Vinyl-Lexikon

Blue Note Records

Warum dieses Jazz-Label bis heute Kultstatus genießt

Wer sich etwas intensiver mit Jazz beschäftigt, begegnet früher oder später einem Namen immer wieder: Blue Note Records. Und wenn Du Schallplatten sammelst, wahrscheinlich eher früher als später.

John Coltrane, Art Blakey, Herbie Hancock, Horace Silver, Lee Morgan, Dexter Gordon oder Wayne Shorter – die Liste der Musiker, die für Blue Note aufgenommen haben, liest sich stellenweise wie ein Who’s Who der Jazzgeschichte.

Doch Blue Note steht für mehr als einen beeindruckenden Katalog. Das Label entwickelte eine erstaunlich geschlossene Identität aus Musik, Aufnahmetechnik, Fotografie und Grafikdesign. Bei vielen klassischen Veröffentlichungen genügt deshalb schon ein Blick auf das Cover – und Du denkst sofort: Das muss Blue Note sein.

Was ist Blue Note?

Blue Note Records ist ein 1939 in New York gegründetes Jazz-Label und gehört zu den bedeutendsten Plattenlabels der Jazzgeschichte.

Die erste Blue-Note-Aufnahmesession fand am 6. Januar 1939 mit den Boogie-Woogie-Pianisten Albert Ammons und Meade „Lux“ Lewis statt. Gegründet wurde das Label von dem aus Deutschland stammenden Jazzliebhaber Alfred Lion; sein Jugendfreund Francis Wolff stieß kurz darauf hinzu.

Der Name „Blue Note“ bezieht sich übrigens auf die sogenannten Blue Notes – Töne, deren charakteristische Intonation wesentlich zur Ausdrucksweise von Blues und Jazz gehört.

Die Idee hinter Blue Note

Interessant wird die Geschichte des Labels, wenn man sich anschaut, wie Blue Note arbeitete.

Alfred Lion betrachtete Jazz nicht einfach als Ware, die möglichst schnell auf Schallplatte gebracht werden musste. Entscheidend war die Musik selbst. Diese Haltung führte dazu, dass Blue Note über Jahrzehnte Musiker aufnahm, die den modernen Jazz entscheidend mitprägten.

Das Spektrum wurde dabei immer größer. Die Geschichte des Labels reicht von Boogie-Woogie, Hot Jazz und Swing über Bebop und Hard Bop bis zu Post-Bop, Soul Jazz, Avantgarde und Fusion. Auch zeitgenössischer Jazz gehört weiterhin zum Programm.

Besonders eng wird Blue Note allerdings mit dem Hard Bop der 1950er- und 1960er-Jahre verbunden. Genau aus dieser Zeit stammen viele Alben, die heute als Klassiker gelten.

Der typische Blue-Note-Klang

Unter Plattensammlern ist häufig vom „Blue Note Sound“ die Rede.

Natürlich klingt nicht jede Veröffentlichung des Labels gleich. Trotzdem besitzen viele der klassischen Aufnahmen eine gewisse klangliche Verwandtschaft. Einen erheblichen Anteil daran hatte der Toningenieur Rudy Van Gelder.

Alfred Lion lernte Van Gelder Anfang der 1950er-Jahre kennen und arbeitete ab 1953 regelmäßig mit ihm. Zunächst entstanden Aufnahmen in Van Gelders Studio im Haus seiner Eltern in Hackensack, New Jersey. Später wechselte er in sein berühmtes eigenes Studio in Englewood Cliffs. Zwischen 1953 und 1972 war Van Gelder der zentrale Toningenieur zahlreicher Blue-Note-Produktionen.

Seine Aufnahmen wirken häufig unmittelbar und präsent. Schlagzeug, Bläser, Klavier und Bass bekommen einen klar definierten Platz, ohne dass die Musik dadurch steril erscheint.

Das Entscheidende daran ist weniger die Frage, ob dieser Klang technisch „perfekt“ ist.

Er besitzt Charakter.

Und genau deshalb erkennen erfahrene Jazzhörer manche Van-Gelder-Aufnahme erstaunlich schnell wieder.

Nicht nur Musik: die berühmten Blue-Note-Cover

Blue Note hört man nicht nur.

Man erkennt es auch.

Dafür waren vor allem zwei Menschen verantwortlich: Francis Wolff und Reid Miles.

Wolff war nicht nur Geschäftspartner von Alfred Lion, sondern auch Fotograf. Er begleitete zahlreiche Aufnahmesessions mit seiner Kamera und schuf dabei eindrucksvolle Bilder der Musiker. Seine Fotografien zeigen Jazz nicht als inszenierte Show, sondern häufig als konzentrierte Arbeit im Studio.

Der Grafiker Reid Miles kombinierte diese Fotografien ab Mitte der 1950er-Jahre mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlich modernen Gestaltung. Große Typografie, starke Kontraste, reduzierte Farbflächen und teilweise radikale Bildausschnitte wurden zu Markenzeichen.

Musik, Fotografie und Grafik bildeten dadurch eine Einheit.

Das ist einer der Gründe, warum originale Blue-Note-LPs heute nicht nur für Jazzfreunde, sondern auch für Liebhaber von Grafikdesign und Fotografie interessant sind.

Welche Musiker veröffentlichten bei Blue Note?

Die Liste ist enorm. Zu den wichtigsten Namen aus der Geschichte des Labels gehören unter anderem Thelonious Monk, Bud Powell, Miles Davis, John Coltrane, Cannonball Adderley, Horace Silver, Art Blakey, Jimmy Smith, Dexter Gordon, Grant Green, Lee Morgan, Freddie Hubbard, Joe Henderson, Herbie Hancock, Wayne Shorter, McCoy Tyner und Ornette Coleman.

Das Spannende daran: Blue Note dokumentierte Jazz nicht erst im Rückblick.

Viele dieser Musiker wurden aufgenommen, während sich die Musik gerade weiterentwickelte.

Das Label war also nicht nur Chronist der Jazzgeschichte, sondern ein Teil davon.

Blue Note und Vinyl

Für Schallplattensammler besitzt Blue Note einen besonderen Stellenwert.

Frühe Originalpressungen einiger Alben sind heute begehrte und entsprechend teure Sammlerstücke. Du musst allerdings keine historischen Originale suchen, um die Musik auf Vinyl zu hören.

Blue Note pflegt seinen Katalog weiterhin mit Neuauflagen. Dazu gehören beispielsweise audiophile Veröffentlichungen und Reissue-Serien, bei denen zahlreiche Klassiker neu gemastert und wieder auf Vinyl veröffentlicht werden. Bei entsprechenden Serien wurden auch analoge Masterbänder als Quelle genutzt, sofern diese verfügbar waren.

Für Einsteiger ist das durchaus erfreulich: Ein berühmtes Blue-Note-Album muss nicht zwangsläufig zum kostspieligen Sammlerprojekt werden.

Trotzdem lohnt sich beim Kauf ein genauer Blick auf die jeweilige Ausgabe. Bei einem Album, das über viele Jahrzehnte immer wieder veröffentlicht wurde, können Mastering, Presswerk und verwendete Quelle unterschiedlich sein.

„Blue Note“ auf dem Cover allein sagt deshalb noch nicht alles über die konkrete Pressung aus.

Fünf Alben für den Einstieg

Wer Blue Note kennenlernen möchte, könnte problemlos eine Liste mit 50 Alben zusammenstellen. Für den Anfang reichen aber fünf sehr unterschiedliche Klassiker:

Art Blakey & The Jazz Messengers – Moanin’
Ein hervorragender Einstieg in den Hard Bop und für viele geradezu der Inbegriff des klassischen Blue-Note-Sounds.

John Coltrane – Blue Train
Coltranes berühmtes Blue-Note-Album verbindet starke Kompositionen mit einer großartigen Besetzung und gehört zu den bekanntesten Veröffentlichungen des Labels.

Lee Morgan – The Sidewinder
Groovig, zugänglich und trotzdem eindeutig Jazz. Das Titelstück entwickelte sich zu einem der bekanntesten Stücke des Blue-Note-Katalogs.

Herbie Hancock – Maiden Voyage
Atmosphärischer und moderner. Ein gutes Beispiel dafür, wie weit sich der Jazz bei Blue Note in den 1960er-Jahren bereits entwickelt hatte.

Wayne Shorter – Speak No Evil
Ein Album, das zwischen Hard Bop und moderneren Jazzformen steht und auch nach vielen Durchläufen noch Neues entdecken lässt.

Diese Auswahl ist natürlich keine Bestenliste. Sie zeigt vielmehr, wie unterschiedlich Musik unter dem berühmten blau-weißen Logo klingen kann.

Vor- und Nachteile aus Sicht eines Vinylhörers

Vorteile

Blue Note bietet einen außergewöhnlich umfangreichen Jazzkatalog mit zahlreichen historisch bedeutenden Aufnahmen. Viele Klassiker sind auch heute wieder auf Vinyl erhältlich.

Hinzu kommt eine starke visuelle Identität. Gerade bei Schallplatten funktionieren die Fotografien von Francis Wolff und die Covergestaltung von Reid Miles besonders gut – schließlich hältst Du das Artwork hier tatsächlich im LP-Format in den Händen.

Nachteile

Die enorme Zahl verschiedener Pressungen kann den Einstieg kompliziert machen.

Originalpressung, frühe Wiederveröffentlichung, spätere Neuauflage, unterschiedliche Masterings und verschiedene Reissue-Serien: Wer nach der vermeintlich „besten“ Ausgabe sucht, landet schnell in einer ziemlich tiefen Sammlerwelt.

Für den Musikgenuss ist das glücklicherweise nicht notwendig.

Blue Note Records ist weit mehr als ein berühmtes Jazz-Label.

Alfred Lion und Francis Wolff schufen zusammen mit Musikern, Toningenieur Rudy Van Gelder und Gestaltern wie Reid Miles eine außergewöhnlich geschlossene Welt aus Musik, Klang, Fotografie und Design.

Gerade darin liegt vermutlich ein großer Teil der bis heute anhaltenden Faszination.

Du kannst eine Blue-Note-Platte auflegen und Dich ausschließlich auf die Musik konzentrieren. Du kannst Dich mit den Aufnahmen und ihrer Entstehung beschäftigen. Du kannst verschiedene Pressungen vergleichen. Oder Du kannst einfach ein großartig gestaltetes Plattencover in der Hand halten.

Und irgendwann passiert etwas, das bei wirklich guten Plattenlabels selten ist:

Du kaufst nicht mehr nur ein Album eines bestimmten Musikers.

Du schaust auch darauf, welches Label auf dem Cover steht.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Let us know you are human: