{"id":12973,"date":"2026-08-31T08:00:00","date_gmt":"2026-08-31T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/juergenpubanz.de\/?p=12973"},"modified":"2026-09-01T14:50:48","modified_gmt":"2026-09-01T12:50:48","slug":"75-jahre-langspielplatte-in-deutschland-als-die-musik-mehr-platz-bekam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/75-jahre-langspielplatte-in-deutschland-als-die-musik-mehr-platz-bekam\/","title":{"rendered":"75 Jahre Langspielplatte in Deutschland \u2013 als die Musik mehr Platz bekam"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Es sind nur zwei Zahlen: <strong>33&#8531; Umdrehungen pro Minute<\/strong>. Heute geh&ouml;ren sie so selbstverst&auml;ndlich zur Schallplatte wie die Rille selbst. Wer eine LP auf den Plattenteller legt, stellt dar&uuml;ber kaum noch &Uuml;berlegungen an. Vor 75 Jahren war das anders.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am <strong>31. August 1951<\/strong> begann in D&uuml;sseldorf die Deutsche Musikmesse. Dort pr&auml;sentierte die Deutsche Grammophon Gesellschaft ihre neuen Langspielplatten mit 33&#8531; Umdrehungen pro Minute &ndash; und brachte damit ein Format nach Deutschland, das nicht nur die Schallplatte ver&auml;ndern sollte. Es ver&auml;nderte auch die Art, wie Musik ver&ouml;ffentlicht und geh&ouml;rt werden konnte. Die D&uuml;sseldorfer Stadtchronik nennt die Pr&auml;sentation ausdr&uuml;cklich als Vorstellung der ersten Langspielplatte durch die Deutsche Grammophon Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">75 Jahre sp&auml;ter legen wir noch immer Platten mit genau dieser Geschwindigkeit auf. Und vielleicht ist das Bemerkenswerteste daran nicht, dass die LP so alt geworden ist. Sondern dass sie sich bis heute erstaunlich jung anf&uuml;hlt.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vor der LP war Musikh&ouml;ren eine andere Angelegenheit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um zu verstehen, warum die Langspielplatte so wichtig wurde, m&uuml;ssen wir kurz zur&uuml;ck zur Schellackplatte. Die damals &uuml;blichen Platten liefen meist mit 78 Umdrehungen pro Minute. Ihre vergleichsweise kurze Spielzeit war bei einzelnen Liedern noch kein grunds&auml;tzliches Problem. Bei klassischer Musik sah das anders aus. L&auml;ngere Werke mussten auf mehrere Plattenseiten verteilt werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Konzert, eine Sinfonie oder eine Oper zu Hause zu h&ouml;ren bedeutete deshalb auch: Platte wechseln. Und zwar regelm&auml;&szlig;ig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Langspielplatte &auml;nderte das grundlegend. Eine zeitgen&ouml;ssische Ausgabe der <em>Funkschau<\/em> berichtete 1951 &uuml;ber die neuen deutschen Mikrorillenplatten der Deutschen Grammophon. Bei 30 Zentimetern Durchmesser konnten demnach <strong>bis zu 22 Minuten Musik auf einer Plattenseite<\/strong> untergebracht werden. Daf&uuml;r lagen acht bis zehn Rillen auf einem Millimeter. Pl&ouml;tzlich bekam Musik auf einer Schallplatte deutlich mehr Platz.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die LP wurde allerdings nicht in D&uuml;sseldorf erfunden<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So bedeutend der 31. August 1951 f&uuml;r die deutsche Schallplattengeschichte ist: Die eigentliche Geschichte der modernen LP hatte einige Jahre zuvor in den USA begonnen. Columbia Records stellte 1948 eine Langspielplatte mit <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/mikrorille\/\" target=\"_self\" title=\"Wer heute eine Schallplatte auflegt, denkt bei der feinen spiralf&ouml;rmigen Rille wahrscheinlich kaum dar&uuml;ber nach, wie entscheidend ihre Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die Geschichte der Vinylplatte war. Genau hier kommt die Mikrorille ins Spiel. Sie machte es m&ouml;glich, deutlich mehr Musik auf&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Mikrorille<\/a> und 33&#8531; Umdrehungen pro Minute vor. Die Library of Congress dokumentiert die Einf&uuml;hrung im Juni 1948 und nennt eine Spielzeit von ungef&auml;hr 23 Minuten pro Seite. Als erste LP gilt dort die Katalognummer <strong>ML 4001<\/strong> mit Mendelssohns Violinkonzert e-Moll, gespielt von Nathan Milstein mit dem New York Philharmonic unter Bruno Walter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Deutschland folgte drei Jahre sp&auml;ter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist eine wichtige Unterscheidung: Am 31. August 1951 wurde nicht die Langspielplatte erfunden. Die Deutsche Grammophon f&uuml;hrte das neue Format auf der Deutschen Musikmesse in D&uuml;sseldorf in den deutschen Markt ein. Zeitgen&ouml;ssische Fachberichte sprechen ausdr&uuml;cklich von den &bdquo;neuen Langspielplatten&ldquo; der Deutschen Grammophon.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Warum ausgerechnet 33&#8531;?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die langsamere Drehzahl allein machte aus einer Schallplatte noch keine LP. Entscheidend war das Zusammenspiel mehrerer Ver&auml;nderungen. Gegen&uuml;ber der Schellackplatte wurde die Rille wesentlich feiner. Diese <strong><a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/mikrorille\/\" target=\"_self\" title=\"Wer heute eine Schallplatte auflegt, denkt bei der feinen spiralf&ouml;rmigen Rille wahrscheinlich kaum dar&uuml;ber nach, wie entscheidend ihre Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die Geschichte der Vinylplatte war. Genau hier kommt die Mikrorille ins Spiel. Sie machte es m&ouml;glich, deutlich mehr Musik auf&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Mikrorille<\/a><\/strong> ben&ouml;tigte weniger Platz, sodass deutlich mehr Rillen auf eine Plattenseite passten. Gleichzeitig bewegte sich die Platte mit 33&#8531; statt 78 Umdrehungen pro Minute langsamer unter der <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/abtastnadel\/\" target=\"_self\" title=\"Der feine Kontakt zwischen Schallplatte und Musik Die Abtastnadel geh&ouml;rt zu den unscheinbarsten Bauteilen eines Plattenspielers &ndash; und gleichzeitig zu den wichtigsten. Ihre Spitze ist winzig, doch genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Wiedergabe einer Schallplatte. Die Nadel folgt&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Abtastnadel<\/a> hindurch. Beides zusammen verl&auml;ngerte die Spielzeit erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die neue Technik stellte allerdings h&ouml;here Anforderungen an Wiedergabe und Herstellung. Der zeitgen&ouml;ssische Bericht der <em>Funkschau<\/em> beschreibt beispielsweise, dass die feineren Rillen einen geringeren aufgezeichneten Lautst&auml;rkepegel notwendig machten. Auch die Wiedergabetechnik musste auf die <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/mikrorille\/\" target=\"_self\" title=\"Wer heute eine Schallplatte auflegt, denkt bei der feinen spiralf&ouml;rmigen Rille wahrscheinlich kaum dar&uuml;ber nach, wie entscheidend ihre Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die Geschichte der Vinylplatte war. Genau hier kommt die Mikrorille ins Spiel. Sie machte es m&ouml;glich, deutlich mehr Musik auf&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Mikrorille<\/a> abgestimmt sein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die LP war deshalb mehr als eine langsam laufende Schallplatte. Sie war ein neues System aus Plattenmaterial, <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/mikrorille\/\" target=\"_self\" title=\"Wer heute eine Schallplatte auflegt, denkt bei der feinen spiralf&ouml;rmigen Rille wahrscheinlich kaum dar&uuml;ber nach, wie entscheidend ihre Gr&ouml;&szlig;e f&uuml;r die Geschichte der Vinylplatte war. Genau hier kommt die Mikrorille ins Spiel. Sie machte es m&ouml;glich, deutlich mehr Musik auf&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Mikrorille<\/a>, Abtastung und Drehzahl. Und genau dieses Zusammenspiel machte ihren eigentlichen Vorteil m&ouml;glich: <strong>mehr zusammenh&auml;ngende Musik auf einer einzigen Platte.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Klassische Musik zeigte sofort, was das neue Format konnte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass die ersten LPs stark von klassischer Musik gepr&auml;gt waren, war kein Zufall. Gerade hier waren die Einschr&auml;nkungen der Schellackplatte besonders offensichtlich. Ein l&auml;ngeres Orchesterwerk richtet sich schlie&szlig;lich nicht danach, wann eine Plattenseite zu Ende ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit der LP konnten l&auml;ngere musikalische Abschnitte ohne Unterbrechung geh&ouml;rt werden. Das war nicht nur bequemer. Es kam auch der musikalischen Dramaturgie entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zum deutschen Start wurden gleich mehrere Langspielplatten vorgestellt. Ein zeitgen&ouml;ssischer R&uuml;ckblick nennt zw&ouml;lf Titel. Besonders anschaulich zeigt sich der Vorteil bei Mozarts <strong>&bdquo;Eine kleine Nachtmusik&ldquo;<\/strong>: Das Werk lie&szlig; sich auf einer Seite unterbringen, w&auml;hrend auf der R&uuml;ckseite zus&auml;tzlich Brahms&rsquo; Variationen &uuml;ber ein Thema von Joseph Haydn Platz fanden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit zeigte die LP sehr praktisch, worin ihre St&auml;rke lag. Es ging nicht darum, eine Platte einfach l&auml;nger drehen zu lassen. Es ging darum, Musik weniger h&auml;ufig unterbrechen zu m&uuml;ssen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von der technischen Neuerung zum musikalischen Format<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im R&uuml;ckblick ist noch etwas anderes interessant. Die LP schuf nicht nur mehr Speicherplatz f&uuml;r Musik. Sie gab Musikern und Produzenten langfristig auch einen neuen Rahmen. Eine Plattenseite wurde zu einer zeitlichen Einheit. Zwei Seiten bildeten ein Album. Und ein Album konnte mehr sein als eine Sammlung einzelner St&uuml;cke.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat&uuml;rlich entstand das Konzept eines Albums nicht erst mit der Vinyl-LP. Schon zuvor wurden mehrere Schellackplatten gemeinsam in buchartigen Mappen verkauft &ndash; daher stammt schlie&szlig;lich der Begriff &bdquo;Album&ldquo;. Doch mit der Langspielplatte wurde daraus ein besonders praktisches und sp&auml;ter auch k&uuml;nstlerisch pr&auml;gendes Format.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade Jazz und popul&auml;re Musik profitierten davon. L&auml;ngere St&uuml;cke, ausgedehnte Improvisationen und bewusst zusammengestellte Albumseiten wurden m&ouml;glich. Die gr&ouml;&szlig;ere Spielzeit beeinflusste damit nicht nur das H&ouml;ren, sondern zunehmend auch die Art, wie Musik gedacht, produziert und ver&ouml;ffentlicht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus einem Tontr&auml;ger wurde nach und nach eine musikalische Form.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und dann kam die CD<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer die Geschichte nur von der technischen Seite betrachtet, k&ouml;nnte an dieser Stelle eigentlich einen klaren Schlussstrich ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1982 kam die Compact Disc auf den Markt. Sie bot keinen Verschlei&szlig; durch mechanische Abtastung, kaum Oberfl&auml;chenger&auml;usche, komfortable Titelauswahl und eine l&auml;ngere durchgehende Spielzeit. Sp&auml;ter folgten MP3, Downloads und schlie&szlig;lich Streaming.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Technisch betrachtet h&auml;tte die Schallplatte l&auml;ngst verschwinden k&ouml;nnen. Zeitweise sah es tats&auml;chlich danach aus. Doch die LP verschwand nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und heute steht sie wieder in Plattenl&auml;den, Elektronikm&auml;rkten und Wohnzimmern. Neue Alben erscheinen selbstverst&auml;ndlich auf Vinyl, alte Aufnahmen werden neu aufgelegt und selbst Menschen, die mit Spotify und Smartphone aufgewachsen sind, kaufen Plattenspieler.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Warum? Vielleicht gerade deshalb, weil die LP etwas nicht kann, was digitale Musik besonders gut kann: uns m&ouml;glichst wenig aufhalten.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Platte verlangt ein wenig Aufmerksamkeit<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Streaming ist praktisch. Ich kann innerhalb weniger Sekunden fast jede Musik finden, Titel &uuml;berspringen, Playlists zusammenstellen und Musik &uuml;berallhin mitnehmen. Das m&ouml;chte ich nicht missen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine Schallplatte funktioniert anders. Ich suche sie aus dem Regal. Nehme sie aus der H&uuml;lle. Lege sie auf den Plattenteller. Reinige vielleicht kurz die Oberfl&auml;che. Starte den Plattenspieler und setze den Tonarm auf. Und irgendwann nach ungef&auml;hr zwanzig Minuten muss ich aufstehen und die Platte umdrehen. Technisch betrachtet ist das ausgesprochen umst&auml;ndlich. Vielleicht liegt aber genau darin ein Teil ihres heutigen Reizes.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die LP macht aus Musik wieder einen Gegenstand. Sie besitzt ein Cover, eine Innenh&uuml;lle, ein Label, eine A- und eine B-Seite. Sie nimmt Platz ein. Man kann sie sammeln, betrachten und in die Hand nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vor allem aber trifft man eine Entscheidung: <strong>Diese Platte h&ouml;re ich jetzt.<\/strong> Das ist etwas anderes, als einen einzelnen Titel anzuklicken und sich anschlie&szlig;end vom Algorithmus weiterf&uuml;hren zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">33&#8531; Umdrehungen sind kein Qualit&auml;tsversprechen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei aller Begeisterung f&uuml;r Vinyl sollte man allerdings einen Punkt nicht romantisieren. Eine Schallplatte klingt nicht automatisch besser, nur weil sie analog ist. Wie gut eine LP klingt, h&auml;ngt von vielen Faktoren ab: von der Aufnahme und dem Mastering, vom verwendeten Ausgangsmaterial, vom Schnitt, von der Pressung und nat&uuml;rlich von Plattenspieler, Tonabnehmer, Justage und Phonovorverst&auml;rker.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch eine hervorragend produzierte digitale Aufnahme kann technisch Eigenschaften bieten, bei denen die Schallplatte konstruktionsbedingt nicht mithalten kann. Darum finde ich die ewige Frage &bdquo;Vinyl oder digital &ndash; was klingt besser?&ldquo; nur begrenzt interessant. Spannender ist eine andere Frage:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Wie m&ouml;chte ich Musik h&ouml;ren?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn Streaming und Schallplatte m&uuml;ssen keine Gegner sein. Sie k&ouml;nnen zwei v&ouml;llig unterschiedliche Arten sein, sich mit Musik zu besch&auml;ftigen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mein Blick auf 75 Jahre LP<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht fasziniert mich an diesem Jubil&auml;um gerade die Best&auml;ndigkeit des Formats. Wenn ich heute eine LP auf meinen Plattenspieler lege, dreht sie sich mit derselben Nenndrehzahl, mit der 1951 die neuen Langspielplatten der Deutschen Grammophon vorgef&uuml;hrt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nat&uuml;rlich haben sich Presswerke, Schneidtechnik, Tonabnehmer, Plattenspieler und Verst&auml;rker weiterentwickelt. Unsere gesamte Musikwelt hat sich ver&auml;ndert. Die grundlegende Idee der LP ist jedoch erstaunlich gleich geblieben. Eine spiralf&ouml;rmige Rille speichert Musik mechanisch. Eine Nadel folgt dieser Rille. Der Tonabnehmer verwandelt ihre Bewegungen in ein elektrisches Signal. Und daraus entsteht wieder Musik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das wirkt im Zeitalter von Cloudspeichern und Streaming beinahe archaisch. Aber eben nur beinahe. Denn es funktioniert noch immer hervorragend.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">75 Jahre sp&auml;ter dreht sie sich weiter<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am 31. August 1951 pr&auml;sentierte die Deutsche Grammophon Gesellschaft in D&uuml;sseldorf ihre ersten Langspielplatten mit 33&#8531; Umdrehungen pro Minute. Was damals eine technische Neuerung f&uuml;r l&auml;ngere Spielzeiten war, entwickelte sich zu einem der pr&auml;gendsten Tontr&auml;ger der Musikgeschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die LP hat Schellack &uuml;berlebt, den Aufstieg der Musikkassette erlebt, wurde von der CD beinahe verdr&auml;ngt und musste anschlie&szlig;end zusehen, wie Musik zun&auml;chst zur Datei und schlie&szlig;lich zum jederzeit verf&uuml;gbaren Stream wurde. Und trotzdem liegt sie noch immer auf unseren Plattentellern. Vielleicht nicht mehr, weil sie die praktischste M&ouml;glichkeit ist, Musik zu h&ouml;ren. Sondern weil sie uns daran erinnert, dass Musik nicht immer m&ouml;glichst schnell verf&uuml;gbar sein muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Manchmal darf man eine Platte aus dem Regal nehmen, den Tonarm absenken und sich f&uuml;r die n&auml;chsten zwanzig Minuten einfach darauf einlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mit 33&#8531; Umdrehungen pro Minute. Wie vor 75 Jahren.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sind nur zwei Zahlen: 33\u2153 Umdrehungen pro Minute. Heute geh\u00f6ren sie so selbstverst\u00e4ndlich zur Schallplatte wie die Rille selbst. Wer eine LP auf den Plattenteller legt, stellt dar\u00fcber kaum noch \u00dcberlegungen an. Vor 75 Jahren war das anders. Am 31. August 1951 begann in D\u00fcsseldorf die Deutsche Musikmesse. Dort pr\u00e4sentierte die Deutsche Grammophon Gesellschaft ihre neuen Langspielplatten mit 33\u2153 Umdrehungen pro Minute \u2013 und brachte damit ein Format nach Deutschland, das nicht nur die Schallplatte ver\u00e4ndern sollte. Es ver\u00e4nderte auch die Art, wie Musik ver\u00f6ffentlicht und geh\u00f6rt werden konnte. Die D\u00fcsseldorfer Stadtchronik nennt die Pr\u00e4sentation ausdr\u00fccklich als Vorstellung der ersten Langspielplatte durch die Deutsche Grammophon Gesellschaft. 75 Jahre sp\u00e4ter legen wir noch immer Platten mit genau dieser Geschwindigkeit auf. Und vielleicht ist das Bemerkenswerteste daran nicht, dass die LP so alt geworden ist. Sondern dass sie sich bis heute erstaunlich jung anf\u00fchlt. Vor der LP war Musikh\u00f6ren eine andere Angelegenheit Um zu verstehen, warum die Langspielplatte so wichtig wurde, m\u00fcssen wir kurz zur\u00fcck zur Schellackplatte. Die damals \u00fcblichen Platten liefen meist mit 78 Umdrehungen pro Minute. Ihre vergleichsweise kurze Spielzeit war bei einzelnen Liedern noch kein grunds\u00e4tzliches Problem. Bei klassischer Musik sah das anders aus. L\u00e4ngere Werke mussten auf mehrere Plattenseiten verteilt werden. Ein Konzert, eine Sinfonie oder eine Oper zu Hause zu h\u00f6ren bedeutete deshalb auch: Platte wechseln. Und zwar regelm\u00e4\u00dfig. Die Langspielplatte \u00e4nderte das grundlegend. Eine zeitgen\u00f6ssische Ausgabe der Funkschau berichtete 1951 \u00fcber die neuen deutschen Mikrorillenplatten der Deutschen Grammophon. 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August 1951 wurde nicht die Langspielplatte erfunden. Die Deutsche Grammophon f\u00fchrte das neue Format auf der Deutschen Musikmesse in D\u00fcsseldorf in den deutschen Markt ein. Zeitgen\u00f6ssische Fachberichte sprechen ausdr\u00fccklich von den \u201eneuen Langspielplatten\u201c der Deutschen Grammophon. Warum ausgerechnet 33\u2153? Die langsamere Drehzahl allein machte aus einer Schallplatte noch keine LP. Entscheidend war das Zusammenspiel mehrerer Ver\u00e4nderungen. Gegen\u00fcber der Schellackplatte wurde die Rille wesentlich feiner. Diese Mikrorille ben\u00f6tigte weniger Platz, sodass deutlich mehr Rillen auf eine Plattenseite passten. Gleichzeitig bewegte sich die Platte mit 33\u2153 statt 78 Umdrehungen pro Minute langsamer unter der Abtastnadel hindurch. Beides zusammen verl\u00e4ngerte die Spielzeit erheblich. Die neue Technik stellte allerdings h\u00f6here Anforderungen an Wiedergabe und Herstellung. Der zeitgen\u00f6ssische Bericht der Funkschau beschreibt beispielsweise, dass die feineren Rillen einen geringeren aufgezeichneten Lautst\u00e4rkepegel notwendig machten. Auch die Wiedergabetechnik musste auf die Mikrorille abgestimmt sein. Die LP war deshalb mehr als eine langsam laufende Schallplatte. Sie war ein neues System aus Plattenmaterial, Mikrorille, Abtastung und Drehzahl. Und genau dieses Zusammenspiel machte ihren eigentlichen Vorteil m\u00f6glich: mehr zusammenh\u00e4ngende Musik auf einer einzigen Platte. Klassische Musik zeigte sofort, was das neue Format konnte Dass die ersten LPs stark von klassischer Musik gepr\u00e4gt waren, war kein Zufall. Gerade hier waren die Einschr\u00e4nkungen der Schellackplatte besonders offensichtlich. Ein l\u00e4ngeres Orchesterwerk richtet sich schlie\u00dflich nicht danach, wann eine Plattenseite zu Ende ist. Mit der LP konnten l\u00e4ngere musikalische Abschnitte ohne Unterbrechung geh\u00f6rt werden. Das war nicht nur bequemer. Es kam auch der musikalischen Dramaturgie entgegen. Zum deutschen Start wurden gleich mehrere Langspielplatten vorgestellt. Ein zeitgen\u00f6ssischer R\u00fcckblick nennt zw\u00f6lf Titel. Besonders anschaulich zeigt sich der Vorteil bei Mozarts \u201eEine kleine Nachtmusik\u201c: Das Werk lie\u00df sich auf einer Seite unterbringen, w\u00e4hrend auf der R\u00fcckseite zus\u00e4tzlich Brahms\u2019 Variationen \u00fcber ein Thema von Joseph Haydn Platz fanden. Damit zeigte die LP sehr praktisch, worin ihre St\u00e4rke lag. Es ging nicht darum, eine Platte einfach l\u00e4nger drehen zu lassen. Es ging darum, Musik weniger h\u00e4ufig unterbrechen zu m\u00fcssen. Von der technischen Neuerung zum musikalischen Format Im R\u00fcckblick ist noch etwas anderes interessant. Die LP schuf nicht nur mehr Speicherplatz f\u00fcr Musik. Sie gab Musikern und Produzenten langfristig auch einen neuen Rahmen. Eine Plattenseite wurde zu einer zeitlichen Einheit. Zwei Seiten bildeten ein Album. Und ein Album konnte mehr sein als eine Sammlung einzelner St\u00fccke. Nat\u00fcrlich entstand das Konzept eines Albums nicht erst mit der Vinyl-LP. Schon zuvor wurden mehrere Schellackplatten gemeinsam in buchartigen Mappen verkauft \u2013 daher stammt schlie\u00dflich der Begriff \u201eAlbum\u201c. Doch mit der Langspielplatte wurde daraus ein besonders praktisches und sp\u00e4ter auch k\u00fcnstlerisch pr\u00e4gendes Format. Gerade Jazz und popul\u00e4re Musik profitierten davon. L\u00e4ngere St\u00fccke, ausgedehnte Improvisationen und bewusst zusammengestellte Albumseiten wurden m\u00f6glich. Die gr\u00f6\u00dfere Spielzeit beeinflusste damit nicht nur das H\u00f6ren, sondern zunehmend auch die Art, wie Musik gedacht, produziert und ver\u00f6ffentlicht wurde. Aus einem Tontr\u00e4ger wurde nach und nach eine musikalische Form. Und dann kam die CD Wer die Geschichte nur von der technischen Seite betrachtet, k\u00f6nnte an dieser Stelle eigentlich einen klaren Schlussstrich ziehen. 1982 kam die Compact Disc auf den Markt. Sie bot keinen Verschlei\u00df durch mechanische Abtastung, kaum Oberfl\u00e4chenger\u00e4usche, komfortable Titelauswahl und eine l\u00e4ngere durchgehende Spielzeit. Sp\u00e4ter folgten MP3, Downloads und schlie\u00dflich Streaming. Technisch betrachtet h\u00e4tte die Schallplatte l\u00e4ngst verschwinden k\u00f6nnen. Zeitweise sah es tats\u00e4chlich danach aus. Doch die LP verschwand nicht. Und heute steht sie wieder in Plattenl\u00e4den, Elektronikm\u00e4rkten und Wohnzimmern. Neue Alben erscheinen selbstverst\u00e4ndlich auf Vinyl, alte Aufnahmen werden neu aufgelegt und selbst Menschen, die mit Spotify und Smartphone aufgewachsen sind, kaufen Plattenspieler. Warum? Vielleicht gerade deshalb, weil die LP etwas nicht kann, was digitale Musik besonders gut kann: uns m\u00f6glichst wenig aufhalten. Eine Platte verlangt ein wenig Aufmerksamkeit Streaming ist praktisch. Ich kann innerhalb weniger Sekunden fast jede Musik finden, Titel \u00fcberspringen, Playlists zusammenstellen und Musik \u00fcberallhin mitnehmen. Das m\u00f6chte ich nicht missen. Eine Schallplatte funktioniert anders. Ich suche sie aus dem Regal. Nehme sie aus der H\u00fclle. Lege sie auf den Plattenteller. Reinige vielleicht kurz die Oberfl\u00e4che. Starte den Plattenspieler und setze den Tonarm auf. Und irgendwann nach ungef\u00e4hr zwanzig Minuten muss ich aufstehen und die Platte umdrehen. Technisch betrachtet ist das ausgesprochen umst\u00e4ndlich. Vielleicht liegt aber genau darin ein Teil ihres heutigen Reizes. Die LP macht aus Musik wieder einen Gegenstand. Sie besitzt ein Cover, eine Innenh\u00fclle, ein Label, eine A- und eine B-Seite. Sie nimmt Platz ein. Man kann sie sammeln, betrachten und in die Hand nehmen. Vor allem aber trifft man eine Entscheidung: Diese Platte h\u00f6re ich jetzt. Das ist etwas anderes, als einen einzelnen Titel anzuklicken und sich anschlie\u00dfend vom Algorithmus weiterf\u00fchren zu lassen. 33\u2153 Umdrehungen sind kein Qualit\u00e4tsversprechen Bei aller Begeisterung f\u00fcr Vinyl sollte man allerdings einen Punkt nicht romantisieren. Eine Schallplatte klingt nicht automatisch besser, nur weil sie analog ist. Wie gut eine LP klingt, h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab: von der Aufnahme und dem Mastering, vom verwendeten Ausgangsmaterial, vom Schnitt, von der Pressung und nat\u00fcrlich von Plattenspieler, Tonabnehmer, Justage und Phonovorverst\u00e4rker. Auch eine hervorragend produzierte digitale Aufnahme kann technisch Eigenschaften bieten, bei denen die Schallplatte konstruktionsbedingt nicht mithalten kann. Darum finde ich die ewige Frage \u201eVinyl oder digital \u2013 was klingt besser?\u201c nur begrenzt interessant. Spannender ist eine andere Frage: Wie m\u00f6chte ich Musik h\u00f6ren? Denn Streaming und Schallplatte m\u00fcssen keine Gegner sein. Sie k\u00f6nnen zwei v\u00f6llig unterschiedliche Arten sein, sich mit Musik zu besch\u00e4ftigen. Mein Blick auf 75 Jahre LP Vielleicht fasziniert mich an diesem Jubil\u00e4um gerade die Best\u00e4ndigkeit des Formats. Wenn ich heute eine LP auf meinen Plattenspieler lege, dreht sie sich mit derselben Nenndrehzahl, mit der 1951 die neuen Langspielplatten der Deutschen Grammophon vorgef\u00fchrt wurden. Nat\u00fcrlich haben sich Presswerke, Schneidtechnik, Tonabnehmer, Plattenspieler und Verst\u00e4rker weiterentwickelt. Unsere gesamte Musikwelt hat sich ver\u00e4ndert. Die grundlegende Idee der LP ist jedoch erstaunlich gleich geblieben. Eine spiralf\u00f6rmige Rille speichert Musik mechanisch. Eine Nadel folgt dieser Rille. Der Tonabnehmer verwandelt ihre Bewegungen in ein elektrisches Signal. Und daraus entsteht wieder Musik. Das wirkt im Zeitalter von Cloudspeichern und Streaming beinahe archaisch. Aber eben nur beinahe. Denn es funktioniert noch immer hervorragend. 75 Jahre sp\u00e4ter dreht sie sich weiter Am 31. August 1951 pr\u00e4sentierte die Deutsche Grammophon Gesellschaft in D\u00fcsseldorf ihre ersten Langspielplatten mit 33\u2153 Umdrehungen pro Minute. Was damals eine technische Neuerung f\u00fcr l\u00e4ngere Spielzeiten war, entwickelte sich zu einem der pr\u00e4gendsten Tontr\u00e4ger der Musikgeschichte. Die LP hat Schellack \u00fcberlebt, den Aufstieg der Musikkassette erlebt, wurde von der CD beinahe verdr\u00e4ngt und musste anschlie\u00dfend zusehen, wie Musik zun\u00e4chst zur Datei und schlie\u00dflich zum jederzeit verf\u00fcgbaren Stream wurde. Und trotzdem liegt sie noch immer auf unseren Plattentellern. Vielleicht nicht mehr, weil sie die praktischste M\u00f6glichkeit ist, Musik zu h\u00f6ren. Sondern weil sie uns daran erinnert, dass Musik nicht immer m\u00f6glichst schnell verf\u00fcgbar sein muss. Manchmal darf man eine Platte aus dem Regal nehmen, den Tonarm absenken und sich f\u00fcr die n\u00e4chsten zwanzig Minuten einfach darauf einlassen. Mit 33\u2153 Umdrehungen pro Minute. 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