Vollformat
Wer sich mit Digitalkameras beschäftigt, begegnet früher oder später dem Begriff Vollformat. Häufig klingt er dabei ein wenig nach einer Qualitätsstufe: Vollformat als große, professionelle Variante – und alles darunter als Kompromiss.
Ganz so einfach ist es nicht.
Vollformat bezeichnet zunächst einmal die Größe des Bildsensors. Daraus ergeben sich einige technische und gestalterische Eigenschaften, die beim Fotografieren durchaus wichtig sein können. Ob sie für Dich tatsächlich ein Vorteil sind, hängt aber davon ab, was und wie Du fotografierst.
Definition: Was ist Vollformat?
Als Vollformat bezeichnet man bei Digitalkameras einen Bildsensor, dessen Abmessungen ungefähr 36 × 24 Millimeter betragen. Nikon nennt dieses Sensorformat beispielsweise FX; dort misst ein entsprechender Sensor rund 35,9 × 23,9 Millimeter. Canon gibt für Vollformatsensoren ebenfalls ungefähr 36 × 24 Millimeter an.
Die Bezeichnung hat historische Gründe: Die Abmessungen entsprechen ungefähr dem Aufnahmeformat des klassischen 35-mm-Kleinbildfilms. Das digitale Vollformat orientiert sich also an einem Format, das lange vor der Digitalkamera etabliert war.
Wichtig ist dabei: „Vollformat“ bedeutet nicht „vollständiger Sensor“ oder „maximales Format“. Es gibt sowohl kleinere Sensoren wie APS-C und Micro Four Thirds als auch größere Sensorformate. Der Begriff beschreibt lediglich diese bestimmte, historisch gewachsene Sensorgröße.
Woher kommt das Format von 36 × 24 Millimetern?
Seinen Ursprung hat das Vollformat in der analogen Kleinbildfotografie. Beim klassischen Kleinbildfilm beträgt das Aufnahmeformat etwa 24 × 36 Millimeter. Als digitale Bildsensoren später diese Abmessungen erreichten, etablierte sich dafür die Bezeichnung Vollformat.
Das erklärt auch, warum das Vollformat häufig als Bezugspunkt für Brennweiten und Bildwinkel verwendet wird. Wer beispielsweise von einem „50-mm-Objektiv“ und dessen typischer Bildwirkung spricht, hat dabei häufig das Kleinbild- beziehungsweise Vollformat im Hinterkopf.
Damit wird die Sensorgröße nicht nur zu einer technischen Angabe. Sie beeinflusst unmittelbar, welchen Bildausschnitt ein Objektiv an einer Kamera erfasst.
Sensorgröße und Bildwinkel
Ein Objektiv projiziert ein Bild auf die Sensorebene. Ein großer Sensor erfasst davon eine größere Fläche als ein kleinerer Sensor.
Genau hier kommt der häufig erwähnte Crop-Faktor ins Spiel.
Ein 50-mm-Objektiv bleibt physikalisch immer ein 50-mm-Objektiv – unabhängig davon, an welcher Kamera es verwendet wird. Die Brennweite verändert sich durch einen kleineren Sensor nicht. Was sich verändert, ist der erfasste Ausschnitt des projizierten Bildes.
Bei Nikon beträgt der Crop-Faktor zwischen FX und DX beispielsweise ungefähr 1,5. Ein 50-mm-Objektiv an einer entsprechenden DX-Kamera liefert deshalb einen Bildwinkel, der ungefähr dem eines 75-mm-Objektivs an einer Vollformatkamera entspricht.
Das ist in der Praxis wichtiger als die reine Zahl auf dem Objektiv.
Für Landschaft, Architektur oder Innenräume kann der größere Bildwinkel des Vollformats bei gleicher Brennweite angenehm sein. In der Tier- oder Sportfotografie kann dagegen gerade der engere Bildausschnitt eines kleineren Sensors praktisch sein.
Bedeutet ein größerer Sensor automatisch bessere Bildqualität?
Hier lohnt sich eine differenzierte Betrachtung.
Ein größerer Sensor bietet grundsätzlich mehr Fläche zur Aufnahme des Bildes. Vergleicht man Sensoren ähnlicher Technologie und Auflösung, können größere Sensorflächen Vorteile bei hohen ISO-Einstellungen und beim Bildrauschen bieten. Nikon nennt für sein FX-Format beispielsweise eine höhere Empfindlichkeit und geringeres Rauschen als Eigenschaften gegenüber dem kleineren DX-Format.
Daraus sollte allerdings nicht die einfache Regel entstehen:
Vollformat = gute Bildqualität, kleiner Sensor = schlechte Bildqualität.
Die tatsächliche Bildqualität hängt von wesentlich mehr Faktoren ab: Sensortechnologie, Auflösung, Objektiv, Belichtung, Signalverarbeitung und nicht zuletzt davon, was Du mit der Aufnahme anschließend machst.
Ein moderner APS-C- oder Micro-Four-Thirds-Sensor kann hervorragende Bilder liefern. Die Sensorgröße ist ein Faktor unter mehreren – wenn auch ein wichtiger.
Vollformat und Schärfentiefe
Eine besonders interessante Auswirkung zeigt sich bei der Schärfentiefe.
Dabei muss man etwas aufpassen, denn die Sensorgröße verändert die Schärfentiefe nicht einfach von selbst. Der Unterschied entsteht, wenn Du mit verschiedenen Sensorformaten denselben Bildausschnitt aus derselben Perspektive erzeugen möchtest.
Dafür verwendest Du am Vollformat typischerweise eine längere Brennweite als an einer Kamera mit kleinerem Sensor. Bei gleicher Blendenzahl lässt sich dadurch eine geringere Schärfentiefe erzielen.
Das ist beispielsweise bei Porträts interessant. Möchtest Du eine Person deutlich vom Hintergrund lösen, bietet Vollformat unter vergleichbaren Aufnahmebedingungen mehr Spielraum für eine geringe Schärfentiefe.
Umgekehrt ist geringe Schärfentiefe keineswegs immer erwünscht. Bei Makro-, Landschafts- oder Dokumentarfotografie kann eine größere Schärfentiefe sogar von Vorteil sein.
Auch hier gibt es deshalb keinen grundsätzlichen Sieger – sondern unterschiedliche Eigenschaften.
Ein Beispiel aus der Praxis
Stell Dir vor, Du fotografierst ein Porträt draußen und möchtest ungefähr denselben Bildausschnitt einmal mit einer APS-C-Kamera und einmal mit einer Vollformatkamera aufnehmen.
An der APS-C-Kamera verwendest Du beispielsweise ein 35-mm-Objektiv. Bei einem Crop-Faktor von etwa 1,5 entspricht dessen Bildwinkel ungefähr dem eines 50-mm-Objektivs am Vollformat.
Beide Kombinationen können also einen sehr ähnlichen Bildausschnitt liefern.
Trotzdem müssen die Bilder nicht identisch aussehen. Verwendest Du bei beiden Objektiven beispielsweise Blende f/2, kann die Vollformatkombination bei vergleichbarer Perspektive eine geringere Schärfentiefe erzeugen.
Das zeigt ganz gut, worum es bei Sensorformaten eigentlich geht: Nicht darum, welches Format grundsätzlich „besser“ ist, sondern darum, welche fotografischen Eigenschaften sich daraus ergeben.
Vollformat und APS-C – was ist der Unterschied?
APS-C-Sensoren sind kleiner als Vollformatsensoren. Ihre exakten Abmessungen unterscheiden sich je nach Hersteller etwas. Nikon gibt für DX beispielsweise etwa 24 × 16 Millimeter an; Canon verwendet bei entsprechenden APS-C-Systemen andere Abmessungen und einen Crop-Faktor von ungefähr 1,6.
Aus dem Größenunterschied ergeben sich typische Konsequenzen.
Vollformat bietet bei gleicher Brennweite einen größeren Bildwinkel und ermöglicht unter vergleichbaren Bedingungen leichter eine geringe Schärfentiefe. Kleinere Sensoren wiederum erlauben häufig kompaktere Kameras und Objektive. Nikon nennt Größe und Gewicht ausdrücklich als Vorteile seines kleineren DX-Formats.
Welche Eigenschaft wichtiger ist, hängt von Deinem Einsatzgebiet ab.

Vor- und Nachteile von Vollformat
Typische Vorteile sind der große Bildwinkel bei Weitwinkelobjektiven, gute Möglichkeiten zur Gestaltung mit geringer Schärfentiefe und – bei vergleichbarer Sensortechnik – Vorteile bei wenig Licht und hohen ISO-Werten.
Dem stehen mögliche Nachteile gegenüber. Kameras und insbesondere passende Objektive können größer, schwerer und teurer ausfallen. Außerdem ist eine sehr geringe Schärfentiefe nicht bei jedem Motiv hilfreich.
Gerade deshalb solltest Du Vollformat nicht als automatisches Upgrade verstehen.
Wer beispielsweise auf Reisen möglichst leicht unterwegs sein möchte oder für Tierfotografie einen engen Bildwinkel mit langen Brennweiten benötigt, kann mit einem kleineren Sensorformat sogar die für den jeweiligen Zweck angenehmere Lösung finden.
Vollformat ist nicht gleich Auflösung
Ein weiterer häufiger Irrtum betrifft die Megapixel.
Die Sensorgröße sagt zunächst nichts über die Auflösung aus. Zwei Vollformatkameras können sehr unterschiedliche Pixelzahlen besitzen. Aktuelle und jüngere Modelle zeigen das deutlich: Eine Nikon Z f besitzt beispielsweise 24,5 Millionen effektive Pixel, während eine Nikon Z9 45,7 Millionen bietet – beide verwenden Sensoren im FX-/Vollformat.
Sensorformat und Auflösung sind deshalb zwei getrennte Eigenschaften.
Die Frage „Vollformat oder APS-C?“ ist also eine andere als die Frage „24 oder 45 Megapixel?“.
Vollformat ist ein Format, kein Qualitätssiegel
Vollformat bezeichnet einen Bildsensor von ungefähr 36 × 24 Millimetern, dessen Abmessungen auf das klassische Kleinbildformat zurückgehen.
Die größere Sensorfläche beeinflusst Bildwinkel, Schärfentiefe und unter vergleichbaren technischen Bedingungen auch Eigenschaften wie das Rauschverhalten. Das kann beim Fotografieren deutliche Vorteile bringen.
Trotzdem ist Vollformat nicht automatisch das beste Kamerasystem.
Entscheidend ist vielmehr, welche Eigenschaften Du für Deine Fotografie brauchst. Ein Sensorformat ist schließlich kein Qualitätsurteil über Deine Bilder – sondern eines der Werkzeuge, mit denen sie entstehen.


