Vinyl-Lexikon

Quadrophonie

Wer heute eine Schallplatte auflegt, hört in aller Regel Stereo: linker Kanal, rechter Kanal – fertig. In den 1970er-Jahren wollte die HiFi-Industrie allerdings einen Schritt weitergehen. Statt zwei Lautsprechern sollten vier Lautsprecher den Hörer regelrecht mit Musik umgeben.

Das Zauberwort dafür lautete Quadrophonie.

Die Idee war faszinierend und ihrer Zeit in mancher Hinsicht voraus. Technisch wurde die Sache allerdings kompliziert. Denn irgendwie mussten vier Audiokanäle in den beiden Rillenflanken einer gewöhnlichen Schallplatte untergebracht werden.

Definition: Was ist Quadrophonie?

Quadrophonie ist ein Mehrkanal-Tonverfahren mit vier getrennten Audiokanälen.

Typischerweise werden die vier Kanäle so angeordnet:

  • vorne links
  • vorne rechts
  • hinten links
  • hinten rechts

Während Stereo eine Klangbühne vor dem Hörer erzeugt, sollte Quadrophonie zusätzlich Informationen von hinten liefern. Instrumente, Stimmen, Raumklang oder Effekte konnten dadurch rund um den Hörplatz verteilt werden.

Das Grundprinzip erinnert damit durchaus an spätere Surround-Systeme. Quadrophonie war jedoch noch kein Surround-Sound im heutigen Sinne, sondern eine frühe Form der Mehrkanalwiedergabe.

Wie funktioniert Quadrophonie auf einer Schallplatte?

Hier beginnt der technisch interessante Teil.

Eine normale Stereo-Schallplatte besitzt eine einzige Rille, in der zwei Kanäle gespeichert werden. Vereinfacht gesagt werden die Bewegungen der Rillenflanken so genutzt, dass der Tonabnehmer daraus den linken und rechten Kanal rekonstruieren kann.

Für Quadrophonie mussten nun vier statt zwei Kanäle auf dieser Schallplatte untergebracht werden.

Dafür entstanden unterschiedliche technische Verfahren. Und genau das wurde später zu einem der größten Probleme der Quadrophonie.

Grundsätzlich lassen sich zwei Ansätze unterscheiden: Matrixverfahren und diskrete Verfahren.

Matrix-Quadrophonie

Bei Matrixsystemen wurden vier ursprüngliche Kanäle so miteinander kombiniert, dass sie in den zwei Kanälen einer normalen Stereo-Schallplatte gespeichert werden konnten.

Beim Abspielen übernahm ein spezieller Decoder die umgekehrte Aufgabe und versuchte, daraus wieder vier Kanäle zu erzeugen.

Zu den bekannten Systemen gehörten beispielsweise SQ und QS.

Der Vorteil war die vergleichsweise einfache Kompatibilität: Eine solche Platte ließ sich auch auf einer normalen Stereoanlage abspielen. Ohne Quadrophonie-Decoder hörtest Du einfach eine Stereo-Wiedergabe.

Der Nachteil lag in der Kanaltrennung. Weil die vier ursprünglichen Signale mathematisch ineinander verschachtelt wurden, konnten sie bei der Wiedergabe nicht immer vollständig voneinander getrennt werden.

Diskrete Quadrophonie

Einen anderen Weg ging das CD-4-Verfahren, auch als Quadradisc bekannt.

Hier sollten die vier Kanäle wesentlich deutlicher voneinander getrennt bleiben. Dafür wurden zusätzliche Informationen in sehr hohen Frequenzbereichen auf der Schallplatte gespeichert. Ein spezieller Demodulator konnte daraus bei der Wiedergabe die zusätzlichen Kanäle gewinnen.

Das ermöglichte eine bessere Kanaltrennung als bei vielen Matrixverfahren.

Dafür stiegen allerdings die technischen Anforderungen erheblich. Tonabnehmer, Nadel, Verkabelung und Demodulator mussten für die hohen Frequenzen geeignet sein. Auch der Zustand der Schallplatte spielte eine wichtige Rolle.

Quadrophonie war damit alles andere als „Platte auflegen und los“.

Was brauchte man zum Hören?

Mit einer quadrophonischen Schallplatte allein war es nicht getan.

Für die vollständige Wiedergabe benötigte man je nach Verfahren unter anderem einen geeigneten Decoder oder Demodulator, vier Verstärkerkanäle und natürlich vier Lautsprecher.

Bei bestimmten diskreten Verfahren musste außerdem der Tonabnehmer die erforderlichen hohen Frequenzen zuverlässig aus der Rille lesen können.

Das macht deutlich, warum sich Quadrophonie trotz ihrer faszinierenden Möglichkeiten beim normalen Musikhörer schwertat: Die Technik verlangte zusätzliche Geräte und ein gewisses Verständnis dafür, welches System mit welcher Schallplatte funktionierte.

Warum gab es verschiedene Quadrophonie-Systeme?

Die Quadrophonie entstand nicht als einheitlicher Standard. Verschiedene Hersteller und Unternehmen entwickelten konkurrierende Verfahren.

Für den Käufer war das problematisch.

Eine Platte konnte beispielsweise für ein bestimmtes Matrixverfahren produziert worden sein, während die heimische Anlage auf ein anderes System ausgelegt war. Hinzu kamen diskrete Verfahren mit wiederum anderen technischen Anforderungen.

Aus einer eigentlich attraktiven Idee wurde dadurch ein kleines Formatwirrwarr.

Das erinnert ein wenig an spätere Konkurrenzkämpfe zwischen verschiedenen Medienformaten: Technisch interessante Lösungen helfen wenig, wenn der Käufer erst herausfinden muss, welches Gerät zu welchem Tonträger passt.

Wie klingt eine Quadrophonie-Schallplatte?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten.

Entscheidend ist zunächst, ob Du sie mit der vorgesehenen Quadrophonie-Technik oder einfach in Stereo abspielst. Viele Matrix-Aufnahmen können auch auf einer normalen Stereoanlage wiedergegeben werden.

Mit einem passenden Quadrophonie-System verändert sich dagegen die räumliche Darstellung deutlich. Die hinteren Kanäle konnten beispielsweise für Raumanteile genutzt werden, aber auch ganz bewusst einzelne Instrumente oder Effekte wiedergeben.

Gerade bei Produktionen aus den 1970er-Jahren wurde mit dieser neuen Freiheit teilweise kräftig experimentiert. Der Effekt kann deshalb von einer subtil erweiterten Räumlichkeit bis zu einer ausgesprochen auffälligen Verteilung der Instrumente im Raum reichen.

Ob das besser klingt, ist eine andere Frage.

Quadrophonie ist zunächst einmal anders. Sie eröffnet dem Toningenieur zusätzliche Möglichkeiten, verändert aber auch die ursprüngliche Vorstellung einer klassischen Stereo-Klangbühne.

Kann ich Quadrophonie-Platten auf einem normalen Plattenspieler hören?

Bei vielen Veröffentlichungen grundsätzlich ja – allerdings dann nicht mit der vollständigen Vierkanal-Wiedergabe.

Besonders Matrix-Platten wurden so konzipiert, dass sie auch über eine normale Stereoanlage sinnvoll wiedergegeben werden konnten. Für die Rekonstruktion der vier Kanäle war jedoch der passende Decoder erforderlich.

Bei diskreten Systemen wie CD-4 wird es anspruchsvoller. Für eine korrekte quadrophonische Wiedergabe ist spezielle beziehungsweise geeignete Wiedergabetechnik erforderlich.

Wenn Du eine alte Quadrophonie-Platte findest, solltest Du deshalb zunächst herausfinden, welches Verfahren auf der Platte verwendet wurde.

Warum hat sich Quadrophonie nicht durchgesetzt?

An der grundsätzlichen Idee lag es kaum.

Vierkanalton konnte beeindruckend sein und nahm einen Gedanken vorweg, der Jahrzehnte später mit verschiedenen Surround-Formaten selbstverständlich werden sollte.

Das Problem war vielmehr die praktische Umsetzung.

Mehrere konkurrierende Systeme erschwerten den Markt. Dazu kamen zusätzliche Decoder oder Demodulatoren, mehr Verstärkerkanäle und vier Lautsprecher. Einige Verfahren stellten zudem hohe Anforderungen an Tonabnehmer und Schallplatte.

Für den normalen Musikhörer bedeutete das zusätzliche Kosten und zusätzliche Komplexität.

Stereo war dagegen etabliert, einfach und funktionierte zuverlässig.

So blieb Quadrophonie letztlich eine interessante Episode der HiFi-Geschichte.

Vorteile und Nachteile

Vorteile

Quadrophonie ermöglicht eine deutlich räumlichere Musikwiedergabe als klassisches Stereo. Vier Kanäle geben Produzenten und Toningenieuren zusätzliche kreative Möglichkeiten. Historische Quadrophonie-Abmischungen können außerdem einen spannenden neuen Blick auf bekannte Aufnahmen ermöglichen.

Nachteile

Der größte Nachteil ist die technische Komplexität. Unterschiedliche und teilweise inkompatible Systeme machten den Einstieg schwierig. Für echte Vierkanalwiedergabe wird zusätzliche beziehungsweise spezielle Technik benötigt. Bei alten Schallplatten kommen heute außerdem Alter, Verschleiß und die Verfügbarkeit passender Geräte hinzu.

Praxis: Eine Quadrophonie-Platte auf dem Flohmarkt gefunden – und nun?

Keine Sorge: Du musst nicht sofort vier Lautsprecher und einen Quadrophonie-Receiver aus den 1970er-Jahren suchen.

Schau Dir zunächst Cover und Label genau an. Hinweise wie SQ, QS, CD-4, Quadradisc oder schlicht Quadraphonic können verraten, mit welchem Verfahren die Aufnahme produziert wurde.

Danach kannst Du entscheiden, was Dich eigentlich interessiert.

Möchtest Du die Platte einfach als historische Veröffentlichung hören, kann bei kompatiblen Ausgaben eine normale Stereoanlage bereits genügen.

Möchtest Du dagegen die ursprüngliche Vierkanal-Abmischung erleben, beginnt der deutlich spannendere – und technisch anspruchsvollere – Teil der Reise.

Dann brauchst Du die zum jeweiligen Verfahren passende Wiedergabekette.

Quadrophonie war ein früher Versuch, die Grenzen der Stereo-Wiedergabe zu überwinden. Vier Audiokanäle sollten den Hörer stärker in die Musik einbeziehen und eine räumliche Wiedergabe ermöglichen.

Die Idee war überzeugend. Ihre Umsetzung war es für den Massenmarkt weniger.

Konkurrierende Verfahren, zusätzliche Geräte und teilweise hohe technische Anforderungen verhinderten, dass sich Quadrophonie dauerhaft etablieren konnte.

Für Vinylfreunde ist sie heute gerade deshalb interessant. Quadrophonische Schallplatten zeigen, wie intensiv bereits in den 1970er-Jahren darüber nachgedacht wurde, Musik nicht nur vor, sondern rund um den Hörer stattfinden zu lassen.

Und wer heute über Mehrkanalton und Surround spricht, entdeckt in der Quadrophonie einen erstaunlich frühen Vorfahren moderner Raumklangsysteme.

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