich nach einer Ganzkörperaufnahme aussieht.

Aber daraus folgt kein Schnittverbot.

Nicht das Knie entscheidet über einen guten Bildausschnitt, sondern die Bildwirkung.

Frage Dich deshalb weniger:

„Darf ich hier schneiden?“

Sondern:

„Sieht es so aus, als wollte ich genau hier schneiden?“

Der Merksatz hat seinen Nutzen behalten, weil er Deine Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, das beim Fotografieren leicht übersehen wird: den Rand des Suchers.

Deshalb würde ich aus „Unterm Knie, schneide nie“ kein Verbot machen. Als Erinnerung daran, vor dem Auslösen noch einmal den gesamten Bildausschnitt zu kontrollieren, funktioniert der alte Reim aber ziemlich gut.

Und falls Du trotzdem unterhalb des Knies schneidest?

Dann sollte wenigstens niemand behaupten können, Du hättest die Füße nur vergessen.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Let us know you are human: