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Nachschärfen

Ein Foto kann technisch korrekt fokussiert sein und trotzdem etwas weicher wirken, als Du es Dir wünschst. Das ist zunächst kein Widerspruch. Bei der Aufnahme und der anschließenden digitalen Verarbeitung können feine Kontraste abgeschwächt werden. Auch eine Größenänderung für eine Website oder einen Druck verändert die Wirkung kleiner Details.

Hier kommt das Nachschärfen ins Spiel. Dabei wird ein Bild nicht noch einmal fokussiert. Stattdessen versucht die Bildbearbeitung, vorhandene Strukturen deutlicher sichtbar zu machen.

Das klingt nach einem kleinen Unterschied – ist für das Verständnis aber entscheidend.

Definition: Was bedeutet Nachschärfen?

Nachschärfen bezeichnet die digitale Bearbeitung eines Bildes mit dem Ziel, vorhandene Kanten und feine Strukturen deutlicher erscheinen zu lassen.

Dabei entsteht normalerweise keine zusätzliche echte Bildinformation. Die Software verändert vielmehr lokale Kontraste so, dass unser Auge Übergänge zwischen hellen und dunklen Bereichen klarer wahrnimmt. Das Bild wirkt dadurch schärfer. Adobe beschreibt das Grundprinzip entsprechend als Verstärkung der Kantendefinition beziehungsweise des Kontrasts an Tonwertübergängen.

Das Nachschärfen gehört deshalb zur digitalen Bildbearbeitung und nicht zur eigentlichen Fokussierung bei der Aufnahme.

Wie funktioniert Nachschärfen?

Um zu verstehen, warum Nachschärfen funktioniert, lohnt sich ein Blick darauf, wie wir Schärfe wahrnehmen.

Stell Dir eine dunkle Gebäudekante vor einem hellen Himmel vor. Ist der Übergang zwischen beiden Bereichen klar ausgeprägt, erscheint uns die Kante scharf. Wird dieser Übergang weicher, wirkt auch das Bild weniger scharf.

Eine klassische Schärfung sucht solche Helligkeits- oder Farbunterschiede und verstärkt den lokalen Kontrast entlang der Kante. Auf der hellen Seite kann der Bereich etwas heller, auf der dunklen Seite etwas dunkler werden. Die Kante hebt sich dadurch stärker ab.

Ein bekanntes Verfahren dafür ist die Unscharfmaskierung, häufig mit USM für „Unsharp Mask“ abgekürzt. Trotz ihres etwas widersprüchlich klingenden Namens handelt es sich um ein Schärfungsverfahren. Typische Einstellungen sind Betrag, Radius und Schwellenwert. Der Radius bestimmt dabei vereinfacht gesagt, wie weit sich die Kontrastverstärkung um eine Kante herum ausdehnt, der Betrag die Stärke des Effekts und der Schwellenwert, welche Kontrastunterschiede überhaupt berücksichtigt werden.

Moderne Bildbearbeitungsprogramme sind allerdings nicht auf diese klassische Methode beschränkt. Es gibt beispielsweise Verfahren, die unterschiedliche Detailgrößen getrennt behandeln, gezielt Kanten berücksichtigen oder versuchen, bestimmte Unschärfen mathematisch zurückzurechnen. Ein Beispiel dafür sind Deconvolution- beziehungsweise Diffusionsverfahren.

Das Ziel bleibt ähnlich: vorhandene Details sollen deutlicher wahrnehmbar werden.

Warum ist Nachschärfen überhaupt notwendig?

Bei einem digitalen Foto liegen zwischen dem Licht, das durch das Objektiv fällt, und dem fertigen Bild mehrere Verarbeitungsschritte. Objektiv, Sensor, gegebenenfalls ein optischer Tiefpassfilter, die Umwandlung der Sensordaten in ein Farbbild und weitere Verarbeitungsschritte können die Wiedergabe feinster Strukturen beeinflussen.

Hinzu kommt die spätere Ausgabe. Wird beispielsweise ein großes Foto für eine Website deutlich verkleinert, werden viele ursprüngliche Pixel zu einem neuen Bild zusammengefasst. Feine Strukturen können dadurch wieder etwas an Klarheit verlieren.

Deshalb lässt sich Schärfung sinnvoll als Teil eines Workflows betrachten. Manche Programme unterscheiden beispielsweise zwischen einer eher technischen Schärfung zu Beginn der Entwicklung, einer gestalterischen Schärfung während der Bearbeitung und einer abschließenden Schärfung für das jeweilige Ausgabemedium.

Gerade der letzte Punkt ist wichtig: Ein Bild für einen kleinen Webexport kann eine andere Schärfung benötigen als dasselbe Foto für einen großen Druck.

Nachschärfen ist damit weniger eine Reparaturmaßnahme als vielmehr ein möglicher Bestandteil der Bildentwicklung.

Was bedeutet das in der fotografischen Praxis?

Angenommen, Du fotografierst eine Landschaft mit vielen feinen Strukturen: Gräser im Vordergrund, Felsen, Baumrinde und kleine Äste.

Die Aufnahme ist korrekt fokussiert. In der RAW-Entwicklung wirkt sie bei genauer Betrachtung trotzdem etwas zurückhaltend. Eine vorsichtige Schärfung kann die feinen Übergänge stärker hervorheben. Baumrinde bekommt mehr Struktur, Felskanten wirken definierter und kleine Äste lassen sich besser voneinander unterscheiden.

Das Entscheidende ist dabei das Wort vorsichtig.

Zu starke Schärfung erzeugt schnell sichtbare Nebenwirkungen. An kontrastreichen Kanten können helle oder dunkle Säume entstehen. Bildrauschen wird deutlicher und feine Strukturen können unnatürlich hart wirken. Adobe weist deshalb ebenfalls darauf hin, Schärfung zurückhaltend einzusetzen, um unter anderem Halos und verstärktes Rauschen zu vermeiden.

Eine gute Schärfung fällt deshalb im fertigen Bild häufig gar nicht als Effekt auf. Du bemerkst eher, dass das Foto klar und detailreich wirkt.

Nicht jedes Bild muss überall gleich stark geschärft werden

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die selektive Schärfung.

Bei einem Porträt möchtest Du vielleicht Augen, Wimpern und Haare etwas stärker betonen. Eine gleich starke Schärfung der Haut kann dagegen kleine Poren und Unebenheiten unnötig hervorheben.

Ähnliches gilt für eine Landschaft. Felsen und Pflanzen profitieren möglicherweise von einer stärkeren Detailzeichnung, während ein gleichmäßiger Himmel kaum geschärft werden muss. Eine Kantenmaske kann beispielsweise dafür sorgen, dass vor allem Konturen bearbeitet werden und gleichmäßige Flächen weitgehend unbeeinflusst bleiben.

Damit wird Schärfung auch zu einem gestalterischen Werkzeug: Nicht alles, was sich schärfen lässt, muss geschärft werden.

Nachschärfen ist nicht dasselbe wie Fokus korrigieren

Hier liegt eine der wichtigsten Abgrenzungen.

Ist ein Foto korrekt fokussiert und lediglich etwas weich, kann Nachschärfen den Schärfeeindruck deutlich verbessern.

Liegt der Fokus dagegen auf der falschen Stelle, fehlt dort möglicherweise die notwendige Detailinformation. Klassische Schärfungsverfahren können diese Information nicht einfach zurückholen. Auch Adobe weist darauf hin, dass Schärfung fehlende Details oder tatsächlich unscharf fokussierte Bereiche nicht wiederherstellen kann.

Fortgeschrittene Deconvolution-Verfahren können bestimmte Formen leichter Unschärfe teilweise reduzieren. Auch hier gibt es jedoch Grenzen. Bewegungsunschärfe lässt sich beispielsweise nicht einfach wie eine gewöhnliche optische Diffusion zurückrechnen.

Der Unterschied lässt sich deshalb einfach zusammenfassen:

Nachschärfen verbessert die Darstellung vorhandener Details. Es ersetzt keine korrekt fokussierte Aufnahme.

Schärfen und Entrauschen – zwei Gegenspieler?

Teilweise.

Schärfung hebt kleine lokale Unterschiede hervor. Bildrauschen besteht ebenfalls aus kleinen Helligkeits- und Farbunterschieden. Wird ein verrauschtes Bild kräftig geschärft, kann deshalb auch das Rauschen deutlicher sichtbar werden.

Viele moderne Verfahren versuchen, Kanten und tatsächliche Bilddetails von Rauschen zu unterscheiden. Trotzdem ist die Reihenfolge der Bearbeitung relevant. Bei einer Rekonstruktion feiner Details empfiehlt beispielsweise die darktable-Dokumentation, eine Rauschreduzierung vor der Schärfung beziehungsweise einer Erhöhung der Mikrokontraste durchzuführen.

Auch deshalb lohnt es sich, Schärfung nicht isoliert zu betrachten. Sie ist Teil der gesamten Bildentwicklung.

Wann ist ein Bild überschärft?

Überschärfung erkennst Du häufig an einigen typischen Erscheinungen: auffälligen hellen oder dunklen Säumen entlang kontrastreicher Kanten, unnatürlich harten feinen Strukturen oder deutlich verstärktem Bildrauschen.

Besonders tückisch ist dabei die Ansicht am Monitor. Je nach Zoomstufe kann die Wirkung anders aussehen. Bei Verfahren, deren Parameter sich auf Pixel und Detailgrößen beziehen, ist deshalb eine Beurteilung bei 100 Prozent beziehungsweise in der tatsächlichen Ausgabegröße sinnvoll. darktable weist beispielsweise darauf hin, dass die genaue Vorschau bestimmter Schärfungsverfahren erst bei 1:1 zuverlässig beurteilt werden kann.

Entscheidend ist am Ende jedoch nicht, wie beeindruckend ein Ausschnitt bei 400 Prozent Vergrößerung aussieht. Entscheidend ist das fertige Bild in seiner vorgesehenen Größe.

Nachschärfen macht aus einer unscharfen Aufnahme kein scharfes Foto. Seine eigentliche Stärke liegt woanders: Es kann vorhandene Details und Kanten so herausarbeiten, dass sie für unser Auge klarer erscheinen.

Damit gehört Schärfung zu den grundlegenden Werkzeugen der digitalen Bildbearbeitung. Wie stark sie ausfallen sollte, hängt vom Motiv, vom Ausgangsmaterial und nicht zuletzt davon ab, ob das Foto auf einem Bildschirm betrachtet oder gedruckt werden soll.

Die beste Schärfung ist dabei oft diejenige, über die der Betrachter überhaupt nicht nachdenkt. Das Bild wirkt einfach klar.

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