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Lichtstärke

Was Lichtstärke bei einem Objektiv wirklich bedeutet

Ein 50 mm f/1,4 gilt als lichtstark, ein 50 mm f/4 eher nicht. Schon an diesem einfachen Vergleich wird deutlich: Wenn Fotografen von Lichtstärke sprechen, geht es um eine Eigenschaft des Objektivs. Sie entscheidet mit darüber, unter welchen Lichtbedingungen Du fotografieren kannst – und hat gleichzeitig Auswirkungen auf Deine Möglichkeiten bei der Bildgestaltung.

Dabei führt der Begriff leicht zu einem Missverständnis. Lichtstärke beschreibt nicht einfach, wie „hell“ ein Objektiv grundsätzlich ist. Entscheidend ist seine größte mögliche Blendenöffnung.

Definition: Was bedeutet Lichtstärke?

Die Lichtstärke eines Objektivs wird durch seine größte verfügbare Blendenöffnung, also die kleinste einstellbare Blendenzahl, angegeben. Nikon definiert entsprechend die maximale Blende als größten Öffnungsdurchmesser beziehungsweise kleinste Blendenzahl eines Objektivs.

Ein Objektiv mit der Bezeichnung

50 mm f/1,4

besitzt beispielsweise eine maximale Blendenöffnung von f/1,4.

Ein

50 mm f/2,8

lässt sich dagegen höchstens bis f/2,8 öffnen.

Je kleiner die Blendenzahl, desto größer ist die relative Öffnung und desto mehr Licht kann bei ansonsten gleichen Bedingungen für die Belichtung genutzt werden.

Deshalb ist das 50 mm f/1,4 lichtstärker als das 50 mm f/2,8.

Was steckt technisch dahinter?

Die Schreibweise der Blende wirkt zunächst etwas verkehrt herum: Warum bedeutet eine kleinere Zahl eine größere Öffnung?

Der Grund liegt darin, dass die Blendenzahl ein Verhältnis beschreibt.

Vereinfacht gilt:

Blendenzahl = Brennweite ÷ Durchmesser der Eintrittspupille

Die Eintrittspupille ist dabei nicht einfach mit dem sichtbaren mechanischen Loch der Blende gleichzusetzen. Sie beschreibt das optische Bild der Apertur, das man durch die vorderen Linsenelemente sieht. ZEISS beschreibt entsprechend den Pupillendurchmesser als Quotienten aus Brennweite und Blendenzahl.

Bei einem 50-mm-Objektiv und Blende f/2 ergibt sich beispielsweise rechnerisch eine Eintrittspupille von ungefähr 25 mm.

Bei f/4 sind es nur etwa 12,5 mm.

Damit wird auch verständlicher, weshalb lichtstarke Objektive häufig größere Linsendurchmesser benötigen: Eine große relative Öffnung muss optisch überhaupt ermöglicht werden.

Lichtstärke und Belichtung

Der unmittelbarste praktische Vorteil eines lichtstarken Objektivs ist die Möglichkeit, mit einer weit geöffneten Blende mehr Licht für die Aufnahme zu nutzen.

Das kann beispielsweise bedeuten, dass Du bei wenig Licht eine kürzere Belichtungszeit verwenden kannst, ohne dafür den ISO-Wert ebenso stark erhöhen zu müssen.

Nehmen wir zwei Objektive mit maximal f/1,4 beziehungsweise f/2,8. Zwischen diesen beiden Einstellungen liegen zwei volle Blendenstufen:

f/1,4 → f/2 → f/2,8

Jede volle Blendenstufe verändert die für die Belichtung relevante Lichtmenge um den Faktor zwei. Zwischen f/1,4 und f/2,8 liegt damit ein Faktor von vier.

Das kann in der Praxis einen erheblichen Unterschied machen.

Wenn Du beispielsweise bei f/2,8 mit 1/60 Sekunde fotografieren kannst, wäre unter ansonsten identischen Bedingungen bei f/1,4 theoretisch eine Belichtungszeit von 1/250 Sekunde möglich.

Gerade bei bewegten Motiven ist das wichtig. Eine Bildstabilisierung kann zwar Verwacklungen der Kamera reduzieren – die Bewegung eines Menschen auf der Bühne, eines spielenden Kindes oder eines Tieres hält sie aber nicht an.

Lichtstärke ist auch ein Gestaltungsmittel

Lichtstärke wird häufig hauptsächlich mit Aufnahmen bei wenig Licht verbunden. Mindestens ebenso interessant ist jedoch ihre gestalterische Seite.

Eine weit geöffnete Blende kann eine geringe Schärfentiefe ermöglichen. Der Hintergrund lässt sich dadurch stärker in Unschärfe auflösen und das Hauptmotiv deutlicher von seiner Umgebung trennen. Nikon weist entsprechend darauf hin, dass die Blende sowohl die Belichtung als auch die Schärfentiefe beeinflusst.

Allerdings wäre die Gleichung

lichtstarkes Objektiv = automatisch unscharfer Hintergrund

zu einfach.

Die Schärfentiefe hängt unter anderem auch von Brennweite, Aufnahmeabstand, Motivabstand und Aufnahmeformat ab. Für die Stärke der Hintergrundunschärfe spielt außerdem die physische Größe der Eintrittspupille eine wichtige Rolle.

Lichtstärke eröffnet Dir also gestalterische Möglichkeiten. Sie garantiert aber noch kein bestimmtes Bildergebnis.

Ein praktisches Beispiel

Stell Dir vor, Du fotografierst am Abend auf einer kleinen Veranstaltung. Das Licht ist schwach, die Menschen bewegen sich und Du möchtest auf Blitzlicht verzichten.

Mit einem Objektiv, das maximal f/4 erlaubt, musst Du möglicherweise ISO 6400 verwenden, um eine ausreichend kurze Belichtungszeit zu erreichen.

Kannst Du dasselbe Motiv mit f/2 fotografieren, gewinnst Du zwei Blendenstufen. Bei gleicher Belichtungszeit könntest Du theoretisch von ISO 6400 auf ISO 1600 wechseln.

Oder Du behältst ISO 6400 bei und nutzt den gewonnenen Spielraum für eine deutlich kürzere Belichtungszeit.

Genau hier zeigt sich der praktische Nutzen der Lichtstärke: Sie gibt Dir Reserven.

Ob Du diese Reserven für einen niedrigeren ISO-Wert, eine kürzere Belichtungszeit oder eine geringe Schärfentiefe einsetzt, entscheidest Du anhand des Motivs.

Warum haben Zoomobjektive manchmal zwei Angaben?

Bei Zoomobjektiven findest Du häufig Bezeichnungen wie:

18–55 mm f/3,5–5,6

Die beiden Blendenwerte bedeuten nicht, dass Du lediglich zwischen f/3,5 und f/5,6 wählen kannst. Sie beschreiben vielmehr die maximale Lichtstärke an unterschiedlichen Enden des Zoombereichs.

In diesem Beispiel beträgt die größte mögliche Blende bei 18 mm f/3,5 und bei 55 mm nur noch f/5,6. Nikon erläutert diese Art der Objektivbezeichnung entsprechend für Zoomobjektive mit variabler maximaler Blende.

Daneben gibt es Zoomobjektive mit konstanter Lichtstärke, beispielsweise ein 24–70 mm f/2,8. Hier steht f/2,8 über den gesamten Zoombereich als maximale Blendenöffnung zur Verfügung.

Das ist insbesondere praktisch, wenn Du beim Zoomen konstante Belichtungsbedingungen beibehalten möchtest.

Lichtstark bedeutet nicht automatisch besser

Eine hohe Lichtstärke klingt zunächst nur nach Vorteilen. Schließlich musst Du ein f/1,4-Objektiv nicht ständig bei f/1,4 verwenden. Du kannst es jederzeit abblenden.

Trotzdem hat die hohe Lichtstärke ihren Preis – und damit ist nicht nur der Kaufpreis gemeint.

Sehr lichtstarke Objektive benötigen häufig aufwendigere optische Konstruktionen und größere Linsenelemente. Dadurch können sie größer, schwerer und teurer werden. Wie unterschiedlich solche Konstruktionen ausfallen können, zeigen beispielsweise die technischen Daten verschiedener ZEISS-Objektive mit maximalen Blenden von f/1,4 bis f/2,8.

Hinzu kommt: Die größte Blendenöffnung ist nicht für jedes Motiv sinnvoll.

Bei einem Porträt kann f/1,4 wunderbar funktionieren. Bei einer Landschaftsaufnahme möchtest Du vielleicht bewusst stärker abblenden. Und bei einer Personengruppe kann eine extrem geringe Schärfentiefe sogar zum Problem werden, wenn nicht mehr alle Personen im gewünschten Bereich scharf erscheinen.

Lichtstärke ist deshalb weniger eine Qualitätsstufe als eine zusätzliche fotografische Möglichkeit.

Lichtstärke und Blende – wo liegt der Unterschied?

Die Begriffe hängen eng zusammen, bedeuten aber nicht dasselbe.

Die Blende ist eine veränderbare Öffnung im Objektiv beziehungsweise bezeichnet fotografisch die eingestellte Blendenzahl.

Die Lichtstärke bezeichnet dagegen die größte relative Öffnung, die ein bestimmtes Objektiv ermöglicht.

Ein Objektiv mit Lichtstärke f/1,4 kannst Du beispielsweise bei f/1,4, f/2, f/2,8, f/4 oder kleineren Öffnungen verwenden. Seine Lichtstärke bleibt trotzdem f/1,4.

Das ist ein wichtiger Unterschied: Die eingestellte Blende ändert sich beim Fotografieren – die maximale Lichtstärke gehört zu den Eigenschaften des Objektivs.

Vor- und Nachteile lichtstarker Objektive

Eine hohe Lichtstärke bietet Dir vor allem mehr Spielraum. Du kannst bei wenig Licht kürzere Belichtungszeiten oder niedrigere ISO-Werte nutzen und hast zusätzliche Möglichkeiten, mit geringer Schärfentiefe zu gestalten.

Dem stehen mögliche Nachteile gegenüber. Lichtstarke Objektive können größer, schwerer und teurer sein. Außerdem brauchst Du die maximale Öffnung längst nicht für jedes Motiv.

Deshalb sollte die Frage beim Objektivkauf nicht einfach lauten: „Welche Lichtstärke ist die größte?“

Interessanter ist:

Brauche ich diese Lichtstärke für meine Art zu fotografieren?

Wer häufig Konzerte, Veranstaltungen, Reportagen oder andere bewegte Motive bei wenig Licht fotografiert, kann stark davon profitieren. Wer überwiegend bei gutem Licht und mit größerer Schärfentiefe arbeitet, gewinnt durch eine extreme Lichtstärke möglicherweise deutlich weniger.

Die Lichtstärke beschreibt die größte relative Blendenöffnung eines Objektivs. Eine kleine Blendenzahl wie f/1,4 steht dabei für eine hohe Lichtstärke, eine größere Zahl wie f/4 für eine geringere.

In der Praxis verschafft Dir ein lichtstarkes Objektiv vor allem mehr fotografischen Spielraum: bei der Belichtungszeit, beim ISO-Wert und bei der Gestaltung mit Schärfe und Unschärfe.

Und genau darin liegt sein eigentlicher Nutzen. Nicht darin, ständig mit vollständig geöffneter Blende zu fotografieren, sondern diese Möglichkeit dann zu haben, wenn das Motiv sie verlangt.

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