{"id":13270,"date":"2026-09-15T16:41:31","date_gmt":"2026-09-15T14:41:31","guid":{"rendered":"https:\/\/juergenpubanz.de\/?p=13270"},"modified":"2026-09-15T16:42:17","modified_gmt":"2026-09-15T14:42:17","slug":"was-ist-eigentlich-echte-fotografie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/was-ist-eigentlich-echte-fotografie\/","title":{"rendered":"Was ist eigentlich echte Fotografie?"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwischen &bdquo;Out of Cam&ldquo;, Bildbearbeitung, Analog-Look und der Frage, wer das &uuml;berhaupt entscheiden darf<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Diskussionen in der Fotografie, die vermutlich niemals endg&uuml;ltig entschieden werden. <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/raw\/\" target=\"_self\" title=\"Was steckt hinter dem Rohdatenformat? Wer sich etwas intensiver mit digitaler Fotografie besch&auml;ftigt, begegnet fr&uuml;her oder sp&auml;ter der Wahl zwischen JPEG und RAW. W&auml;hrend ein JPEG praktisch fertig aus der Kamera kommt, l&auml;sst Dir RAW bei der sp&auml;teren Bildentwicklung deutlich&hellip;\" class=\"encyclopedia\">RAW<\/a> oder JPEG geh&ouml;rt dazu. Analog oder digital nat&uuml;rlich auch. Und irgendwann landet man fast zwangsl&auml;ufig bei der ganz gro&szlig;en Frage:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was ist eigentlich noch echte Fotografie?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&uuml;r manche ist die Sache ziemlich klar. Eine Fotografie entsteht in dem Moment, in dem der Ausl&ouml;ser gedr&uuml;ckt wird. Was danach kommt, ist Bearbeitung &ndash; und je mehr davon geschieht, desto weiter entfernt sich das Ergebnis von der eigentlichen Fotografie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andere sehen die Aufnahme eher als Ausgangspunkt. Das Bild entsteht zwar in der Kamera, bekommt aber erst bei der Entwicklung seine endg&uuml;ltige Form. Ob diese Entwicklung in einer Dunkelkammer oder an einem Computer stattfindet, macht dabei zun&auml;chst keinen grunds&auml;tzlichen Unterschied.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und dann gibt es noch diejenigen, die einem digitalen Foto ganz bewusst einen analogen Look verpassen, kr&auml;ftig an Farben und Kontrasten drehen oder mehrere Aufnahmen miteinander kombinieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer von ihnen macht nun &bdquo;echte&ldquo; Fotografie?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht liegt das Problem schon in der Frage.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Sehnsucht nach dem unverf&auml;lschten Bild<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich kann durchaus verstehen, was hinter der Vorstellung steckt, ein Bild m&ouml;glichst fertig aus der Kamera bekommen zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du besch&auml;ftigst Dich vor der Aufnahme mit Licht, <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/perspektive\/\" target=\"_self\" title=\"Sie ist in der Fotografie &ndash; mehr als nur der Blickwinkel Perspektive geh&ouml;rt zu den wirkungsvollsten Gestaltungsmitteln der Fotografie &ndash; und gleichzeitig zu den Begriffen, die leicht missverst&auml;ndlich verwendet werden. Oft hei&szlig;t es beispielsweise, ein Weitwinkelobjektiv w&uuml;rde die Perspektive verst&auml;rken&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Perspektive<\/a> und Bildgestaltung. Du achtest auf die <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/belichtung\/\" target=\"_self\" title=\"Belichtung geh&ouml;rt zu den Begriffen, an denen in der Fotografie kein Weg vorbeif&uuml;hrt. Denn unabh&auml;ngig davon, ob Du mit einer modernen Systemkamera, einer analogen Spiegelreflexkamera oder dem Smartphone fotografierst: Am Anfang eines Fotos steht immer Licht. Dabei geht es bei&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Belichtung<\/a> und wartest vielleicht auf den richtigen Moment. Das Bild soll nicht deshalb funktionieren, weil sp&auml;ter am Computer noch irgendetwas daraus gemacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dagegen ist &uuml;berhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Sich bereits beim Fotografieren Gedanken &uuml;ber das sp&auml;tere Bild zu machen, halte ich f&uuml;r ausgesprochen sinnvoll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Historisch findet man eine verwandte Haltung beispielsweise in der sogenannten Straight Photography. Fotografen wie Paul Strand wandten sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen den Piktorialismus, bei dem Fotografien durch verschiedene Verfahren teilweise bewusst einer malerischen &Auml;sthetik angen&auml;hert wurden. Strands Arbeiten wurden dagegen gerade wegen ihrer Direktheit, Klarheit und des Verzichts auf sichtbare Handarbeit und technische Manipulation gelobt. Das Metropolitan Museum of Art z&auml;hlt diese Eigenschaften zu dem, was sp&auml;ter als Straight Photography bezeichnet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist also keineswegs eine Erfindung moderner Fotoforen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur folgt daraus noch lange nicht, dass ein unbearbeitetes Kamerabild automatisch die einzig legitime Form der Fotografie w&auml;re.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">&bdquo;Out of the Cam&ldquo; &ndash; aber was kommt da eigentlich heraus?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit dem Begriff &bdquo;Out of the Cam&ldquo; habe ich mich schon einmal ausf&uuml;hrlicher besch&auml;ftigt. Und meine Skepsis ist seitdem nicht kleiner geworden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein JPEG, das direkt auf der Speicherkarte landet, ist n&auml;mlich keineswegs ein v&ouml;llig neutrales Abbild der Sensordaten. Die Kamera hat bereits Entscheidungen getroffen. Sie interpretiert Farben und Tonwerte, sch&auml;rft das Bild und wendet je nach Einstellungen weitere Korrekturen an.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Bild wurde also bearbeitet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur eben nicht von Dir am Computer, sondern von der Software in Deiner Kamera.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau deshalb halte ich die Grenze zwischen &bdquo;in der Kamera&ldquo; und &bdquo;nach der Kamera&ldquo; f&uuml;r wenig geeignet, um daraus eine Definition von echter oder unechter Fotografie abzuleiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich ausf&uuml;hrlicher mit diesem Gedanken besch&auml;ftigen m&ouml;chte, findet ihn in meinem Beitrag <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/out-of-the-cam-was-soll-das-bitte-sein\/?utm_source=chatgpt.com\">&bdquo;<\/a><strong><a href=\"\/out-of-the-cam-was-soll-das-bitte-sein\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Out of the Cam &ndash; Was soll das bitte sein?<\/a><\/strong><a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/out-of-the-cam-was-soll-das-bitte-sein\/?utm_source=chatgpt.com\">&ldquo;<\/a>. Dort geht es genau um die Frage, warum selbst ein scheinbar unbearbeitetes JPEG bereits das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interessant ist &uuml;brigens ein Einwand, den ein Leser dort inzwischen eingebracht hat. F&uuml;r ihn kommt das Farbdia der Idee von &bdquo;Out of Cam&ldquo; besonders nahe. Und tats&auml;chlich ist das ein gutes Gegenargument: Beim Dia gibt es keinen anschlie&szlig;enden Positivprozess wie beim Negativ, bei dem der Fotograf beim Vergr&ouml;&szlig;ern noch umfangreich eingreifen kann. Das entwickelte Dia ist bereits das Bild.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz ohne Interpretation ist allerdings auch das Dia nicht. Schon mit der Wahl des Films entscheidet sich der Fotograf f&uuml;r dessen charakteristische Farbwiedergabe, Kontrastverhalten und weitere Eigenschaften. Dazu kommen Belichtung, <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/objektiv\/\" target=\"_self\" title=\"Mehr als nur das Auge der Kamera Wenn &uuml;ber Kameras gesprochen wird, dreht sich vieles um Sensoren, Megapixel, Autofokus oder Serienbildgeschwindigkeit. Dabei entsteht das Bild schon ein gutes St&uuml;ck vorher: im Objektiv. Das Objektiv sammelt das Licht eines Motivs und&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Objektiv<\/a> und chemische Entwicklung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist das Dia deshalb tats&auml;chlich eine der konsequentesten Formen von &bdquo;Out of Cam&ldquo;. Eine v&ouml;llig neutrale fotografische Wahrheit liefert aber auch der Diafilm nicht.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Dunkelkammer war kein heiliger Ort der Unverf&auml;lschtheit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal entsteht bei solchen Diskussionen der Eindruck, <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/bildbearbeitung\/\" target=\"_self\" title=\"Bildbearbeitung in der Fotografie bezieht sich auf jede Form der &Auml;nderung oder Verbesserung von digitalen oder analogen Fotos, um das Aussehen oder die Qualit&auml;t des Bildes zu ver&auml;ndern. Dies kann durch verschiedene Software-Tools erfolgen, die eine Vielzahl von Funktionen bieten,&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Bildbearbeitung<\/a> sei erst mit Photoshop und Lightroom in die Fotografie gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das h&auml;lt einer historischen Betrachtung nicht stand.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Negative wurden anders vergr&ouml;&szlig;ert, Ausschnitte ver&auml;ndert, Bereiche abgewedelt oder nachbelichtet. Mit Papierwahl, Entwicklungsprozess und vielen weiteren Entscheidungen lie&szlig; sich beeinflussen, wie das endg&uuml;ltige Bild aussah.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und Fotografen gingen teilweise erheblich weiter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein sch&ouml;nes historisches Beispiel liefert Arnold Genthe. Die Library of Congress besitzt einen umfangreichen Bestand seiner Negative. Auf ihnen finden sich Ausschnittmarkierungen, Retuschen und Anweisungen f&uuml;r den sp&auml;teren Abzug. Genthe zeichnete teilweise direkt auf Negative, &auml;tzte sie oder trug Farbe auf. Bei einer Aufnahme entfernte er auf diese Weise sogar eine Person aus dem endg&uuml;ltigen Bild. Die Library of Congress zeigt den Unterschied zwischen urspr&uuml;nglichem Negativ und fertigem Bild sehr anschaulich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Metropolitan Museum of Art hat sich mit der Ausstellung und dem Buch <em>Faking It: Manipulated Photography Before Photoshop<\/em> ausf&uuml;hrlich mit diesem Thema besch&auml;ftigt. Die dort dokumentierten Verfahren reichen bis in die fr&uuml;hen Jahrzehnte der Fotografie zur&uuml;ck. Menschen wurden hinzugef&uuml;gt oder entfernt, Negative kombiniert, Haut und K&ouml;rper retuschiert und sogar Ereignisse konstruiert, die so niemals stattgefunden hatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildmanipulation ist also keineswegs die dunkle Begleiterscheinung der Digitalfotografie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie geh&ouml;rt fast so lange zur Geschichte der Fotografie wie die Fotografie selbst.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Entwicklung und Manipulation sind nicht dasselbe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit sollten wir allerdings nicht in die andere Richtung &uuml;bertreiben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur weil Fotografien schon immer bearbeitet wurden, bedeutet das nicht, dass jede Bearbeitung dasselbe ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&uuml;r mich ist es hilfreich, zwischen <strong>Interpretation und Ver&auml;nderung des Bildinhalts<\/strong> zu unterscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich bei einer RAW-Datei <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/weissabgleich\/\" target=\"_self\" title=\"Nat&uuml;rliche Farben trotz unterschiedlichem Licht Eine wei&szlig;e Hauswand bleibt f&uuml;r uns wei&szlig; &ndash; egal, ob wir sie im warmen Licht einer Gl&uuml;hlampe, im Schatten oder unter einem bedeckten Himmel betrachten. Unser Sehsystem passt sich erstaunlich gut an unterschiedliche Lichtfarben an.&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Wei&szlig;abgleich<\/a>, Helligkeit, Kontrast oder Farbwiedergabe bestimme, interpretiere ich die aufgenommenen Daten. Auch eine Schwarzwei&szlig;umwandlung oder eine lokale Anpassung von Tonwerten geh&ouml;rt f&uuml;r mich zun&auml;chst in diesen Bereich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich dagegen einen Strommast verschwinden lasse, einen langweiligen Himmel gegen einen dramatischen Sonnenuntergang austausche oder eine Person in das Bild setze, die bei der Aufnahme gar nicht dort war, greife ich in den Inhalt ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch das kann vollkommen legitim sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber es ist etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie wichtig diese Unterscheidung ist, sieht man besonders deutlich in der Pressefotografie.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wenn ein Foto ein Versprechen abgibt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einer k&uuml;nstlerischen Landschaftsaufnahme kann ich einen Himmel austauschen. Ob ich das sch&ouml;n finde, steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einer Presseaufnahme gelten andere Ma&szlig;st&auml;be.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">World Press Photo erlaubt beispielsweise Anpassungen von Farbe oder eine Umwandlung in Schwarzwei&szlig;, solange dadurch der Inhalt nicht wesentlich ver&auml;ndert wird. Personen oder Gegenst&auml;nde d&uuml;rfen dagegen nicht hinzugef&uuml;gt, entfernt, verschoben oder verzerrt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum diese strengen Regeln?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil ein dokumentarisches Bild dem Betrachter ein Versprechen gibt:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Das, was Du hier siehst, hat vor meiner Kamera stattgefunden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">World Press Photo begr&uuml;ndet seine Regeln entsprechend mit Vertrauen, Genauigkeit und einer fairen Darstellung des Geschehens.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und damit kommen wir meines Erachtens einem entscheidenden Punkt n&auml;her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht jede Fotografie behauptet dasselbe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein journalistisches Foto dokumentiert. Eine abstrakte <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/architekturfotografie\/\" target=\"_self\" title=\"Unter Architekturfotografie versteht man die fotografische Darstellung von Geb&auml;uden und Strukturen, einschlie&szlig;lich ihrer Formen, Texturen, Materialien, Proportionen und Details. Ziel ist es, das Design, die &Auml;sthetik und die Funktion der Architektur zu dokumentieren und zu betonen. Architekturfotografie kann eine Vielzahl&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Architekturfotografie<\/a> interpretiert. Ein Fine-Art-Bild darf eine v&ouml;llig eigene Wirklichkeit erschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum sollten f&uuml;r alle drei dieselben Regeln gelten?<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Darf ein digitales Bild analog aussehen?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier wird die Diskussion f&uuml;r mich besonders kurios.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt Fotografen, die nichts dagegen haben, wenn jemand mit analogem Film fotografiert. Korn, besondere Farbwiedergabe und die charakteristische Tonalit&auml;t des Materials geh&ouml;ren dann eben zum Bild.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird ein &auml;hnlicher Look anschlie&szlig;end auf eine digitale Aufnahme angewendet, gilt das pl&ouml;tzlich als k&uuml;nstlich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber warum eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn mir die &Auml;sthetik gef&auml;llt, kann ich sie doch als gestalterisches Mittel verwenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Noch interessanter wird die Sache bei modernen Digitalkameras mit Filmsimulationen. Fujifilm bietet beispielsweise verschiedene Simulationen an, die auf der langj&auml;hrigen Erfahrung des Unternehmens mit fotografischen Filmen beruhen und nicht nur Farben, sondern auch Tonalit&auml;t und Kontrast beeinflussen. ACROS soll beispielsweise eine bestimmte monochrome Tonalit&auml;t und Textur erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stelle ich diese Simulation vor der Aufnahme in der Kamera ein, bekomme ich ein JPEG &bdquo;Out of Cam&ldquo;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wende ich eine &auml;hnliche Charakteristik sp&auml;ter auf eine RAW-Datei an, habe ich mein Foto &bdquo;bearbeitet&ldquo;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ergebnis kann sich sehr &auml;hnlich sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Soll wirklich der Zeitpunkt, an dem ein Algorithmus auf das Bild angewendet wird, dar&uuml;ber entscheiden, welches davon die &bdquo;echtere&ldquo; Fotografie ist?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&uuml;r mich ergibt das wenig Sinn.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auch analog war nie neutral<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au&szlig;erdem sollten wir den analogen Film nicht im Nachhinein zu einem neutralen Medium verkl&auml;ren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer einen bestimmten Film einlegte, entschied sich damit auch f&uuml;r dessen Charakteristik. Unterschiedliche Filme lieferten unterschiedliche Farben, Kontraste, K&ouml;rnung und Empfindlichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Film war also nicht einfach ein durchsichtiges Fenster zur Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und genau deshalb habe ich &uuml;berhaupt kein Problem damit, wenn heute jemand sagt: Ich mag die &Auml;sthetik analoger Fotografie und m&ouml;chte etwas davon auf meine digitalen Bilder &uuml;bertragen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ob das Ergebnis &uuml;berzeugend aussieht, ist eine ganz andere Frage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Preset macht schlie&szlig;lich noch kein gutes Foto.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber das gilt f&uuml;r einen Diafilm genauso.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und wo kommt jetzt die KI ins Spiel?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit generativer KI bekommt die Diskussion noch einmal eine neue Dimension.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn hier geht es nicht mehr nur darum, vorhandene Bildinformationen zu interpretieren oder klassische Retuschen vorzunehmen. Software kann Bildinformationen erzeugen, die von der Kamera niemals aufgenommen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">World Press Photo zieht deshalb f&uuml;r seinen Wettbewerb eine klare Grenze: Die eingereichten Fotografien m&uuml;ssen mit einer Kamera entstanden sein. Synthetisch erzeugte Bilder und generatives F&uuml;llen sind nicht erlaubt. Bestimmte KI-gest&uuml;tzte Werkzeuge k&ouml;nnen dagegen zul&auml;ssig sein, solange sie keine neuen Bildinformationen hinzuf&uuml;gen oder aufgenommene Informationen entfernen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&uuml;r die dokumentarische Fotografie halte ich diese Grenze f&uuml;r nachvollziehbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&uuml;r Kunst muss sie deshalb noch lange nicht gelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn jemand aus Fotografien, Montagen und generierten Elementen ein Bild erschaffen m&ouml;chte, kann daraus schlie&szlig;lich ein interessantes Werk entstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich w&uuml;rde nur irgendwann nicht mehr selbstverst&auml;ndlich von einer Fotografie sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht weil das Ergebnis dadurch schlechter w&auml;re.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sondern weil etwas anderes daraus geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vielleicht suchen wir die falsche Grenze<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je l&auml;nger man sich mit der Frage besch&auml;ftigt, desto weniger sinnvoll erscheint mir die Trennung zwischen &bdquo;bearbeitet&ldquo; und &bdquo;unbearbeitet&ldquo;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Schon die Wahl des Ausschnitts ist eine Entscheidung dar&uuml;ber, was der Betrachter sehen soll und was nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Belichtung ver&auml;ndert die Wirkung einer Szene. Eine lange <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/brennweite\/\" target=\"_self\" title=\"Die Brennweite ist ein wichtiger Begriff in der Fotografie und bezieht sich auf die Entfernung zwischen dem Brennpunkt einer Linse und dem Sensor oder Film in einer Kamera. Die Brennweite wird in Millimetern gemessen und gibt an, wie stark die&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Brennweite<\/a> l&auml;sst r&auml;umliche Abst&auml;nde anders erscheinen als ein Weitwinkel. Schwarzwei&szlig; entfernt s&auml;mtliche Farben aus einer farbigen Welt. Ein Film bringt seine eigene Charakteristik mit. Eine Digitalkamera interpretiert Sensordaten. Und bei der <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/raw-entwicklung\/\" target=\"_self\" title=\"Aus Sensordaten wird ein fertiges Foto Wer im RAW-Format fotografiert, bekommt aus der Kamera zun&auml;chst kein vollst&auml;ndig fertig entwickeltes Bild. Die Datei enth&auml;lt vielmehr die Ausgangsdaten, aus denen eine RAW-Software das sichtbare Foto erzeugt. Genau dieser Vorgang wird als RAW-Entwicklung&hellip;\" class=\"encyclopedia\">RAW-Entwicklung<\/a> entscheidet der Fotograf, wie daraus sein endg&uuml;ltiges Bild werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine vollkommen neutrale Fotografie w&auml;re deshalb ohnehin schwer zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht sollten wir uns weniger fragen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie viel Bearbeitung ist erlaubt?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und stattdessen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Was m&ouml;chte dieses Bild sein?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dokumentiert es ein Ereignis?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Interpretiert es eine Landschaft?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Will es eine Stimmung vermitteln?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Oder m&ouml;chte der Fotograf eine eigene visuelle Welt erschaffen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Je nachdem f&auml;llt meine Antwort auf die Frage nach zul&auml;ssiger Bearbeitung unterschiedlich aus.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Erlaubt ist, was gef&auml;llt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und damit komme ich zu meiner pers&ouml;nlichen Haltung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe wenig Interesse daran, anderen Fotografen vorzuschreiben, wie sie ihre Bilder zu machen haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du m&ouml;chtest ausschlie&szlig;lich JPEG fotografieren und Deine Bilder genauso verwenden, wie sie aus der Kamera kommen?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mach das.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du m&ouml;chtest Deine RAW-Dateien stundenlang entwickeln?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum nicht?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du liebst Filmkorn, ents&auml;ttigte Farben und einen Look, der an einen Film aus den 1970er-Jahren erinnert?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur zu.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du findest genau diesen Look schrecklich?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch gut.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Erlaubt ist, was gef&auml;llt. Man muss sich ja nicht alles ansehen.<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<div style=\"height:10px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografie braucht f&uuml;r meinen Geschmack keine Geschmackspolizei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie braucht allerdings etwas anderes: Ehrlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich ein Bild als Dokument eines realen Ereignisses pr&auml;sentiere, sollte der Betrachter darauf vertrauen k&ouml;nnen, dass ich dieses Ereignis nicht nachtr&auml;glich erfunden habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn ich dagegen ein Bild als meine pers&ouml;nliche Interpretation einer Landschaft zeige, darf diese Interpretation f&uuml;r meinen Geschmack ziemlich weit gehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wenn ich ein digitales Foto aussehen lasse, als w&auml;re es vor vierzig Jahren auf Film aufgenommen worden, dann darfst Du das kitschig finden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich darf es trotzdem m&ouml;gen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vielleicht ist genau das Fotografie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografie war nie einfach nur das mechanische Festhalten einer objektiven Wirklichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwischen Motiv und fertigem Bild steht immer ein Fotograf, der Entscheidungen trifft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wo stelle ich mich hin? Was nehme ich ins Bild? Wann dr&uuml;cke ich auf den Ausl&ouml;ser? Wie belichte ich? Welche Brennweite verwende ich? Farbe oder Schwarzwei&szlig;? Welcher Film? Welches Kameraprofil? Wie entwickle ich das RAW?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Werkzeuge haben sich ver&auml;ndert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Entscheidung, <strong>wie wir etwas zeigen wollen<\/strong>, ist geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist deshalb gar nicht entscheidend, ob ein Foto &bdquo;Out of Cam&ldquo;, aus Lightroom, aus der Dunkelkammer oder mit einem analogen Film entstanden ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Entscheidend ist, was wir daraus machen &ndash; und was wir dem Betrachter dar&uuml;ber erz&auml;hlen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Den Rest darf jeder selbst entscheiden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und wenn es einem nicht gef&auml;llt?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nun ja.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man muss sich ja nicht alles ansehen.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen \u201eOut of Cam\u201c, Bildbearbeitung, Analog-Look und der Frage, wer das \u00fcberhaupt entscheiden darf Es gibt Diskussionen in der Fotografie, die vermutlich niemals endg\u00fcltig entschieden werden. RAW oder JPEG geh\u00f6rt dazu. Analog oder digital nat\u00fcrlich auch. Und irgendwann landet man fast zwangsl\u00e4ufig bei der ganz gro\u00dfen Frage: Was ist eigentlich noch echte Fotografie? F\u00fcr manche ist die Sache ziemlich klar. Eine Fotografie entsteht in dem Moment, in dem der Ausl\u00f6ser gedr\u00fcckt wird. Was danach kommt, ist Bearbeitung \u2013 und je mehr davon geschieht, desto weiter entfernt sich das Ergebnis von der eigentlichen Fotografie. Andere sehen die Aufnahme eher als Ausgangspunkt. Das Bild entsteht zwar in der Kamera, bekommt aber erst bei der Entwicklung seine endg\u00fcltige Form. Ob diese Entwicklung in einer Dunkelkammer oder an einem Computer stattfindet, macht dabei zun\u00e4chst keinen grunds\u00e4tzlichen Unterschied. Und dann gibt es noch diejenigen, die einem digitalen Foto ganz bewusst einen analogen Look verpassen, kr\u00e4ftig an Farben und Kontrasten drehen oder mehrere Aufnahmen miteinander kombinieren. Wer von ihnen macht nun \u201eechte\u201c Fotografie? Vielleicht liegt das Problem schon in der Frage. Die Sehnsucht nach dem unverf\u00e4lschten Bild Ich kann durchaus verstehen, was hinter der Vorstellung steckt, ein Bild m\u00f6glichst fertig aus der Kamera bekommen zu wollen. Du besch\u00e4ftigst Dich vor der Aufnahme mit Licht, Perspektive und Bildgestaltung. Du achtest auf die Belichtung und wartest vielleicht auf den richtigen Moment. Das Bild soll nicht deshalb funktionieren, weil sp\u00e4ter am Computer noch irgendetwas daraus gemacht wird. Dagegen ist \u00fcberhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Sich bereits beim Fotografieren Gedanken \u00fcber das sp\u00e4tere Bild zu machen, halte ich f\u00fcr ausgesprochen sinnvoll. Historisch findet man eine verwandte Haltung beispielsweise in der sogenannten Straight Photography. Fotografen wie Paul Strand wandten sich Anfang des 20. Jahrhunderts gegen den Piktorialismus, bei dem Fotografien durch verschiedene Verfahren teilweise bewusst einer malerischen \u00c4sthetik angen\u00e4hert wurden. Strands Arbeiten wurden dagegen gerade wegen ihrer Direktheit, Klarheit und des Verzichts auf sichtbare Handarbeit und technische Manipulation gelobt. Das Metropolitan Museum of Art z\u00e4hlt diese Eigenschaften zu dem, was sp\u00e4ter als Straight Photography bezeichnet wurde. Das ist also keineswegs eine Erfindung moderner Fotoforen. Nur folgt daraus noch lange nicht, dass ein unbearbeitetes Kamerabild automatisch die einzig legitime Form der Fotografie w\u00e4re. \u201eOut of the Cam\u201c \u2013 aber was kommt da eigentlich heraus? Mit dem Begriff \u201eOut of the Cam\u201c habe ich mich schon einmal ausf\u00fchrlicher besch\u00e4ftigt. Und meine Skepsis ist seitdem nicht kleiner geworden. Ein JPEG, das direkt auf der Speicherkarte landet, ist n\u00e4mlich keineswegs ein v\u00f6llig neutrales Abbild der Sensordaten. Die Kamera hat bereits Entscheidungen getroffen. Sie interpretiert Farben und Tonwerte, sch\u00e4rft das Bild und wendet je nach Einstellungen weitere Korrekturen an. Das Bild wurde also bearbeitet. Nur eben nicht von Dir am Computer, sondern von der Software in Deiner Kamera. Genau deshalb halte ich die Grenze zwischen \u201ein der Kamera\u201c und \u201enach der Kamera\u201c f\u00fcr wenig geeignet, um daraus eine Definition von echter oder unechter Fotografie abzuleiten. Wer sich ausf\u00fchrlicher mit diesem Gedanken besch\u00e4ftigen m\u00f6chte, findet ihn in meinem Beitrag \u201eOut of the Cam \u2013 Was soll das bitte sein?\u201c. Dort geht es genau um die Frage, warum selbst ein scheinbar unbearbeitetes JPEG bereits das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses ist. Interessant ist \u00fcbrigens ein Einwand, den ein Leser dort inzwischen eingebracht hat. F\u00fcr ihn kommt das Farbdia der Idee von \u201eOut of Cam\u201c besonders nahe. Und tats\u00e4chlich ist das ein gutes Gegenargument: Beim Dia gibt es keinen anschlie\u00dfenden Positivprozess wie beim Negativ, bei dem der Fotograf beim Vergr\u00f6\u00dfern noch umfangreich eingreifen kann. Das entwickelte Dia ist bereits das Bild. Ganz ohne Interpretation ist allerdings auch das Dia nicht. Schon mit der Wahl des Films entscheidet sich der Fotograf f\u00fcr dessen charakteristische Farbwiedergabe, Kontrastverhalten und weitere Eigenschaften. Dazu kommen Belichtung, Objektiv und chemische Entwicklung. Vielleicht ist das Dia deshalb tats\u00e4chlich eine der konsequentesten Formen von \u201eOut of Cam\u201c. Eine v\u00f6llig neutrale fotografische Wahrheit liefert aber auch der Diafilm nicht. Die Dunkelkammer war kein heiliger Ort der Unverf\u00e4lschtheit Manchmal entsteht bei solchen Diskussionen der Eindruck, Bildbearbeitung sei erst mit Photoshop und Lightroom in die Fotografie gekommen. Das h\u00e4lt einer historischen Betrachtung nicht stand. Negative wurden anders vergr\u00f6\u00dfert, Ausschnitte ver\u00e4ndert, Bereiche abgewedelt oder nachbelichtet. Mit Papierwahl, Entwicklungsprozess und vielen weiteren Entscheidungen lie\u00df sich beeinflussen, wie das endg\u00fcltige Bild aussah. Und Fotografen gingen teilweise erheblich weiter. Ein sch\u00f6nes historisches Beispiel liefert Arnold Genthe. Die Library of Congress besitzt einen umfangreichen Bestand seiner Negative. Auf ihnen finden sich Ausschnittmarkierungen, Retuschen und Anweisungen f\u00fcr den sp\u00e4teren Abzug. Genthe zeichnete teilweise direkt auf Negative, \u00e4tzte sie oder trug Farbe auf. Bei einer Aufnahme entfernte er auf diese Weise sogar eine Person aus dem endg\u00fcltigen Bild. Die Library of Congress zeigt den Unterschied zwischen urspr\u00fcnglichem Negativ und fertigem Bild sehr anschaulich. Das Metropolitan Museum of Art hat sich mit der Ausstellung und dem Buch Faking It: Manipulated Photography Before Photoshop ausf\u00fchrlich mit diesem Thema besch\u00e4ftigt. Die dort dokumentierten Verfahren reichen bis in die fr\u00fchen Jahrzehnte der Fotografie zur\u00fcck. Menschen wurden hinzugef\u00fcgt oder entfernt, Negative kombiniert, Haut und K\u00f6rper retuschiert und sogar Ereignisse konstruiert, die so niemals stattgefunden hatten. Bildmanipulation ist also keineswegs die dunkle Begleiterscheinung der Digitalfotografie. Sie geh\u00f6rt fast so lange zur Geschichte der Fotografie wie die Fotografie selbst. Entwicklung und Manipulation sind nicht dasselbe Damit sollten wir allerdings nicht in die andere Richtung \u00fcbertreiben. Nur weil Fotografien schon immer bearbeitet wurden, bedeutet das nicht, dass jede Bearbeitung dasselbe ist. F\u00fcr mich ist es hilfreich, zwischen Interpretation und Ver\u00e4nderung des Bildinhalts zu unterscheiden. Wenn ich bei einer RAW-Datei Wei\u00dfabgleich, Helligkeit, Kontrast oder Farbwiedergabe bestimme, interpretiere ich die aufgenommenen Daten. Auch eine Schwarzwei\u00dfumwandlung oder eine lokale Anpassung von Tonwerten geh\u00f6rt f\u00fcr mich zun\u00e4chst in diesen Bereich. Wenn ich dagegen einen Strommast verschwinden lasse, einen langweiligen Himmel gegen einen dramatischen Sonnenuntergang austausche oder eine Person in das Bild setze, die bei der Aufnahme gar nicht dort war, greife ich in den Inhalt ein. Auch das kann vollkommen legitim sein. Aber es ist etwas anderes. Wie wichtig diese Unterscheidung ist, sieht man besonders deutlich in der Pressefotografie. Wenn ein Foto ein Versprechen abgibt Bei einer k\u00fcnstlerischen Landschaftsaufnahme kann ich einen Himmel austauschen. Ob ich das sch\u00f6n finde, steht auf einem anderen Blatt. Bei einer Presseaufnahme gelten andere Ma\u00dfst\u00e4be. World Press Photo erlaubt beispielsweise Anpassungen von Farbe oder eine Umwandlung in Schwarzwei\u00df, solange dadurch der Inhalt nicht wesentlich ver\u00e4ndert wird. Personen oder Gegenst\u00e4nde d\u00fcrfen dagegen nicht hinzugef\u00fcgt, entfernt, verschoben oder verzerrt werden. Warum diese strengen Regeln? Weil ein dokumentarisches Bild dem Betrachter ein Versprechen gibt: Das, was Du hier siehst, hat vor meiner Kamera stattgefunden. World Press Photo begr\u00fcndet seine Regeln entsprechend mit Vertrauen, Genauigkeit und einer fairen Darstellung des Geschehens. Und damit kommen wir meines Erachtens einem entscheidenden Punkt n\u00e4her. Nicht jede Fotografie behauptet dasselbe. Ein journalistisches Foto dokumentiert. Eine abstrakte Architekturfotografie interpretiert. Ein Fine-Art-Bild darf eine v\u00f6llig eigene Wirklichkeit erschaffen. Warum sollten f\u00fcr alle drei dieselben Regeln gelten? Darf ein digitales Bild analog aussehen? Hier wird die Diskussion f\u00fcr mich besonders kurios. Es gibt Fotografen, die nichts dagegen haben, wenn jemand mit analogem Film fotografiert. Korn, besondere Farbwiedergabe und die charakteristische Tonalit\u00e4t des Materials geh\u00f6ren dann eben zum Bild. Wird ein \u00e4hnlicher Look anschlie\u00dfend auf eine digitale Aufnahme angewendet, gilt das pl\u00f6tzlich als k\u00fcnstlich. Aber warum eigentlich? Wenn mir die \u00c4sthetik gef\u00e4llt, kann ich sie doch als gestalterisches Mittel verwenden. Noch interessanter wird die Sache bei modernen Digitalkameras mit Filmsimulationen. Fujifilm bietet beispielsweise verschiedene Simulationen an, die auf der langj\u00e4hrigen Erfahrung des Unternehmens mit fotografischen Filmen beruhen und nicht nur Farben, sondern auch Tonalit\u00e4t und Kontrast beeinflussen. ACROS soll beispielsweise eine bestimmte monochrome Tonalit\u00e4t und Textur erzeugen. Stelle ich diese Simulation vor der Aufnahme in der Kamera ein, bekomme ich ein JPEG \u201eOut of Cam\u201c. Wende ich eine \u00e4hnliche Charakteristik sp\u00e4ter auf eine RAW-Datei an, habe ich mein Foto \u201ebearbeitet\u201c. Das Ergebnis kann sich sehr \u00e4hnlich sehen. Soll wirklich der Zeitpunkt, an dem ein Algorithmus auf das Bild angewendet wird, dar\u00fcber entscheiden, welches davon die \u201eechtere\u201c Fotografie ist? F\u00fcr mich ergibt das wenig Sinn. Auch analog war nie neutral Au\u00dferdem sollten wir den analogen Film nicht im Nachhinein zu einem neutralen Medium verkl\u00e4ren. Wer einen bestimmten Film einlegte, entschied sich damit auch f\u00fcr dessen Charakteristik. Unterschiedliche Filme lieferten unterschiedliche Farben, Kontraste, K\u00f6rnung und Empfindlichkeiten. Der Film war also nicht einfach ein durchsichtiges Fenster zur Wirklichkeit. Und genau deshalb habe ich \u00fcberhaupt kein Problem damit, wenn heute jemand sagt: Ich mag die \u00c4sthetik analoger Fotografie und m\u00f6chte etwas davon auf meine digitalen Bilder \u00fcbertragen. Ob das Ergebnis \u00fcberzeugend aussieht, ist eine ganz andere Frage. Ein Preset macht schlie\u00dflich noch kein gutes Foto. Aber das gilt f\u00fcr einen Diafilm genauso. Und wo kommt jetzt die KI ins Spiel? Mit generativer KI bekommt die Diskussion noch einmal eine neue Dimension. Denn hier geht es nicht mehr nur darum, vorhandene Bildinformationen zu interpretieren oder klassische Retuschen vorzunehmen. Software kann Bildinformationen erzeugen, die von der Kamera niemals aufgenommen wurden. World Press Photo zieht deshalb f\u00fcr seinen Wettbewerb eine klare Grenze: Die eingereichten Fotografien m\u00fcssen mit einer Kamera entstanden sein. Synthetisch erzeugte Bilder und generatives F\u00fcllen sind nicht erlaubt. Bestimmte KI-gest\u00fctzte Werkzeuge k\u00f6nnen dagegen zul\u00e4ssig sein, solange sie keine neuen Bildinformationen hinzuf\u00fcgen oder aufgenommene Informationen entfernen. F\u00fcr die dokumentarische Fotografie halte ich diese Grenze f\u00fcr nachvollziehbar. F\u00fcr Kunst muss sie deshalb noch lange nicht gelten. Wenn jemand aus Fotografien, Montagen und generierten Elementen ein Bild erschaffen m\u00f6chte, kann daraus schlie\u00dflich ein interessantes Werk entstehen. Ich w\u00fcrde nur irgendwann nicht mehr selbstverst\u00e4ndlich von einer Fotografie sprechen. Nicht weil das Ergebnis dadurch schlechter w\u00e4re. Sondern weil etwas anderes daraus geworden ist. Vielleicht suchen wir die falsche Grenze Je l\u00e4nger man sich mit der Frage besch\u00e4ftigt, desto weniger sinnvoll erscheint mir die Trennung zwischen \u201ebearbeitet\u201c und \u201eunbearbeitet\u201c. Schon die Wahl des Ausschnitts ist eine Entscheidung dar\u00fcber, was der Betrachter sehen soll und was nicht. Die Belichtung ver\u00e4ndert die Wirkung einer Szene. Eine lange Brennweite l\u00e4sst r\u00e4umliche Abst\u00e4nde anders erscheinen als ein Weitwinkel. Schwarzwei\u00df entfernt s\u00e4mtliche Farben aus einer farbigen Welt. Ein Film bringt seine eigene Charakteristik mit. Eine Digitalkamera interpretiert Sensordaten. Und bei der RAW-Entwicklung entscheidet der Fotograf, wie daraus sein endg\u00fcltiges Bild werden soll. Eine vollkommen neutrale Fotografie w\u00e4re deshalb ohnehin schwer zu finden. Vielleicht sollten wir uns weniger fragen: Wie viel Bearbeitung ist erlaubt? Und stattdessen: Was m\u00f6chte dieses Bild sein? Dokumentiert es ein Ereignis? Interpretiert es eine Landschaft? Will es eine Stimmung vermitteln? Oder m\u00f6chte der Fotograf eine eigene visuelle Welt erschaffen? Je nachdem f\u00e4llt meine Antwort auf die Frage nach zul\u00e4ssiger Bearbeitung unterschiedlich aus. Erlaubt ist, was gef\u00e4llt Und damit komme ich zu meiner pers\u00f6nlichen Haltung. Ich habe wenig Interesse daran, anderen Fotografen vorzuschreiben, wie sie ihre Bilder zu machen haben. Du m\u00f6chtest ausschlie\u00dflich JPEG fotografieren und Deine Bilder genauso verwenden, wie sie aus der Kamera kommen? Mach das. Du m\u00f6chtest Deine RAW-Dateien stundenlang entwickeln? Warum nicht? Du liebst Filmkorn, ents\u00e4ttigte Farben und einen Look, der an einen Film aus den 1970er-Jahren erinnert? Nur zu. Du findest genau diesen Look schrecklich? Auch gut. Erlaubt ist, was gef\u00e4llt. Man muss sich ja nicht alles ansehen. Fotografie braucht f\u00fcr meinen Geschmack keine Geschmackspolizei. Sie braucht allerdings etwas anderes: Ehrlichkeit. Wenn ich ein Bild als Dokument eines realen Ereignisses pr\u00e4sentiere, sollte der Betrachter darauf vertrauen k\u00f6nnen, dass ich dieses Ereignis nicht nachtr\u00e4glich erfunden habe. Wenn ich dagegen ein Bild als meine pers\u00f6nliche Interpretation einer Landschaft zeige, darf diese Interpretation f\u00fcr meinen Geschmack ziemlich weit gehen. Und wenn ich ein digitales Foto aussehen lasse, als w\u00e4re es vor vierzig Jahren auf Film aufgenommen worden, dann darfst Du das kitschig finden. Ich darf es trotzdem m\u00f6gen. Vielleicht ist genau das Fotografie Fotografie war nie einfach nur das mechanische Festhalten einer objektiven Wirklichkeit. Zwischen Motiv und fertigem Bild steht immer ein Fotograf, der Entscheidungen trifft. Wo stelle ich mich hin? Was nehme ich ins Bild? Wann dr\u00fccke ich auf den Ausl\u00f6ser? Wie belichte ich? Welche Brennweite verwende ich? Farbe oder Schwarzwei\u00df? Welcher Film? Welches Kameraprofil? Wie entwickle ich das RAW? Die Werkzeuge haben sich ver\u00e4ndert. Die Entscheidung, wie wir etwas zeigen wollen, ist geblieben. Vielleicht ist deshalb gar nicht entscheidend, ob ein Foto \u201eOut of Cam\u201c, aus Lightroom, aus&#8230;<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":13271,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[41],"tags":[839,258,840,843,842,9,257,326,841,23],"class_list":["post-13270","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-fotografie-blog","tag-analog-look","tag-bildbearbeitung","tag-bildmanipulation","tag-digitale-fotografie","tag-filmsimulation","tag-fotografie","tag-jpeg","tag-ki","tag-out-of-cam","tag-raw"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Was ist echte Fotografie? 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