{"id":12842,"date":"2026-08-26T11:06:56","date_gmt":"2026-08-26T09:06:56","guid":{"rendered":"https:\/\/juergenpubanz.de\/?p=12842"},"modified":"2026-08-26T11:07:00","modified_gmt":"2026-08-26T09:07:00","slug":"wie-schmutzig-war-die-analoge-fotografie-wirklich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/wie-schmutzig-war-die-analoge-fotografie-wirklich\/","title":{"rendered":"Wie schmutzig war die analoge Fotografie wirklich?"},"content":{"rendered":"<p class=\"wp-block-paragraph\">Analoge Fotografie verbinden wir heute gern mit Entschleunigung. Mit dem Einlegen eines Films, dem bewussten Fotografieren und vielleicht sogar mit ein paar Stunden in der Dunkelkammer. Film statt Sensor, Entwickler statt Lightroom &ndash; irgendwie wirkt das fast wie ein Gegenentwurf zu unserer digitalen Welt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nur eines ger&auml;t dabei leicht aus dem Blick: Ein Film ist kein besonders romantisches St&uuml;ck Kunststoff.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit wir &uuml;berhaupt ein Negativ belichten k&ouml;nnen, braucht es eine empfindliche fotografische Emulsion. Es braucht Silberverbindungen, Gelatine und weitere Chemikalien. Diese Materialien m&uuml;ssen hergestellt, verarbeitet und transportiert werden. Und nach der Aufnahme kommen Entwickler und Fixierer ins Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hinter der analogen Fotografie steckt deshalb eine Industriegeschichte, &uuml;ber die erstaunlich selten gesprochen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die britische Wissenschaftlerin Michelle Henning hat genau diese Geschichte untersucht. In ihrem Buch <em>A Dirty History of Photography: Chemistry, Fog, and Empire<\/em> betrachtet sie Fotografie nicht in erster Linie durch das <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/objektiv\/\" target=\"_self\" title=\"Mehr als nur das Auge der Kamera Wenn &uuml;ber Kameras gesprochen wird, dreht sich vieles um Sensoren, Megapixel, Autofokus oder Serienbildgeschwindigkeit. Dabei entsteht das Bild schon ein gutes St&uuml;ck vorher: im Objektiv. Das Objektiv sammelt das Licht eines Motivs und&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Objektiv<\/a> der Kamera. Sie schaut gewisserma&szlig;en hinter die Kulissen: auf Kohle, chemische Industrie, Rohstoffe, Fabriken, Umweltverschmutzung und Abwasser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und pl&ouml;tzlich sieht die Geschichte der analogen Fotografie etwas anders aus.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Fotogeschichte ohne Kameras?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir uns mit der Geschichte der Fotografie besch&auml;ftigen, geht es meistens um Erfindungen, Kameras und Fotografen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/daguerreotypie\/\" target=\"_self\" title=\"Die Daguerreotypie war das erste praxistaugliche und kommerziell erfolgreiche fotografische Verfahren der Geschichte. Es wurde von Louis-Jacques-Mand&eacute; Daguerre entwickelt und am 19. August 1839 der &Ouml;ffentlichkeit vorgestellt. Die Daguerreotypie markiert den Beginn der modernen Fotografie und gilt bis heute als&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Daguerreotypie<\/a>. Leica. Kleinbildfilm. Rolleiflex. Kodachrome. Henri Cartier-Bresson. <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/ansel-adams\/\" target=\"_self\" title=\"Ansel Adams (1902-1984) war ein amerikanischer Fotograf und Umweltsch&uuml;tzer, der f&uuml;r seine beeindruckenden Schwarzwei&szlig;-Landschaftsfotografien des amerikanischen Westens bekannt war. Er wurde in San Francisco geboren und entwickelte bereits in jungen Jahren eine Liebe zur Natur und zur Fotografie. Er war&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Ansel Adams<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist nat&uuml;rlich nicht falsch. Es erz&auml;hlt aber nur einen Teil der Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michelle Henning, Professorin f&uuml;r Fotografie und Medien an der University of Liverpool, interessiert sich f&uuml;r eine andere Frage:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was musste eigentlich geschehen, bevor ein Fotograf &uuml;berhaupt einen Film in seine Kamera einlegen konnte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihr Buch <em>A Dirty History of Photography: Chemistry, Fog, and Empire<\/em> ist eine Umweltgeschichte der chemischen Fotografie. Einen wichtigen Ausgangspunkt bilden dabei unter anderem die Archive des britischen Fotomaterialherstellers Ilford Limited.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit verschiebt sich die <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/perspektive\/\" target=\"_self\" title=\"Sie ist in der Fotografie &ndash; mehr als nur der Blickwinkel Perspektive geh&ouml;rt zu den wirkungsvollsten Gestaltungsmitteln der Fotografie &ndash; und gleichzeitig zu den Begriffen, die leicht missverst&auml;ndlich verwendet werden. Oft hei&szlig;t es beispielsweise, ein Weitwinkelobjektiv w&uuml;rde die Perspektive verst&auml;rken&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Perspektive<\/a> erheblich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Film beginnt dann nicht mehr an der Ladentheke des Fotoh&auml;ndlers. Seine Geschichte beginnt bei Rohstoffen, chemischen Produktionsprozessen und Energie. Sie f&uuml;hrt &uuml;ber Fabriken und weltweite Handelswege bis zur Verarbeitung des belichteten Materials &ndash; und schlie&szlig;lich zu Abf&auml;llen und Abwasser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografie wird damit Teil der Industrialisierung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und genau dort wird es schmutzig.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Silber macht das Bild &ndash; und verschwindet nicht einfach<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Silber ist f&uuml;r die klassische Fotografie von zentraler Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einer Schwarzwei&szlig;-Filmemulsion befinden sich lichtempfindliche Silberhalogenidkristalle. Durch die <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/belichtung\/\" target=\"_self\" title=\"Belichtung geh&ouml;rt zu den Begriffen, an denen in der Fotografie kein Weg vorbeif&uuml;hrt. Denn unabh&auml;ngig davon, ob Du mit einer modernen Systemkamera, einer analogen Spiegelreflexkamera oder dem Smartphone fotografierst: Am Anfang eines Fotos steht immer Licht. Dabei geht es bei&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Belichtung<\/a> entsteht zun&auml;chst ein unsichtbares latentes Bild. Beim Entwickeln werden die entsprechend belichteten Silberhalogenidkristalle zu metallischem Silber reduziert. Daraus entsteht das sichtbare Negativ.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Danach ist die Arbeit allerdings noch nicht beendet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die nicht entwickelten Silberhalogenide befinden sich weiterhin in der Emulsion. W&uuml;rden sie dort bleiben, w&auml;re das Bild nicht dauerhaft lichtbest&auml;ndig. Genau deshalb wird der Film fixiert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Fixierer l&ouml;st die verbliebenen Silberhalogenide aus der Emulsion.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&uuml;r unser Negativ ist das wunderbar: Jetzt kann es ans Licht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F&uuml;r den Fixierer bedeutet es allerdings, dass sich darin mit zunehmender Nutzung Silberverbindungen anreichern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und damit bekommt ein unscheinbares Bad aus der Dunkelkammer pl&ouml;tzlich eine umweltgeschichtliche Bedeutung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure data-wp-context='{\"imageId\":\"6a8eb35124b00\"}' data-wp-interactive=\"core\/image\" data-wp-key=\"6a8eb35124b00\" class=\"wp-block-image size-full wp-lightbox-container\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1536\" height=\"1024\" data-wp-class--hide=\"state.isContentHidden\" data-wp-class--show=\"state.isContentVisible\" data-wp-init=\"callbacks.setButtonStyles\" data-wp-on--click=\"actions.showLightbox\" data-wp-on--load=\"callbacks.setButtonStyles\" data-wp-on--pointerdown=\"actions.preloadImage\" data-wp-on--pointerenter=\"actions.preloadImageWithDelay\" data-wp-on--pointerleave=\"actions.cancelPreload\" data-wp-on-window--resize=\"callbacks.setButtonStyles\" src=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/schmutzig-analoge-Fotografie2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-12844\" srcset=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/schmutzig-analoge-Fotografie2.jpg 1536w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/schmutzig-analoge-Fotografie2-400x267.jpg 400w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/schmutzig-analoge-Fotografie2-768x512.jpg 768w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/schmutzig-analoge-Fotografie2-18x12.jpg 18w, https:\/\/juergenpubanz.de\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/schmutzig-analoge-Fotografie2-1140x760.jpg 1140w\" sizes=\"auto, (max-width: 1536px) 100vw, 1536px\"><button class=\"lightbox-trigger\" type=\"button\" aria-haspopup=\"dialog\" data-wp-bind--aria-label=\"state.thisImage.triggerButtonAriaLabel\" data-wp-init=\"callbacks.initTriggerButton\" data-wp-on--click=\"actions.showLightbox\" data-wp-style--right=\"state.thisImage.buttonRight\" data-wp-style--top=\"state.thisImage.buttonTop\">\n\t\t\t<svg xmlns=\"http:\/\/www.w3.org\/2000\/svg\" width=\"12\" height=\"12\" fill=\"none\" viewbox=\"0 0 12 12\">\n\t\t\t\t<path fill=\"#fff\" d=\"M2 0a2 2 0 0 0-2 2v2h1.5V2a.5.5 0 0 1 .5-.5h2V0H2Zm2 10.5H2a.5.5 0 0 1-.5-.5V8H0v2a2 2 0 0 0 2 2h2v-1.5ZM8 12v-1.5h2a.5.5 0 0 0 .5-.5V8H12v2a2 2 0 0 1-2 2H8Zm2-12a2 2 0 0 1 2 2v2h-1.5V2a.5.5 0 0 0-.5-.5H8V0h2Z\"><\/path>\n\t\t\t<\/svg>\n\t\t<\/button><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Fixierer hat zwei Seiten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Henning griff diesen Gedanken 2025 bei einem Vortrag im Fotografie Forum Frankfurt unter dem Titel <em>The Photographic Fix<\/em> auf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Fixierer macht das fotografische Bild dauerhaft. Erst durch ihn kann das entwickelte Negativ die Dunkelkammer verlassen und unter normalem Licht betrachtet werden. In diesem Sinne befreit das Fixieren das Bild geradezu aus der Dunkelheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig wird das Fixierbad zum Tr&auml;ger des aus der Emulsion herausgel&ouml;sten Silbers.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wird solches verbrauchtes Fixierbad unkontrolliert entsorgt, gelangen diese Stoffe in den Abwasserstrom.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist eine interessante Kehrseite der fotografischen Technik: Derselbe chemische Prozess, der das Bild haltbar macht, erzeugt einen Abfallstoff, um den man sich anschlie&szlig;end k&uuml;mmern muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Hobbyfotograf mit einer Dose Entwickler im Badezimmer gleich eine kleine Umweltkatastrophe verursacht. Dazu kommen wir noch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn Hennings Blick richtet sich vor allem auf einen wesentlich gr&ouml;&szlig;eren Ma&szlig;stab.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fotografie war Teil einer riesigen chemischen Industrie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografische Materialien entstanden nicht isoliert in irgendwelchen sauberen Fotolabors.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Geschichte ist eng mit der Entwicklung der modernen chemischen Industrie verbunden. Kohle und die daraus gewonnenen chemischen Produkte spielten dabei eine wichtige Rolle. Aus Steinkohlenteer entstanden beispielsweise Farbstoffe, die wiederum f&uuml;r die gezielte Ver&auml;nderung der spektralen Empfindlichkeit fotografischer Emulsionen genutzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das klingt zun&auml;chst nach einem Detail aus dem Chemiebuch, hatte f&uuml;r die Fotografie aber enorme praktische Auswirkungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fr&uuml;he fotografische Emulsionen reagierten auf verschiedene Farben des sichtbaren Lichts sehr unterschiedlich. Durch Sensibilisierungsfarbstoffe lie&szlig; sich ihr Empfindlichkeitsbereich erweitern. Auf diesem Weg entstanden schlie&szlig;lich Materialien, deren Tonwertwiedergabe unserem Seheindruck wesentlich n&auml;herkam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die chemische Industrie half der Fotografie also dabei, die Welt besser abzubilden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig geh&ouml;rten Kohle, Gaswerke, Farbstoffproduktion und chemische Fabriken zu jenen Industrien, die Luft, B&ouml;den und Gew&auml;sser erheblich belasten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und an dieser Stelle taucht in Hennings Forschung ein geradezu absurdes Paradoxon auf.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der Film bemerkte die schlechte Luft<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotografische Emulsionen reagieren nicht ausschlie&szlig;lich auf das Licht, das durch unser <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/objektiv\/\" target=\"_self\" title=\"Mehr als nur das Auge der Kamera Wenn &uuml;ber Kameras gesprochen wird, dreht sich vieles um Sensoren, Megapixel, Autofokus oder Serienbildgeschwindigkeit. Dabei entsteht das Bild schon ein gutes St&uuml;ck vorher: im Objektiv. Das Objektiv sammelt das Licht eines Motivs und&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Objektiv<\/a> f&auml;llt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie k&ouml;nnen ausgesprochen empfindlich auf ihre Umgebung reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Staub, bestimmte Metalle, verunreinigtes Wasser oder chemische Bestandteile der Luft k&ouml;nnen fotografische Materialien beeinflussen. F&uuml;r die Hersteller war das ein erhebliches Problem. Schlie&szlig;lich sollte ein Film m&ouml;glichst reproduzierbare Ergebnisse liefern und nicht auf irgendwelche Stoffe in der Fabrikluft reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im ausgehenden 19. und fr&uuml;hen 20. Jahrhundert wurde genau das zum Problem.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kohlerauch, Gaswerke und die ber&uuml;chtigte Luftverschmutzung im Gro&szlig;raum London waren nicht nur f&uuml;r Menschen unangenehm. Fotografische Materialien reagierten ebenfalls darauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Henning beschreibt ein besonders eindrucksvolles Beispiel aus Ilford.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die damaligen Britannia Works lagen direkt gegen&uuml;ber einem Gaswerk. 1899 kam es zu einem Verschmutzungsereignis, bei dem nach den von Henning herangezogenen historischen Quellen <strong>25.000 sensibilisierte Fotoplatten in den Trockenr&auml;umen unbrauchbar wurden<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">25.000 Platten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht weil jemand versehentlich das Licht eingeschaltet hatte, sondern weil die empfindlichen Materialien auf Verunreinigungen ihrer Umgebung reagierten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die fotografische Platte wurde damit unfreiwillig zu einer Art Umweltsensor.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Saubere Luft f&uuml;r den Film<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Hersteller mussten reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fotofabriken entwickelten immer ausgefeiltere Methoden, um ihre empfindlichen Produkte vor Staub und Schadstoffen zu sch&uuml;tzen. Luft wurde gereinigt, R&auml;ume wurden klimatisiert, Wasser und Produktionsbedingungen kontrolliert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei Ilford f&uuml;hrte das Problem Anfang des 20. Jahrhunderts sogar zur Installation eines fr&uuml;hen mechanischen Systems zur Luftaufbereitung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus fotografischer Sicht ist das vollkommen logisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer hochempfindliche Emulsionen produziert, braucht kontrollierte Bedingungen. Schon kleine Verunreinigungen k&ouml;nnen sp&auml;ter Flecken, Schleier oder andere Fehler verursachen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus umwelthistorischer Sicht bekommt die Sache jedoch eine gewisse Ironie.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die fotografische Industrie musste innerhalb ihrer Fabriken eine m&ouml;glichst saubere Umgebung schaffen, weil ihre Produkte unter der verschmutzten Au&szlig;enwelt litten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gleichzeitig waren die Fotofabriken und vor allem die mit ihnen verbundenen Rohstoff-, Kohle- und Chemieindustrien selbst Bestandteil jener industrialisierten Welt, die genau diese Verschmutzung erzeugte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drinnen saubere Luft f&uuml;r den Film.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Drau&szlig;en Rauch und industrielle Abw&auml;sser.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dieses Paradoxon geh&ouml;rt f&uuml;r mich zu den interessantesten Gedanken in Hennings Arbeit.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hat die analoge Fotografie also ganze Gegenden verseucht?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hier lohnt sich etwas Vorsicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus Hennings Forschung l&auml;sst sich nicht einfach die Schlagzeile machen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>&bdquo;Analoge Fotografen haben mit Entwickler und Fixierer ganze Landstriche vergiftet.&ldquo;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das w&uuml;rde ihren Ansatz erheblich verk&uuml;rzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie untersucht die chemische Fotografie als Teil eines gro&szlig;en industriellen Systems. Dazu geh&ouml;ren Rohstoffgewinnung, fossile Energie, chemische Zulieferindustrien, Film- und Papierproduktion, Verarbeitung sowie die anschlie&szlig;enden Abfallstr&ouml;me.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Au&szlig;erdem geht es keineswegs ausschlie&szlig;lich um Silber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Historische chemische Produktionsstandorte konnten komplexe Gemische unterschiedlicher Stoffe hinterlassen. Henning verweist darauf, dass R&uuml;ckst&auml;nde chemischer Werke einschlie&szlig;lich fotografischer Fabriken &Ouml;kosysteme langfristig ver&auml;ndern konnten. Einzelne Substanzen lassen sich dabei nicht immer sinnvoll getrennt betrachten, weil in der Umwelt auch ihre Kombination eine Rolle spielen kann.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist etwas anderes als die Vorstellung, ein einzelner Fotograf habe nach dem Entwickeln eines Films einen Fluss vergiftet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Ma&szlig;stab ist entscheidend.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Und was bedeutet das f&uuml;r meine Dunkelkammer?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau diese Unterscheidung halte ich f&uuml;r wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer heute einige Schwarzwei&szlig;filme im Jahr entwickelt, arbeitet nicht im Ma&szlig;stab einer Filmfabrik des fr&uuml;hen 20. Jahrhunderts. Ebenso wenig l&auml;sst sich die historische industrielle Produktion unmittelbar mit heutigen Herstellungsverfahren vergleichen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hennings Forschung ist deshalb kein Argument daf&uuml;r, die analoge Fotografie heute grunds&auml;tzlich als unverantwortlich abzulehnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sie ist vielmehr ein guter Anlass, dar&uuml;ber nachzudenken, was hinter unseren Materialien steckt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und beim Fixierer wird es ganz praktisch.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Verbrauchter Fixierer enth&auml;lt Silber und geh&ouml;rt deshalb nicht gedankenlos in den Ausguss. Je nach &ouml;rtlichen Vorschriften kann er &uuml;ber geeignete Sammelstellen beziehungsweise als entsprechender chemischer Abfall entsorgt werden. Bei gr&ouml;&szlig;eren Mengen ist zudem eine Silberr&uuml;ckgewinnung m&ouml;glich &ndash; ein Verfahren, das in der fotografischen Industrie schon lange eingesetzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer zu Hause entwickelt, sollte sich deshalb bei seinem &ouml;rtlichen Entsorger informieren, wie verbrauchte Fotochemie angenommen wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist weder kompliziert noch ein Grund, die Entwicklungsdose wieder einzumotten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geh&ouml;rt einfach zum analogen Prozess dazu.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die romantische Dunkelkammer hat eine industrielle Vorgeschichte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich mag analoge Fotografie gerade wegen ihrer Materialit&auml;t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Man nimmt einen Film aus der Dose, legt ihn in die Kamera und hat tats&auml;chlich etwas in der Hand. Nach der Entwicklung h&auml;ngt ein echtes Negativ vor einem. Licht hat &uuml;ber eine chemische Reaktion eine sichtbare Spur hinterlassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht macht gerade das einen Teil der Faszination aus.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber Materialit&auml;t bedeutet eben auch, dass dieses Material irgendwo herkommen muss.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein Film besteht nicht nur aus Korn, Charakter und nostalgischem Charme. Hinter ihm stehen Rohstoffe, Energie und chemische Prozesse. Und &uuml;ber weite Teile der Fotogeschichte standen dahinter industrielle Bedingungen, die wir heute wesentlich kritischer betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das nimmt der analogen Fotografie f&uuml;r mich nichts von ihrer Faszination.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gegenteil.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es macht sie interessanter.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn pl&ouml;tzlich wird der Film selbst zu einem St&uuml;ck Industriegeschichte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von der Dunkelkammer zur Cloud<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei w&auml;re es bequem, die Geschichte mit einem kleinen Triumph der Digitalfotografie zu beenden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kein Film, kein Entwickler, kein Fixierer &ndash; Problem gel&ouml;st.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ganz so einfach ist es nat&uuml;rlich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Digitalkameras ben&ouml;tigen Halbleiter, Metalle, Kunststoffe, Akkus und elektronische Bauteile. Bilder werden auf Computern verarbeitet, auf Speichermedien gesichert und &uuml;ber Rechenzentren verteilt. Auch die digitale Fotografie besitzt eine materielle Infrastruktur, selbst wenn wir sie beim Dr&uuml;cken des Ausl&ouml;sers kaum wahrnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist f&uuml;r mich eine der interessanten Lehren aus Hennings <a href=\"https:\/\/juergenpubanz.de\/en\/enzyklopaedie\/perspektive\/\" target=\"_self\" title=\"Sie ist in der Fotografie &ndash; mehr als nur der Blickwinkel Perspektive geh&ouml;rt zu den wirkungsvollsten Gestaltungsmitteln der Fotografie &ndash; und gleichzeitig zu den Begriffen, die leicht missverst&auml;ndlich verwendet werden. Oft hei&szlig;t es beispielsweise, ein Weitwinkelobjektiv w&uuml;rde die Perspektive verst&auml;rken&hellip;\" class=\"encyclopedia\">Perspektive<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir neigen dazu, Fotografie vom fertigen Bild aus zu betrachten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dabei beginnt ihre materielle Geschichte lange vor der Aufnahme und endet nicht mit dem fertigen Foto.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bei einem analogen Film k&ouml;nnen wir die Chemie noch riechen und die Entwicklungsdose anfassen. Bei digitalen Bildern verschwindet ein gro&szlig;er Teil der dahinterliegenden Infrastruktur aus unserem Blickfeld.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Unsichtbar bedeutet aber nicht immateriell.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mein Blick darauf<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mich fasziniert an diesem Thema weniger die Frage, ob analoge Fotografie nun &bdquo;gut&ldquo; oder &bdquo;schlecht&ldquo; f&uuml;r die Umwelt ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine solche Bewertung w&auml;re mir zu einfach.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Spannender finde ich, dass sich durch Hennings Forschung der Blick auf die Fotogeschichte ver&auml;ndert. Pl&ouml;tzlich geht es nicht mehr nur darum, welche Kamera wann erfunden wurde oder welcher Film besonders feines Korn besa&szlig;.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es geht darum, welche industrielle Welt notwendig war, damit diese Dinge &uuml;berhaupt entstehen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders h&auml;ngen geblieben ist bei mir die Geschichte der 25.000 zerst&ouml;rten Fotoplatten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine fotografische Emulsion war eigentlich daf&uuml;r hergestellt worden, Licht festzuhalten. Doch sie reagierte gleichzeitig auf eine Umwelt, die durch die Industrialisierung ver&auml;ndert worden war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fotoplatte zeigte damit unbeabsichtigt etwas, das gar nicht auf dem sp&auml;teren Foto erscheinen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht ist das die spannendste Umkehrung in dieser Geschichte:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht der Fotograf dokumentierte die Umweltverschmutzung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das fotografische Material selbst reagierte auf sie.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Blick auf die R&uuml;ckseite der Fotogeschichte<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die analoge Fotografie hat eine schmutzige Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber nicht in dem einfachen Sinne, dass Generationen von Fotografen etwas Entwickler in den Ausguss gekippt haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ihre Geschichte ist eng mit Kohle, Rohstoffgewinnung, chemischer Industrie, weltweiten Handelswegen und industrieller Produktion verbunden. Dabei entstanden nicht nur Filme und Fotopapiere, sondern auch Abf&auml;lle und Umweltbelastungen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michelle Hennings Forschung macht diese oft unsichtbare Seite der Fotografie sichtbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist kein Grund, den n&auml;chsten Schwarzwei&szlig;film mit schlechtem Gewissen in die Kamera einzulegen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber vielleicht ein guter Grund, ihn etwas anders anzusehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Denn bevor ein Film unsere Welt festhalten konnte, hatte die industrielle Welt l&auml;ngst ihre Spuren in ihm hinterlassen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:20px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\">\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Quellen und weiterf&uuml;hrende Informationen<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/press.uchicago.edu\/ucp\/books\/book\/chicago\/D\/bo255391933.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong>Michelle Henning:<\/strong> <em><strong>A Dirty History of Photography: Chemistry, Fog, and Empire<\/strong><\/em><\/a><br>University of Chicago Press. Die Verlagsseite f&uuml;hrt das Buch mit Copyright 2025; aktuelle Verlags&uuml;bersichten nennen die Ver&ouml;ffentlichung Anfang 2026. F&uuml;r bibliografische Angaben sollte deshalb zwischen Copyrightjahr und Erscheinungstermin unterschieden werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/journalcontent.mediatheoryjournal.org\/index.php\/mt\/article\/view\/1069\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Michelle Henning: &bdquo;Photography&rsquo;s Other Sensitivities&ldquo;<\/a><\/strong><br><em>Media Theory<\/em>, Vol. 8, Nr. 1, 2024, S. 79&ndash;106. Der frei zug&auml;ngliche Fachartikel enth&auml;lt unter anderem Hennings Ausf&uuml;hrungen zur Empfindlichkeit fotografischer Emulsionen gegen&uuml;ber Luftverschmutzung sowie zum Ilford-Zwischenfall von 1899.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/www.fffrankfurt.org\/aktuell\/prd.690.prof-michelle-henning-the-photographic-fix--div\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Michelle Henning: &bdquo;The Photographic Fix&ldquo;<\/a><\/strong><br>Vortrag im Fotografie Forum Frankfurt, 31. Juli 2025. Henning thematisiert darin unter anderem die doppelte Rolle des Fixierers: Er macht fotografische Bilder dauerhaft, wird dabei aber zugleich zum Tr&auml;ger von Silberkontamination.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Analoge Fotografie verbinden wir heute gern mit Entschleunigung. Mit dem Einlegen eines Films, dem bewussten Fotografieren und vielleicht sogar mit ein paar Stunden in der Dunkelkammer. Film statt Sensor, Entwickler statt Lightroom \u2013 irgendwie wirkt das fast wie ein Gegenentwurf zu unserer digitalen Welt. Nur eines ger\u00e4t dabei leicht aus dem Blick: Ein Film ist kein besonders romantisches St\u00fcck Kunststoff. Damit wir \u00fcberhaupt ein Negativ belichten k\u00f6nnen, braucht es eine empfindliche fotografische Emulsion. Es braucht Silberverbindungen, Gelatine und weitere Chemikalien. Diese Materialien m\u00fcssen hergestellt, verarbeitet und transportiert werden. Und nach der Aufnahme kommen Entwickler und Fixierer ins Spiel. Hinter der analogen Fotografie steckt deshalb eine Industriegeschichte, \u00fcber die erstaunlich selten gesprochen wird. Die britische Wissenschaftlerin Michelle Henning hat genau diese Geschichte untersucht. In ihrem Buch A Dirty History of Photography: Chemistry, Fog, and Empire betrachtet sie Fotografie nicht in erster Linie durch das Objektiv der Kamera. Sie schaut gewisserma\u00dfen hinter die Kulissen: auf Kohle, chemische Industrie, Rohstoffe, Fabriken, Umweltverschmutzung und Abwasser. Und pl\u00f6tzlich sieht die Geschichte der analogen Fotografie etwas anders aus. Eine Fotogeschichte ohne Kameras? Wenn wir uns mit der Geschichte der Fotografie besch\u00e4ftigen, geht es meistens um Erfindungen, Kameras und Fotografen. Daguerreotypie. Leica. Kleinbildfilm. Rolleiflex. Kodachrome. Henri Cartier-Bresson. Ansel Adams. Das ist nat\u00fcrlich nicht falsch. Es erz\u00e4hlt aber nur einen Teil der Geschichte. Michelle Henning, Professorin f\u00fcr Fotografie und Medien an der University of Liverpool, interessiert sich f\u00fcr eine andere Frage: Was musste eigentlich geschehen, bevor ein Fotograf \u00fcberhaupt einen Film in seine Kamera einlegen konnte? Ihr Buch A Dirty History of Photography: Chemistry, Fog, and Empire ist eine Umweltgeschichte der chemischen Fotografie. Einen wichtigen Ausgangspunkt bilden dabei unter anderem die Archive des britischen Fotomaterialherstellers Ilford Limited. Damit verschiebt sich die Perspektive erheblich. Film beginnt dann nicht mehr an der Ladentheke des Fotoh\u00e4ndlers. Seine Geschichte beginnt bei Rohstoffen, chemischen Produktionsprozessen und Energie. Sie f\u00fchrt \u00fcber Fabriken und weltweite Handelswege bis zur Verarbeitung des belichteten Materials \u2013 und schlie\u00dflich zu Abf\u00e4llen und Abwasser. Fotografie wird damit Teil der Industrialisierung. Und genau dort wird es schmutzig. Silber macht das Bild \u2013 und verschwindet nicht einfach Silber ist f\u00fcr die klassische Fotografie von zentraler Bedeutung. In einer Schwarzwei\u00df-Filmemulsion befinden sich lichtempfindliche Silberhalogenidkristalle. Durch die Belichtung entsteht zun\u00e4chst ein unsichtbares latentes Bild. Beim Entwickeln werden die entsprechend belichteten Silberhalogenidkristalle zu metallischem Silber reduziert. Daraus entsteht das sichtbare Negativ. Danach ist die Arbeit allerdings noch nicht beendet. Die nicht entwickelten Silberhalogenide befinden sich weiterhin in der Emulsion. W\u00fcrden sie dort bleiben, w\u00e4re das Bild nicht dauerhaft lichtbest\u00e4ndig. Genau deshalb wird der Film fixiert. Der Fixierer l\u00f6st die verbliebenen Silberhalogenide aus der Emulsion. F\u00fcr unser Negativ ist das wunderbar: Jetzt kann es ans Licht. F\u00fcr den Fixierer bedeutet es allerdings, dass sich darin mit zunehmender Nutzung Silberverbindungen anreichern. Und damit bekommt ein unscheinbares Bad aus der Dunkelkammer pl\u00f6tzlich eine umweltgeschichtliche Bedeutung. Der Fixierer hat zwei Seiten Henning griff diesen Gedanken 2025 bei einem Vortrag im Fotografie Forum Frankfurt unter dem Titel The Photographic Fix auf. Der Fixierer macht das fotografische Bild dauerhaft. Erst durch ihn kann das entwickelte Negativ die Dunkelkammer verlassen und unter normalem Licht betrachtet werden. In diesem Sinne befreit das Fixieren das Bild geradezu aus der Dunkelheit. Gleichzeitig wird das Fixierbad zum Tr\u00e4ger des aus der Emulsion herausgel\u00f6sten Silbers. Wird solches verbrauchtes Fixierbad unkontrolliert entsorgt, gelangen diese Stoffe in den Abwasserstrom. Das ist eine interessante Kehrseite der fotografischen Technik: Derselbe chemische Prozess, der das Bild haltbar macht, erzeugt einen Abfallstoff, um den man sich anschlie\u00dfend k\u00fcmmern muss. Das bedeutet allerdings nicht, dass jeder Hobbyfotograf mit einer Dose Entwickler im Badezimmer gleich eine kleine Umweltkatastrophe verursacht. Dazu kommen wir noch. Denn Hennings Blick richtet sich vor allem auf einen wesentlich gr\u00f6\u00dferen Ma\u00dfstab. Fotografie war Teil einer riesigen chemischen Industrie Fotografische Materialien entstanden nicht isoliert in irgendwelchen sauberen Fotolabors. Ihre Geschichte ist eng mit der Entwicklung der modernen chemischen Industrie verbunden. Kohle und die daraus gewonnenen chemischen Produkte spielten dabei eine wichtige Rolle. Aus Steinkohlenteer entstanden beispielsweise Farbstoffe, die wiederum f\u00fcr die gezielte Ver\u00e4nderung der spektralen Empfindlichkeit fotografischer Emulsionen genutzt wurden. Das klingt zun\u00e4chst nach einem Detail aus dem Chemiebuch, hatte f\u00fcr die Fotografie aber enorme praktische Auswirkungen. Fr\u00fche fotografische Emulsionen reagierten auf verschiedene Farben des sichtbaren Lichts sehr unterschiedlich. Durch Sensibilisierungsfarbstoffe lie\u00df sich ihr Empfindlichkeitsbereich erweitern. Auf diesem Weg entstanden schlie\u00dflich Materialien, deren Tonwertwiedergabe unserem Seheindruck wesentlich n\u00e4herkam. Die chemische Industrie half der Fotografie also dabei, die Welt besser abzubilden. Gleichzeitig geh\u00f6rten Kohle, Gaswerke, Farbstoffproduktion und chemische Fabriken zu jenen Industrien, die Luft, B\u00f6den und Gew\u00e4sser erheblich belasten konnten. Und an dieser Stelle taucht in Hennings Forschung ein geradezu absurdes Paradoxon auf. Der Film bemerkte die schlechte Luft Fotografische Emulsionen reagieren nicht ausschlie\u00dflich auf das Licht, das durch unser Objektiv f\u00e4llt. Sie k\u00f6nnen ausgesprochen empfindlich auf ihre Umgebung reagieren. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Staub, bestimmte Metalle, verunreinigtes Wasser oder chemische Bestandteile der Luft k\u00f6nnen fotografische Materialien beeinflussen. F\u00fcr die Hersteller war das ein erhebliches Problem. Schlie\u00dflich sollte ein Film m\u00f6glichst reproduzierbare Ergebnisse liefern und nicht auf irgendwelche Stoffe in der Fabrikluft reagieren. Im ausgehenden 19. und fr\u00fchen 20. Jahrhundert wurde genau das zum Problem. Kohlerauch, Gaswerke und die ber\u00fcchtigte Luftverschmutzung im Gro\u00dfraum London waren nicht nur f\u00fcr Menschen unangenehm. Fotografische Materialien reagierten ebenfalls darauf. Henning beschreibt ein besonders eindrucksvolles Beispiel aus Ilford. Die damaligen Britannia Works lagen direkt gegen\u00fcber einem Gaswerk. 1899 kam es zu einem Verschmutzungsereignis, bei dem nach den von Henning herangezogenen historischen Quellen 25.000 sensibilisierte Fotoplatten in den Trockenr\u00e4umen unbrauchbar wurden. 25.000 Platten. Nicht weil jemand versehentlich das Licht eingeschaltet hatte, sondern weil die empfindlichen Materialien auf Verunreinigungen ihrer Umgebung reagierten. Die fotografische Platte wurde damit unfreiwillig zu einer Art Umweltsensor. Saubere Luft f\u00fcr den Film Die Hersteller mussten reagieren. Fotofabriken entwickelten immer ausgefeiltere Methoden, um ihre empfindlichen Produkte vor Staub und Schadstoffen zu sch\u00fctzen. Luft wurde gereinigt, R\u00e4ume wurden klimatisiert, Wasser und Produktionsbedingungen kontrolliert. Bei Ilford f\u00fchrte das Problem Anfang des 20. Jahrhunderts sogar zur Installation eines fr\u00fchen mechanischen Systems zur Luftaufbereitung. Aus fotografischer Sicht ist das vollkommen logisch. Wer hochempfindliche Emulsionen produziert, braucht kontrollierte Bedingungen. Schon kleine Verunreinigungen k\u00f6nnen sp\u00e4ter Flecken, Schleier oder andere Fehler verursachen. Aus umwelthistorischer Sicht bekommt die Sache jedoch eine gewisse Ironie. Die fotografische Industrie musste innerhalb ihrer Fabriken eine m\u00f6glichst saubere Umgebung schaffen, weil ihre Produkte unter der verschmutzten Au\u00dfenwelt litten. Gleichzeitig waren die Fotofabriken und vor allem die mit ihnen verbundenen Rohstoff-, Kohle- und Chemieindustrien selbst Bestandteil jener industrialisierten Welt, die genau diese Verschmutzung erzeugte. Drinnen saubere Luft f\u00fcr den Film. Drau\u00dfen Rauch und industrielle Abw\u00e4sser. Dieses Paradoxon geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den interessantesten Gedanken in Hennings Arbeit. Hat die analoge Fotografie also ganze Gegenden verseucht? Hier lohnt sich etwas Vorsicht. Aus Hennings Forschung l\u00e4sst sich nicht einfach die Schlagzeile machen: \u201eAnaloge Fotografen haben mit Entwickler und Fixierer ganze Landstriche vergiftet.\u201c Das w\u00fcrde ihren Ansatz erheblich verk\u00fcrzen. Sie untersucht die chemische Fotografie als Teil eines gro\u00dfen industriellen Systems. Dazu geh\u00f6ren Rohstoffgewinnung, fossile Energie, chemische Zulieferindustrien, Film- und Papierproduktion, Verarbeitung sowie die anschlie\u00dfenden Abfallstr\u00f6me. Au\u00dferdem geht es keineswegs ausschlie\u00dflich um Silber. Historische chemische Produktionsstandorte konnten komplexe Gemische unterschiedlicher Stoffe hinterlassen. Henning verweist darauf, dass R\u00fcckst\u00e4nde chemischer Werke einschlie\u00dflich fotografischer Fabriken \u00d6kosysteme langfristig ver\u00e4ndern konnten. Einzelne Substanzen lassen sich dabei nicht immer sinnvoll getrennt betrachten, weil in der Umwelt auch ihre Kombination eine Rolle spielen kann. Das ist etwas anderes als die Vorstellung, ein einzelner Fotograf habe nach dem Entwickeln eines Films einen Fluss vergiftet. Der Ma\u00dfstab ist entscheidend. Und was bedeutet das f\u00fcr meine Dunkelkammer? Genau diese Unterscheidung halte ich f\u00fcr wichtig. Wer heute einige Schwarzwei\u00dffilme im Jahr entwickelt, arbeitet nicht im Ma\u00dfstab einer Filmfabrik des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts. Ebenso wenig l\u00e4sst sich die historische industrielle Produktion unmittelbar mit heutigen Herstellungsverfahren vergleichen. Hennings Forschung ist deshalb kein Argument daf\u00fcr, die analoge Fotografie heute grunds\u00e4tzlich als unverantwortlich abzulehnen. Sie ist vielmehr ein guter Anlass, dar\u00fcber nachzudenken, was hinter unseren Materialien steckt. Und beim Fixierer wird es ganz praktisch. Verbrauchter Fixierer enth\u00e4lt Silber und geh\u00f6rt deshalb nicht gedankenlos in den Ausguss. Je nach \u00f6rtlichen Vorschriften kann er \u00fcber geeignete Sammelstellen beziehungsweise als entsprechender chemischer Abfall entsorgt werden. Bei gr\u00f6\u00dferen Mengen ist zudem eine Silberr\u00fcckgewinnung m\u00f6glich \u2013 ein Verfahren, das in der fotografischen Industrie schon lange eingesetzt wird. Wer zu Hause entwickelt, sollte sich deshalb bei seinem \u00f6rtlichen Entsorger informieren, wie verbrauchte Fotochemie angenommen wird. Das ist weder kompliziert noch ein Grund, die Entwicklungsdose wieder einzumotten. Es geh\u00f6rt einfach zum analogen Prozess dazu. Die romantische Dunkelkammer hat eine industrielle Vorgeschichte Ich mag analoge Fotografie gerade wegen ihrer Materialit\u00e4t. Man nimmt einen Film aus der Dose, legt ihn in die Kamera und hat tats\u00e4chlich etwas in der Hand. Nach der Entwicklung h\u00e4ngt ein echtes Negativ vor einem. Licht hat \u00fcber eine chemische Reaktion eine sichtbare Spur hinterlassen. Vielleicht macht gerade das einen Teil der Faszination aus. Aber Materialit\u00e4t bedeutet eben auch, dass dieses Material irgendwo herkommen muss. Ein Film besteht nicht nur aus Korn, Charakter und nostalgischem Charme. Hinter ihm stehen Rohstoffe, Energie und chemische Prozesse. Und \u00fcber weite Teile der Fotogeschichte standen dahinter industrielle Bedingungen, die wir heute wesentlich kritischer betrachten. Das nimmt der analogen Fotografie f\u00fcr mich nichts von ihrer Faszination. Im Gegenteil. Es macht sie interessanter. Denn pl\u00f6tzlich wird der Film selbst zu einem St\u00fcck Industriegeschichte. Von der Dunkelkammer zur Cloud Dabei w\u00e4re es bequem, die Geschichte mit einem kleinen Triumph der Digitalfotografie zu beenden. Kein Film, kein Entwickler, kein Fixierer \u2013 Problem gel\u00f6st. Ganz so einfach ist es nat\u00fcrlich nicht. Digitalkameras ben\u00f6tigen Halbleiter, Metalle, Kunststoffe, Akkus und elektronische Bauteile. Bilder werden auf Computern verarbeitet, auf Speichermedien gesichert und \u00fcber Rechenzentren verteilt. Auch die digitale Fotografie besitzt eine materielle Infrastruktur, selbst wenn wir sie beim Dr\u00fccken des Ausl\u00f6sers kaum wahrnehmen. Das ist f\u00fcr mich eine der interessanten Lehren aus Hennings Perspektive. Wir neigen dazu, Fotografie vom fertigen Bild aus zu betrachten. Dabei beginnt ihre materielle Geschichte lange vor der Aufnahme und endet nicht mit dem fertigen Foto. Bei einem analogen Film k\u00f6nnen wir die Chemie noch riechen und die Entwicklungsdose anfassen. Bei digitalen Bildern verschwindet ein gro\u00dfer Teil der dahinterliegenden Infrastruktur aus unserem Blickfeld. Unsichtbar bedeutet aber nicht immateriell. Mein Blick darauf Mich fasziniert an diesem Thema weniger die Frage, ob analoge Fotografie nun \u201egut\u201c oder \u201eschlecht\u201c f\u00fcr die Umwelt ist. Eine solche Bewertung w\u00e4re mir zu einfach. Spannender finde ich, dass sich durch Hennings Forschung der Blick auf die Fotogeschichte ver\u00e4ndert. Pl\u00f6tzlich geht es nicht mehr nur darum, welche Kamera wann erfunden wurde oder welcher Film besonders feines Korn besa\u00df. Es geht darum, welche industrielle Welt notwendig war, damit diese Dinge \u00fcberhaupt entstehen konnten. Besonders h\u00e4ngen geblieben ist bei mir die Geschichte der 25.000 zerst\u00f6rten Fotoplatten. Eine fotografische Emulsion war eigentlich daf\u00fcr hergestellt worden, Licht festzuhalten. Doch sie reagierte gleichzeitig auf eine Umwelt, die durch die Industrialisierung ver\u00e4ndert worden war. Die Fotoplatte zeigte damit unbeabsichtigt etwas, das gar nicht auf dem sp\u00e4teren Foto erscheinen sollte. Vielleicht ist das die spannendste Umkehrung in dieser Geschichte: Nicht der Fotograf dokumentierte die Umweltverschmutzung. Das fotografische Material selbst reagierte auf sie. Ein Blick auf die R\u00fcckseite der Fotogeschichte Die analoge Fotografie hat eine schmutzige Geschichte. Aber nicht in dem einfachen Sinne, dass Generationen von Fotografen etwas Entwickler in den Ausguss gekippt haben. Ihre Geschichte ist eng mit Kohle, Rohstoffgewinnung, chemischer Industrie, weltweiten Handelswegen und industrieller Produktion verbunden. Dabei entstanden nicht nur Filme und Fotopapiere, sondern auch Abf\u00e4lle und Umweltbelastungen. Michelle Hennings Forschung macht diese oft unsichtbare Seite der Fotografie sichtbar. Das ist kein Grund, den n\u00e4chsten Schwarzwei\u00dffilm mit schlechtem Gewissen in die Kamera einzulegen. Aber vielleicht ein guter Grund, ihn etwas anders anzusehen. Denn bevor ein Film unsere Welt festhalten konnte, hatte die industrielle Welt l\u00e4ngst ihre Spuren in ihm hinterlassen. Quellen und weiterf\u00fchrende Informationen Michelle Henning: A Dirty History of Photography: Chemistry, Fog, and EmpireUniversity of Chicago Press. Die Verlagsseite f\u00fchrt das Buch mit Copyright 2025; aktuelle Verlags\u00fcbersichten nennen die Ver\u00f6ffentlichung Anfang 2026. F\u00fcr bibliografische Angaben sollte deshalb zwischen Copyrightjahr und Erscheinungstermin unterschieden werden. Michelle Henning: \u201ePhotography\u2019s Other Sensitivities\u201cMedia Theory, Vol. 8, Nr. 1, 2024, S. 79\u2013106. 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