Die beste Kamera? Hauptsache, sie ist nicht zu Hause
„Die beste Kamera ist die, die man dabei hat.“
Es gibt Kameras mit beeindruckendem Autofokus, großem Dynamikumfang und Objektiven, deren Preisschild einen kurz darüber nachdenken lässt, ob Fotografie wirklich das richtige Hobby ist.
Und dann gibt es diese eine Kamera, die im entscheidenden Moment zu Hause im Schrank liegt.
Genau hier setzt einer der bekanntesten Merksätze der modernen Fotografie an. Denn eine technisch hervorragende Kamera hat eine überraschend grundlegende Schwäche: Sie kann nur Bilder machen, wenn sie tatsächlich in Reichweite ist.
Das klingt zunächst so selbstverständlich, dass man kaum darüber diskutieren müsste. Trotzdem steckt hinter dem Satz mehr als die Aufforderung, möglichst immer irgendeine Kamera einzustecken.
Woher kommt der Gedanke?
Der Satz wird heute sehr häufig dem amerikanischen Fotografen Chase Jarvis zugeschrieben. Ganz so eindeutig ist die Sache allerdings nicht.
Jarvis hat den Gedanken zweifellos stark popularisiert. 2009 veröffentlichte er das Buch The Best Camera Is The One That’s With You: iPhone Photography. Darin zeigte er Fotografien, die er mit seinem damaligen iPhone aufgenommen hatte. Das Smartphone diente ihm gewissermaßen als fotografisches Notizbuch für Situationen, die ihm im Alltag begegneten.
Dass Jarvis den Satz selbst erfunden hat, lässt sich daraus jedoch nicht ableiten. Schon zur Veröffentlichung seines Buches wurde darauf hingewiesen, dass die Redewendung bereits bekannt war und lediglich durch Jarvis neu popularisiert wurde. Die ursprüngliche Herkunft lässt sich deshalb nicht zuverlässig einer einzelnen Person zuschreiben.
Interessant ist vielmehr der Zeitpunkt.
2009 war Smartphone-Fotografie noch etwas völlig anderes als heute. Die Bilder in Jarvis’ Projekt entstanden mit einer iPhone-Kamera mit gerade einmal zwei Megapixeln. Technisch konnte sie mit einer guten Kompaktkamera oder DSLR kaum konkurrieren. Trotzdem entstand daraus ein ganzes Fotoprojekt.
Und genau darin steckt der Kern des Merksatzes.
Was ist daran richtig?
Fotografische Situationen warten nicht darauf, dass wir unsere Ausrüstung vorbereitet haben.
Ein ungewöhnlicher Lichtstrahl zwischen zwei Häusern, eine interessante Begegnung auf der Straße oder eine plötzlich entstehende Spiegelung kann nach wenigen Sekunden verschwunden sein. In solchen Situationen entscheidet nicht zuerst die theoretisch mögliche Bildqualität einer Kamera.
Entscheidend ist, ob Du überhaupt fotografieren kannst.
Das macht eine kleinere oder technisch einfachere Kamera nicht automatisch zur besseren Kamera. Aber in diesem konkreten Moment kann sie das bessere Werkzeug sein.
Noch wichtiger ist ein zweiter Gedanke: Eine Kamera, die häufig dabei ist, verändert möglicherweise auch Deine Art zu fotografieren.
Du beobachtest mehr. Du reagierst schneller. Du fotografierst Situationen, für die Du wahrscheinlich niemals bewusst eine Fototour geplant hättest. Gerade dadurch können Bilder entstehen, die weniger geplant und dafür unmittelbarer sind.
Der eigentliche Wert des Merksatzes liegt deshalb nicht in der Kamera. Er liegt in der Bereitschaft zu fotografieren.
Wo wird es zu einfach?
Problematisch wird der Satz, wenn man ihn wörtlich nimmt.
Denn natürlich ist nicht jede Kamera für jede fotografische Aufgabe gleich gut geeignet.
Wenn Du Vögel aus größerer Entfernung fotografieren möchtest, hilft Dir das Smartphone in der Tasche nur begrenzt. Für Sport können ein schneller Autofokus und ein geeignetes Teleobjektiv entscheidend sein. Bei Makrofotografie, Studioaufnahmen oder bestimmten Landschaftsaufnahmen spielen ebenfalls Eigenschaften der Ausrüstung eine Rolle, die sich nicht einfach durch „Hauptsache Kamera“ ersetzen lassen.
Die beste Kamera für eine geplante Aufgabe ist deshalb durchaus diejenige, die diese Aufgabe möglichst gut bewältigen kann.
Auch Bildqualität lässt sich nicht vollständig wegdiskutieren. Sensorgröße, Objektiv, Auflösung, Dynamikumfang oder Rauschverhalten können für ein Bild relevant sein. Besonders dann, wenn Du große Ausdrucke erstellen, stark beschneiden oder unter schwierigen Lichtbedingungen fotografieren möchtest.
Der Merksatz sagt also weniger über die Qualität einer Kamera aus, als sein Wortlaut vermuten lässt.
Was bedeutet das heute?
Heute hat dieser Gedanke eine völlig andere Dimension als 2009.
Fast jeder trägt inzwischen eine erstaunlich leistungsfähige Kamera in Form eines Smartphones mit sich herum. Mehrere Brennweiten, Bildstabilisierung, automatische HDR-Verarbeitung und computergestützte Bildoptimierung haben die technischen Möglichkeiten mobiler Fotografie enorm erweitert.
Dadurch ist die Kamera tatsächlich so verfügbar geworden wie vermutlich nie zuvor.
Trotzdem würde ich den Merksatz nicht auf Smartphones reduzieren.
Eine kleine Systemkamera mit einem kompakten Objektiv kann genauso die Kamera sein, die Du häufiger mitnimmst. Für jemand anderen ist es eine hochwertige Kompaktkamera. Und vielleicht stellst Du fest, dass Dir eine etwas größere Kamera so viel Freude macht, dass Du sie trotzdem fast überall dabeihast.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:
Welche Kamera ist technisch die beste?
Sondern eher:
Welche Kamera nehme ich tatsächlich mit, wenn ich das Haus verlasse?
Das kann beim Kauf einer Kamera sogar wichtiger sein als manche Zahl im Datenblatt.
In der Praxis
Stell Dir vor, Du gehst an einem frühen Herbstabend durch die Stadt. Eigentlich bist Du nur unterwegs, um noch etwas einzukaufen.
Zwischen zwei Häusern fällt für wenige Minuten tief stehendes Sonnenlicht auf eine Hauswand. Eine Person läuft durch den hellen Bereich, während der Rest der Straße bereits im Schatten liegt.
Du siehst das Bild.
Deine große Kamera liegt allerdings zu Hause.
Also holst Du das Smartphone aus der Tasche, veränderst Deinen Standort ein wenig, wartest auf eine weitere Person und fotografierst.
Vielleicht besitzt das Bild nicht die technische Qualität, die Deine Systemkamera geliefert hätte. Vielleicht rauscht es etwas stärker oder bietet weniger Reserven bei der Bearbeitung.
Aber Du hast ein Foto.
Die technisch bessere Alternative wäre in diesem Moment kein perfekteres Bild gewesen.
Sie wäre gar kein Bild gewesen.
Bei einer geplanten Fototour sieht die Situation dagegen anders aus. Wenn Du weißt, dass Du am Wochenende Vögel fotografieren möchtest, wäre es ziemlich merkwürdig, das Teleobjektiv zu Hause zu lassen und anschließend stolz festzustellen, dass immerhin das Smartphone dabei war.
Der Merksatz hilft also vor allem bei ungeplanten fotografischen Gelegenheiten. Eine sorgfältige Auswahl der Ausrüstung für eine bekannte Aufgabe ersetzt er nicht.
Urteil
Meist richtig – wenn man „beste“ nicht mit „technisch beste“ verwechselt
Der Merksatz besitzt einen sehr starken Kern: Eine Kamera kann nur dann fotografisch nützlich werden, wenn sie verfügbar ist.
Gerade für Alltags-, Reise- und Streetfotografie kann eine kleine, unkomplizierte Kamera deshalb wertvoller sein als eine technisch überlegene Ausrüstung, die man wegen Größe oder Gewicht häufig zu Hause lässt.
Als allgemeine Aussage darüber, welche Kamera die „beste“ ist, greift der Satz allerdings zu kurz. Unterschiedliche fotografische Aufgaben stellen unterschiedliche Anforderungen an die Ausrüstung.
Die beste Kamera ist nicht automatisch die kleinste oder technisch stärkste. Entscheidend ist, ob sie zu Deiner fotografischen Situation passt – und ob Du sie tatsächlich benutzt.
Vielleicht sollten wir den bekannten Satz deshalb ein wenig anders lesen.
Nicht: Die Kamera, die ich dabeihabe, ist allen anderen überlegen.
Sondern: Ein vorhandenes Werkzeug eröffnet fotografische Möglichkeiten, ein abwesendes nicht.
Und darin steckt eine durchaus hilfreiche Erinnerung. Fotografie beginnt schließlich nicht mit Sensorgröße, Megapixeln oder Objektivtests.
Sie beginnt damit, dass Du etwas siehst – und eine Kamera zur Hand hast.
Falls Du jetzt allerdings Deine Kameraausrüstung komplett in einen Rollkoffer packst, um wirklich für jede Situation vorbereitet zu sein, haben wir den Merksatz möglicherweise etwas zu ernst genommen.


