Blaue Stunde
Wenn der Tag noch nicht ganz gegangen ist
Die Sonne ist bereits hinter dem Horizont verschwunden, die Straßenlaternen leuchten, und trotzdem ist der Himmel noch nicht schwarz. Stattdessen zeigt er ein tiefes Blau, das besonders in Verbindung mit warmem Kunstlicht eine ganz eigene Stimmung erzeugt. Genau diese kurze Übergangsphase gehört für viele Fotografen zu den interessantesten Zeiten des Tages.
Die Blaue Stunde ist allerdings weder zwingend blau noch dauert sie immer eine Stunde. Schon der Name ist also eher fotografische Beschreibung als präzise Zeitangabe.
Definition: Was ist die Blaue Stunde?
Als Blaue Stunde bezeichnet man in der Fotografie eine Phase der Dämmerung kurz vor Sonnenaufgang beziehungsweise nach Sonnenuntergang, in der die Sonne bereits unterhalb des Horizonts steht und das verbleibende Himmelslicht häufig einen ausgeprägt bläulichen Charakter bekommt.
Eine universell verbindliche astronomische Definition der Blauen Stunde gibt es nicht. In fotografischen Planungsmodellen wird häufig der Bereich verwendet, in dem sich die Sonne ungefähr 4 bis 6 Grad unterhalb des Horizonts befindet. Damit liegt diese Definition innerhalb der bürgerlichen Dämmerung.
Wichtig ist diese Unterscheidung deshalb, weil die Blaue Stunde ein fotografischer Begriff ist, während die astronomischen Dämmerungsphasen anhand des Sonnenstands eindeutig definiert werden.
Warum wird das Licht blau?
Nach Sonnenuntergang ist die Sonne zwar von deinem Standort aus nicht mehr direkt sichtbar, ihre Strahlung erreicht aber weiterhin höhere Schichten der Atmosphäre. Der Himmel bleibt deshalb noch eine Zeit lang hell.
Das charakteristische Blau entsteht durch das Zusammenspiel von Sonnenstand, Atmosphäre und unserer Wahrnehmung. Kurzwelliges Licht wird in der Erdatmosphäre stärker gestreut als langwelliges Licht. Während der Dämmerung verändert sich außerdem das Verhältnis zwischen direktem und gestreutem Licht deutlich.
Für die Fotografie ist vor allem das Ergebnis interessant: Das Umgebungslicht wirkt zunehmend kühl und der Himmel kann ein sattes Blau annehmen. Je nach Wetter, Bewölkung, Dunst und Blickrichtung können gleichzeitig noch wärmere Farbtöne in Horizontnähe sichtbar sein.
Die Kamera kann diesen Farbeindruck zusätzlich anders wiedergeben als dein Auge. Der gewählte Weißabgleich hat deshalb einen erheblichen Einfluss darauf, wie intensiv die blaue Stimmung im fertigen Bild erscheint.
Wann beginnt die Blaue Stunde?
Die Blaue Stunde gibt es zweimal täglich: morgens vor Sonnenaufgang und abends nach Sonnenuntergang.
Wer für die fotografische Planung die häufig verwendete Definition von etwa −4 bis −6 Grad Sonnenhöhe zugrunde legt, kann ihren Zeitraum für einen bestimmten Standort und ein bestimmtes Datum recht genau berechnen.
Eine pauschale Aussage wie „20 Minuten nach Sonnenuntergang beginnt die Blaue Stunde“ ist dagegen wenig hilfreich. Ihre Dauer verändert sich mit geografischer Breite und Jahreszeit. Je nachdem, wie steil die Sonne den Horizont unterschreitet, kann der Übergang relativ schnell oder deutlich langsamer verlaufen.
Und deshalb dauert die Blaue Stunde eben keineswegs immer eine Stunde.

Warum ist die Blaue Stunde fotografisch so interessant?
Besonders reizvoll ist das Verhältnis von natürlichem Restlicht und künstlicher Beleuchtung.
Stell dir eine Stadt kurz nach Sonnenuntergang vor. Schaufenster, Straßenlaternen und beleuchtete Fenster liefern warmes Licht. Gleichzeitig besitzt der Himmel noch genügend Helligkeit und Zeichnung, um nicht als schwarze Fläche zu erscheinen.
Dadurch entsteht ein natürlicher Farbkontrast:
kühles Blau des Himmels trifft auf warmes Kunstlicht.
Gerade bei Stadt-, Architektur- und Landschaftsaufnahmen kann dieses Verhältnis einem Bild eine Tiefe und Atmosphäre geben, die wenige Minuten später bereits verschwunden ist.
Auch technisch bietet die Blaue Stunde einen Vorteil: Der Helligkeitsunterschied zwischen beleuchteten Bereichen und Himmel kann günstiger sein als bei vollständiger Dunkelheit. Dadurch lassen sich beispielsweise beleuchtete Gebäude und der Himmel häufig harmonischer gemeinsam darstellen.
Ein praktisches Beispiel
Du möchtest eine beleuchtete Altstadt fotografieren.
Direkt nach Sonnenuntergang ist der Himmel möglicherweise noch relativ hell. Die Beleuchtung der Gebäude ist zwar bereits eingeschaltet, kann sich gegen das vorhandene Tageslicht aber noch nicht richtig durchsetzen.
Du wartest einige Minuten.
Der Himmel wird zunehmend dunkler und blauer. Gleichzeitig gewinnen Fenster, Laternen und Fassadenbeleuchtung sichtbar an Wirkung. Für einen kurzen Zeitraum entsteht ein Gleichgewicht zwischen beiden Lichtquellen.
Wartest du dagegen zu lange, wird der Himmel immer dunkler. Schließlich fotografierst du eine klassische Nachtszene mit hellen Lichtquellen vor einem nahezu schwarzen Himmel.
Die entscheidende Frage während der Blauen Stunde lautet deshalb häufig weniger: Welche Kameraeinstellung brauche ich?
Viel wichtiger ist: Wann besitzt das Licht genau die Balance, die zu meinem Motiv passt?
Welche Kameraeinstellungen eignen sich?
Eine feste Einstellung für die Blaue Stunde gibt es nicht. Dafür unterscheiden sich Motive und vorhandene Lichtmengen zu stark.
Da das Licht schnell schwächer wird, verlängern sich jedoch häufig die Belichtungszeiten. Bei unbewegten Motiven ist deshalb ein Stativ praktisch. Du kannst einen niedrigen ISO-Wert wählen und die Belichtungszeit entsprechend verlängern, ohne unnötig Bildrauschen in Kauf nehmen zu müssen.
Bei Menschen, Fahrzeugen oder anderen bewegten Motiven sieht die Sache anders aus. Dann kann eine höhere ISO-Einstellung sinnvoller sein, wenn du damit eine ausreichend kurze Belichtungszeit erreichst.
Auch der Weißabgleich verdient Aufmerksamkeit. Ein automatischer Weißabgleich kann versuchen, den blauen Farbeindruck teilweise zu neutralisieren. Das muss nicht falsch sein – möglicherweise verschwindet dadurch aber genau die Farbstimmung, wegen der du zur Blauen Stunde fotografierst. Bei RAW-Aufnahmen kannst du den Weißabgleich später ohne die gleichen Einschränkungen wie bei JPEG anpassen.
Blaue Stunde und Goldene Stunde – wo liegt der Unterschied?
Die beiden Begriffe werden häufig gemeinsam verwendet, beschreiben aber unterschiedliche Lichtstimmungen.
Während der Goldenen Stunde steht die Sonne tief oder nur wenig unter dem Horizont. Warmes, gelbliches bis rötliches Licht prägt häufig die Szene. Die Blaue Stunde folgt am Abend darauf beziehungsweise geht ihr am Morgen voraus. Bei der häufig verwendeten fotografischen Einteilung liegt die Goldene Stunde ungefähr zwischen +6 und −4 Grad Sonnenhöhe, die Blaue Stunde zwischen −4 und −6 Grad.
Die Übergänge sind in der Realität natürlich fließend. Wetter, Bewölkung, Luftfeuchtigkeit und Umgebung halten sich schließlich nicht an die Anzeige einer Foto-App.
Vorteile und Grenzen der Blauen Stunde
Die Blaue Stunde bietet atmosphärisches, weiches Licht und kann einen besonders schönen Kontrast zwischen kühlem Himmel und warmer künstlicher Beleuchtung erzeugen. Sie eignet sich deshalb hervorragend für Architektur, Stadtlandschaften und viele Landschaftsmotive.
Ihre Stärke ist gleichzeitig ihre größte Herausforderung: Das Licht verändert sich schnell.
Eine Belichtung, die vor wenigen Minuten noch funktioniert hat, kann kurze Zeit später bereits deutlich zu knapp sein. Auch die Farbstimmung verändert sich fortlaufend. Wer erst vor Ort nach einem Standpunkt sucht und anschließend in Ruhe das Stativ aufbaut, kann den interessantesten Moment deshalb leicht verpassen.
Planung hilft hier mehr als hektisches Drehen an der Kamera.
Die Blaue Stunde ist kein magischer Schalter zwischen Tag und Nacht, sondern eine fließende Phase der Dämmerung. Gerade darin liegt ihr fotografischer Reiz.
Das natürliche Licht wird schwächer, künstliches Licht gewinnt an Bedeutung und für kurze Zeit können beide erstaunlich harmonisch nebeneinander bestehen.
Wenn du die Blaue Stunde fotografieren möchtest, lohnt es sich deshalb, nicht nur auf die Uhr zu schauen. Beobachte vor allem den Himmel und dein Motiv. Denn die fotografisch interessanteste Blaue Stunde beginnt nicht unbedingt bei einem bestimmten Sonnenstand – sondern in dem Moment, in dem das vorhandene Licht zu deinem Bild passt.


