Bildwinkel

Wie viel von der Welt auf deinem Foto landet

Warum zeigt ein Weitwinkelobjektiv so viel von seiner Umgebung, während ein Teleobjektiv scheinbar nur einen kleinen Ausschnitt herausgreift? Eine wichtige Antwort darauf liefert der Bildwinkel.

Er gehört zu den grundlegenden Begriffen der Fotografie, denn er beschreibt letztlich, wie groß der Ausschnitt der Welt ist, den Kamera und Objektiv erfassen. Dabei spielt nicht nur die Brennweite eine Rolle. Auch die Größe des Sensors beziehungsweise des verwendeten Aufnahmeformats entscheidet darüber, wie groß der Bildwinkel tatsächlich ausfällt.

Was ist der Bildwinkel?

Der Bildwinkel beschreibt den Winkel des Motivraums, der von der Kamera erfasst und auf dem Sensor beziehungsweise Film abgebildet wird.

Ein großer Bildwinkel bedeutet: Du bekommst viel von der Umgebung aufs Bild.

Ein kleiner Bildwinkel bedeutet: Der sichtbare Ausschnitt wird enger.

Deshalb besitzen Weitwinkelobjektive einen großen und Teleobjektive einen kleinen Bildwinkel. Nikon beschreibt den „Picture Angle“ entsprechend als den Anteil einer Szene, der auf dem Foto erscheint, und nennt Brennweite und Aufnahmeformat als bestimmende Größen.

Wovon hängt der Bildwinkel ab?

Für die fotografische Praxis sind vor allem zwei Faktoren entscheidend: Brennweite und Aufnahmeformat.

Je kürzer die Brennweite ist, desto größer wird bei gleichem Sensorformat der Bildwinkel. Mit zunehmender Brennweite wird er dagegen kleiner. Ein 24-mm-Objektiv zeigt auf derselben Kamera deshalb wesentlich mehr von einer Szene als ein 200-mm-Objektiv.

Allerdings gehört zur Brennweite immer das verwendete Aufnahmeformat.

Ein 50-mm-Objektiv bleibt zwar ein 50-mm-Objektiv, unabhängig davon, an welcher Kamera es verwendet wird. Sein Bildwinkel kann sich jedoch ändern, weil ein kleinerer Sensor nur einen kleineren Teil des vom Objektiv erzeugten Bildes aufzeichnet. Auch ZEISS weist darauf hin, dass sich der Bildwinkel eines Objektivs mit der Sensorgröße verändert.

Genau hier kommt der häufig verwendete Crop-Faktor ins Spiel.

Bei einer APS-C-Kamera mit einem Crop-Faktor von ungefähr 1,5 liefert ein 50-mm-Objektiv beispielsweise einen Bildwinkel, der ungefähr dem eines 75-mm-Objektivs an einer Kleinbild- beziehungsweise Vollformatkamera entspricht. Die physikalische Brennweite wird dadurch allerdings nicht zu 75 mm. Verglichen wird lediglich der resultierende Bildausschnitt beziehungsweise Bildwinkel. Nikon gibt für sein DX-Format beispielsweise einen Faktor von etwa 1,5 gegenüber FX beziehungsweise Kleinbild an.

Horizontal, vertikal oder diagonal?

Wenn vom Bildwinkel gesprochen wird, lohnt sich ein genauerer Blick. Ein rechteckiger Sensor besitzt nämlich nicht nur einen Bildwinkel.

Man kann unterscheiden zwischen:

  • horizontalem Bildwinkel,
  • vertikalem Bildwinkel,
  • diagonalem Bildwinkel.

Der horizontale Winkel beschreibt, wie viel die Kamera von links nach rechts erfasst. Der vertikale Winkel gilt entsprechend für die Höhe. Der diagonale Bildwinkel wird von einer Ecke des Aufnahmeformats zur gegenüberliegenden Ecke gemessen.

Deshalb solltest Du bei konkreten Gradangaben darauf achten, auf welche Richtung sich der angegebene Bildwinkel bezieht. Objektivdaten können diese Werte getrennt aufführen.

Warum ist der Bildwinkel fotografisch wichtig?

Technisch lässt sich der Bildwinkel in Grad ausdrücken. Beim Fotografieren ist aber etwas anderes interessanter: Er bestimmt wesentlich mit, welchen Ausschnitt Du von Deinem Standort aus aufnehmen kannst.

Stehst Du beispielsweise in einem kleinen Raum, kann ein großer Bildwinkel notwendig sein, damit genügend von der Umgebung auf das Foto passt. Bei einer weit entfernten Bergspitze möchtest Du vielleicht gerade das Gegenteil: Ein kleinerer Bildwinkel grenzt den sichtbaren Ausschnitt stärker ein.

Damit wird der Bildwinkel zu einem gestalterischen Werkzeug.

Ein großer Bildwinkel kann viel Umgebung zeigen und dadurch Beziehungen zwischen Vordergrund, Hauptmotiv und Hintergrund sichtbar machen. Ein kleiner Bildwinkel hilft dagegen dabei, einen engeren Ausschnitt zu wählen und störende Bereiche außerhalb des Bildes zu lassen.

Die Brennweite ist also nicht nur eine Zahl auf dem Objektiv. Über den damit verbundenen Bildwinkel entscheidet sie mit darüber, wie viel Umgebung Bestandteil Deiner Bildgestaltung wird.

Ein Beispiel aus der Praxis

Stell Dir vor, Du stehst an einem Aussichtspunkt vor einer Berglandschaft.

Mit einem starken Weitwinkel kannst Du vielleicht den Weg unmittelbar vor Deinen Füßen, Bäume an den Seiten, das Tal und die Bergkette am Horizont gemeinsam ins Bild aufnehmen. Der große Bildwinkel erfasst einen weiten Ausschnitt der Szene.

Nun wechselst Du auf ein Teleobjektiv, ohne Deinen Standort zu verändern.

Plötzlich besteht Dein Foto vielleicht nur noch aus einem einzelnen Berggipfel und einigen Wolken. Nicht die Landschaft hat sich verändert, sondern der von der Kamera erfasste Winkel ist deutlich kleiner geworden.

Gerade dieser Vergleich zeigt, warum der Bildwinkel für die Bildgestaltung interessanter sein kann als die reine Brennweitenzahl: Er beschreibt unmittelbar, wie viel Du von Deinem Standort aus tatsächlich ins Bild bekommst.

Bildwinkel und Perspektive sind nicht dasselbe

Hier liegt eine wichtige Abgrenzung.

Der Bildwinkel bestimmt den erfassten Ausschnitt. Die Perspektive wird dagegen durch den Aufnahmestandpunkt bestimmt.

Wenn Du vom gleichen Standort aus lediglich die Brennweite wechselst, ändert sich der Bildausschnitt, aber nicht die geometrische Perspektive zwischen den Objekten der Szene.

Anders wird es, wenn Du beispielsweise mit einem Weitwinkel näher an Dein Motiv herangehst, um es genauso groß abzubilden wie zuvor mit einem Teleobjektiv. Jetzt hast Du Deinen Standort verändert – und damit verändert sich auch die Perspektive. Abstände und Größenverhältnisse zwischen Vorder- und Hintergrund erscheinen anders.

Dass Weitwinkel- und Teleaufnahmen häufig eine charakteristische „Perspektive“ zugeschrieben wird, liegt daher in der Praxis oft daran, dass unterschiedliche Brennweiten zu unterschiedlichen Aufnahmeabständen führen.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie erklärt, warum ein Objektiv nicht von sich aus eine bestimmte Perspektive erzeugt.

Bildwinkel und Bildfeld

Auch Bildwinkel und Bildfeld werden leicht miteinander verwechselt.

Der Bildwinkel wird als Winkel angegeben und beschreibt den von Kamera und Objektiv erfassten Bereich unabhängig von einer bestimmten Motiventfernung.

Das Bildfeld beschreibt dagegen die tatsächliche Breite und Höhe des erfassten Motivbereichs in einer bestimmten Entfernung.

Ein bestimmter Bildwinkel kann beispielsweise in einem Meter Entfernung nur einen relativ kleinen Bereich erfassen. Bei einer weit entfernten Landschaft umfasst derselbe Winkel dagegen einen entsprechend großen Ausschnitt der realen Welt.

Der Bildwinkel beschreibt, wie groß der von Deiner Kamera erfasste Ausschnitt der Szene ist. Bestimmt wird er vor allem durch das Zusammenspiel von Brennweite und Aufnahmeformat.

Kurze Brennweite bedeutet bei gleichem Format einen größeren Bildwinkel, lange Brennweite einen kleineren. Ein kleinerer Sensor wiederum erfasst bei gleicher Brennweite einen engeren Bildwinkel als ein größerer Sensor.

Für die Praxis ist aber vor allem ein Gedanke wichtig: Der Bildwinkel hilft Dir zu verstehen, wie viel von einer Szene Du von Deinem gewählten Standort aus ins Foto einbeziehst.

Damit ist er weit mehr als eine technische Gradangabe. Er ist ein grundlegender Bestandteil Deiner Bildgestaltung.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert. Mit dem Absenden deines Kommentars werden die von dir angegebenen Daten zur Bearbeitung und Veröffentlichung des Kommentars verarbeitet. Weitere Informationen findest du in meiner Datenschutzinformation.

Zeige mir, dass du ein Mensch bist: