{"id":74,"date":"2026-02-15T12:40:29","date_gmt":"2026-02-15T11:40:29","guid":{"rendered":"http:\/\/neu.digimaelde.de\/?p=74"},"modified":"2026-07-27T20:38:09","modified_gmt":"2026-07-27T18:38:09","slug":"der-eigene-stil-in-der-fotografie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/der-eigene-stil-in-der-fotografie\/","title":{"rendered":"Der eigene Stil in der Fotografie \u2013 oder: \u201eMach dein Ding, aber mit Charme!\u201c"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201eIch sehe schon am Vorschaubild, dass das Foto von dir ist. Du hast deinen eigenen Stil.\u201c<\/strong> Als ich diesen Satz zum ersten Mal h\u00f6rte, war ich unsicher, ob ich ihn ernst nehmen sollte. Ein eigener Stil \u2013 das klang f\u00fcr mich nach etwas, das man bewusst entwickelt, vielleicht sogar strategisch plant. Nach etwas, das andere definieren. Ich selbst hatte nie das Gef\u00fchl, so etwas aktiv geschaffen zu haben. Ich fotografierte einfach. Mal Tiere in ihrer Gesamtheit, mal Details, mal mit mehr Abstand, mal ganz nah dran.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Einige Zeit sp\u00e4ter fiel bei einem Treffen mit Fotofreunden ein weiterer Satz, der mich nachdenklich machte: \u201eDas ist doch der pubanze Schnitt.\u201c Ich musste schmunzeln. Gleichzeitig begann ich mich zu fragen, ob sich in meinen Bildern tats\u00e4chlich so etwas wie eine wieder erkennbare Handschrift eingeschlichen hatte. Neugierig begann ich, mein eigenes Archiv systematisch zu durchforsten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vom Dokumentieren zum Interpretieren<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei fiel mir auf, dass meine fr\u00fchen Tieraufnahmen oft einem sehr dokumentarischen Ansatz folgten. Das gesamte Tier sollte abgebildet sein, m\u00f6glichst vollst\u00e4ndig, m\u00f6glichst korrekt. Nichts sollte fehlen. Es ging mir um eine saubere Abbildung dessen, was vor mir stand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der Zeit ver\u00e4nderte sich mein Blick. Die Bilder wurden enger. Ich konzentrierte mich st\u00e4rker auf Kopfpartien, auf Augen, auf Ausdruck. Irgendwann merkte ich, dass mich weniger das ganze Tier interessierte als vielmehr das, was Charakter sichtbar machte. Der Fokus verschob sich von der reinen Darstellung hin zur Interpretation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter wurde der Ausschnitt noch reduzierter. Ich begann, Strukturen zu suchen \u2013 die Oberfl\u00e4che eines Schnabels, die Textur eines Gefieders, das Licht in einzelnen Haaren. Das Motiv wurde fragmentarischer. Es ging nicht mehr darum, alles zu zeigen, sondern das Wesentliche herauszuarbeiten. Nicht die Vollst\u00e4ndigkeit war entscheidend, sondern die Konzentration.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Bemerkenswerte daran: Diese Entwicklung war keine bewusste Entscheidung. Ich habe mich nie hingesetzt mit dem Vorsatz, nun einen eigenen Stil zu definieren. Vielmehr entstand diese Ver\u00e4nderung aus dem Wunsch, genauer hinzusehen. Aus dem Bed\u00fcrfnis, nicht nur zu dokumentieren, sondern zu verstehen, was mich an einem Motiv wirklich interessiert.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"466\" src=\"https:\/\/neu.juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Der_eigene_Stil-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-77\" srcset=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Der_eigene_Stil-2.jpg 700w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Der_eigene_Stil-2-400x266.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Stil als Nebenprodukt der eigenen Wahrnehmung<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht liegt genau darin der Kern eines fotografischen Stils. Er entsteht nicht durch Planung, sondern durch Wiederholung. Durch Entscheidungen, die man immer wieder trifft, ohne sie als strategisch zu begreifen. Man w\u00e4hlt bestimmte Ausschnitte. Man bevorzugt bestimmtes Licht. Man arbeitet n\u00e4her am Motiv oder bewusst mit Distanz. Man reduziert, weil man Klarheit sucht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist, dass andere diese Muster oft fr\u00fcher erkennen als man selbst. W\u00e4hrend man fotografiert, ist man mit Technik, Licht, Sch\u00e4rfeebene und Timing besch\u00e4ftigt. Au\u00dfenstehende sehen dagegen die Summe der Bilder. Sie erkennen Konstanten, wiederkehrende Gestaltungsprinzipien, Vorlieben. Was f\u00fcr einen selbst selbstverst\u00e4ndlich ist, wirkt von au\u00dfen charakteristisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch ist ein eigener Stil \u00fcberhaupt notwendig? Ich glaube nicht. Er ist kein Qualit\u00e4tsnachweis und kein G\u00fctesiegel. Er ist vielmehr ein Nebenprodukt der eigenen Entwicklung. Wer \u00fcber Jahre fotografiert, hinterl\u00e4sst zwangsl\u00e4ufig Spuren im eigenen Werk. Manche bleiben konstant, andere ver\u00e4ndern sich. Beides geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wichtig ist nur, dass man sich nicht von der Idee eines \u201eStils\u201c einschr\u00e4nken l\u00e4sst. Wer f\u00fcr Detailaufnahmen bekannt ist, darf weiterhin ganze Tiere fotografieren. Wer reduzierend arbeitet, darf auch einmal bewusst anders komponieren. Stil sollte kein festes Konzept sein, sondern eine Momentaufnahme der eigenen Sichtweise.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">R\u00fcckblickend betrachte ich den \u201epubanze Schnitt\u201c daher mit Gelassenheit. Wenn es ihn gibt, dann ist er Ausdruck meiner Art zu sehen \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Und wenn er sich in einigen Jahren wieder ver\u00e4ndert, dann zeigt das lediglich, dass auch meine Wahrnehmung in Bewegung bleibt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Ende ist der eigene Stil nichts anderes als die sichtbare Spur der eigenen Neugier. Wer fotografiert, weil ihn Details faszinieren, weil er Strukturen entdecken oder Stimmungen festhalten m\u00f6chte, entwickelt automatisch eine Handschrift. Nicht geplant, nicht konstruiert \u2013 sondern gewachsen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und vielleicht ist genau das das Entscheidende: Man sollte sein Ding machen. Mit Sorgfalt. Mit Aufmerksamkeit. Und mit einer guten Portion Charme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size wp-block-paragraph\">\u00dcberarbeiteter Beitrag, Erstver\u00f6ffentlichung 04. Februar 2012<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch sehe schon am Vorschaubild, dass das Foto von dir ist. Du hast deinen eigenen Stil.\u201c Als ich diesen Satz zum ersten Mal h\u00f6rte, war ich unsicher, ob ich ihn ernst nehmen sollte. Ein eigener Stil \u2013 das klang f\u00fcr mich nach etwas, das man bewusst entwickelt, vielleicht sogar strategisch plant. Nach etwas, das andere definieren. Ich selbst hatte nie das Gef\u00fchl, so etwas aktiv geschaffen zu haben. Ich fotografierte einfach. Mal Tiere in ihrer Gesamtheit, mal Details, mal mit mehr Abstand, mal ganz nah dran. Einige Zeit sp\u00e4ter fiel bei einem Treffen mit Fotofreunden ein weiterer Satz, der mich nachdenklich machte: \u201eDas ist doch der pubanze Schnitt.\u201c Ich musste schmunzeln. Gleichzeitig begann ich mich zu fragen, ob sich in meinen Bildern tats\u00e4chlich so etwas wie eine wieder erkennbare Handschrift eingeschlichen hatte. Neugierig begann ich, mein eigenes Archiv systematisch zu durchforsten. Vom Dokumentieren zum Interpretieren Dabei fiel mir auf, dass meine fr\u00fchen Tieraufnahmen oft einem sehr dokumentarischen Ansatz folgten. Das gesamte Tier sollte abgebildet sein, m\u00f6glichst vollst\u00e4ndig, m\u00f6glichst korrekt. Nichts sollte fehlen. Es ging mir um eine saubere Abbildung dessen, was vor mir stand. Mit der Zeit ver\u00e4nderte sich mein Blick. Die Bilder wurden enger. Ich konzentrierte mich st\u00e4rker auf Kopfpartien, auf Augen, auf Ausdruck. Irgendwann merkte ich, dass mich weniger das ganze Tier interessierte als vielmehr das, was Charakter sichtbar machte. Der Fokus verschob sich von der reinen Darstellung hin zur Interpretation. Sp\u00e4ter wurde der Ausschnitt noch reduzierter. 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Man bevorzugt bestimmtes Licht. Man arbeitet n\u00e4her am Motiv oder bewusst mit Distanz. Man reduziert, weil man Klarheit sucht. Interessant ist, dass andere diese Muster oft fr\u00fcher erkennen als man selbst. W\u00e4hrend man fotografiert, ist man mit Technik, Licht, Sch\u00e4rfeebene und Timing besch\u00e4ftigt. Au\u00dfenstehende sehen dagegen die Summe der Bilder. Sie erkennen Konstanten, wiederkehrende Gestaltungsprinzipien, Vorlieben. Was f\u00fcr einen selbst selbstverst\u00e4ndlich ist, wirkt von au\u00dfen charakteristisch. Doch ist ein eigener Stil \u00fcberhaupt notwendig? Ich glaube nicht. Er ist kein Qualit\u00e4tsnachweis und kein G\u00fctesiegel. Er ist vielmehr ein Nebenprodukt der eigenen Entwicklung. Wer \u00fcber Jahre fotografiert, hinterl\u00e4sst zwangsl\u00e4ufig Spuren im eigenen Werk. Manche bleiben konstant, andere ver\u00e4ndern sich. Beides geh\u00f6rt dazu. Wichtig ist nur, dass man sich nicht von der Idee eines \u201eStils\u201c einschr\u00e4nken l\u00e4sst. Wer f\u00fcr Detailaufnahmen bekannt ist, darf weiterhin ganze Tiere fotografieren. Wer reduzierend arbeitet, darf auch einmal bewusst anders komponieren. Stil sollte kein festes Konzept sein, sondern eine Momentaufnahme der eigenen Sichtweise. R\u00fcckblickend betrachte ich den \u201epubanze Schnitt\u201c daher mit Gelassenheit. Wenn es ihn gibt, dann ist er Ausdruck meiner Art zu sehen \u2013 nicht mehr und nicht weniger. Und wenn er sich in einigen Jahren wieder ver\u00e4ndert, dann zeigt das lediglich, dass auch meine Wahrnehmung in Bewegung bleibt. Am Ende ist der eigene Stil nichts anderes als die sichtbare Spur der eigenen Neugier. Wer fotografiert, weil ihn Details faszinieren, weil er Strukturen entdecken oder Stimmungen festhalten m\u00f6chte, entwickelt automatisch eine Handschrift. Nicht geplant, nicht konstruiert \u2013 sondern gewachsen. 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