AF-ON – die Taste, die ich lange ignoriert habe
Es gibt an modernen Kameras erstaunlich viele Tasten, denen man jahrelang kaum Beachtung schenkt. Manche davon braucht man tatsächlich nur selten. Bei anderen stellt man irgendwann fest, dass man sie vielleicht doch etwas vorschnell ignoriert hat.
Bei mir gehört die AF-ON-Taste eindeutig zur zweiten Kategorie.
Ich wusste natürlich, dass sie etwas mit dem Autofokus zu tun hat. Aber warum sollte ich zum Fokussieren eine zusätzliche Taste drücken? Schließlich funktioniert das über den Auslöser doch wunderbar: halb drücken, fokussieren, ganz drücken, fotografieren.
Also war AF-ON für mich lange eine Taste, die zwar vorhanden war, für meine Art zu fotografieren aber keine besondere Bedeutung hatte.
Bis ich mich näher damit beschäftigt habe.
Denn der eigentliche Vorteil von AF-ON besteht weniger darin, wie die Kamera fokussiert. Interessant wird vielmehr, dass sich damit Fokussieren und Auslösen voneinander trennen lassen.
Und genau darin steckt mehr Potenzial, als ich zunächst gedacht hatte.
Was macht die AF-ON-Taste eigentlich?
Die grundlegende Funktion ist schnell erklärt: Drückst Du AF-ON, wird der Autofokus aktiviert.
Das allein klingt zunächst wenig spektakulär. Schließlich macht die Kamera normalerweise dasselbe, wenn Du den Auslöser halb herunterdrückst.
Interessant wird es erst, wenn Du den Autofokus vom Auslöser entkoppelst.
Der Auslöser macht dann genau das, was sein Name verspricht: Er löst aus. Für das Fokussieren ist dagegen der Daumen auf der AF-ON-Taste zuständig.
Diese Arbeitsweise wird häufig als Back Button Focus bezeichnet.
Damit ändert sich nicht die grundsätzliche Funktionsweise des Autofokus. Es ändert sich vielmehr die Art, wie Du ihn steuerst.
Und genau das hatte ich lange nicht verstanden.

Warum zwei Tasten benutzen, wenn bisher eine gereicht hat?
Das war für mich die naheliegende Frage.
Wenn ich mit dem halb gedrückten Auslöser problemlos fokussieren kann, erscheint es zunächst umständlicher, plötzlich den Daumen mitarbeiten zu lassen.
Der Vorteil wird erst deutlich, wenn man sich anschaut, was beim klassischen Verfahren passiert.
Du visierst Dein Motiv an und drückst den Auslöser halb herunter. Die Kamera fokussiert. Je nach gewähltem Autofokusmodus wird der Fokus anschließend gehalten oder bei einem bewegten Motiv weiter nachgeführt.
Lässt Du den Auslöser los und drückst ihn anschließend erneut halb herunter, wird auch der Autofokus wieder aktiviert.
Meistens ist genau das erwünscht.
Aber eben nicht immer.
Manchmal möchtest Du fokussieren und anschließend einfach fotografieren, ohne dass die Kamera beim nächsten Druck auf den Auslöser erneut den Autofokus aktiviert.
Mit AF-ON lässt sich genau das erreichen.
Einmal fokussieren – und dann in Ruhe fotografieren
Stell Dir vor, Du fotografierst ein unbewegtes Motiv.
Du legst den Fokus mit AF-ON auf die gewünschte Stelle und nimmst anschließend den Daumen von der Taste. Solange sich die relevante Entfernung zwischen Kamera und Motiv nicht verändert, besteht zunächst kein Grund, erneut zu fokussieren.
Jetzt kannst Du auslösen, ohne dass der Druck auf den Auslöser gleichzeitig wieder den Autofokus aktiviert.
Das kann bei einer sorgfältig aufgebauten Aufnahme angenehm sein. Du bestimmst bewusst, wann fokussiert wird – und wann eben nicht.
Interessant kann das auch werden, wenn sich vorübergehend etwas zwischen Kamera und Motiv bewegt. Solange Du AF-ON nicht betätigst, bekommt der Autofokus keinen neuen Auftrag und versucht nicht, auf dieses Vordergrundelement zu reagieren.
Der Fokus bleibt dort, wo Du ihn haben wolltest.
Natürlich gibt es auch andere Möglichkeiten, einen Fokus zu speichern oder vorübergehend nicht verändern zu lassen. Der Unterschied besteht darin, dass diese Trennung bei Back Button Focus zum grundsätzlichen Bedienkonzept wird.
Wenn aus einem ruhigen Motiv plötzlich ein bewegtes wird
Besonders interessant finde ich AF-ON in Verbindung mit einem kontinuierlichen Autofokus.
Solange Du AF-ON gedrückt hältst, kann die Kamera die Entfernung zum Motiv fortlaufend neu bestimmen und den Fokus entsprechend nachführen. Nimmst Du den Daumen von der Taste, wird die automatische Nachführung beendet.
Damit bestimmst Du unmittelbar, wann der Autofokus arbeiten soll.
Stell Dir beispielsweise einen Vogel vor, der ruhig auf einem Ast sitzt.
Du fokussierst mit AF-ON und lässt die Taste anschließend los. Jetzt kannst Du den Bildausschnitt beobachten und auf einen interessanten Moment warten, ohne ständig neu fokussieren zu müssen.
Plötzlich fliegt der Vogel los.
Nun hältst Du AF-ON gedrückt und der kontinuierliche Autofokus kann das bewegte Motiv nachführen.
Genau solche Situationen machen für mich verständlich, warum manche Fotografen diese Arbeitsweise so schätzen. Ein Motiv muss schließlich nicht dauerhaft statisch oder dauerhaft in Bewegung sein. Sein Verhalten kann sich innerhalb weniger Sekunden ändern.
Und was ist mit moderner Motiverkennung?
Heutige Autofokussysteme können uns inzwischen einiges an Arbeit abnehmen. Je nach Kamera werden beispielsweise Menschen, Gesichter, Augen, Tiere oder andere Motive erkannt und verfolgt.
Da könnte man sich fragen, ob die AF-ON-Taste überhaupt noch einen nennenswerten Vorteil bietet.
Für mich liegt die Antwort in einem wichtigen Unterschied.
Die Motiverkennung hilft der Kamera dabei, zu entscheiden, worauf sie fokussieren soll. Mit AF-ON entscheidest Du, wann der Autofokus arbeiten soll.
Das sind zwei unterschiedliche Aufgaben.
Ein modernes Tracking-System und Back Button Focus schließen sich deshalb nicht gegenseitig aus. Im Gegenteil: Beides kann sich ergänzen.
Die Kamera übernimmt einen Teil der Motiverkennung und Fokusnachführung. Du behältst gleichzeitig die unmittelbare Kontrolle darüber, wann der Autofokus aktiv sein soll.
AF-ON macht den Autofokus nicht besser
Das ist ein Punkt, den ich wichtig finde.
Back Button Focus wird gelegentlich so behandelt, als wäre dies die fortgeschrittenere oder gar professionellere Art zu fokussieren.
So sehe ich das nicht.
Die AF-ON-Taste macht den Autofokus nicht automatisch schneller oder präziser. Ein Foto wird auch nicht schärfer, nur weil der Daumen am Fokussieren beteiligt war.
Der eigentliche Unterschied liegt in der Bedienlogik.
Bei der klassischen Methode übernimmt der Auslöser zwei Aufgaben: Er aktiviert den Autofokus und löst anschließend die Aufnahme aus.
Beim Back Button Focus werden daraus zwei getrennte Vorgänge:
Daumen: Autofokus.
Zeigefinger: Auslösen.
Das klingt nach einer kleinen Änderung.
Beim Fotografieren kann es sich aber überraschend anders anfühlen.
Der Vorteil ist gleichzeitig der Nachteil
Was AF-ON interessant macht, kann anfangs nämlich auch irritieren.
Wer jahrelang den Auslöser halb heruntergedrückt hat, um zu fokussieren, macht das irgendwann vollkommen automatisch. Darüber denkt man nicht mehr nach.
Beim Back Button Focus funktioniert diese eingeübte Bewegung plötzlich nicht mehr wie gewohnt.
Du hebst die Kamera ans Auge, drückst den Auslöser halb herunter – und wartest auf den Autofokus.
Nur passiert nichts.
Der Daumen hätte schließlich vorher seinen Job machen müssen.
Deshalb würde ich nicht erwarten, dass sich nach fünf Minuten beurteilen lässt, ob Back Button Focus zur eigenen Arbeitsweise passt. Eine veränderte Bedienung braucht etwas Zeit, bevor sie sich natürlich anfühlt.
Erst danach kann man sinnvoll entscheiden, ob die Trennung von Fokussieren und Auslösen tatsächlich einen Vorteil bringt.
Wo ich den Nutzen inzwischen sehe
Gerade deshalb finde ich AF-ON heute deutlich interessanter als früher.
Nicht, weil ich ohne diese Taste bisher falsch fotografiert hätte. Mein bisheriger Arbeitsablauf hat schließlich funktioniert.
Aber AF-ON eröffnet eine zusätzliche Möglichkeit, die Kamera stärker an die eigene Arbeitsweise anzupassen.
Besonders nachvollziehbar finde ich den Nutzen bei Motiven, deren Verhalten sich schnell ändern kann: Tiere, Sport, spielende Kinder oder andere Situationen, in denen sich Ruhe und Bewegung abwechseln.
Auch bei statischen Motiven kann es angenehm sein, einmal bewusst zu fokussieren und anschließend mehrere Aufnahmen zu machen, ohne dass der Auslöser jedes Mal erneut den Autofokus aktiviert.
Und genau das hatte ich lange übersehen.
Ich hatte AF-ON als eine weitere Möglichkeit betrachtet, denselben Autofokus einzuschalten.
Eigentlich interessant wird die Taste aber erst dadurch, dass sie die Aufgaben an der Kamera neu verteilt.
Muss man deshalb auf Back Button Focus umsteigen?
Nein.
Und ich glaube, genau das ist wichtig.
Wenn Du mit dem Autofokus über den Auslöser gut zurechtkommst, gibt es zunächst einmal kein Problem, das gelöst werden müsste.
Back Button Focus ist keine Voraussetzung für anspruchsvolle Fotografie und auch kein Qualitätsmerkmal. Niemand macht bessere Bilder, nur weil zum Fokussieren eine andere Taste benutzt wird.
Es ist schlicht eine alternative Art, die Kamera zu bedienen.
Ob sie zu Dir passt, hängt davon ab, was Du fotografierst und wie Du dabei mit Deiner Kamera arbeiten möchtest.
Genau deshalb finde ich es sinnvoller, AF-ON nicht als Empfehlung nach dem Motto „So solltest Du fokussieren“ zu betrachten, sondern als Möglichkeit, die man einmal ausprobieren kann.
Denn manche Kamerafunktionen versteht man erst dann wirklich, wenn man mit ihnen fotografiert.
Mein Fazit: Eine Taste bekommt eine zweite Chance
Ich werde vermutlich auch künftig nicht jede Funktion meiner Kamera benutzen, nur weil sie vorhanden ist.
Aber bei AF-ON habe ich meine Meinung geändert.
Nicht die Taste selbst hat mich überzeugt, sondern die Idee dahinter:
Fokussieren und Auslösen müssen nicht zwangsläufig miteinander gekoppelt sein.
Das klingt zunächst nach einer technischen Kleinigkeit. Tatsächlich verändert es aber die Art, wie man mit der Kamera arbeitet.
Ob daraus für die eigene Fotografie ein Vorteil entsteht, lässt sich meiner Meinung nach nur praktisch herausfinden. AF-ON aktivieren, den Autofokus vom Auslöser trennen und eine Weile bewusst damit fotografieren.
Vielleicht stellst Du anschließend fest, dass Dir die gewohnte Methode besser gefällt.
Vielleicht möchtest Du aber auch nicht mehr zurück.
Bei mir jedenfalls gehört AF-ON inzwischen nicht mehr zu den Tasten, bei denen ich mich frage, warum sie überhaupt an der Kamera vorhanden ist.


